Schluss mit Überzeit für Basler Verwaltungskader

Bis vor Kurzem herrschte bei den hohen Verwaltungsangestellten in Basel ein Arbeitszeit-Durcheinander. Nun gilt für alle: Überstunden sind passé.

Die gute alte Stempeluhr hat ausgedient, zumindest für die höheren Kader in der Basler Verwaltung.

Bis vor Kurzem herrschte bei den hohen Verwaltungsangestellten in Basel ein Arbeitszeit-Durcheinander. Nun gilt für alle: Überstunden sind passé.

Der Regierungsrat beschloss am 20. Dezember, dass für höhere Staatskader künftig ein neues Arbeitszeitmodell gilt. Ein Beschluss, der für einige Verwaltungsangestellte ein eher unerwünschtes Weihnachtsgeschenk darstellt, denn mit der Einführung der sogenannten Vertrauensarbeitszeit dürfen sie seit dem 1. Januar 2017 keine Überstunden mehr erfassen.

Das neue Arbeitszeitmodell ist für alle Staatsangestellten ab Lohnklasse 21 obligatorisch. Darunter fallen etwa Dienststellenleiterinnen, die gemäss kantonaler Lohntabelle ein Jahresgehalt von rund 137’500 Franken verdienen (inkl. 13. Monatslohn). Gemäss Andrea Wiedemann, Leiterin des zentralen Personaldienstes, sind davon 135 Personen betroffen. Freiwillig ist die Vertrauensarbeitszeit für die Angestellten der Lohnklassen 18 bis 20 (1237 Personen), die sich in gegenseitigem Einverständnis mit ihren Vorgesetzten ebenfalls für dieses Arbeitszeitmodell entscheiden können.

Konkret sieht die Vertrauensarbeitszeit vor, dass Angestellte ihre Anwesenheit im Büro nicht mehr dokumentieren müssen. Eingetragen werden lediglich noch Absenzen, etwa wegen Krankheit, Weiterbildung oder Ferien. Die Kader erhalten dafür fünf zusätzliche «Ausgleichstage» gutgeschrieben, womit sämtliche Überstunden als abgegolten gelten. Die Arbeitszeitverordnung wurde entsprechend angepasst.

Ähnliche Regelungen in der Privatwirtschaft längst Standard

Mit diesem Beschluss reagiert die Regierung auf einen Rüffel der Finanzkommission (FKomm). In ihrem Bericht zur Jahresrechnung 2015 bemängelte die FKomm, wie unterschiedlich die Überstundenpraxis in den verschiedenen Departementen ausfällt. «Die Finanzkommission begrüsst eine einheitliche Regelung und erwartet, dass das oberste Kader keine Überstunden mehr einziehen kann, beziehungsweise diese als mit dem Lohn abgegolten betrachtet werden.»

Vor der Umstellung gab es innerhalb der Verwaltung Kaderangestellte, die sämtliche Überstunden durch Freizeit kompensieren durften. Diese fahren mit der neuen Lösung wohl schlechter. Doch die oberste Personalchefin Wiedemann findet eine solche Lösung «selbstverständlich». In der Privatwirtschaft werde das längst so geregelt. «Von Angestellten, die ihre Arbeit selbstorganisiert erledigen können, darf das erwartet werden», sagt Wiedemann.

Konversation

  1. Begleitend dazu wäre eine Reorganisation, resp. eine Modernisierung der Verwaltungsstruktur notwendig. Im Vergleich zu anderen Kantonen verfügt der Kanton Basel-Stadt noch über eine sehr traditionelle und entsprechend exzessive Struktur, welche der Produktivität der Staatsangestellten abträglich ist.

    Was die Löhne betrifft: In vielen Funktionen werden durchaus Löhne bezahlt, welche mit der Privatwirtschaft verglichen werden können, dies insbesondere wenn man auch noch die Aspekte wie Jobsicherheit, eher ruhiges Umfeld, etc. einberechnet – aber auch die einzelnen Lohnsummen sind attraktiv.

    Eine einheitliche Lösung ist fair & transparent. (btw. Vielleicht dämmt die „Vertrauensarbeitszeit“ die je nach Department sehr gepflegte „Am Morgen wie am Nachmittag jeweils 30 Minuten Kaffeepause“-Kultur ein? Es wird spannend 🙂

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  2. Die neu einheitliche Lösung ist gerade für Staatsangestellte heikel:
    1. Entweder der Kadermitarbeitende hat effektiv so viel zu tun und kann dies nicht delegieren, so dass er die Überzeit aus Mangel an Alternativen arbeiten muss. Es liegt dann in der Verantwortung des Departements dafür zu sorgen, dass dieser Mitarbeitende die geleisteten Überzeiten wieder kompensieren kann. Eine Kürzung seiner Arbeitszeit um eine Woche macht dann aber wirklich keinen Sinn und bestraft den verantwortungsvoll arbeitenden Mitarbeiter.
    2. Oder der Kadermitarbeiter hat die Regelung der Überzeitenkompensation bzw. -anhäufung zu seinen Gunsten ausgenutzt. Dann besteht aber ein grundsätzliches Problem. Diese Mitarbeitenden werden mit der neuen Regelung mit einer zusätzlichen Ferienwoche belohnt und dadurch nebst ihrem Gehalt zusätzlich gegenüber den anderen Lohnklassen privilegiert.

    Grundsätzlich ist der Vergleich mit der Privatwirtschaft für staatliche Kaderstellen nicht sinnvoll. Zum Beispiel besteht ein Abhängigkeitsverhältnis des Regierungsrats zu seinen Dienststellenleitenden, da in der Regel ein Erfahrungs- und Wissensvorsprung auf Seiten der Dienststelle liegt. Der meist fachfremde Regierungsrat ist auf Zeit gewählt – der Staatsangestellte auf unbestimmte Zeit und faktisch kaum kündbar. Die Leistung eines Dienststellenleiters kann nicht in einfachen Finanz- oder Produktivitätszahlen bemessen bzw. abgegolten werden. Die Führung von Dienststellenleitenden ist deshalb äusserst anspruchsvoll und erfordert viel Durchsetzungsvermögen auf Ebene der Departementsleitung. Vertrauensarbeitszeit ist da nicht unbedingt das richtige Signal.

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  3. Der Vergleich mit der Privatwirtschaft hinkt gewaltig. Reden wir dort doch von Löhnen, die inkl. Provisionen, Anteilscheinen, Aktenpaketen, Gewinnbeteiligung etc. um ein Vielfaches höher liegen als die staatlichen Löhne. Gerade in Zeiten, in denen die Work-life-Balance höher gewichtet wird als auch schon und die alte Regelung neben dem nicht gerade fürstlichen Lohn für manchen Arbeitnehmer ein Anreiz war, macht sich der Kanton mit dieser Regelung nicht gerade attraktiv für Kaderleute.

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    1. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Work-Life-Balance heute mehr Gewicht hat; ich glaube aber v.a. bei Männern ändert sich die Priorität stark, wenn ab 30 die liebe Gattin durch Familiennachwuchs gebunden und nicht mehr volle Zweitverdienerin ist.
      Das grösste Manko im Vergleich ist natülich die individuelle Qualifikation, die leider des öfteren durch ein Parteibüchlein verfälscht wird; ich werde bei gewissen Departementen, z.B. Baudep., das Gefühl nicht los, dass da Leute seit Jahrzehnten sitzen und ihre kleinen Königreiche pflegen, die sie NUR der Zugehörigkeit zu einer gewissen Partei verdanken. Diese Leute wären grösstenteils auch in der Privatwirtschaft nicht in Positionen wos pekuniär interessant wird.

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  4. Der Verkauf von Weckern oder Armbanduhren mit diskreter Alarmfunktion dürfte in Basel steigen. Keiner will ja den eigenen Feierabend verpassen.

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