Rendez-Vous mit einem Mutigen

Max Madöry kuratiert zu Jean Cocteaus 50. Todestag Ausstellungen am Heuberg.

Kurator Max Madöry und Galeristin Brigitta Leupin bereiten die Ausstellung vor. (Bild: Stefan Bohrer)

Der Basler Max Madöry hat sich vor gut acht Jahren von seiner Jean-Cocteau-Sammlung getrennt. Doch losgelassen hat ihn der Künstler nicht: Zu Cocteaus 50. Todestag kuratiert Madöry Ausstellungen am Heuberg.

«Man darf Wahrheit nicht mit Mehrheit verwechseln», sagte einst ein Mann in Paris. Er sagte das zu einer Zeit, als Homosexuelle ungläubig den Kopf geschüttelt hätten, wenn man ihnen gesagt hätte, dass sie in Frankreich einmal heiraten dürfen. Das vorletzte Jahrhundert neigte sich dem Ende zu, als Jean Cocteau 1889 geboren und der Eiffelturm eröffnet wurde. Bereits als Teenager schrieb und veröffentlichte er Gedichte und wurde bald zu dem, was er sein Leben lang blieb: Dichter, Maler, Regisseur, Denker.

Diese Bezeichnungen reichen nicht aus, um auszudrücken, was er vor allem war: ein mutiger Mensch. Weil er tat, wonach ihm war. Das mag banal klingen, doch darf man fragen: Wer tut das schon? Cocteau traute sich, Künstlerkollegen zu kritisieren. Über Joan Mirós Kunst schrieb er, diese sei mit einem Zuckerstängel zu vergleichen, an dem so lange gelutscht wird, bis er spitz genug ist, um jemanden zu erdolchen.

Ewiger Weggefährte im Geiste

Einem Basler Teenager gefielen Kunst und Wesen Cocteaus so sehr, dass er alles zu sammeln begann, was mit dem Mann aus Paris zu tun hatte. Was der junge Basler nicht wissen konnte: Im Herbst des Jahres, als er Cocteau entdeckt, stirbt dieser. Er hinterlässt unzählige Bilder, Texte, Keramiken, Geschichten. Genug, um ihn auch postum kennenlernen zu können. Das tut der heute 66-jährige Max Madöry seit 50 Jahren. Er lernt Cocteau nicht nur kennen, er lebte eine Zeit lang sozusagen mit ihm zusammen. Bis es ihm zu viel wurde.

Max Madöry löste sein Cocteau-Kabinett im Kleinbasel vor acht Jahren auf, trennte sich von einem grossen Teil der Kunst und gab sie an «gute Orte». Damals sagte er: «Eine Sammlung zu installieren, ist etwas Fruchtbares. Doch inzwischen bin ich nicht mehr Kunstsammler, sondern Kunstverwalter.» Losgelassen hat ihn Cocteau trotz der Trennung vom Materiellen nie. Er bleibt Madörys Weggefährte im Geiste.

Zwei Künstler, ein Todeszeitpunkt

Am 11. Oktober 1963 stirbt Jean Cocteau einen Tag nach Edith Piaf. Wie kann so etwas passieren? Wie kann es möglich sein, dass zwei der wichtigsten Künstler Frankreichs praktisch am gleichen Tag sterben? Die Frage wurde seither oft gestellt, eine Antwort weiss bis heute niemand. Doch heute noch ist die Trauer gross in diesen Tagen. Jährlich wird an Cocteaus Todestag ein Gottesdienst abgehalten. Und Edith Piaf bereut weiterhin nichts und wird das bis in alle Ewigkeit tun. Zu ihrem Todestag erscheint eine weitere Biografie über die Sängerin.

Max Madöry reicht es nicht, den beiden zu gedenken und den Medien zu entnehmen, wie grossartig sie waren. Er will mehr. Und er will vor allem eines: Cocteau der jungen Generation nahe bringen. «Denn,» so sagt er: «das Schaffen des Künstlers hat kein bisschen an Aktualität eingebüsst.» Cocteaus Mut, unter anderem im Umgang mit der eigenen Homosexualität, aber auch seine Kreativität könnten heute noch Vorbildfunktion haben für Menschen, die etwas wollen, sich aber durch die gesellschaftlichen Zwänge eingeschränkt fühlen.

Sehen, hören, fühlen

Zu Cocteaus Todestag fungiert Max Madöry als Kurator in der Galerie Heubar der Galeristin Brigitta Leupin und dem benachbarten «Raum für Kunst» am Heuberg 24 bei Felix Ackermann. Die ausgestellten Objekte stammen aus Zürich und werden dem Basler Publikum zum Kauf angeboten. Bereits ab 1000 Franken lässt sich eine Litographie erwerben, doch dann schnellen die Preise rasch in die Höhe. Cocteau ist zu einem begehrten Künstler geworden, die Zeiten, als Interessierte an Flohmärkten Originale aufstöbern konnten, sind längst vorbei.

Madöry will aber mehr, als die Werke des Künstlers zeigen. Er will erzählen – und erzählen lassen. Und dabei die beiden Grossen Cocteau und Piaf zusammenkommen lassen, wie sie bereits zu Lebzeiten zusammen waren; als gute Freunde und als gegenseitige Kraftquelle der Inspiration. Cocteau schrieb Texte für Piaf, diese sang und interpretierte sie. Die Schauspielerin Colette Greder wird es ihr am Fest-Wochenende am Heuberg gleich tun, weitere Programmpunkte laufen unter dem Titel «Überraschung» (siehe Kasten).

Ein Manager seiner Zeit

Aus heutiger Sicht war Cocteau ein Kulturmanager. Er ermöglichte talentierten Sängern, in Salons aufzutreten, begründete die Filmfestivals von Cannes und Venedig mit und sass dort in der Jury.

«Es gibt so viel zu erfahren über diesen Mann», sagt Max Madöry. Zu Zeiten seines Kabinetts seien manchmal Besucher hekommen, «die noch mehr über ihn wussten als ich – mehr, oder anderes».

Gleichzeitig weiss er, dass es immer weniger Menschen gibt, die sich wie er so intensiv und über viele Jahre mit dem Künstler beschäftigen. Er hofft, dass die Veranstaltungen am Heuberg helfen, den Kreis der Wissenden wenigsten ein bisschen zu erweitern. Oder wie Cocteau gesagt hat – und in diesem Zusammenhang wiederholt hätte: «Als Mensch muss man lebendig sein. Als Künstler postum.»

Unter dem Cocteau-Zitat «Je reste chez vous» finden in der Galerie Heubar am Heuberg 40 und dem «Raum für Kunst» am Heuberg 24 diverse Veranstaltungen statt: Vernissage ist am Freitag, 11. Oktober, von 18 Uhr bis 21 Uhr, in beiden Galerien gleichzeitig.
Ebenfalls zur gleichen Zeit findet am Samstag, 12. Oktober, ein «Apéro avec Cocteau» statt. «Bonsoir» heisst es am Sonntag, 13. Oktober, von 15 Uhr bis 17 Uhr.
Die Ausstellung am Heuberg 24 dauert bis am 13. Oktober und in der Heubar eine Woche länger bis am 19. Oktober. Dort findet am Freitag, 18. Oktober, von 18 Uhr bis 21 Uhr zudem eine «Soirée surprise» statt.

Konversation

  1. Die Kunst, sich selbst zu glauben. Das wird uns heutzutage verdammt schwer gemacht.

    Schon das Schuhe binden braucht eine zweite Expertenmeinung, sonst ist man unglaubwürdig.

    Cocteau ist tot? Ich könnte es nicht glauben, hätte man es mir nicht eben klar gemacht.

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