Romantisch frieren im Kiental

Bei einer Zugfahrt nach Grindelwald fällt jedes Mal auf Höhe Thunersee rechts ein Seitental auf, weil es so schön wirkt. Das ist es tatsächlich – auch wenn es seine Tücken hat.

Die Kühe haben ihre Arbeit getan. Die Alp ist abgegrast, der Käse verteilt. (Bild: Tino Bruni)

Wer wissen will, wie es um die Sicherheit in diesem Land steht, der muss ins Nostalgiehotel Waldrand-Pochtenalp im Kiental fahren. Und zwar mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Einfach ein Billett lösen bis Pochtenalp, Abzweigung Waldrand, dann ab in den Zug, in Bern umsteigen, und wie von der SBB-App vorgeschlagen in Reichenbach den Bus nehmen, auf dem unübersehbar die Nummer 220 steht, Kiental, und wenig später wissen Sie Bescheid: Sie sind mit Sicherheit falsch.

Das ist eben original Schweizer Fahrplanlogik. Es gibt nur eine Linie 220. Aber zwei Busse. Und die fahren zur exakt gleichen Zeit. Der Unterschied, stellt sich heraus, unser grosser Bus mit grosser Beschriftung fährt nicht ins, sondern nach Kiental – ein Dorf, das im vorderen Kiental liegt, nicht da, wo wir hinwollen. Der richtige Bus fährt von da erst wieder in zwei Stunden. Wie ärgerlich.

Hier kommt nun wirklich kein Bus mehr hin. Das müssen die Füsse erledigen.

Es gibt aber auch Erfreuliches. Erstens sind wir nicht die Einzigen, die Mühe mit der original Schweizer Fahrplanlogik haben. Und zweitens gibt es hier noch die original Berner Oberländer Gastfreundlichkeit. Unser Chauffeur funkt kurzerhand dem zweiten Bus, fährt ihm entgegen, so weit das immer enger werdende Tal ihn fahren lässt. Der kleine Bus 220, den wir am Bahnhof links liegen liessen, bringt uns dann die steilste Strasse hoch, die die Welt je gesehen hat in der Schweiz, und so gelangen wir doch noch ans Ziel –zum Nostalgiehotel Waldrand-Pochtenalp, weit hinten im Kiental.

Wie früher

Mit diesen Nostalgiehotels ist es so eine Sache, gerade im Herbst. Nostalgie steht ja für: wie früher. Und es schwingt mit: als alles schöner war. Ein cleveres Label für ein Haus, das praktisch vollends aus Holz gebaut ist, wo sich da und dort der Wind durch Astlöcher einschleichen kann, wo man aufs Gang-WC sitzt und – wenn überhaupt – etagenduscht. Nicht umsonst wurde es als «Historisches Hotel des Jahres 2016» ausgezeichnet.

«Wie schön», denken wir denn auch, als wir ankommen. «Aber wie kalt!», als wir unser Zimmer betreten. Es liegen Bettflaschen auf den Decken parat. Wie früher halt. Jetzt liegts an uns, daraus ein warmes Romantikzimmer zu machen.

Das wird uns gelingen. Und der Znacht ist auch hervorragend.

Umringt von Bergen geht es uns natürlich nicht nur um üppige Drei-Gang-Menüs, sondern auch um ansehnliche Vier- oder Fünf-Stunden-Wanderungen. Davon gibt es hier ein, zwei Möglichkeiten. Wir wollen auf den Chistihubel.

Gfürchig: Direkt unter dem Geröllfeld ist die Alp Gamchi immer noch in Betrieb.

Ein kurzer Anstieg zur Griesschlucht, durch die der Gornernbach fliesst, bevor er sich weiter unten wild verzweigt und zu einem hübschen Türvorleger des Tschingelsees wird. Da sollte man im Sommer hin. Wir aber steigen frühherbstlich in die andere Richtung.

Ab der Griesalp wirds langsam steil. Und auf den breiten Serpentinen, die den Wanderweg immer mal wieder kreuzen, herrscht quasi dichter Verkehr. Bauernchlapf an Bauernchlapf sozusagen. Was ist denn da los? Alpabzug oder was?

«Neeei, hüt isch Chästeilet», klärt uns schliesslich ein original Berner Oberländer Käser auf. Wir sind auf der Dündenalp angekommen. Die Festbänke sind voll, Steaks und Bratwürste überall. Die Festgesellschaft kaut ernst, aber zufrieden.

Alte Bauernregel: Sind die Käselaibe hübsch gestapelt, gibts Bratwurst.

Beim «Chästeilet», erklärt uns der Käser, treffen sich die Landwirte, die ihre Kühe hier oben gesömmert haben, und teilen den Käse im Verhältnis zur Milchleistung ihrer Kühe. Dieser Käse wird im Stall der Alp ausgestellt, geschmückt mit allerlei Volkstümlichem. Wie früher halt.

Purzelberge

Wir hätten ganz gern da mitgegessen. Aber wir hatten uns im Nostalgiehotel nun mal ein Verpflegungspaket mit auf den Weg geben lassen. Also lassen wir den Hof hinter uns. Die jungen Säuli hinter dem Stall quietschen vergnügt, als wir weiterwandern. Es geht nicht zum Chistihubel. Der Weg ist wegen Bergsturzgefahr gesperrt. «Bondo», denken wir, «dann improvisieren wir eben.»

Das sieht dann so aus: Traversieren zur Oberen Bundenalp, ein Eingeklemmtes, etwas Obst und Most dazwischen, dann auf einer langgezogenen Schlaufe runter ins Tal zur Alp Gamchi, deren Anblick man geniessen muss, denn so wie es aussieht, könnte die jederzeit unter einer gröberen Gerölllawine verschwinden. Ein Findling hat es schon bis kurz vor die Hauswand geschafft, und ein Katzenbaby springt mir auch gleich in die Arme, so sehr fürchtet es sich wahrscheinlich vor den Felsen, die noch da oben an der Steilwand ruhen.

Es führt derzeit kein Weg auf den Chistihubel. Bergsturzgefahr.

Aber was verstehe ich schon von Gerölllawinen. Ich setze das Kätzchen zurück auf den Boden und wir suchen das Ende der Wanderung. «Schön wars», sagen wir, wie immer, wenn wir nach einer Wanderung in der Sonne vor einem Bierchen auf der Beizenterrasse sitzen dürfen. Es stimmt auch dieses Mal.

Vor dem Nostalgiehotel, wo wir unser Gepäck abholen, hat sich unterdessen einiges getan. Ein Konzert auf der kleinen Freilichtbühne vor dem Haus. Wir haben es verpasst. Es folgt noch ein zweites Konzert. Musik aus der Stadt steht auf dem Programm.

Wir werden auch die verpassen. Wir sitzen im Bus 220. Richtung Bahnhof Reichenbach. Uns kann nichts mehr passieren.

  • Unterkunft: Das Hotel Waldrand-Pochtenalp ist rustikal, aber sehr heimelig. Es wird saisonal und gekonnt gekocht, zum Frühstück gibt es ofenwarmes Brot zu kalter Platte und einen Butterzopf, heieiei. Und das alles zu familienkompatiblen Preisen.
  • Umgebung: Zahlreiche Wandermöglichkeiten. Kartenmaterial finden Sie im Hotel. Die Wege sind bestens markiert.

Konversation

  1. Rechts hoch? Da steht der Niesen!

    Rustikal? Nostalgisch? oder doch eher „Nostalgesisch“? Algesie tut nämlich weh.
    Wenn einen nicht der Übermut des patriotischen Heimatgefühls gepackt hat, gäbe es da noch die Alternative, dorthin zu gehen, wo man tatsächlich auch willkommen ist. Vielleicht ist es dann etwas teurer, aber „Patriotisches Frieren“ muss was sehr Besonderes sein, weil der heimatliche Wind weht!

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