Reto Gloor zeichnet seine Krankheit

Als seine Hand zu zittern und der Boden unter seinen Füssen zu wanken begann, beschloss der Basler Comiczeichner, sein Leiden an MS in einer Graphic Novel zu verarbeiten.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Einmal, zweimal legt die Hand mit dem Löffel die kurze Strecke von der Zuckerdose zum Kaffee zurück – eine einfache Sache eigentlich, doch einfach gibt es im Alltag von Reto Gloor nicht mehr. Der Zeichner hat mit «Das Karma-Problem» eine Graphic Novel über multiple Sklerose (MS) verfasst, eine chronische Autoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem angreift und zu Störungen der Bewegungskoordination führt. Es ist Gloors eigene Geschichte.
Die linke Hand des Zeichners zittert, es kostet ihn Anstrengung, den Zucker nicht zu verschütten, aber es gelingt. Er lächelt verlegen, als er den Blick auf die rote Armschiene bemerkt: Bei einem Sturz auf der Kellertreppe hat er sich die Handwurzel gebrochen. «Rasieren, Kochen, Einkaufen, in ein Tram steigen, das sind jetzt alles schwierige Momente», sagt Gloor. Davon berichtet der Zeichner in seiner erstaunlichen Graphic Novel, die er 2013, drei Jahre nach seiner Diagnose, zu zeichnen begonnen hatte.

Die geistige Dimension

Es sollte die Dokumentation seiner Heilung werden, doch die Wirklichkeit hat sich nicht an die Vorgabe gehalten, das Leiden wurde schlimmer. «Verglichen mit heute ging es mir damals sehr gut», sagt Gloor mit ruhiger Stimme: Er hat akzeptiert, was ist, ohne sich von der Krankheit vereinnahmen lassen zu wollen. «Das Karma-Problem» handelt von diesem Balanceakt zwischen Resignation und Zuversicht.


© Reto Gloor / Edition Moderne

Die Graphic Novel erzählt subjektiv und ohne Pathos vom Verlauf der MS, die das Selbstverständnis des Zeichners schubweise auf den Kopf stellt. Gloor reagiert zunächst mit Skepsis auf die Diagnose der Mediziner, die ihm keine Besserung in Aussicht stellen, und diesen Zweifel hat Gloor bis heute behalten: «Warum sollte die Schulmedizin auch an einer Heilung interessiert sein? Mit gesunden Menschen lässt sich kein Geld verdienen.» So fährt der Zeichner auf der «alternativen Schiene» und sucht Hilfe bei Homöopathen, Medien – bislang ohne Erfolg. Dass seine Krankheit eine geistige Dimension hat, steht für ihn allerdings fest: «Es gibt Dimensionen, die sind nicht messbar.»

Begrenzte Möglichkeiten

In «Das Karma-Problem» gibt Gloor ein halbes Jahr vor der MS-Diagnose seine Anstellung an der Staatsschule auf, um sich als Comiczeichner selbstständig zu machen, bis er Feder und Pinsel nicht mehr ruhig führen kann. Die geraden Linien kommen jetzt aus dem Computer. «Wenn ich den Unterarm fest auf die Tischplatte lege, kann ich eine Maus bedienen.» Es fühlt sich für Gloor nicht wie ein Neuanfang an, «man erkennt meinen Stil immer noch. Und es ist das, was ich kann: Geschichten in Worten und Bildern erzählen.» Die Kombination, die Spannung, die zwischen den beiden Ausdrucksformen entsteht, machen für ihn das Comiczeichnen aus.      

Der 1962 in Schöftland geborene Gloor hat in Basel seine Ausbildung zum Zeichnungslehrer absolviert, 1992 veröffentlichte er zusammen mit Markus Kirchhofer seinen ersten Comic («Matter»), der sich gut verkaufte. «Für Deutschschweizer Verhältnisse», relativiert Gloor, der den geringen Stellenwert der «Neunten Kunst» bis heute spürt: Zwar unterstützten der Bund und die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft «Das Karma-Probem», Gloors Wahlheimat wies ein Fördergesuch jedoch ab. «Basel hat viele Vorzüge», sagt Gloor, «aber eine Comic-Stadt ist sie nicht.»

«Ich habe keine Tipps, nur Erfahrungen.»

Ohne die finanzielle Hilfe seiner Mutter und seines Bruders hätte Gloor «Das Karma-Problem» kaum beenden können. Er habe höchstens mit ein paar Jahren ohne festes Einkommen gerechnet, doch eine Rückkehr in den Lehrerberuf kam nicht in Frage. Auch auf Sozialhilfe hat Gloor verzichtet, da sie ihn mit ihren Auflagen in seinen ohnehin begrenzten Möglichkeiten noch weiter eingeschränkt hätte. Bleiben Ergänzungsleistungen und eine IV-Rente, von der Gloor jetzt lebt. 

Er habe keinen Ratgeber zeichnen wollen, sagt Gloor. «Ich habe keine Tipps, nur Erfahrungen.» Dass er nun Protagonist seines eigenen Comics ist, stört ihn nicht. «Was zählt, ist eine gute Geschichte, die ihren Lesern vielleicht ein paar Fragestellungen mit auf den Weg gibt.» Gloor arbeitet weiter, sein neues autobiografisches Projekt handelt nicht von seiner Erkrankung, sondern vom Leben: Das kann ihm kein Karma nehmen.

Reto Gloor: «Das Karma-Problem. MS – Eine unheilbare Krankheit übernimmt die Kontrolle.» Edition Moderne 2015, 96 S.

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