Nachteulen, Heizpilze und Gewissensbisse: Ein nächtlicher Streifzug durch die Breite

Die Fische haben Feierabend, an der Theke brennt noch Licht. Elisabeth weiss, wie der Heizpilz angeht, und Toni steht mit Gewissensbissen in der letzten Baiz vor der Autobahn: Protokoll einer Nacht in der Breite.

Die Fische haben Feierabend, an der Theke brennt noch Licht. Elisabeth weiss, wie der Heizpilz angeht, und Toni steht mit Gewissensbissen in der letzten Baiz vor der Autobahn: Protokoll einer Nacht in der Breite.

22.13 Uhr 
Ausstieg Waldenburgerstrasse, vom Aeschenplatz herkommend. Die Breite. Gleich einer trüben Lichterkette liegt sie da wie vor den Festtagen hingeworfen und noch nicht aufgeräumt. Erstmal innehalten. Da sitzt jemand an der Station gegenüber, tippt auf dem Handy. Auf dem Weg in den Ausgang, also raus aus der Breite. Sonst kein Mensch zu sehen und vier Stunden to go. Das kann ja heiter werden.

Nass ists. Breitewetter? Rechterhand kriecht schwarz der St. Alban-Teich unter die Strasse und von schräg oben triefen Bindfäden in den Kragen. Reissverschluss zu, zu geht jetzt links auch der Vorhang im ersten Stock mit der alten Lampe im Fenster. Gleich wirds ein Stück dunkler. Also los. 




Erstes Ziel: der Saal 12, das Vereinslokal der FCB-Fans. Dort sei Donnerstag was los, liess der Sportredaktor ausrichten, aber man ahnt schon beim Treppenaufstieg: Was im Saal 12 geschieht, bleibt im Saal 12. Sowas spürt man. Es riecht nach Ritual und grossen Momenten, die man verpasst hat und die Blicke, die einen beim Eintreten treffen haben etwas von der Beiläufigkeit einer Mondfinsternis. Keiner ist hier unfreundlich, im Gegenteil.

22.35 Uhr
Ein gespieltes Telefonat an der Bar hilft gegen die Einsamkeit.

Nach einer Stunde kommt Bewegung in die Tischrunde von Max*. Die Freunde gehen, Max bleibt. «Training», sagt er lakonisch und hievt sich auf einen Barhocker, «alles eine Sache des Trainings». Max raucht Kette nach Altmännermanier, die Zigarette nicht wie üblich zwischen den beiden vorderen, sondern zwischen den hinteren Fingergliedern eingeklemmt, also nahe am Handteller. Dann beginnt Max zu erzählen.

Was im Saal 12 geschieht, bleibt im Saal 12.

0.05 Uhr 
Anderthalb Stunden später kriecht der St. Alban-Teich noch immer schwarz und scheinbar zähflüssig durchs Quartier, drüber biegen sich die Buchen. Es windet. Ungelenk liegen vereinzelte Räder auf der Strasse, sonst hat sich nichts verändert. Kein Mensch zu sehen. Das ist jetzt also die Breite bei Nacht. Menschenleer, fahl, orange, gleichgültig, selbstvergessen, schön.

Wieder vorbei an der Waldenburgerstrasse, Bäcker, Elektromechaniker, Treuhänder, Waldenburgerstrasse, Parkett- und Bodenleger, Kiosk, Teppich und Vorhänge, Coiffeur. Im Pizzakurier XXLarge haben die Fische Feierabend, im Aquarium ists zappenduster. Aber an der Theke, da brennt noch Licht. Huschhusch hinein und Gutenabend gewünscht, ein Bier bestellt und mit Elisabeth den Flaschenhals gekreuzt. Wohlsein. 




0.15 Uhr
Elisabeth: Nachteule, Geschichtenerzählerin, Geschichtenzuhörerin, Einheimische. Ihre stolzen weissgrauen Locken reichen ihr bis über die Schultern und auf die Pizzabude XXLarge lässt sie nichts kommen. Die habe zwar türkische Betreiber, aber ganz ehrlich: «Was Besseres brauchst du in der Stadt nicht zu suchen», sagt sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Sie sitzt oft hier, meistens abends. Dann hört sie den Mitarbeitern beim Entgegennehmen der Bestellungen zu und lernt den Kundengeschmack kennen, sie weiss sogar woher die Anrufe kommen. Aus Baselland nämlich, viele aus Baselland. Triumphierend blickt sie herüber.

Der Sturm reisst am Raucherzelt, Elisabeth weiss wie der Heizpilz angeht. Sie komme auch wegen Schmusi, dem jungen Türken. Der habe ihr am Anfang mal eine «Büx» hingestellt, einfach so aus Freundlichkeit, seither nennt sie ihn Schmusi. Das sei nichts Anzügliches, sondern nur nett gemeint. Ein ganz feiner Kerl ist der Schmusi und sie trinkt hier gern ihr Feierabendbier oder zwei. Elisabeth wohnt noch nicht so lang in der Breite, aber ihr gehts gut hier. Eine gute Gegend, die Breite, da könne man nichts sagen.

1.00 Uhr 
Noch eine Stange, dann macht Elisabeth die Kurve, bitte was? «Na, die Kurve. Abhauen, kennste nicht?» Elisabeth geht also nach Hause, Schmusi schliesst den Laden. Dunkelgelb liegt die Notiz im Notizheft, die Seiten nass vom Regen. «Die Kurve machen». Ramsteinerstrasse, Froburgstrasse, ein Defibrillator an der Häuserwand,  Homburgerstrasse. Dann: Das Restaurant Café Breite. Die letzte Baiz vor der Autobahn.




Hier war schon Zapfenstreich, Serhat wischt die Theke und Toni steht noch rum. Er steht da alleine und bleibt auch noch auf eine Zigarette, als Serhat schon weg ist mit dem schwarzen Mercedes.




Toni ist heute 24 Jahre mit seiner Frau verheiratet, am «Wilde Maa» hatte sie damals einer verkuppelt. «Und jetzt hör dir das an», sagt Toni und dreht sein Natel auf: Da läuft sein Lieblingssong von SkaP. Und wenn seine Frau anruft, dann läuft dieser Song. «Geil oder?» Mann, Toni liebt diesen Song, aber manchmal mag er nicht abnehmen wenn er noch ein Bier trinken geht in der letzten Baiz vor der Autobahn weil seine Frau dann will, dass er heimkommt. Aber er liebt seine Frau so wie er diesen Song liebt, also entscheidet er sich mal so, mal so. Mal nimmt er ab, mal hört er den Song einfach so lange, bis sie aufhängt.




Es war die letzte Breite-Geschichte, die Uhr an der Häuserwand gegenüber steht auf 02:14. Ein wenig wippen wir noch zu SkaP und dem Lied «Babuschka» von «Erste Allgemeine Verunsicherung» weil das hat Toni auch noch auf dem Natel. Der Sturm schmeisst bei Coop auch noch den dritten Abfallwagen um. Ich mach die Kurve.




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*Die Namen in diesem Beitrag wurden verändert.

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