Pille gegen HIV soll erschwinglich werden

Die Schwulenszene verspricht sich von den blauen «Prep»-Pillen eine sexuelle Befreiung – wenn sie denn bezahlbar wären. Damit muss sich nun der Bundesrat auseinandersetzen.

Eine Pille wird zum Politikum: Nationalrat Angelo Barrile greift das Thema in einer Interpellation auf.

Richtig angewendet, kann die blaue Pille vor HIV schützen. Doch die sogenannten «Prep»-Medikamente («Prep»: Prä-Expositionsprophylaxe) sind sehr teuer. An einem bezahlbaren Zugang sind insbesondere Männer interessiert, die Sex mit Männern haben. Sie machen in der Schweiz rund 50 Prozent der immer noch über 500 HIV-Neuansteckungen aus.

Vor diesem Hintergrund fordert Nationalrat Angelo Barrile vom Bundesrat eine erweiterte HIV-Präventionsstrategie. In einer Interpellation, die er am Mittwoch einreichte, will er wissen, wie sich der Bundesrat zu neuen Möglichkeiten in der HIV-Prävention positioniert und ob er sich um einen günstigeren Zugang zu Prep bemühe. Pink Cross, der Schweizer Dachverband der Schwulen, unterstützt diese Forderung, wie er mitteilt.

In England und Frankreich gibt es bereits Versuche, Prep über die Krankenkasse zu finanzieren. Diese Versuche verlaufen bislang vielversprechend.

https://tageswoche.ch/gesellschaft/chemie-statt-gummi-hat-die-schwulen-szene-ein-wundermittel-gegen-aids/

Konversation

  1. Meiner Meinung nach sollten wir alle froh sein, dass es inzwischen die Möglichkeit einer PrEP gibt!

    Und wer wissen möchte, warum ich davon so überzeugt bin, der mag sich ja vielleicht die folgenden zugegebenermassen etwas ausführlicheren Gedanken von mir dazu durchlesen.
     
    Aber der Reihe nach:
    „Warum können die nicht einfach ein Kondom verwenden? Ist billiger und ohne Nebenwirkungen.“
    Fakt ist, dass alle Anstrengungen der letzten zwanzig Jahre es nicht geschafft haben, die HIV Neuansteckungsraten in unseren Ländern auf null zu bringen. Sie verharren vielmehr auf viel zu hohem stabilen Niveau. Warum ist das so? Sicherlich weil einige Nutzer das Kondom aus einem Liebes- oder Lustmoment weglassen. Das ist eine persönliche Entscheidung, die zu treffen jeder Mensch das Recht hat (genauso wie es mir nicht ansteht, zu entscheiden, ob jemand Fallschirmspringen geht). Aber auch, weil zum Beispiel mal ein Kondom reißt. Oder weil vielleicht ein Kondom bereits zu lange in der Tasche herumgetragen wurde und alt war. Oder weil vielleicht der Partner heimlich das Kondom wieder abgenommen hat. Oder bei einer Vergewaltigung. Oder weil… Es gibt sehr viele Gründe, warum man sich mit HIV angesteckt haben kann. Heute geht man beim Kondom von einer Schutzrate vor HIV von unter 95% aus, es also immer wieder zu Ansteckungen kommt, auch wenn man meint, doch alles richtig gemacht zu haben.
    Nun gibt es plötzlich PrEP und in Städten wie London und San Francisco gehen die Neuansteckungszahlen dramatisch zurück. Und bei „dramatisch“ reden wir von weit über 50%. An der Dean Street in London, einer der grössten Sexual Health Kliniken in Grossbritannien spricht man sogar von über 80%. Das alleine ist es wert, sich sehr genau und sachlich mit PrEP auseinanderzusetzen und nicht zu Moralisieren.
     
    „Aber die ganzen Nebenwirkungen!“
    Ja, Truvada, das einzige derzeit für PrEP zugelassene Medikament bzw. dessen Generika, ist kein Lutschbonbon und hat Nebenwirkungen. Allerdings sind diese inzwischen sehr gut bekannt und kontrollierbar. Truvada ist seit über zehn Jahren auf dem Markt und wird im großen Stil zur Behandlung von HIV eingesetzt und gravierende Nebenwirkungen werden nur selten beobachtet. Und mit diesen können die Ärzte sehr gut umgehen und potentiell gefährliche Entwicklungen sehr frühzeitig erkennen, wenn man den empfohlenen Check-up Terminen folgt. Es bleibt dann ausreichend Zeit, Gegenmaßnahmen einzuleiten bzw. wieder aufzuhören, PrEP zu nehmen. Keiner muss Angst haben, beim Verwenden von PrEP urplötzlich ein akutes Nierenversagen zu erleiden.
    Die unkontrollierten Nebenwirkungen aufgrund des wöchentlichen Alkohol- oder sonstigen Drogenkonsums sind auf jeden Fall sehr viel dramatischer. Aber da scheren sich die allermeisten ja auch nicht darum. Alkohol geht, Sex aber ist bäh.
     
    „Und was ist mit all den anderen STIs? Die Raten gehen da doch bereits steil nach oben!“
    Richtig, leider sind die Ansteckungsraten bei den anderen STIs in den letzten Jahren stark angestiegen. Dies aber PrEP in die Schuhe zu schieben ist falsch, wie mehrere Studien inzwischen gezeigt haben. Zum einen zeigen die Statistiken einen starken Anstieg bereits in den Jahren, bevor PrEP verfügbar wurde. Zum anderen könnten die aktiven Nutzer Zahlen von PrEP bei weitem nicht die große Zahl von Neuansteckungen erklären. Vielmehr glaubt man, dass andere Faktoren dafür ausschlaggebend sind. Einer davon ist, dass heute dank der Anstrengungen der AIDS Hilfen und Gesundheitsämtern viel mehr getestet wird als früher und folglich auch mehr Fällen entdeckt und gemeldet werden.
    Aktuelle Studien konnten im Übrigen zeigen, dass entgegen früheren Meinungen ca. zwei Drittel aller Ansteckungen mit STI asymptotisch sind, das heißt, keine merkbaren Ansteckungszeichen zeigen. Diese Personen werden nur durch regelmäßiges Testen entdeckt, können dann behandelt werden und, das ist fast das wichtigste, sind dann nicht mehr ansteckend für andere. Alle Fachleute empfehlen daher, dass sexuell aktive schwule Männer sich alle drei Monate auf alle STIs untersuchen lassen, und zwar im Darm, im Rachen und in der Harnröhre. Und genau an diesen regelmäßigen umfassenden STI Screenings hapert es leider noch viel zu oft.
    Allerdings scheint es so, dass verantwortungsbewusste PrEP Nutzer, die nun quartalsweise ihre Blutwerte checken lassen, bei der Gelegenheit auch gleich das STI Screening erledigen. Und unter diesen PrEP Nutzern konnte inzwischen ebenfalls ein Rückgang der Weiterverbreitungszahlen erkannt werden.  
    Und dann noch wichtig: Kondome können vor HIV und Hep C schützen, aber leider nur sehr bedingt vor den anderen „klassischen“ STIs.
     
    „Oh je, die Kosten einer PrEP sind so hoch!“
    Klassisches Truvada kostet in Deutschland und der Schweiz um die 800 EUR für die Monatspackung. Völlig klar, das ist viel zu viel. Aber es geht auch anders. Zum einen gibt es auf dem Weltmarkt inzwischen viele Hersteller von Generika, die den Preis auf unter 50 EUR/Monat drücken. Zum anderen gibt es seit kurzem ein Projekt in Deutschland, das ebenfalls den Bezug von PrEP für einen Monatspreis von 50 EUR über bestimmte Apotheken ermöglicht. Bleiben noch die Kosten für die regelmäßigen Check-ups. Hier muss noch eine Lösung gefunden werden.
    Mehrere unserer Europäischen Nachbarn zeigen uns noch einen anderen Weg auf. Dort werden die PrEP und zugehörige Begleituntersuchungen für entsprechende Risikogruppen komplett vom Gesundheitssystem/Krankenkassen übernommen, da man erkannt hat, dass sich das volkswirtschaftlich rechnet. Weniger HIV Ansteckungen, weniger lebenslange Behandlungen, weniger Kosten für die Allgemeinheit trotz der Investition in PrEP.
     
     

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  2. Ich empfinde die Verwendung von Truvada als Prophylaxe als moralisch nicht tragbar:

    Zum einen kann es sein dass dadurch das HIV-Virus mutiert und das Medikament dann hinterher bei bereits bestehenden Infektionen wirkungslos ist.

    Zum anderen kann ich nicht verstehen warum Mensch – denn es betrifft ja nicht nur die Regenbogenfahne – sich durch die Einnahme grundsätzlich mit Misstrauen statt mit Vertrauen begegnet. In meinen Augen somit kein Fort – sondern ein Rückschritt! 🙂

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    1. Wenn Truvada als PrEP eingenommen wird und der Nutzer HIV negativ ist, kommt es zu keinen Resistenzen. Anders, wen er bereits HIV+ wäre. Daher ist ein HIV Test vor der Nutzung von PrEP obligatorisch und quartalsweise Check-ups ebenfalls wichtig.

      Die Sache mit dem Misstrauen vs Vertrauen habe ich nicht verstanden.

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    2. In dem Moment in dem ein Mensch sich „vorbereitet“ bevor der zukünftige Kommunikationspartner bekannt ist stellt diese Person sowohl das Vertrauen in sich selbst als auch das Vertrauen in den Partner in Frage. Es ist wie eine chemische „Rüstung“ die den Umgang im Vertrauen von vorn herein ausschließt. Der Kampf ums überleben wird chemisch auf die Sexualität übertragen und verhindert damit von Anfang an eine wirkliche Kommunikations-tiefe.

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  3. Sorry aber ein aktives Sexualleben lang regelmässig ein Medikament einnehmen kann ja keine Lösung sein, zumal es jetzt quasi unbezahlbar und nachher vielleicht einfach teuer bleibt. Und dann noch bezahlt via Krankenkasse in Zeiten von eh schon exorbitant steigender Prämien. Macht sich vielleicht auch jemand Gedanken zu Nebenwirkungen ? Nebst HIV gibt es jede Menge Infektionskrankheiten die übertragbar sind, einige harmlos und heilbar, andere mit mehr oder minder schweren Folgen.

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  4. Pillen sind kein Wundermittel. Ich denke, Männer sollten mal über ihre tieferliegenden Motive diskutieren, warum sie ihre Säfte ungeschützt mit anderen Männern „tauschen müssen“. Zudem wird über Nebenwirkungen und die Belastung des Immunsystems nirgendwo geschrieben. Auch nicht alle Frauen vertragen die Pille.
    Schön und gut, wenn Gleichgeschlechtliche auch heiraten können. Aber muss mann es in Allem den Heteros gleich tun??
    Gut, wenn HIVpositive nicht mehr ansteckend sind. Aber der Wunsch nach safer sex soll dann nicht als Diskriminierung empfunden werden. Andere Krankheiten werden trotz Pillen übertragen.
    Letztlich vergessen alle den afrikanischen Kontinent. Da sind Millionen von Heterosexuellen beiderlei Geschlechts hivpositiv und haben keinen Zugang zur Chemie.

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