Podium unter Polizeischutz

Im Vorfeld war reichlich Unruhe geschürt worden – trotzdem verlief die grosse Islamdebatte in der Elisabethenkirche gesittet. Für den bedrohten Stargast aus Berlin: viel zu wohlfühlig.

Erhöhter Bedrohungslage zum Trotz: Man hatte sich ziemlich lieb an der Islamdebatte in der Elisabethenkirche. (Bild: Nils Fisch)

«Ach, dieses Geplätschere, dafür haben wir doch keine Zeit!» – Das Gespräch war noch nicht so alt, da fiel Seyran Ates bereits aus der ihr zugedachten Rolle. Statt sich in philosophischen Erwägungen nicht wehzutun, wollte sie endlich dorthin, wo der Schmerz sitzt: Seyran Ates, Berliner Rechtsanwältin, vor allem liberale Muslimin, die als Imamin eine Moschee betreibt, wo Frauen und Männer gleichgestellt sind. Die Autorin weist den totalitären Anspruch der ultraorthodoxen Strömungen im Islam selbstbewusst zurück und lebt dafür in verbriefter ständiger Gefahr um ihr eigenes Leben und dasjenige ihrer Familie.

Die Frau hatte ein halbes Dutzend Personenschützer aus Berlin in die Elisabethenkirche mitgebracht, wo um sie herum im Rahmen der Serie «Basel im Gespräch» eine Gesprächsrunde gebaut worden war. Der merkwürdig affektierte Titel der Veranstaltung lautete «Islam. Zukunft. Schweiz», wobei im Wesentlichen fünf Muslime und Musliminnen konservativer oder liberaler Ausprägungen über die Schwierigkeiten sprachen, einander zuzuhören.

Unnötige Panikmache

Die Erwartungen waren hoch am Islam-Abend in der Kirche: Dass es hoch und her zugeht zumindest, Proteste vielleicht oder …Schlimmeres? Geschürt worden waren derartige Befürchtungen zumindest ungeschickt von den Veranstaltern, die im Vorfeld von handfesten Drohungen gegen die Diskussionsrunde berichtet hatten, obwohl es solche nicht gab, sondern bloss eine Bedrohungslage, die überall dort ist, wo Seyran Ates hingeht. 

Moderator und Kirchenmann Frank Lorenz sah sich dann noch tatsächlich bemüssigt, sich als Schutzheiliger der Meinungsfreiheit in Szene zu setzen. Alles eine überflüssige Verschärfung eines bereits ungesund aufgeladenen Klimas.

Gut gefüllt: Die Islamdebatte lockte mehr Besucher in die Elisabethenkirche als der reguläre Gottesdienst.

Die Polizeipräsenz rund um die Kirche und in ihrem Innern war gross. Sogar um die Garderobe kümmerten sich die Sicherheitskräfte. Polizisten nahmen den Besuchern ihre Taschen ab, stellten dafür eine Quittung mit einer Nummer drauf aus – kassierten aber immerhin keine Gebühr von zwei Franken wie an der Konzertgarderobe.

Da war spürbar, was hier auf dem Spiel steht – und über was Seyran Ates so ungeduldig sprechen wollte: Um das Toleranzproblem im Islam gegenüber Abweichlern von der vermeintlich reinen Lehre. Ates wollte nicht erörtern, wie es ist, sowohl Schweizer als auch Moslem zu sein und ob das Konflikte mit sich bringt. Sie wollte darüber reden, dass man ihr nach dem Leben trachtet, nur weil sie auf die patriarchalen Strukturen pfeift und Frauen und Männer gemeinsam beten lässt.

Ausgeprägte Autoritätsgläubigkeit

Für Kerem Adigüzel liegt eine der Ursachen der Verrohung des Diskurses in der ausgeprägten Autoritätsgläubigkeit im Islam. Der blitzgescheite junge Zürcher Mathematiker ist Mitbegründer des liberalen Moscheevereins Al Achram, wo Frauen nicht nur mit-, sondern auch vorbeten. «Die Gelehrten üben eine zu starke Autorität auf die Gemeinschaften aus», sagte Adigüzel. Diese gelte es zu minimieren. Adigüzel fordert eine Befreiung des Korans aus den Ketten der Auslegung.

Da trifft er sich selbst mit Muris Begovic, stellvertretender Imam der bosnischen Moschee in Schlieren. Begovic war vermutlich als konservativer Gegenpart zu Adigüzel, Ates und der bekannten Gymnasiallehrerin Jasmin Elsonbati geladen. Nun sagte auch Begovic, heilig sei alleine das Buch, also der Koran und nicht die ganzen Auslegungen der verschiedenen Strömungen. Er plädierte für Vielfalt, fürs Leben und Lebenlassen, ohne freilich seine beiden frauenrechtlich gesinnten Gesprächspartnerinnen ernst zu nehmen.

Als das Gespräch darauf kam, ob er ein Problem damit haben würde, wenn etwa Jasmin Elsonbati mit ihrer Gemeinde ein Gebet in seiner Moschee machen würde, meinte Begovic: «Nein.» Aber nur wenn es nicht um Belehrung, sondern um das Zeigen von Diversität gehen würde. «Wir haben bald auch eine Theatergruppe in unserer Moschee, da kann auch Jasmin Elsonbati kommen.»

Ein entlarvender Satz vielleicht, jedenfalls einer, bei dem die Bruchstellen deutlich wurden, die ansonsten während der anderthalb Stunden des stellenweise recht mauen Gesprächs verdeckt blieben.

Kurze Aufregung

Nur einmal wurde es hitzig in der Elisabethenkirche. Als das Mikrofon in den Saal wanderte, meldete sich eine «einfache Basler Muslimin», wie sie sich ankündigte, zu Wort. Es handelte sich um eine frühere CVP-Grossratskandidatin – aus Zeiten, als sich die CVP noch nicht der Rettung des Abendlandes verschrieben hatte. Mit Tuch um den Kopf und einer Ausgabe des Korans in der Hand stand sie hin und warf der Berliner Imamin Ates entgegen, ihr Treiben würde sie nicht stören, sie solle es aber bitte nicht unter dem Titel des Islams tun. Das wars dann mit der Diversität.

Trotzdem war es eine angenehm gesittete Gesprächsrunde in der Elisabethenkirche, zu einem grossen Thema, bei dem vieles schiefgehen kann. Mit Gästen, die bemüht waren, aufeinander einzugehen, Gräben zu schliessen und keine neuen auszuheben. Immer wieder wurde Sachlichkeit für die nötige innerislamische Debatte eingefordert. Das ist sicher richtig, aber vielleicht nicht abschliessend. Weil Glauben eine Gefühls- und keine Kopfsache ist. Und weil nur Gefühle die Überzeugungen hinter dem Gesagten freilegen, wie bei der Wortmeldung der Basler Muslimin.

Doch vorerst ist es vermutlich als Erfolg zu werten, dass eine fast schon langweilig gewöhnliche Debatte stattfinden konnte. Bis man über diese Themen ohne Aggression herzhaft streiten kann, wird es wohl noch dauern.

Konversation

  1. vielleicht braucht es weniger „ein ohne Aggression herzhaft über diese Themen streiten“, als ein gegenseitiges Sehen und Anerkennen der Verletzungen.
    Dank an Basel im Gespräch für die Durchführung!

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  2. Das Gespräch war spannender und durchaus kontroverser, als es der Beitrag vermittelt. Aus meiner Sicht lag die herausragende Leistung der Teilnehmer und des Moderators eher darin, den Konsens zu finden. „Wir sollten viel mehr miteinander reden“ war denn auch ein Resümee der Podiumsgäste. Wie oft wird von Muslimen erwartet, dass sie Stellung nehmen zum politischen Islam, zum IS, Terror, Kopftuch, Burka etc. An diesem Abend geschah es und zwar mit bemerkenswerter Klarheit und Differenziertheit. Mein Schluss: Es gibt ihn, den liberalen, modernen und durchaus auch den „Schweizerischen“ Islam. Leider drängen sich Nebenschauplätze wie Polizeiaufgebot und die dramatische Situation von Frau Altes (bei allem Respekt vor ihrem Engagement) in der Berichterstattung zu sehr in den Vordergrund.

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  3. Woher kommt die Häme in diesem Text, woher die Überheblichkeit und woher die zur Wahrheit aufgebauschten Vermutungen über unser gestriges Podium und dessen Zustandekommen? Wieso muss Renato Beck jemanden diffamieren, der die gleiche Ausbildung gemacht hat wie er selbst (Diplomausbildung Journalismus am MAZ)?
    Ist das nun der Journalismus, der Gegenentwurf zum Kampagnenjournalismus, mit dem die TaWo einst angetreten ist? (PS: Ich hatte mal als einer der Erstabonnenten einen TaWo-Wimpel). Ist die Häme über den „Kirchenmann“, der u.a. auch als Journalist arbeitet, mehr als nur schlecht verheilende Kirchen- oder Religionsunverträglichkeit?
    Oder ist es das Aufjaulen eines Phantomschmerzes, darüber dass ein anderes Format, „Basel im Gespräch“, es schafft, ein volles Haus und spannende Gespräche zu einem aktuellen Thema zu bieten, wo die Tageswoche kein eigenes („Mittendrin“) mehr zustande kriegt (seit, wieviel?, drei Jahren?). Fragen über Fragen.
    Mindestens der Schluss des Textes deckt sich mit der Wirklichkeit des gestrigen Abends: Wir haben Nötiges geleistet, sind nicht eingeknickt gegenüber Drohungen, haben ein zivilgesellschaftliches Podium geschaffen und genutzt, um ein brennendes Thema zu diskutieren, getreu dem Motto unseres Formats „Basel im Gespräch. gemeinsam.weiter.denken“. Und wir werden erstmal weitermachen, solang es uns braucht.

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  4. Dieser Bericht zeigt an prägnanten Beispielen die Diskrepanzen, die zwischen den religiösen Lagern bestehen. Es erinnert mich sehr an die Probleme der katholischen Kirche mit Fragen der Gleichberechtigung von Frau und Mann. Auch hier gibt es ja noch „revolutionären“ Modernisierungsbedarf! Positiv ist, dass dieses „Basel im Gespräch“ stattfinden konnte und somit dem mutigen Anliegen von Frau Ates und hoffentlich immer mehr Mosliminnen und Moslimen Beachtung und durchaus auch Nachachtung verschafft wurde.

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    1. Leider stehen sich hier nicht etwa nur zwei religiöse Lager gegenüber. Sondern der fundamentalistische Islam der sich gegen unsere Gesellschaft und Ungläubigkeit (Nicht-Islam) richtet.

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  5. Dieses Thema hier erinnert mich stark an die Reformation eins Teils der Christen. Die bekanntesten Reformatoren: Luther, Zwingli und Calvin.
    Der Diskurs und die Problemlösungen sind schon sehr weit fortgeschritten, aber abgeschlossen ist das Ganze immer noch nicht.

    Auch die Muslime werden hier Schritt für Schritt weiter kommen.
    Und Reformen mit ihren Reformatoren sind immer eine Provokation für Althergebrachte seit Jahrhunderten funktonierende Strukturen.
    Das gilt gleichermassen für irdische wie auch geistige Belange.

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    1. So ging es mir auch an dem Abend. Dabei erinnerte ich mich an einen Vortrag von Ulrich Tilgner über die Situation im Iran, den ich vor vielen Jahren hörte. Er äusserte schon damals die Vermutung, dass der Islam als noch junge Religion, vermutlich ähnliche gesellschaftliche Prozesse durchlaufen werde, wie das Christentum. In diesem Sinne beobachten wir heute, was in der „christlichen“ Zeit der Kreuzzüge geschah.

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    2. So ist es! Nur lässt sich das islamische Mittelalter nicht mit dem westlichen Lebensstil und Gesellschaft Strukturen im 2017 unter einen Hut bringen. Nun stellt sich folgende Fragen: passen wir uns an und integrieren ? Verlangen wir die Anpassung und integrieren ? Oder aber lassen wir beides so gut wie möglich getrennt ?

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  6. Die „Kinder“ sassen auf der Bühne und – zum Glück – nicht im Publikum – dessen Durchschnittsalter war bedeutend höher wie das Alter Derer über deren Zukunft diskutiert werden sollte…..

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