Nur den Glauben nicht verlieren

Die Landeskirchen sind in der Krise. Sie verlieren Anhänger, Anerkennung und den Einfluss auf den Alltag. Was ihnen fehlt ist Profil und Glaubwürdigkeit.

Die Landeskirchen sind in der Krise. Sie verlieren Anhänger, Anerkennung und den Einfluss auf den Alltag. Was ihnen fehlt ist Profil und Glaubwürdigkeit.

Ein Atheist und ein Moslem besuchen einen katholischen Gottesdienst. Und was macht Gott? Er schickt Wind und Regen. Der Föhn peitscht uns die Tropfen seitwärts ins Gesicht. Die Krone dunkler Wolken macht die Klosterkirche Mariastein an diesem Sonntagmorgen noch imposanter – und irgendwie unnahbar, fast wie von einer anderen Welt.

Die Kirche ist vielen Menschen fremd geworden. Rund 65 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind so religiös, wie ich praktizierender Muslim bin: gar nicht. Das Nationale Forschungsprogramm 58 «Religions­gemeinschaften, Staat und Gesellschaft» kommt zum Schluss, dass die grosse Mehrheit der Schweizer sich zwar als Mitglied einer religiösen Gemeinschaft sieht, die Religion im Alltag aber eine immer kleinere Rolle spielt (die Studie sowie das Themenheft IV «Die Religiosität des Christen in der Schweiz und die Bedeutung der Kirchen in der heutigen Gesellschaft» finden Sie auf der Rückseite des Artikels).

Die Menschen haben sich distanziert. Gerade mal 690 000 Menschen versammeln sich nach Schätzungen der Forscher an ­Wochenenden zum gemeinsamen Gebet oder zu ­einem religiösen Ritual, was nicht einmal mehr zehn Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Jeder Fünfte in der Schweiz dagegen ist gemäss der letzten Volkszählung konfes­sionslos. In Basel-Stadt bilden Konfessionslose mit über 40 Prozent bereits die grösste Gruppe. Die Landeskirchen sind in der Krise. Aber wieso?

Die Glocken läuten, dumpf und scheinbar weit weg. Die Holzbänke der Klosterkirche Mariastein füllen sich langsam, die unscheinbare Holztür quietscht im Sekundentakt. Wer eine barocke Kirche betritt, muss sich nicht vornehmen, andächtig oder still zu sein. Allein der Prunk, die Grösse lassen einen innehalten. In Mariastein ist das nicht anders, die Klosterkirche ist verblüffend hell, beeindruckend farbig. Und kalt. Die Dame neben mir auf der Bank lächelt, sie hat den Neuling entlarvt. Ihr Blick sagt: In einer katholischen Kirche behält man die Jacke besser an.

Schrumpfende Herden

Ein kalter Schauer dürfte die Vertreter beider ­Landeskirchen erfasst haben beim Anblick der ­Resultate der Volkszählung von 2010, die dieses Jahr präsentiert wurden. Sowohl die römisch-­katholische als auch die evangelisch-reformierte Landeskirche hat in den vergangenen zehn Jahren rund drei Prozent ihrer Anhänger verloren. 1860 waren rund 60 Prozent der Schweizer reformiert, 1960 noch knapp 50 Prozent, heute sind es noch rund 30 Prozent. Die Katholiken halten immerhin knapp ihre rund 40 Prozent.

Der Klang einer Orgel ist schwierig zu beschreiben, dieses tragende, traurige und gleichzeitig er­hebende Dröhnen ist mehr Gefühl als Klang. Ihr Ertönen ist der Beginn der Liturgie an diesem Sonntag. Die 38 Holzbänke sind bereits voll, das Quietschen der Türe noch immer nicht verstummt. In dieser Runde ist kaum vorstellbar, dass die ­Kirche unter Mitgliederschwund leidet.

Aber Maria­stein ist auch keine normale Kirche. Das Kloster ist der zweitgrösste Wallfahrtsort der Schweiz. Besucher werden mit Bussen herange­fahren, aus der gesamten Region strömen die Gläu­bigen sonntags in den Ort. Hier steht die Kirche nicht im Dorf, sie ist das Dorf.

Katholiken profitieren von der Migration

(Bild: Artwork: Nils Fisch/Hans-Jörg Walter)

Trotzdem ist Mariastein exemplarisch für die Situation der katholischen Kirche. Wer an diesem Sonntag nicht grau, gefärbt oder kahl ist, ist Ausländer oder hat zumindest Migrationshintergrund. Dass die Mitgliederzahlen der katholischen Kirche nicht so rapide fallen wie bei den Reformierten, hat vor allem mit der Zuwanderung zu tun. 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung mit ausländischen Wurzeln sind katholischen Glaubens. Fast jeder vierte ­Katholik hat einen ausländischen Pass, mehr als jeder dritte einen Migrationshintergrund. Die Angst vor einer Islamisierung der Schweiz ist an-gesichts der Tatsache, dass nur 13 Prozent der Migranten hierzulande Muslime sind, reichlich übertrieben.

Die Probleme der katholischen Kirche wird die Zuwanderung nicht lösen können. Beide Landeskirchen haben dieselben grundlegenden Schwierigkeiten: Sie haben ihre Monopolstellung verloren. Der gesellschaftliche Zwang, zu einer Kirche zu gehören, ist verschwunden. Gleichzeitig bietet eine Vielzahl von Religionsgemeinschaften sich konkurrenzierende Angebote an.

Die Säkularisierung hat die Kirchen zudem ihrer Institutionen beraubt. Spitäler, Schulen, Hilfswerke – früher war vieles in kirchlicher Hand, heute haben der Staat und Private­ die meisten Funktionen übernommen. Die Kirche ist fast verschwunden aus dem öffentlichen ­Leben. Der Pfarrer als Seelsorger steht in Konkurrenz zum Psychiater, Mentor, Guru oder von wem auch immer sich die Leute Hilfe erhoffen. Wer früher nicht unbedingt religiös war, aber sich nach spirituellen Erfahrungen oder einer Auszeit vom weltlichen Leben sehnte und sie nur in der Kirche fand, sucht heute seine Ruhe in Wellnesstempeln, autogenen Trainings oder Yoga-Kursen. Immer mehr Menschen fragen sich: Wozu brauche ich die Kirche? Was hat sie mir noch zu sagen?

Verlorenes Vertrauen

Nicht nur Katholiken finden den Weg nach Mariastein. Es kommen Menschen aller Konfessionen und auch Konfessionslose. Sie kommen, weil sie auf der Suche sind: nach einer Antwort, nach Heilung, Erlösung, Hoffnung. Sie steigen die 59 Stufen hinunter in die Höhlenkapelle zum Gnadenbild der «Maria im Stein». Sie entzünden eine Kerze, vielleicht setzen sie sich auch nur in eine der Holzbänke und halten inne. Schreiben ihre Wünsche und Sehnsüchte ins Anliegenbuch. Der Weg zur Grotte ist gesäumt mit Votivtafeln, Danksagungen für Rettung aus einer Notlage. Manchmal suchen die Menschen ihr Heil aber auch bei den 25 Mönchen im Kloster. «Erst letzthin», erzählt Abt Peter im Gespräch, «bat mich eine Türkin ihrer Kollegin die Hände auf den Rücken zu legen. Sie hatte Schmerzen und hoffte auf Besserung. Sie konnte weder Deutsch, noch war sie Christin. Sie war aber gekommen, weil sie etwas suchte und darauf vertraute, es hier zu finden.»

«Wenn unsere Glaubwürdigkeit ruiniert ist, dann gnade uns Gott.»

Vertrauen und Verbindlichkeit sind für den Abt das, was unserer heutigen Gesellschaft fehlt. «Wir können niemandem mehr glauben: Wirtschafts­unternehmen fälschen ihre Bilanzen, Sportler nehmen Doping, Nahrungsmittel werden gepanscht.» Selbst die Kirche hat mit den Missbrauchsskandalen ihr Ansehen beschädigt. «Es macht mir Angst, dass in allen Lebensbereichen gestörte Vertrauensverhältnisse bestehen. Das ist für unsere Gesellschaft verheerend und auch für die Religion ein Schlag: Das Herz der Religion ist die Beziehung, das Vertrauen. Wenn unsere Glaubwürdigkeit ruiniert ist, dann gnade uns Gott, und das gilt in allen Bereichen des Lebens.» Die Frage nach den Werten, der Botschaft der Kirche steht für ihn deshalb nicht im Vordergrund. «Für mich sind intakte Beziehungen absolut fundamental. Sie sind etwas vom Wertvollsten im ­Leben – wie das Wort schon sagt: voller Wert. Sie müssen gepflegt werden.»

Fehlendes Profil

Wer heute noch einer Kirche angehört, tut dies aus freien Stücken. Er sucht eine Gemeinschaft, die ­seinen Werten entspricht, und grenzt sich damit gleichzeitig vom Mainstream ab. So sehr die katholische Kirche mit Abtreibungsverboten, Zölibat oder Verhütung aneckt, so sehr profitiert sie davon. «Wenn man zu liberal wird, wird die Grenze zur Umwelt so unklar, dass die Religion verschwindet», glaubt Religions­soziologe Jürg Stolz.

«Jede neue Generation scheint weniger religiös zu sein als die vorherige.»


Stolz war einer der leitenden Forscher im Nationalen Forschungsprogramm, in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» brachte er das Thema auf den Punkt: «Wenn man keinen guten Grund sieht, einer Konfession anzugehören, tritt man aus.» Dieses Problem hat vor allem die reformierte Kirche. Sie grenzt sich in ihrer moralischen und ­liberalen Haltung kaum von der säkularisierten Gesellschaft ab. Ihr Profil ist zu unscharf.

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Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, hat das Manko ­erkannt. Seit seinem Amtsantritt vor zwei ­Jahren bemüht er sich, die evangelisch-reformierte Kirche zu einen und zu einer starken Marke zu machen. Unlängst sagte er der «Basler Zeitung» (nicht online), wenn es glücke, dem Glauben Profil zurückzugeben, ihn zu einem Brand wie Apple zu machen, dann habe er keine Angst. Er macht den Umkehrschluss: 20 Prozent Konfessionslose bedeuteten 80 Prozent Gläubige. Den Kirchen gelinge es im Moment aber nicht, die Gefühle der Menschen aufzu­nehmen, sagte er in der Sendung «Stern­stunde Religion» im Schweizer Fernsehen (Video am Ende des Artikels). «Vielleicht hatten wir zu lange ein Monopol, vielleicht braucht es den Druck jetzt.»

Attraktive Freikirchen

Das unscharfe Profil und die fehlende Glaub­würdigkeit der beiden Landeskirchen bremsen vor allem eines: die Mitgliederbindung. Die Forschung stellt eine rasante Säkularisierung fest. «Jede neue Generation scheint weniger religiös zu sein als die vorherige», sagt Religionssoziologe Stolz. Jene Menschen, die heute eine distanzierte Beziehung haben, werden morgen ihre Kinder genauso wenig religiös erziehen. Diese Entwicklung dürfte vor ­allem die Reformierten beunruhigen, deren Gläu­bige gemäss dem Forschungsprogramm 58 im Schnitt am ältesten sind. Jedes Jahr nimmt die Zahl der Reformierten um 10 000 Personen ab.

(Bild: Artwork: Nils Fisch/Hans-Jörg Walter)

Keine Nachwuchssorgen haben die Freikirchen, ihre Mitglieder haben mehr Kinder und soziali­sieren sie im freikirchlichen Milieu. Entgegen der allgemeinen Vorstellung wächst auch die Zahl der Evangelikalen nur moderat. Die Freikirchen haben aber den beiden Landeskirchen etwas voraus: das Charisma einer jungen Religionsgemeinschaft. Sie binden ihre Mitglieder, bemühen sich aktiv um neue und vertreten manchmal streitbare, aber klare Standpunkte. Sie nehmen sich der Sehnsüchte ­ihrer Gläubigen an.

Der Pfarrer des Grossmünsters in Zürich verglich die beiden Landeskirchen mit einem Saurer-Lastwagen: Sie seien zuverlässig und langlebig. Die Freikirchen seien hingegen ein Smart: mobiler, wendiger, aber auch vergänglicher. In Wirklichkeit haben sie eine Nische entdeckt und gehen auf ihre Zielgruppe ein, geben ganz konkrete Handlungs­anweisungen für den Alltag.

In einer immer komplexeren, multioptionalen Gesellschaft ist das sicher kein Nachteil. Die Gül­tigkeit dieser Botschaften ist die einer Ikea-Anleitung. Für eine ganz spezifische Situation, in einem ­spe­zifischen Rahmen sehr nützlich, aber für die nächste Situation, das nächste Möbel braucht es wieder eine – und die neue holen sich die Gläubigen ­wieder in der Kirche ab.

Potenzial bei Gottesdiensten und Predigten

(Bild: Artwork: Nils Fisch/Hans-Jörg Walter)

Die Landeskirchen als Volkskirchen versuchen noch immer, die grosse Masse anzusprechen, allgemeingültige Botschaften und Werte zu vermitteln. Sie kommen dabei oft altbacken daher, wenig ­pointiert. Sowohl Abt Peter als auch Gottfried ­Locher sehen Potenzial bei den Gottesdiensten und den Predigten. Deren Qualität hängt stark von den Priestern und Pfarrern ab, aber Nachwuchs ist Mangelware, gerade bei den Katholiken. Im Kloster Mariastein sind 18 von 25 Mönchen im Rentenalter, Anwärter gibt es immer wieder, aber die Anfor­derungen seien gestiegen, sagt Abt Peter.

Unter den Bewerbern ist kaum ein neuer Pater ­Armin, der an diesem Sonntag die Predigt in der Klosterkirche hält. Gebannt lauschen die Gläu­bigen seinen Worten in der Klosterkirche, nicht ein Husten ist zu vernehmen. Es ist eine überraschend politische Predigt zum Christkönigstag, aber auch eine kirchenkritische. Pater Armin hat mit dem ­Gebet für den Frieden im Nahen Osten nicht nur ein ganz ­aktuelles Thema aufgenommen, sondern auch ein ­religiöses: das Christentum in der Krise. «Wir er­leben die Kirche im Moment als ziemlich ohnmächtig.» Seine Worte hallen nach. Nicht nur in der Kirche.

Statistik: Christen in Basel-Land und Basel-Stadt verlieren Anhänger

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 30.11.12

Konversation

  1. Das ist eine spannende Seh-Hilfe.
    Die Tages-Woche nimmt die alte Gleichung „Kirche = Gottesdienst“ als einzig relevantes Erfahrung von Kirche im Alltag auf, und das Resultat ist dementsprechend: inhaltlich zwar überraschend offen, aber alles in allem demographisch dem Tode geweiht. Dazu die Medien-relevanten Skandale der letzten Jahre, und es zeigt sich eine Kirche, die nicht nur den „Schnuppe“ zu haben scheint, sondern auf dem Sterbebett liegt. Mit dem Farbtupfer „Freikirche“, welcher aber der Makel „alter Wein in glänzender Hülle“ angehaftet wird.
    Unbedarft? Negativistisch? Oberflächlich? – Vielleicht. Und gerade darum für uns als Kirche wichtig. Weil unser Grundauftrag es ist, für die Menschen da zu sein. Nicht umgekehrt. Und weil die Texte sehr schön zeigen, was die Menschen von den Kirchen brauchen. Bzw bräuchten (im Konjunktiv). Und wo wir als Kirche Potenzial haben.
    Denn nicht nur der wunderbare spielerisch-künstlerische Umgang mit religiösen Gegenständen (Bibel, Weihwasser, Kommunion) zeigt den Wunsch nach einer Kirche, in der mensch als Mensch ein authentisches und interessantes Gegenüber mit grossen Ohren und einem grossen Herz hat.
    Ein Gegenüber, das an den Menschen interessiert ist und nicht an sich selber und seinen eigenen Dogmen.
    So – und nur so – kann die Kirche sein, was sie sein soll: Den Menschen „voll das Leben“ ermöglichen, wie Jesus seinen Grundauftrag in Johannes 11,11 formulierte.

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