Rasende Rollschuhe und rempelnde Girls

Seit einigen Wochen gibt es in Basel ein Roller Derby Team: Volltätowierte Frauen, die sich auf Rollschuhen gegenseitig die Birne einschlagen. Oder? Nicht ganz. Ein Besuch bei den Basler Rollergirls.

(Bild: Livio Marc Stoeckli)

Seit einigen Wochen gibt es in Basel ein Roller Derby Team: Volltätowierte Frauen, die sich auf Rollschuhen gegenseitig die Birne einschlagen. Oder? Nicht ganz. Ein Besuch bei den Basler Rollergirls.

Keuchend liege ich auf dem blauen Gummiboden der Turnhalle. Ich habe zwei Stunden der irrsten Sportart hinter mir, mein Gesicht glüht, die Haare unter dem Helm sind verschwitzt. Aus den Boxen trällert David Hasselhoff «Hooked on a Feeling», und ich kann nicht umhin, den Songtext als ein Zeichen zu deuten. Lieber David, denke ich, ich verstehe dich. Ich bin genauso hooked. Nur gehts bei mir um rasende Rollschuhe und rempelnde Girls.

Der Grund für meine Begeisterung ist eine unkonventionelle Sportart, die es seit Kurzem auch in Basel gibt: Roller Derby.

Man stelle sich ein paar hübsche Diner Girls auf vierrädrigen Rollschuhen vor, die sich plötzlich in einer Arena mit rumschreienden Luchadores in glitzernden Kostümen wiederfinden. Es geschieht eine wundersame Transformation: Die Mädchen reissen sich die Schürzen vom Leib, zwängen sich in enge Shorts und sind von nun an skrupellose Amazonen in schillernden Helmen, die sich auf einer Rollschuhbahn gegenseitig die tätowierten Ellenbogen ins Gesicht rammen. So zumindest der erste Eindruck von aussen. «Viel Spass bei den Kampflesben!» grinst denn auch mein Mitbewohner, als ich mich auf den Weg zu den Rollergirls mache.

Grosses Spektakel auf Rollen

Roller Derby wird seit den Dreissigerjahren betrieben. Damals ging es in erster Linie noch um das Drumherum: Wie im Wrestling wurde ein Spektakel geboten, die Fahrerinnen und Fahrer schubsten wie wild, vollführten brutale Stürze und humpelten mit blauen Flecken übersät von der Bahn. Mit heutigem Roller Derby hat das wenig zu tun: «Roller Derby vereint Strategie, Teamgeist und Disziplin, genauso wie jeder andere Teamsport. Nur macht es mehr Spass.» Neele Schulte lacht. 



Ohne Aufwärmen kein Roller Derby.

Ohne Aufwärmen kein Roller Derby. (Bild: Livio Marc Stoeckli)

Sie hat Ende Mai via Facebook einen Link zugeschickt bekommen: Eine Frau aus Seattle wollte in Basel ein Derbygirl-Team gründen und suchte nach Mädchen, die mitmachen wollten. Schulte war sofort Feuer und Flamme. Sie war bereits in Bern an der Gründung des dortigen Teams beteiligt und auf der Suche nach einem Teamsport, der ihr entsprach. Also meldete sie sich und gründete kurze Zeit später mit drei weiteren Mädels das Basel Derbygirl Kollektiv (BDK).

Auch ein Trainingsplatz war schnell gefunden: Im Sommer übten sie im Schützenmattpark und mit Rollschuhen auf dem Messeplatz. Für den Winter hat sich das Kollektiv eine Halle im St. Johann gemietet.

Team-Idylle der coolen Mädchen

Bereits beim Eintreten merke ich, dass mein Mitbewohner mit seiner hämischen Bemerkung weit daneben lag: Eine ganze Bandbreite von coolen Mädchen ist beim BDK vertreten, von laut lachenden Riot Grrrls mit grell gefärbten Haaren bis zur ruhigen Studentin mit Pferdeschwanz. Einige sind tätowiert, andere nicht. Die meisten tragen Shorts, eine zupft an ihren Kniesocken, auf denen gross «Fuck you» geschrieben steht. Alle lachen und albern herum. Die Stimmung ist so harmonisch wie in einem Versicherungsspot, nur mit besseren Outfits.



Kluge Köpfe schützen sich.

Kluge Köpfe schützen sich. (Bild: Livio Marc Stoeckli)

Ich schnüre die ausgeliehenen Rollschuhe zu, schnalle die riesigen Schoner um und richte mich leicht schwankend auf. So schwierig ist das ja gar nicht, denke ich. Voller Enthusiasmus reihe ich mich in die Gruppe der Mädchen ein, die sich warmlaufen.

70 Seiten Regeln

«Die Menschen sind immer wieder erstaunt, wie sportlich Roller Derby tatsächlich ist», sagt Natashia Collier. Die quirlige Amerikanerin war diejenige, die im Mai auf Facebook den Aufruf startete und seither das Team coacht. In Colliers Heimatstadt Seattle ist Roller Derby eine grosse Sache. Umso verblüffter war sie, als sie herausfand, wie unbekannt die Sportart hierzulande ist. Trotzdem: Die Klischees seien überall die gleichen. «Entweder erwarten sie eine Horde sich prügelnder Emanzen oder sie denken, es gehe nur ums Spektakel. Dabei ist es harte Arbeit. Nur schon das Regelwerk ist über 70 Seiten lang.» 

Der Spielablauf ist gleichwohl schnell erklärt: Zwei Teams à fünf Mädchen treten gegeneinander an. Eine der fünf ist jeweils der «Jammer», sie muss sich mithilfe ihres Teams durch das Gegnerteam kämpfen und versuchen, so viele Mädchen wie möglich zu überholen, um an Punkte zu kommen. Um den «Jammer» entweder zu unterstützen oder abzuhalten, sind die kreativsten Formen von Anrempeln erlaubt.



Geballte Girl Power auf Rollschuhen.

Geballte Girl Power auf Rollschuhen. (Bild: Livio Marc Stoeckli)

Nur Fäuste, Ellenbogen und dergleichen sind verboten. «Wir wollen einander ja nicht blutig schlagen», sagt Collier und lacht. Dafür darf man im Roller Derby aus Herzenslust rammen: Wer keine Ellenbogen einsetzen darf, benutzt eben seinen ganzen Körper.

Enger Zusammenhalt und sexy Mädchenkram

Glücklicherweise stehen die meisten Basler Derbygirls auch erst seit Kurzem auf den Rollen und rempeln noch nicht mit aller Kraft. Ich schnaufe hinterher, benutze den Fotografen als Pausen-Ausrede und kurve von Zeit zu Zeit wieder hin zu Neele Schulte, deren Rollschuhe ich trage.

«Was ist der Reiz dieser Sportart?», frage ich sie gegen Ende des Trainings. «Du hast es ja selber erlebt», sagt Schulte, «es sind tolle Mädchen da, wir haben einen enormen Teamzusammenhalt.» Das sei auch unter Gegnerteams nicht anders. Immer wieder bieten Rollergirls aus anderen Städten ihre Hilfe an, geben Trainings und laden zu Spielen ein.



Ich, post-Derby.

Ich, post-Derby. (Bild: Livio Marc Stoeckli)

«Und dann noch der ganze Mädchenkram!» Schulte lacht. Als Rollergirl könne man sich vor bunten Rollen, glitzernden Helmen und knappen Outfits kaum retten. Dazu kommt der Derby-Name, den sich jedes Rollergirl nach einer Weile gibt. Namen wie «Michelle O’Bam Ya» oder «Smashley Simpson». Je ausgefallener, desto besser. «Im Roller Derby kannst du eine Rolle annehmen, du kannst jemand anderes werden, auch das macht seinen Reiz aus», meint Schulte, deren Derby-Name «Dead Riding Hood» lautet. «Und man ist halt unter Mädchen. Das macht die Sache nochmals entspannter.»

Als ich wenig später mit ein paar Freunden in einer Bar sitze, sehe ich eine der Rollergirls, die im Training gefehlt hatte. Sie kommt sofort her: «Hab gehört, du warst heute im Training! Hats dir gefallen?» Sie erzählt vom ersten Wettkampf, dem das BDK als Besucher beiwohnte, wie schüchtern sie als Neulinge waren, aber sofort wie Schwestern aufgenommen wurden. Und auch sie erzählt, wie toll der Zusammenhalt im Team sei und wie sie sich jedes Mal wie verrückt aufs Training freut. «Bist du das nächste Mal auch wieder dabei?» Ich denke an David Hasselhoff und nicke lächelnd.

Es ist anstrengender als es aussieht, im Fall.

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Lust auf Roller Derby bekommen? Das Basel Derbygirl Kollektiv sucht immer Furchtlose. Auch Männer sind willkommen: Schiedsrichter brauchts im Roller Derby mindestens drei – und im Moment hat das Kollektiv erst einen. Also los!

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