«Privatschulen sind sehr wandlungsfähig»

Die Basler Privatschulen sind vom umstrittenen Lehrplan 21 nicht betroffen. Harmos hat aber Folgen, wenn es um den Übertritt von einer Privatschule ins öffentliche Gymnasium geht, wie der Pressesprecher der Rudolf Steiner Schule Basel und Geschäftsführer der IG Basler Privatschulen, Daniel Hering, im Interview mit der TagesWoche sagt.

(Bild: Nils Fisch)

Die Basler Privatschulen sind vom umstrittenen Lehrplan 21 nicht betroffen. Harmos hat aber Folgen, wenn es um den Übertritt von einer Privatschule ins öffentliche Gymnasium geht, sagt Daniel Hering, Pressesprecher der Rudolf Steiner Schule Basel und Geschäftsführer der IG Basler Privatschulen.

Harmos und Lehrplan 21 sorgen für heftige Diskussionen. In Basel wird das Schulsystem einmal mehr ganz gehörig umgekrempelt. Privatschulen müssen sich aber nicht an diese Vorgaben halten. Laut dem revidierten Basler Schulgesetz vom Oktober 2014 dürfen sie nun ganz offiziell anders sein als die Volksschulen. In Basel ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die an eine Privatschule gehen, heute schon vergleichsweise hoch. Die Privatschulen rechnen aber nicht damit, dass die umstrittenen Reformen zu einem weiteren Ansturm auf ihre Bildungsinstitutionen führen werden.

Daniel Hering, Basel-Stadt hat im Rahmen von Harmos einmal mehr das Schulsystem umgestellt mit neu sechs Jahren Primarschule und drei Jahren Sekundarschule mit drei Leistungszügen, gefolgt vom Gymnasium oder der Fachmaturitätsschule. Wie beurteilen Sie diesen Schritt als Schulfachmann, der die Veränderungen als Privatschulvertreter von einer Aussenposition betrachtet?

Aussenposition trifft es gut, denke ich. Harmos und die damit verbundene Schulreform betrifft die öffentlichen Schulen. Privatschulen können ihre Schulstufen und Leistungniveaus nach wie vor frei einteilen. Auf der anderen Seite müssen sie aber darauf achten, dass ihre Schüler in die öffentliche Schule übertreten können – wenn die Privatschule endet oder das Kind vorzeitig austritt. Die Reform trifft die Privatschulen deshalb indirekt: Sie müssen sich auf die neuen Schulstufen einstellen, um den Anschluss zu gewährleisten.

Was bedeutet dies konkret für die Rudolf Steiner Schule?

Auf der Primarschulstufe haben wir deutlich mehr Übertritte von der Volksschule in die Rudolf Steiner Schule. Umgekehrt gibt es nur sehr vereinzelte Fälle. Übertritte in die Volksschule werden unkompliziert zwischen den Schulleitungen abgesprochen. Für Gymnasien und Fachmittelschulen gibt es spezifische Übertrittsvereinbarungen.

Wie beurteilen Sie die Reform des Volksschulsystems qualitativ? Harmos und Lehrplan 21 stossen in breiten Kreisen auf harsche Kritik.

Über den Lehrplan 21 wird schon genug gestritten, da halte ich mich gerne zurück. Der Lehrplan 21 ist übrigens für Privatschulen nicht verpflichtend. Sie können ihn übernehmen, eigenen Lehrplänen folgen oder andere übernehmen, wenn sie den Anschluss ihrer Schülerinnen und Schüler gewährleisten. Das ist eine sinnvolle Regelung.

In Basel-Stadt ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die eine Privatschule besuchen, vergleichsweise hoch. Liegt das an den vielen Reformen?

Ich denke nicht. 2013 gingen 12,6 Prozent aller Schüler in Basel-Stadt in eine Privatschule, wenn Sie vom Kindergarten bis zur Mittelschule rechnen. Das ist im Vergleich mit anderen Kantonen eine hohe Zahl und zeigt, dass Privatschulen in Basel-Stadt sehr populär sind. Die Zahlen sind seit 2007 mehr oder weniger konstant geblieben. Interessant ist aber, dass der Anteil von Kindern aus der hiesigen Wohnbevölkerung nur 7,6 Prozent beträgt. Das zeigt, dass ein grosser Teil der Privatschüler aus anderen Kantonen kommt.

Aber wieso ist der Anteil der Privatschüler in Basel-Stadt so hoch?

Basel hat ein breites Privatschulangebot. Hier gibt es zum Beispiel die älteste und grösste Steinerschule der Schweiz – mit allein schon über 700 Schülern. Dann haben die internationalen Schulen grossen Zulauf, die Swiss International School oder die Academia International School zum Beispiel. Dazu trägt sicher die Pharmaindustrie bei.

Warum ist die Steinerschule hier so populär? Gibt es besonders viele Anthroposophen in Basel?

Nein, das nicht. Anthroposophische Elternhäuser machen weniger als drei Prozent aus. Die Rudolf  Steiner Schule Basel hat aber eine lange Tradition: Sie besteht schon seit 1926 und war die erste Steinerschule in der Schweiz. Viele Familien halten der Schule die Treue – zum Teil bereits in der dritten Generation. Dann gibt es Eltern, die generell eine Alternative zur Volksschule suchen. Dazu kommen Quereinsteiger: Schüler, die erst in die Volksschule gehen, dann aber merken, dass diese Schulform nicht für sie passt. In dem Fall bieten Privatschulen wie die Steinerschule, die Minerva Schule oder das ipso – Haus des Lernens eine Alternative.




(Bild: Nils Fisch)

«Die Rudolf Steiner Schule Basel hat viel vorweggenommen, was sich in der Volksschule erst Jahrzehnte später etablierte.»

Rechnen Sie damit, dass es mit dem wenig geliebten Lehrplan 21 zu einem Ansturm an Schulumsteigern kommen wird? 

Ich rechne nicht mit einem Ansturm. Eltern, die eine schulische Alternative suchen, kommen heute schon. Da wird sich nicht viel ändern.

Kann sich eine Privatschule wie die Rudolf Steiner Schule in Zeiten wiederholter Schulreformen als Oase der Beständigkeit profilieren?

Privatschulen sind sehr wandlungsfähig. Ihre Stärke ist, besondere pädagogische Konzepte zu entwickeln und schnell umzusetzen. Privatschulen funktionieren unternehmerisch oder als gemeinnützige Vereine. In beiden Fällen sind sie aber autonom geführt. Im Vergleich zur Volksschule sind sie unabhängiger, zum Beispiel von einer übergeordneten Administration.

Wie beständig kann oder darf die Schule sein? Hält die Rudolf Steiner Schule Basel nicht stark an einem traditionellen Konzept fest?

1926, in der Pionierphase, war sie vor allem anders. Die Rudolf Steiner Schule Basel hat viel vorweggenommen, was sich in der Volksschule erst Jahrzehnte später etablierte. Es gab von Anfang an Koedukation. Mädchen und Jungen gingen in die gleiche Klasse, besuchten den gleichen Unterricht und hatten dieselbe Schulzeit. Und es gab schon 1926 zwei Fremdsprachen bereits ab der ersten Klasse. Eines gab es aber nicht: das Sitzenbleiben. Dann gibt es, wie Sie sagen, die Beständigkeit, das sind klassische Merkmale wie Epochenunterricht, die starke Stellung der Klassenlehrperson oder eine integrative anstelle einer selektiven Pädagogik. Das gibt es seit fast 90 Jahren.

Das sind aber alles traditionelle Merkmale, die Sie hier nennen.

Natürlich gibt es auch Reformen. In jüngerer Zeit zum Beispiel das bewegte Klassenzimmer: In den ersten zwei Jahren gibt es keine Tische und keine fixe Sitzordnungen, sondern Bänke, auf denen man schreiben, aber auch gehen oder den Raum verändern kann. So versucht die Schule, den Übergang vom Kindergarten zur Primarschule fliessend zu gestalten. Eine andere Reform wurde von der Volksschule beeinflusst: Seitdem Basel-Stadt die Integration eingeführt hat, wird auch an der Steinerschule in einer Klasse integrativ unterrichtet – nun schon im fünften Jahr. 

Sie haben jetzt einige Punkte erwähnt, welche die Volksschule später selber eingeführt hat, man könnte auch Lernlandschaften und Kompetenzförderung nennen, die im Rahmen des Lehrplans 21 auf Kritik stossen. Hatte die Steinerschule da eine Vorreiterrolle?

Nein, das sehe ich nicht so. Es wäre mir neu, dass sich die Volksschule an Kompetenzen der Privatschulen orientieren.

Nach dem neuen Basler Schulgesetz können Privatschulen jetzt offiziell anders sein als die Volksschule. Die Andersartigkeit und Besonderheit der Privatschulen wird sogar explizit begrüsst. Laut altem Schulgesetz von 1929 hätte die Steinerschule ihren Unterricht bislang gar nicht anbieten dürfen. Freuen Sie sich, dass Sie nun endlich legal agieren können und sich nicht durchmauscheln müssen?

(Lacht) Dass es diese Differenz zwischen Gesetz und Schulalltag gab, war jedem bekannt. Privatschulen wurden ja immer schon beaufsichtigt. 1929 sagte man, eine Privatschule habe ähnlich einer Volksschule zu funktionieren. Deshalb sollte sie auch den Lehrplan des Kantons befolgen. Das war schon lange nicht mehr Praxis. Nicht an der Steinerschule und auch nicht an der Montessori Schule oder den Internationalen Schulen. Es dauerte einfach 84 Jahre, bis das schon Selbstverständliche auf Gesetzesebene angekommen ist. Man muss aber auch sehen: Privatschulen haben immer für den Anschluss ihrer Schüler gesorgt und deshalb jetzt auch die nationalen Bildungstandards am Ende der Volkschule übernommen.

Die Basler Volksschule möchte die Durchlässigkeit zwischen Leistungsniveaus stärken und hat die Primarschulzeit von vier auf sechs Jahre verlängert. Findet eine Angleichung zwischen der Steiner- und der Volksschule statt?

Es gibt nach wie vor erhebliche Unterschiede, gerade bei der Selektion in Leistungsniveaus. Die Volksschule beginnt mit der Selektion Ende der Primarstufe. Steinerschulen beginnen damit erst in der Mittelschulstufe, und auch hier nur in einzelnen Fächern, die besonders maturrelevant sind. In einer Steinerschule können die Schüler zwölf Jahre zusammen in einer Klasse bleiben, jedenfalls im grössten Teil des Unterrichts. Weiter sind in der Steinerschule künstlerische und handwerkliche Fächer stärker gewichtet und den wissenschaftlichen Fächern gleichgestellt. Die Kinder und Jugendlichen sollen sich auch darin umfassend ausbilden können. Und nicht zuletzt ist die Schulorganisation zu erwähnen, welche die Eltern einbezieht – bis in den Vorstand.

«Nicht alle Familien können sich einen Privatschulunterricht leisten. Deshalb sind Privatschulen aber noch nicht elitär.»

Thema Eurythmie: Die gibt es ja nur an Steinerschulen. Ist das noch zeitgemäss, wenn, wie Sie erwähnt haben, der Anteil von Anthroposophen so gering ist?

Eurythmie ist ein Bewegungsfach, das auf Kunst ausgerichtet ist, vor allem Musik und Literatur. Sie gehört zum Bewegungskonzept der Schule wie der Sport oder das bewegte Klassenzimmer.

Die Rudolf Steiner Schule legt viel Wert auf künstlerische und handwerklich Fächer. Macht es das in einer Zeit, in der das Leistungsprinzip und die Wirtschaftskompatibilität der Schule immer wichtiger werden, nicht schwierig, die Schüler auf das auf Effizienz getrimmte Leben vorzubereiten?

Das haben wir in einer Ehemaligenstudie aus dem Jahr 2007 untersucht. 99 Prozent der 622 Befragten haben eine Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen, eine Lehre oder ein Studium zum Beispiel. Das scheint mir ein guter Effizienzbeweis. Auch hinsichtlich Abschlüssen stehen die Steinerschulen gut da: 44,2 Prozent eines Jahrgangs machen die Matur. Das ist ein hoher Wert, angesichts der Tatsache, dass Selektion erst im Lauf der 10. Klasse anfängt.

Aber in Basel müssen die Schüler ihre Maturprüfungen an einem öffentlichen Gymnasium absolvieren.

Ja. In Zürich gibt es eine Hausmatur, in Basel gibt es die Matur per Übertritt ans Gymnasium. Bisher war das so, dass die Schüler die 12. Klasse der Steinerschule beendeten und dann in die letzte Gymnasialklasse übertraten. Nach einem Jahr hatten sie die Matur – in Baselland nach anderthalb Jahren.

Was meinen Sie mit bisher? Ist das jetzt nicht mehr so?

Nein, das hat sich geändert. Mit Harmos hat Basel-Stadt die Schulaufbahn von 14 auf 15 Jahre verlängert. Neu gibt es 2 Jahre Kindergarten, 6 Jahre Primarschule, 3 Jahre Sekundarstufe I und 4 Jahre Gymnasium. Die Steinerschüler treten jetzt nicht mehr in das letzte, sondern in das vorletzte Gymnasialjahr über. Wer nach der 12. Klasse übertritt, benötigt 16 Jahre vom Kindergarten bis zur Matur. Neu gibt es aber den Übertritt Ende der 11. Klasse: Dann braucht der Schüler 15 Jahre, verlässt die Steinerschule aber schon Ende 11. Klasse. Das ist nicht einfach zu handhaben.

Wäre eine Alternative, die kantonale Matur wie in Zürich selber anzubieten?

Nein, weil die Auflagen dafür immens sind. Die Rudolf Steiner Schule Basel hat sich aber entschieden, auf die Eidgenössische Matur vorzubereiten. Das beginnt mit der jetzigen 12. Klasse und dauert zwei Jahre.

Zurück zum Stichwort Wirtschaftskompatibilität: In der Schweiz wird der Mangel an Fachkräften beim technischen und naturwissenschaftlichen Nachwuchs beklagt. Wie viele Steinerschüler werden Ingenieure oder Chemiker?

Die Ingenieure kann ich mit 6,3 Prozent beziffern. Für die Chemiker habe ich keine Zahlen. Geistes- und naturwissenschaftliche Berufe machen aber 6,1 Prozent aus. Fast die Hälfte, genauer gut 45 Prozent, ergreift Lehrberufe, Gesundheitsberufe, künstlerische oder soziale Berufe. Den Fachkräftemangel in technischen oder naturwissenschaftlichen Berufen beseitigt die Steinerschule damit nicht (lacht), sie trägt aber zur Verbesserung der Bildung und des Sozialen bei.

Privatschulen sind teuer. Sind sie somit letztlich Ausbildungsstätten für die Privilegierten?

Es kommt darauf an, was Sie mit teuer meinen. Die Mittel einer Privatschule sind in der Regel deutlich niedriger, verglichen mit einer öffentlichen Schule. Betriebswirtschaftlich gesehen sind sie also nicht teuer, sondern günstig.  Wenn Sie die Elternbeiträge meinen, ist das natürlich anders. Die Privatschulen sind gezwungen, Schulgelder zu erheben, weil die Kantone sie nicht oder nur wenig unterstützen. Das hat natürlich zur Folge, dass sich nicht alle Familien einen Privatschulunterricht leisten können. Privatschulen sind aber deshalb noch nicht elitär. Die meisten Schüler der Steinerschule Basel stammen aus der Mittelschicht – aus Familien mit einem Jahresbruttoeinkommen zwischen 80’000 und 120’000 Franken. Kommt hinzu, dass die Schule auf ein solidarisches Finanzierungsmodell setzt und das Schulgeld einkommensabhängig erhebt. Damit können auch Kinder die Schule besuchen, wenn die Eltern nicht über das Einkommen der Mittelschicht verfügen.

Daniel Hering

Der 41-jährige Vater von zwei Kindern ist Geschäftsführer der IG Basler Privatschulen, leitet die Schulleiterkonferenz der Steiner Schulen Region Basel und amtiert als Pressensprecher der Rudolf Steiner Schule Basel. An der Basler Steinerschule war er neun Jahre lang als Lehrer für Geschichte und Deutsch tätig. Seit einem Jahr arbeitet er selbstständig im Bereich Public Affairs mit dem Spezialgebiet Bildungspolitik. Er wohnt in Arlesheim.

Konversation

  1. Herr Hering führt die Maturitäsquote von 44.2% unter seinen Schülern als Beleg für die Effizienz seiner Schule aus – dies sollte man zumindest in Frage stellen:
    Gemäss Bundesamt für Statistik beträgt die Maturitätsquote 30.5% in Baselstadt für die gymnasiale Maturität. Gleichzeitig beträgt die Anzahl Fremdsprachiger Schüler/innen in Baselstadt zumindest in der Vorschule 49.8%.
    In der Schweiz besteht ein grosser Zusammenhang zwischen Fremdsprachigkeit, dem Einkommensniveau der Eltern und dem erreichtem Bildungsstand. Der Anteil fremdsprachiger Kinder an der Rudolfsteiner Schule dürfte gegen 0 tendieren. Herr Hering teilt selber mit, dass die meisten Eltern aus dem mittleren (und wahrscheinlich auch aus dem oberen) Einkommensniveau kommen.
    Nach jenen Kriterien selektionierte Schüler/innen die die Volksschule in Baselstadt besuchen haben, weisen vermutlich eine Maturitätsquote von über 50% auf.
    Es ist sicher so, dass die erreichte Maturitätsquote nur ein Indikator unter vielen ist. Da sie von Vertretern der Rudolf Steiner Schule aber besonders gerne erwähnt wird, sollte man aber auch darstellen, wie sie zustande kommt.

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