Populisten fürchten auch den unappetitlichen Skandal nicht – sie leben davon

Die Herren an der Macht sind an die Macht gekommen, weil man sie für ihre Machtgeilheit auch noch bewundert.

Schwierig, da einfach wegzuschauen. Die hässlichen Fratzen der Demagogie. 

Während ich spätnachts diese Zeilen schreibe, explodiert gerade meine Twitter-Timeline. Die «New York Times» veröffentlicht pikante Details zu Trumps Gschäftlimachereien. Unter anderem soll er als junger Geschäftsmann Hunderte Millionen Dollar Startkapital zur Verfügung gehabt haben statt der vielzitierten einen Million von seinem Vater.

Viele reiben sich die Hände und freuen sich auf mögliche Konsequenzen. Der Bericht wird bestimmt einige Wellen schlagen, schwächen wird er den Präsidenten aber kaum. Nicht dass solche Berichte nicht wichtig wären. Wer aber immer noch glaubt, man könne Populisten entmachten, indem man ihre Fehltritte und Skandale offenlegt, hat das populistische Konzept nicht begriffen.

All diese Figuren, deren Namen auch ich viel zu oft nenne, haben Erfolg, weil sie skandalöse, menschenverachtende und dubiose Dinge tun. Sie machen ja auch keinen Hehl daraus. Man kann Populismus nicht entlarven. Seine ignorante Fratze ist für jeden sichtbar. Sie fasziniert. Links und Rechts. Und das ist verhängnisvoll.

Lasst es mich so erklären: Würde eine Biografie über Simonetta Sommaruga erscheinen, in der stünde, dass sich die Bundesrätin einmal von Grosskonzern XY für eine Rede bezahlen liess, würde das ihr Image nachhaltig schädigen. Würde bekannt, dass Christoph Blocher Millionen von Steuergeldern hinterzogen hätte, würde das an ihm abprallen.

Lässt sich ein Populist etwas zuschulden kommen, ist das nur eine weitere schmutzige Stufe auf seiner Erfolgsleiter.

Von einem sich hemdsärmlig gebenden Geschäftsmann erwartet man geradezu Skrupellosigkeit. Die eigenen Reihen würden Blocher wohl für seinen kompromisslosen Geschäftsstil loben. So erstaunt es auch nicht, dass selten bis nie darüber gesprochen wird, dass er sich als einer der einflussreichsten Männer der Schweiz aktiv gegen die Gleichberechtigung der Frau, gegen die Ehe zwischen Schwarz und Weiss in Südafrika und für den rechtsradikalen Hitler-Sympathisanten Schwarzenbach stark gemacht hat.

Machtgeilheit gilt als geil

Ein solcher «Denker» ist für eine moderne Gesellschaft untragbar und sollte in einem aufgeklärten Milieu keinen Einfluss haben. Trotzdem sind Blocher und seine Partei mächtig (und) auf Erfolgskurs. Die Herren an der Macht sind an die Macht gekommen, weil man sie für ihre Machtgeilheit bewundert. Sie sind düstere Lichtgestalten. Sie stellen sich über Moral und Ethik.

Frauen, die mehr Gerechtigkeit für sich und die Unterschicht fordern, werden hingegen als hysterische Kühe abgetan. Würden sie eine Gesetzeswidrigkeit begehen, könnten sie froh sein, nur medial und nicht real gelyncht zu werden. Lässt sich ein Populist etwas zuschulden kommen, ist das nur eine weitere schmutzige Stufe auf seiner Erfolgsleiter.

Es ist Demagogie in Reinform, die hier gerade einmal mehr eine gerechtere Gesellschaft schachmatt setzt. Diese Demagogie braucht keine Wahrheit, keine Legitimation, keine rationale Erklärung und kann nicht demaskiert werden. Sie ist die geliebte Maske. Ein Wahn von allen Seiten.

Trump und Co. sind die Sirenen der Realität. Ihr Gesang bezirzt alle. Auch diejenigen, die immun zu sein glauben.

Die einen verfallen dem Grössenwahn, weil sie sich von Steuerhinterziehung über Rassendiskriminierung bis hin zum sexuellen Übergriff alles leisten können. Die anderen verfallen diesem Schauspiel widerlicher Machtdemonstration als Ausweg aus dem empfundenen Kontrollverlust über ihr Leben und die Welt. Und schliesslich verfallen diejenigen, die sich wehren müssten – die Intellektuellen, die Journalisten, die Politiker –, dem Wahn, dass man dem Demagogen zuhören müsse. Dass man ihn verstehen, ihn zu Wort kommen lassen müsse. Ein fataler Fehler.

Trump und Co. sind die Sirenen der Realität. Ihr Gesang bezirzt alle. Auch diejenigen, die immun zu sein glauben. Am Ende ziehen sie alle in ihren tödlichen Bann.

Bitte nicht füttern

Darum müssen wir aufhören, die Trolle zu füttern. Wir dürfen ihnen nicht unsere Stimme und unsere Plattformen leihen. Dort, wo diese Menschen soziale Plattformen missbrauchen, um asoziales Verhalten zu propagieren, müssen wir ihnen unsere Aufmerksamkeit aus sozialen Gründen entziehen. Nicht mit Demagogen zu sprechen, ist keine Demagogie, keine dumme Dialogverweigerung, sondern ein Versuch, ihre Machtergreifung zu verhindern.

Alex Jones heizt mit Verschwörungstheorien und rassistischen Tiraden das politische Klima an. Trump ist sein Fan.

Letztens haben Youtube und dann endlich auch Facebook und Twitter Alex Jones gesperrt. Falls ihr nicht wisst, wer Alex Jones ist, kennt ihr eine der einflussreichsten demagogischen Stimmen unserer Zeit nicht. Diese dumme Version von Steve Bannon hat Millionen von Followern und heizt mit Verschwörungstheorien, Endzeitfantasien und sexistischen und rassistischen Tiraden das politische Klima in den USA mächtig an. Trump ist sein Fan.

Die Sperrung des Hassredners in sozialen Medien versetzte ihm einen heftigen Schlag. Jones kann zwar auf eigenen Plattformen weiter wüten und er beansprucht nun natürlich umso lauter eine Märtyrerrolle, aber seine Tiraden finden erheblich weniger Publikum. Das ist wichtig. Das ist nicht antidemokratisch, darin liegt die Rettung der modernen Gesellschaft.

Ich weiss, dass viele nicht mit diesem Text einverstanden sein werden. Und das macht mir am meisten Angst. Dass wir zuschauen, wie diese Despoten die Welt jeden Tag etwas näher an den Abgrund rücken, während jene, die ihnen Paroli bieten könnten und müssten, lieber darüber streiten, wie man das Runterfallen verhindern könnte.

Trump wird jede neue Enthüllung überleben. Er und seine Kollegen weltweit werden, wenn es so weitergeht, in den nächsten Jahren ihren Höhenflug fortsetzen. Irgendwann wird der im totalen Absturz enden – nicht nur ihrer selbst, sondern der Gesellschaft.

Der einzige Weg, Trump wirklich zu schwächen, wäre übrigens der, ihn nicht zu wählen.

Konversation

  1. Der Populist lebt halt von der Doppelbödigkeit des Wählers: Beide gehören zusammen!
    Ergo, wo ein Populist, da auch sein Schatten, der Wähler von ihm mit genau diesen Ansichten.
    Man sollte halt manchmal auch oberflächlich nett wirkenden Menschen misstrauen, da sie nicht sagen, was sie denken.
    Manchmal wird sogar die Empörung gegen den Populisten gespielt, weil es halt gegen aussen besser scheint.

    Aus der Statistik weiss man, das rund Zweidrittel der Leute ihrer Regierung stets zustimmen, egal, was sie tut oder sagt. Das ist nicht sehr hoffnungsvoll.

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    1. Aber Cesna – so funktioniert doch jeder Politiker. Das ist keine Eigenheit der Populisten, die Linken/Sozis sind da genau gleich.
      Wenn es draufgekommt ist sich jeder selbst der Nächste.
      Der Autor des Textes hat persönlich einfach eine Abneigung gegen eher rechts Orientierte.

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    2. Stimmt! Die Schlagwörter sind anders und die Farbe auch, ansonsten alles gleich.
      Die Nichtroten sind ja schon neidisch auf die populistisch gut aufgestellte „nichtmehr“ Arbeiterpartei.

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  2. „Populismuskritik“ ist Propaganda für Privilegierte, „Populismus“ ein Fachbegriff für Bequeme. Ich würde soweit gehen zu behaupten, dass er die Opfer ideologisch motivierter (oder ökonomisch motivierter und ideologisch legitimierter) Gewalt verhöhnt.

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  3. Ich bin mit diesem Text einverstanden. Das nenne ich über den eigenen Tellerrand sehen und denken. Danke Knackeboul!!!

    Bald haben wir wieder Wahlen. Eine Gelegenheit, sich schon jetzt darüber Gedanken zu machen, welche Kriterien und Prioritäten ich setze, damit jemand meine Stimme bekommt. Diese sehr gute Kolumne beschreibt einige wichtige Kriterien für alle, die Gegensteuer geben
    wollen.

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