Schulen setzen vermehrt auf Lern-Apps, das birgt Herausforderungen für Eltern

Basler Schulen setzen vermehrt auf Lern-Apps. Für Eltern, deren Kinder ohnehin viel Zeit mit Smartphone oder Tablet verbringen, ist das eine Herausforderung.

Gehören zum Alltag der Schüler: Immer häufiger werden Apps zum Lernen eingesetzt.

(Bild: Nils Fisch)

Basler Schulen setzen vermehrt auf Lern-Apps. Für Eltern, deren Kinder ohnehin viel Zeit mit Smartphone oder Tablet verbringen, ist das eine Herausforderung.

Die Eltern von Lukas* sind mit den Nerven am Ende. Geschätzte vier Stunden verbringt ihr Sohn am iPad. Er spielt intensiv «Minecraft», surft auf Facebook, schaut sich Youtube-Filmchen an – macht, was man als 11-Jähriger halt so macht mit einem Tablet.

Schon oft haben die Eltern versucht, den Tablet-Konsum ihres Sohnes zu reduzieren. Ohne Erfolg. An Abmachungen hielt er sich nicht. Lukas nutzte das Tablet heimlich, stand am Wochenende sogar um 6 Uhr früh auf – nur damit die Eltern ihn nicht erwischen konnten. Die Eltern griffen zur Notbremse: Lukas hat nun für vier Wochen ein Tablet-Verbot. «Es geht nicht mehr anders», sagt sein Vater, «die Sache ist ausser Kontrolle geraten.»

Ausgerechnet die Schule sorgte dann für die nächste Eskalationsstufe. Vor Kurzem kam Lukas nach Hause und sagte, er brauche das Tablet wieder. Seine Lehrerin habe den Sechstklässlern gesagt, sie sollten eine App zum Französischlernen runterladen. «Wir waren völlig perplex. Es ist sehr problematisch, wenn auch noch die Lehrerin meint, dass das Kind Zeit am iPad verbringen soll», sagen die Eltern.

Sie müssen nun entscheiden, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. «Angenommen, wir erlauben es ihm: Wie wissen wir denn, dass er tatsächlich Französischwörter büffelt und nicht sonst etwas macht?» Schwierig finden die Eltern das Ganze auch, weil die Lehrerin überhaupt davon ausgegangen sei, dass jedes Kind ein Tablet hat. «Nicht alle Eltern können sich ein iPad leisten.»

Verbot bringt nichts

Wie oft Apps in Basler Schulen eingesetzt werden, ist unklar. Eine Handhabung, ob und wie die Lehrer damit umgehen sollen, gibt es nicht. «Es ist nicht im Lehrplan verankert, dass die Lehrpersonen mit Apps arbeiten müssen – es gibt allerdings Lehrmittel, die als ergänzendes Angebot darauf hinweisen», sagt Dieter Baur, Leiter Volksschulen im Erziehungsdepartement. Gerade beim Französischlernen könne eine App durchaus sinnvoll sein, da die Schülerinnen und Schüler damit auch die Aussprache der Wörter lernen könnten. Laut Baur würden die Lehrpersonen aber nicht davon ausgehen, dass alle Schüler ein Tablet besitzen.

Auch Baur findet: «Es ist eine Herausforderung, mit diesem Thema umzugehen. Die Kinder wachsen halt mit den neuen Medien auf – wichtig ist, dass Lern-Apps sorgfältig eingesetzt werden.» Von einem generellen iPad-Verbot hält er nichts. «Es ist sinnvoll, Abmachungen mit den Kindern zu treffen und daneben zu sitzen, wenn das Tablet genutzt wird.»  Generell sei es sinnvoller, mit Vertrauen zu arbeiten. «Dass dies nicht immer funktioniert, ist mir schon bewusst. Ein Kind, das süchtig nach dem Tablet ist, ist aber nicht wegen den Lern-Apps abhängig, sondern wegen anderen Anwendungen.»

Prävention ist wichtig

Wie viele Kinder in Basel-Stadt abhängig vom Tablet oder vom Handy sind, ist dem Gesundheitsdepartement nicht bekannt. Christina Karpf, Leiterin Prävention, begrüsst es aber, dass Apps in Schulen eingesetzt werden. «Tablets und Smartphones haben ein grosses Potenzial. Ich finde es richtig, wenn die Schule die Hilfsmittel einsetzt und eine sinnvolle Nutzung fördert.»

Bei der Internetsucht komme es insbesondere auch auf den Inhalt der Beschäftigung an, sagt sie. «Gezieltes Surfen ist also grundsätzlich nichts Schlechtes oder Gefährliches. Suchterkrankungen sind sehr komplexe Erkrankungen, wir können nicht gegensteuern, indem wir Tablets aus dem Schulunterricht verbannen.» Karpf findet es wichtig, dass die Jugendlichen dafür sensibilisert werden, dass das Internet süchtig machen kann. Das mache die Abteilung Prävention des Gesundheitsdepartements auch regelmässig in den Basler Schulen.

Ähnlich äussert sich Renanto Poespodihardjo, Leiter «Ambulanz für Verhaltenssüchte» in den ​Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK): «Es gibt Apps, die sich sehr gut zum Lernen eignen. Gerade wenn ein Kind eine Lernschwäche hat, kann eine spielerische App sehr hilfreich sein.» Anders sehe die Situation aber aus, wenn ein Kind ein problematisches oder süchtiges Internetkonsumverhalten entwickle. Dann würde eine App wohl weniger Sinn machen, sagt er. «Man muss jeden Fall individuell anschauen. Am Besten ist es, wenn die Eltern das Gespräch mit der Lehrerin oder dem Lehrer suchen und fragen, wie sie damit umgehen sollen.»

Das haben die Eltern von Lukas auch getan. Ihr Sohn lernt die Französischwörter nun ganz altmodisch: mit Karteikärtchen.

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* Name geändert

Konversation

  1. Ich behaupte jetzt aber dass Es bus zum Alter von ca. 12 Jahren voll in den Händen der Eltern liegt. Die Beinflussung durch Handy besitzende Mitschüler beginnt später. Wichtig ist natürlich das vorleben der Eltern, Wenn da die Mutter während des gemeinsamen Essens nur im Whatsup und Facebook rumspielt ist das natürlich kontrapeoduktiv.

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    1. Als Mutter einer fast 11-jährigen Tochter kann ich ihnen sagen: Nein, es beginnt in der Schule nicht erst mit 12 Jahren. Leider.

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    2. Frau Gering – in dem Falle hängt es wohl sehr von der Schule oder Umgebung ab. Bei uns ist es glücklicherweise nicht so und ich hoffe das ich bis zum Alter von ca. 14 Jahren um das „Kinder“-Handy herum komme. Internetkonsum ist klar – da werden Recherchen für die Schule und Projektarbeiten gemacht, aber auch hier wird der Konsum überwacht und zeitlich limitiert.

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  2. Als Eltern ist es gar nicht einfach! erstens leben wir den Kindern den sorglosen Umgang mit Tablet und Mobile vor und zweitens ist der soziale Druck der anderen Kinder sehr gross. das geht soweit, dass Therapeuten den Eltern nahelegen, ein iPhone zu kaufen, damit die Kinder nicht in das soziale Eismeer fallen. Whatsapp ist offensichtlich zwingend und wird auch von Lehrern als Hausaufgabenbüchlein miss-/gebraucht.
    Ich empfehle „Screen Time“ als App. da kann die Zeit am Tablet/Telefon definiert werden. jede einzelne App kann so gesteuert werden. Man kann App komplett blockieren, ein Overall-Zeitbeschränkung defininieren und zudem noch Apps während der Schulzeit sperren und auch die Schlafenszeit bestimmen.
    Die Kinder finden das nicht so toll, bringt aber schlussendlich enormen Familienfrieden, weil es keine Diskussionen mehr gibt. Alles ist klar definiert und natürlich mit den Kindern abgesprochen.

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    1. @n.g.

      «Whatsapp ist offensichtlich zwingend und wird auch von Lehrern als Hausaufgabenbüchlein miss-/gebraucht.»

      hab ich vor wenigen jahren ausführlichst miterleben dürfen: ganz übel! die lehrpersonen dachten, sie seien mega hip&in … de facto stolperten sie den kizz munter hinterher … didaktisch-pädagogischer mumpitz mit 99luftballons pro tag (audio&video)

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  3. Da verstehe ich die Eltern nicht, sie haben wohl anfangs ihre Sorgfaltspflicht nicht wahrgenommen. Der Junge kommt ja nicht einfach so dazu 4 Stunden iPAD zu spielen.
    Man sieht ja leider genug Eltern die ihrem Nachwuchs zum ruhig stellen im Restaurant o.ä. einfach das Handy/iPad in die Hand drücken und so geht es wohl auch zuhause weiter. Zudem können solche Geräte einerseits mit Code versehen werden, dass die Kinder gar nicht rein kommen oder mit Kinderschutzprogrammen, damit es nur gewisse Seiten zus sehen gib oder der Konsum auf eine gewisse Zeit beschränkt ist.

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