Nicht jede Geldsendung ist freiwillig

Schweizer Tamilen alimentierten die Kriegskasse der Tamil Tigers mit 60 Millionen Franken. Nicht immer aus freien Stücken. Eine Geschichte zwischen Erpressung und Patriotismus.

Vorne Alltag, hinten Befreiuungskampf: Eine Frau fährt mit dem Rad durch Kilinochchi, Sri Lanka. Schweizer Tamile unterstützen den Kampf der Tamil Tigers mit Geld – manchmal freiwillig, oft aber auch unfreiwillig. (Bild: Gemunu Amarasinghe)

Schweizer Tamilen alimentierten die Kriegskasse der Tamil Tigers mit 60 Millionen Franken. Nicht immer aus freien Stücken. Eine Geschichte zwischen Erpressung und Patriotismus.

Der Zürcher Tamile K. A. ist verzweifelt. Er hat im Sommer 2008 einen Kredit von 80 000 Franken aufgenommen und das ganze Geld der tamilischen Rebellenarmee LTTE gespendet. Ein Jahr lang haben die Tamil Tigers die Zinsen von 12,5 Prozent bezahlt. Doch seit deren militärischer Niederlage im Mai 2009 muss K. A. selber dafür aufkommen. Nur weiss er nicht wie. Sein Monatslohn als Kellner ist bescheiden: 3800 Franken brutto, und das für eine fünfköpfige Familie.

K. A. ist kein Einzelfall. Er kennt Dutzende von Landsleuten, die sich für die Tamil Tigers verschuldet haben. Viele taten es aus Überzeugung, Nationalismus und Pflichtgefühl. Andere spendeten Geld, ohne sich dabei zu verschulden. Der britische Ethnologe Christopher MacDowell, der die tamilische Diaspora gut kennt, sagt, dass auf diese Weise jährlich sieben Millionen Franken aus der Schweiz in die Kriegskasse der LTTE während deren fast 30-jährigen Unabhängigkeitskampfes nach Sri Lanka flossen.

Kredite für den Krieg

Ein Teil davon wurde mit kriminellen Methoden beschafft. Das Beispiel K. A. steht dabei für ein System, dessen mutmassliche Drahtzieher die Bundesanwaltschaft vor zwei Jahren verhaften liess und gegen die sie wegen Verdachts auf Erpressung, Geld­wäscherei, Urkundenfälschung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation ermittelt. Der Ableger der LTTE in der Schweiz ging so vor: Die Tigers beschafften für Landsleute gefälschte Lohnabrechnungen. Mit diesen erhielten Tamilen wie K. A. Kredite bei Banken, meist zwischen 70 000 und 100 000 Franken. Die Höhe entsprach keineswegs ihren realen Einkünften. Weil die LTTE die Zinsen zahlten, willigten die Landsleute aber ein.

Bis zur militärischen Niederlage funktionierte das System reibungslos. Laut der Bundesanwältin Juliette Noto, die die Untersuchung leitet, wurden Tamilen in der Schweiz selten unter Druck gesetzt, Kredite aufzunehmen. Wer sich weigerte, bekam dies in der Heimat zu spüren: Ent­weder wurde er bei der Rückkehr ­bedroht und geschlagen, oder Angehörige hatten Nachteile zu erdulden. Die Bundesanwaltschaft ermittelt in 130 Fällen. Sie hat in der Zwischenzeit ­herausgefunden, dass zwischen 1999 und 2009 rund 60 Millionen Franken nach Sri Lanka geflossen sind.

Versandete Untersuchungen

Die Schweizer Behörden nahmen bereits Mitte der 90er-Jahre die damalige Führungsriege der LTTE Schweiz in Haft. Doch die Untersuchungen versandeten nach vier Jahren. Sie scheiterten hauptsächlich daran, dass Zeugen aus Angst vor Repressalien nichts sagen wollten oder ihre Aus­sagen widerriefen. In der Zwischenzeit hat die Mauer des Schweigens Risse bekommen: Dutzende von verschuldeten Tamilen wie K. A. haben aus schierer Not der Bundesanwaltschaft Informationen geliefert.

Raten von monatlich 530 Franken kann K. A. nicht mehr verkraften.

Die Schweiz war für die LTTE deshalb wichtig, weil hierzulande rund 40 000 Tamilen leben. Zudem verboten die EU und die USA die LTTE 2007 als terroristische Organisation. In der Schweiz hingegen blieb sie zugelassen. Laut dem Terrorexperten Rohan Gunaratna, Autor eines Bestsellers über die al-Qaida, sammelten die ­Tigers in keinem andern Land so viel Geld wie in der Schweiz.

K. A. hat sich in der Zwischenzeit einen Anwalt genommen. Raten von monatlich 530 Franken kann er nicht mehr verkraften.

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(Bild: David Bauer, Ilya Boyandin, René Stalder)

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Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 10.05.13

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