Quellwasser oder Deponie? Das Laufental stellt sich auf einen langen Konflikt ein

Oberhalb von Zwingen soll eine grosse Aushubdeponie entstehen. Darunter liegen jedoch zwei der grössten Wasserquellen des Laufentals. Eine Region setzt sich zur Wehr.

Peter Hueber, Präsident der Bürgerkorporation Zwingen, will mit einfachen Mitteln die beiden Quellen der Gemeinde erhalten.

(Bild: Olivier Christe)

Oberhalb von Zwingen soll eine grosse Aushubdeponie entstehen. Darunter liegen jedoch zwei der grössten Wasserquellen des Laufentals. Eine Region setzt sich zur Wehr.

In der Auslage der Bäckerei sind die Berliner sorgfältig mit Seidenpapier vor der Mittagssonne und Fliegen geschützt. Aus den Gärten dröhnen die Rasenmäher und kleine Hunde rennen bellend an den Zaun. Andere hängen an Leinen in den sonst leeren Strassen. Eine Gruppe Schulbuben fährt in gewaltigen Traktoren dazwischen. Sie fahren ruppig an, es ist Fahrschule.

Alles wirkt vertraut an diesem frühen Mittwochnachmittag in der Laufentaler Gemeinde Zwingen. Schweizer Landleben eben. Wären da nur nicht überall diese Plakate. In kindlich sympathischer Schrift steht rot oder blau auf weissen Leintüchern: «Quellen retten» oder «Depo-NIE». 

Die Plakate hängen an Balkonen, Fassaden und Wäscheleinen, an Strassenecken und Bäumen. Meist umfasst ein grosses Herz das Wort «Quellen». An der befahrenen Strasse Richtung Breitenbach haben sich die Leintücher bereits dunkel verfärbt, doch noch immer liest dort jeder «Nur die dümmsten Kälber vergiften ihre Quellen selber.»

Wasser sei kein Menschenrecht – mit dieser Aussage schockierte Nestlé-Chef Peter Brabeck 2012 zwar viele, im Wasserschloss Schweiz traf das Thema aber höchstens die Gewissen. In Zwingen sieht das anders aus.



Peter Hueber, Präsident der Bürgerkorporation Zwingen, will mit einfachen Mitteln die beiden Quellen der Gemeinde erhalten.

Die Leintuchbanner des Sekundarschullehrers Peter Hueber kennt im Laufental jeder. (Bild: Olivier Christe)

Eine grosse Deponie oberhalb der Gemeinde soll den Aushub von Basel, Unterbaselbiet, Dorneck und Laufental für die nächsten Jahrzehnte fassen – 12 Millionen Kubikmeter in Zwingen, 22 im darüber angrenzenden Blauen. Unter dieser geplanten Deponie liegen jedoch zwei der grössten Trinkwasserquellen des Tals. Diese müssten geschlossen werden.

Deponie-Gegner in Kampfstellung 

Trotz Widerstand aus der Bevölkerung hat der Landrat des Kantons Basel-Landschaft am 14. April entschieden, die entsprechende Zonenänderung im Richtplan zu verankern. Ein Entscheid, den man im Laufental nicht verstehen kann. Die nötigen 1500 Unterschriften für das Referendum sind schon lange vor Ablauf der Frist gesammelt. Der Überschuss ist gross. Man macht sich auf einen langen Konflikt bereit.

Peter Hueber, Präsident der Burgerkorporation Zwingen und Fähnleinführer im Quellenstreit, gibt sich kämpferisch: «Wenn es sein muss, gehen wir bis vor Bundesgericht. Oder wir verkaufen unsere Quellen einem Wasserproduzenten oder Bierbrauer. Aber wir schütten sie nicht mit Aushub zu.»

Die Leintücher führen zu Huebers Haus in einer ruhigen Seitenstrasse. Es ist das Epizentrum der Bannerschlacht. Die allgegenwärtige Schrift im Laufental ist die des 59-jährigen Sekundarschullehrers. Er sei kein Träumer, doch er verlange von den Behörden, dass auch sie vernünftig seien: «Der Aushub muss irgendwo hin und wir haben hier Möglichkeiten für eine Deponie. Aber nicht in diesem Ausmass und nicht im Quellgebiet. Das werden wir nicht akzeptieren.»

Eine Frage der Prioritäten

Huebers Wunsch nach mehreren Kleindeponien ist nicht aus der Luft gegriffen. 1998, am Anfang der Standortsuche, verfolgte auch der Kanton diesen Ansatz. Bis man feststellte, welch aufwendige politische Prozesse mit solchen Deponien einhergehen, so Martin Kolb vom Baudepartement Baselland. Kleindeponien hätten einen unüberschaubaren Bürokratiesumpf zur Folge und wären wenig wirtschaftlich. 

Anhand eines Punktesystems wurden unzählige mögliche Standorte für eine Grossdeponie evaluiert, wobei Zwingen und Blauen im Schlussbericht Rang 1 und 2 belegten. Die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Grossdeponie liess die beiden Nutzwasserquellen in der Prioritätenliste nach hinten rücken.

Als Ersatz ist derzeit eine Leitung von der anderen Talseite geplant, die Zwingen mit Quellwasser versorgen würde. Zudem wird laut Alberto Isenburg vom Amt für Umweltschutz und Energie geprüft, ob eine der beiden Quellen doch erhalten werden könne. Zudem betont er, dass es sich ausschliesslich um eine Aushubdeponie handelt und keine Inertstoffe deponiert werden sollen. In einer früheren Planungsphase war davon noch die Rede.

Von all dem will Hueber dennoch nichts wissen. Seine Angst liegt im Krisenfall begründet. Im Hitzesommer 2003 kam es plötzlich zu Wasserengpässen, weil sich das Grundwasser zurückzog, von dem der Grossteil des Nutzwassers stammt. In jenem Sommer entnahm Zwingen den beiden Quellen einen Grossteil des benötigten Wassers.

Das könnte dauern

Diese Erfahrung gemischt mit den zunehmend trockeneren Jahresmittelwerten ist Ausgangspunkt für den Kampf um die Quellen. Hueber sagt: «Wir wissen nicht genau, wie sich der Grundwasserspiegel entwickeln wird – er hat sich von 2003 noch nicht erholt – und deshalb wollen wir uns dieses Wasser für die Zukunft unbedingt erhalten.» Zudem lief beim Hochwasser von 2007 Heizöl aus, worauf das Grundwasser prophylaktisch nicht mehr genutzt werden konnte. «Das Quellwasser garantierte damals die Wasserversorgung.»

Während Hueber und die beiden Gemeinden bereits ans Bundesgericht denken, bestätigt auch Kolb, dass er von einem sehr langen Prozess ausgehen wird. «Die Standortmöglichkeiten sind beschränkt und es kann nicht sein, dass wir unseren Aushub weiterhin ins Ausland und in den Kanton Aargau bringen.» Als nächstes folgt das Referendum. Die Abstimmung könnte noch in diesem Jahr vors Volk kommen.

Da am Schluss sowieso eine Gemeindeversammlung die Deponie gutheissen muss, steht das Projekt auf sehr wackeligen Beinen. Und doch lieber mehrere Kleindeponien statt gar nichts? Kolb winkt ab: «Zurzeit ziehen wir diese Möglichkeit nicht in Betracht. Es wären sehr kurzfristige Lösungen. Wir müssen gemeinsam mit den Gemeinden eine Lösung finden.»

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