Ohrenstöpsel und Augenbinden

«Schützt eure Kinder»: In einem Brief werden die Eltern von Kindergartenkindern und Primarschülern dazu aufgefordert, ihre Sprösslinge für den Unterricht und gegen die «Sexualisierung» auszurüsten.

Augenbinden und Ohrstöpsel zum Schutz vor der «Sexualisierung» im Kindergarten und in der Primarschule. (Bild: Illustration: Nils Fisch)

Zum Schulanfang bekommen Eltern immer viel Post und Infomaterial nach Hause. Vor wenigen Tagen gab es auch Post vom Komitee der sogenannten Schutzinitiative. Darin werden die Eltern aufgefordert, ihr Kind vor der «Sexualisierung» in der Schule und im Kindergarten zu schützen.

«Geben Sie Ihrem Kind Ohrenstöpsel und Augenbinden mit in die Schule!» Dazu fordert ein Brief des Initiativkomitees «Ja zum Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule» Eltern von Kindergärtlern und Primarschülern in einem Brief auf. Man wolle den Eltern auf diese Weise wichtige Infos zukommen lassen, sagt Dominik Müggler, Mitglied des Initiativkomitees. «Der Sexualkundeunterricht muss stufengerecht sein», ergänzt Sebastian Frehner, der Co-Präsident des Initiativkomitees. Man habe Bedenken, dass Kinder im Kindergarten mit Aufklärungsstoff in Berührung kommen, der nicht altersgerecht sei. Darauf wolle man die Eltern sensibilisieren.

Die Botschaft sei gewissermassen «Schützt eure Kinder» – obwohl das ja eigentlich gar nicht möglich sei, weil die Dispensationsgesuche abgelehnt würden, sagt Frehner. Zwar seien wohl die meisten Lehrkräfte vernünftig und wüssten, was sie ihren Schülerinnen und Schülern zumuten könnten. Jedoch: «Wenn sich die Lehrer an den offiziellen Leitfaden halten, kommt es nicht gut.»

Pierre Felder, Leiter Volksschulen beim Erziehungsdepartement (ED), teilt die Bedenken des Initativkomitees nicht. Bei diesem Leitfaden handle es sich um eine amtlich genehmigte Ergänzung zum Lehrplan, sagt er. Darin sei festgehalte, wie Lehrer mit dem Thema Sexualität im Unterricht umgehen sollen. «Es ist aber nicht eine Kochananweisung, keine Anleitung, die es 1:1 umzusetzen gilt.»

Verantwortung der Eltern

Mit den Ohrenstöpseln und den Augenbinden sollen sich die Kinder jederzeit schützen können, denn: «Der Sexualunterricht findet fächerübergreifend statt, die Eltern wissen deshalb nie, wann der Aufklärungsunterricht stattfindet», sagt Frehner. Das bestätigt Felder: «Im Kindergarten gibt es keine Fächer und auch in der Primar haben wir einen interdisziplinären Unterricht.» Allerdings handle es sich bei der Sexualkunde auch nicht um ein Fach und um einen systematischen Aufklärungsunterricht: «Die Kinder haben zum Thema Körper und Sexualität Fragen, deren Zeitpunkt aber nicht vorhersehbar ist.» Auf diese Fragen sollen die Lehrpersonen altersgerecht eingehen.

Auslöser der aktuellen Aktion des Initiativkomitees: Der Regierungsrat hatte Anfang Juli 2012 die Dispensationsgesuche vom Sexualunterricht von Eltern abgelehnt, weil es sich «nur um einen leichten Grundrechtseingriff» handle, wenn Kinder diesen besuchten, wie es in einer Medienmitteilung heisst. Man wolle sich nicht in private Angelegenheiten einmischen, sagt Felder. «Die Hauptverantwortung bei der sexuellen Aufklärung von Kindern liegt nach wie vor bei den Eltern.» Nicht alle Eltern nähmen jedoch diese Verantwortung ausreichend war. «Jedes Kind sollte die Chance haben, sich vor Gewalttätigkeiten zu schützen. Das ist ein gesellschaftliches Interesse», sagt Felder.

Persönlicher Versand

Doch nicht nur ist der Inhalt des Briefes umstritten, sondern auch der Versand wirft Fragen auf: Die verschickten Briefe sind persönlich adressiert. Wie kamen die Absender an diese Adressen und an die Daten, welche Haushalte Kinder im entsprechenden Alter haben? Darauf angesprochen sagt Dominik Müggler: «Diese Adressen kann man sich beschaffen.» Hat man sie gekauft? «Ja, sie sind auf dem Markt frei erhältlich», sagt Müggler. Pierre Felder allerdings ist schleierhaft, wie die Initianten an die Adressen kommen konnten. Diese unterlägen dem Datenschutz, sagt er.

Konversation

  1. Die Frage lautet doch: Wer schütz hier wen vor was?
    In einer von Medien dominierter Welt gerade bei diesem Thema scheuklappen aufsetzten zu wollen ist nicht nur schädlich, sonder auch in hohem Masse unrealistisch. Aber statt die Kinder von ausgebildete Pädagogen aufklären zu lassen, sollen wir all ihre Fragen einfach ignorieren? Damit sie sich dann mit Hilfe des Internets selbst aufklären und eine unrealistische Vorstellung vom Geschlechtsakt und vor allem kein sexuelles Selbstbewusstsein entwickeln?

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  2. Zum guten Glück haben wir auch daheim immer gleich Ohrenstöpsel und Augenbinde bereit. Sobald unsere 2- und 4-jährigen Söhne peinliche Fragen zu ihrem oder dem Geschlecht ihrer Eltern stellen, kommt die Notausrüstung zum Einsatz. Übrigens müssen unsere Jungs die Sachen auch anziehen, wenn sich die Eltern über die SVP nerven. Das ist deutlich weniger jugendfrei als ein Pimpeli.

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  3. Das einzige Bedenkliche an der ganzen Geschichte ist ganz klar die Frage woher diese Adressen kommen. Ist nicht dies ein Eingriff in die Privatsphäre?

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  4. Sexualisierung hin zu einer existentiellen Problematisierung des Zusammenseins von Menschen gleichen und verschiedenen Alters betreibt jener Kreis von Sektierern, welche seinen Kindern die altersgemässen körperbezogenen Erkenntnisprozesse vorenthalten will. Wer die Sexualitätsentwicklung „der“ Kinder ausschliesslich „den Eltern“ vorbehalten will übersieht, dass Sexualität in den europäischen Gesellschaften

    (von der US-amerikanischen mit ihrer Bigotterie, die sich dann eine alltagsbeherrschende Pornografie als Sündenbabel und gleichzeitig Konsumanreiz hält, weil dies Rendite verheisst, zu schweigen)

    schlicht allgegenwärtig ist. Auf Grund dieser Erkenntnis entstand – durchaus auch notgedrungen, wenn man beispielsweise an die AIDS-Aufklärung denkt – die pädagogische Grundidee der Sexualaufklärung, und zwar einer permanenten und deshalb auch altersstufengerechten Aufklärung.
    Wer sich in diesem Zusammenhang mit Ohrenstöpsel- und Augenbindenempfehlungen an „die Eltern“ wendet, betreibt im Zusammenhang mit Sexualität nichts anderes als aktive Mithilfe zu sexuellem Mißbrauch. Mißbrauch geschieht gerade dann durchaus auch, wenn die potentiellen Opfer unaufgeklärt sind oder weil ihnen die Konfrontation mit der Realität ihres Alltags bewusst vorenthalten worden ist. Zudem betreiben diese Stöpselpromotoren gegenüber ihren eigenen Kindern insgesamt eine verantwortungslosen Zwang, sich isolieren zu müssen. Unglaublich, dass solcherlei mit „Elternrecht“ firmiert wird.

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  5. Sollen unsere Kinder wirklich blind und taub durch die Welt gehen? Das können nicht wirklich die Werte sein die wir unseren Kindern vermitteln wollen.

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  6. Es ist schon sehr beeindruckend, bei Freud folgendes zu lesen: „Hören Sie, das Merkwürdigste am Geschlechtsleben des Kindes scheint mir, dass es seine ganze, sehr weitgehende Entwicklung in den ersten fünf Lebensjahren durchläuft…“
    „… in den ersten Kinderjahren stellt sich die Relation des Ödipus-Komplexes her, in welcher der Knabe seine sexuellen Wünsche auf die Person der Mutter konzentriert…“
    „Die erste Objektwahl des Kindes ist also eine inzestuöse“
    „Es macht uns keine Schwierigkeiten, dieses Ergebnis für den Knaben abzuleiten. Die Mutter war sein erstes Liebesobjekt; sie bleibt es…
    „Anders für das kleine Mädchen. Ihr erstes Liebesobjekt war doch auch die Mutter; wie findet sie den Weg zum Vater? Wie, wann und warum macht es sich von der Mutter los?…“ (Freud, GW XIV, zitiert in Christiane Olivier: Jokastes Kinder – Die Psyche der Frau im Schatten der Mutter. Paris 1980, dtv 15053, 1989)
    Wenn tatsächlich Kinder ihre Eltern sexualisieren würden, dann würden sie diese ja auch „missbrauchen“! Die Gefahr geht aber von Mutter und Vater und einer geschlossenen Familie aus, nicht vom Kindergarten! Wieso schweigen das die Fachmänner und vor allem die Fachfrauen tot????

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