Nachhaltigkeit? Geht ganz einfach, zeigt das Ecofestival

Wer eine Wollsocken-Getreidebrei-Veranstaltung erwartet, wird am Basler Ecofestival enttäuscht. Auf dem Gelände in der Stadtmitte gibt es Vieles zu sehen, Einiges zu erleben und Interessantes zu hören.

Wie auf jedem Rummel gibt es auch auf dem Ecofestival ein Riesenrad. Dieses ist allerdings aus Holz ... (Bild: Daniela Gschweng)

In den Marktgassen geht es vorbei an fair angebauten Cashewnüssen, Upcycling-Produkten, veganer Schokolade und Demeter-Gemüse. Es gibt einen fairen Spielsalon, ein Riesenrad und einen Gartentisch, der Strom erzeugt. Aber nicht nur das Umherschlendern auf dem Ecofestival ist eine Erfahrung.

Vom oberen Ende des Barfüsserplatzes kommt vergnügtes Gebrüll. Der Grund: In einem bunten aufblasbaren Gebilde namens «Fair-Töggelikasten» steht eine Handvoll Personen und kickt. Das Spiel wird live kommentiert, was Spass und Lautstärke merklich erhöht. Etwa so: «Kopfball für das Hungeropfer… der Industrielle gibt ab… und, jaaaa, Kindersoldat hält!». Applaus. Ein Jugendlicher macht vor Aufregung eine Rolle vorwärts über die Töggelistange.

Wer mitspielen möchte, wird vorher eingewiesen und bekommt dabei eine Identität, sowie ein Handicap zugewiesen. Zum Beispiel darf er nur auf einem Bein stehen oder einen Gegenstand nicht verlieren. Dann wird er mit Schlaufen an einem Töggelistab fixiert.

Wie fast alles auf dem Barfüsser- und Theaterplatz hat dieses Spiel einen ernsten Hintergrund. Entwickelt für Kinder, soll so erfahrbar werden, dass die globale Wirtschaft nicht immer fair agiert.

Wer hierherkommt, der ist zumindest ein wenig interessiert daran, wie man weniger Energie verbraucht, weniger Ressourcen benutzt, weniger Fleisch isst und weniger Müll produziert. Auf dem Ecofestival zeigen viele Einzelpersonen und Organisationen ihre Ideen dazu. Darunter die Bauteilbörse, das Projekt «Basel findet Stadt» oder die Vegane Gesellschaft Schweiz. Barfüsser- und Theaterplatz sind gut besucht, Interessierte gibt es viele. «Warum gibt es sowas in Lörrach nicht?», fragt eine Besucherin aus Deutschland.

Entscheidend ist oft eine gute Idee

«Beim Upcycling wird Abfall nicht wieder-, sondern aufgewertet», erklärt Rahel Schütze vom Verein «Zweites Design» im Forumszelt auf dem Theaterplatz. Am Tisch sitzen eine Handvoll Erwachsene und ein paar Kinder, die sich langweilen und auf den praktischen Teil warten. «Man muss anfangen, das Material neu zu denken», referiert Schütze. Manchmal sei die Idee ganz einfach, sagt sie und hält eine grosse Glasschüssel hoch. Die eigentlich keine Glasschüssel ist, sondern ein Waschmaschinenfenster.

Beim Upcycling zählt die gute Idee. Die Schüssel, die Simone Cueni hier hält, war vorher ein Waschmaschinenfenster

Beim Upcycling zählt die gute Idee. Die Schüssel, die Simone Cueni hier hält, war vorher ein Waschmaschinenfenster (Bild: Daniela Gschweng)

Am Tisch schneidet inzwischen ein Kind mit Feuereifer eine Landkarte auseinander, um damit einen Kühlschrankmagneten zu verzieren – wie in einer ganz normalen Kindergartenstunde. Oder doch nicht. Unter den Upcyclern gibt es viele professionelle Hersteller. Auf dem Tisch liegen zu Demozwecken ein Portemonnaie aus alten Fahrradschläuchen und ein Spanngurt aus einem Feuerwehrschlauch. Auf einer Schale aus Altglas klebt ein Preisschild.

Ist das nicht ein Widerspruch? Weniger konsumieren, dann aber doch kaufen und bezahlen? «Ein Trugschluss», sagt Schützes Partnerin Simone Cueni. «Man denke mal an die Freitag-Taschen.» Da ist Upcycling schon mitten drin in der Gesellschaft.

Warum alternatives Geld?

Andererseits ist das eine Frage, die für den ganzen Nachhaltigkeitsbereich gilt. Wer nicht vom Tauschhandel leben will, muss Geld in die Hand nehmen. Viele Nachhaltigkeitsbefürworter propagieren deshalb Parallelwährungen. Warum, erklärt Ursula Dold, Präsidentin von «Talent Schweiz». Sie stellt verständlich und gar nicht langweilig dar, was der Zinseszinseffekt ist, wie er dafür sorgt, dass verzinste Guthaben exponentiell wachsen und wie daraus Verteilungsungerechtigkeit entsteht. Und dass eine Umlaufsicherung ähnlich funktioniert wie Negativzinsen – die Methode, nach der die Schweizer Komplementärwährung «Talent» funktioniert.

Arbeit oder eben Talente werden gegen Guthaben getauscht. Dadurch bleibt das alternative Geld im Umlauf und schafft Mehrwert, ohne als Vermögen dauernd zu wachsen. Für viele Bezahlgeschäfte eignet sich das als Alternative. Einzig einen Handelspartner, der Talent akzeptiert, müssen Teilnehmer finden.

Nachhaltig einkaufen und kochen

Ganz leicht zu finden ist eine andere Veranstaltung. Ob es an den Gerüchen liegt, die aus dem Foodwaste-Zelt neben der Barfüsserkirche kommen oder am Thema: Die «Bewusst-Kochen» Kurse sind gut besucht. Vera Schulhof vom Ökozentrum Schweiz tut sich trotzdem schwer, die Zuhörer und Zuhörerinnen zu erreichen.

Etwas Schwierigkeiten beim Zuhören: Die von köstlichen Düften eingenebelten Zuhörer des Workshops «Bewusst-Kochen».

Etwas Schwierigkeiten beim Zuhören: Die von köstlichen Düften eingenebelten Zuhörer des Workshops «Bewusst-Kochen». (Bild: Daniela Gschweng)

Kein Wunder, an den Töpfen hantiert Carmen Wong Fisch, dem Leser vielleicht bekannt aus unserem Blog «Leibspeise». Die Frage «was hat sie da reingetan?» ist manchem Zuhörer naheliegender als die Information, dass 10 Kilogramm Futtermittel ungefähr ein halbes Kilo Fleisch erzeugen. Dass Verpackung und Versand nur einen Bruchteil der Energiemenge ausmachen, die ein Lebensmittel bis an unseren Tisch bringen, glaubt jeder bei den feinen Kokos- und Gemüsedüften sofort. «Alles, was nicht frisch sein und deshalb eingeflogen werden muss, ist vernachlässigbar», sagt Schulhof. Wichtig sei die Art der Nahrungsmittel. Fleisch und Käse sind energieintensiv in der Herstellung, Nudeln und Reis weniger.

Das duftende Gericht stellt sich später als thailändische Suppe heraus, bei deren Zubereitung die Teilnehmer helfen dürfen. Carmen Wong Fisch erklärt nebenbei, wie sie kocht, welche Zutaten sie verwendet und was daran nachhaltig ist. Probiert wird natürlich auch.

«Refuse, Reduce, Reuse, Recyle, Rot»

Auch an den Tischen vor der Hauptbühne wird bei bestem Wetter gegessen und getrunken. Da scheint das Motto des Veranstalters «Frühlingserwachen der Nachhaltigkeit» sehr passend. Nur das Geschirr ist, anders als sonst, aus Porzellan und die Weingläser wirklich aus Glas. Sogar die Toilettenhäuschen sind aus Holz.

Auch das sehr passend. Auf der Bühne steht Bea Johnson, die über Müllvermeidung spricht. «I am no Hippie-Granola-Mum», sagt die berufstätige Mutter. Und sie sieht auch nicht so aus. In schwarzer Kleidung samt Lederjacke und sehr hohen Absätzen könnte sie gerade auch gut ins Mikro singen. Ihre Familie, sagt sie, produziere nur noch etwa einen Liter Müll – pro Jahr. Eine etwas extreme Vorstellung. Das Publikum hört jedoch gespannt zu, wie Johnson von Stoffservietten, Metallzahnstochern und Grossmärkten erzählt. «Refuse, Reduce, Reuse, Recyle, Rot» stellt sie engagiert ihr Programm vor. In dieser Reihenfolge. Mit etlichen Erfahrungsberichten, Tipps und Tricks hört sich «Zero Waste» dann gar nicht mehr so unmöglich an. Zeit und Geld, sagt Johnson, spare sie seit der neun Jahre zurückliegenden Umstellung auch.

«Shopping is voting», sagt Bea Johnson. Sie lebt mit ihrer Familie nach dem «Zero Waste» Prinzip und produziert so gut wie keinen Müll mehr.

«Shopping is voting», sagt Bea Johnson. Sie lebt mit ihrer Familie nach dem «Zero Waste» Prinzip und produziert so gut wie keinen Müll mehr. (Bild: Daniela Gschweng)

Wenn auch manche Details in Europa nicht ganz nachvollziehbar sind. Als berufstätige Einwohnerin einer amerikanischen Grossstadt brauche sie zwingend ein Auto, erklärt Johnson beispielsweise und lobt das öffentliche Verkehrssystem in Basel. Auch die Tatsache, dass ihre Kinder lediglich ein Paar Sportschuhe und ein Paar Flip-Flops besitzen, dürfte manchem anwesendem Elternteil Gänsehaut verursachen.

Gut vorstellbar ist dagegen, Lebensmittel nur bio, offen und verpackungsfrei und den Wein beim Winzer zu beziehen, wenn möglich nur Gebrauchtes zu kaufen und sein Make-Up selbst zu machen. Auf eine Frage aus dem Publikum zitiert Bea Johnson ihren Sohn. Der möchte, wenn er älter ist, nicht ganz so leben wie die Mama. Aber Papierservietten, sage er, würde er niemals kaufen.

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Das Ecofestival findet vom 27. – 29. März in Basel statt und dauert noch bis Sonntagabend. Einen kleinen Überblick über das Programm finden Sie hier.

Die TagesWoche ist in den letzten Tagen dem Thema Nachhaltigkeit und Suffizienz in mehreren Artikeln nachgegangen. Sie finden Sie hier:




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