Schwung holen im Obergomser Schnee

Während die Schweiz im Schnee versinkt, gleitet unser Autor auf zwei dünnen Latten über diesen hinweg. Dabei verliert er jegliche Bodenhaftung.

Was für ein Empfang: Schönstes Langlaufwetter. Leider nur am Anreisetag.

Als wir uns gegen Ende der Woche dann doch einmal zu einem Abendessen im Restaurant im Nachbardorf  hinreissen lassen, merken wir es: Wie seltsam sind doch die Menschen um uns herum. Und zwar nicht unbedingt deshalb, weil sie durch besonders seltsame Tätigkeiten augenfällig würden. Uns reicht schon, dass sie überhaupt da sind. Neben uns sitzen. Essen.

Wir haben uns in den Tagen davor wunderbar von der Menschheit entwöhnt. Da sind wir jeweils im munzig kleinen Dörfchen Geschinen mutterseelenallein am Znachttisch gesessen. Und dieser Tisch steht in der guten Stube eines uralten Obergomser Stalls, den man in den letzten Jahren erstaunlich wohnlich umgebaut hatte. So etwas wie eine Hitze des Alltags kommt da nur auf, wenn man ordentlich Holzscheite in die zwei Cheminees steckt, die für Wärme sorgen.

Hopp, hopp, hopp

Draussen liegt der Schnee so hoch, dass er sämtliche Nachrichtenkanäle verstopft. Noch ein paar Zentimeter, hat der Kondukteur im Bähnli gesagt, dann fährt hier kein Zug mehr.

Uns soll es recht sein. Wir sind ja nicht in erster Linie zum Zugfahren hier, sondern um Langlaufski zu laufen. Oder zu stolpern, wenn wir ehrlich sind. Denn klassischer Langlauf ist gar nicht so einfach, vor allem, wenn man es noch nie gemacht hat.

Genau darum lassen wir uns von einem Profi anweisen. «Mehr Profi kann man gar nicht sein», sagt dieser über sich, verschweigt allerdings bescheiden, dass er damals in seiner Totalvollprofizeit Vizeweltmeister wurde. Das flüstert uns erst seine Angestellte in seinem Langlaufski-Verleihgeschäft mit integriertem Café und Sportwaren-Shop zu. Ihr Chef wolle seine erfolgreiche Vergangenheit nicht an die grosse Glocke hängen.

Das sind gut zwei Meter Schnee.

Ich dagegen will weniger bescheiden sein. Nach drei Tagen Kurs gleiten wir wie die Weltmeister durch die Loipen an den wenigen Rentnern vorbei, die wie wir ebenfalls mitten im Januar Ferien haben, aber im Unterschied zu uns null Ahnung von einer sauberen Langlaufski-Technik.

Statt leicht vorbeugen, sämtliche Hüftsteife ablegen, dann mit dem Sprungbein abstossen und von Armen bis Füdli alles in Schwung bringen, was Schwung aufnehmen kann, Abdruckfuss abrollen, Gleitski gleiten lassen, Balance wahren, locker bleiben, Abdruckfuss noch mehr abrollen, bis es den Ski lupft, gleiten, gleiten, gleiten, und dann im Rhythmus hopp, hopp, hopp das Bein wechseln, Arme mitschwingen und so weiter, machen diese Rentner alles falsch. Selbst diejenigen, die gar keine Rentner sind. Da brauchen die sich auch gar nicht wundern, wenn wir mit unseren geschulten Bewegungen an ihnen vorbeikriechen.

Die Ruhe selbst

Nicht minder gekonnt ignorieren wir dabei, dass wir selbst auch immer mal wieder überholt werden, wenn auch nicht von anderen klassischen Langläufern, aber von diesen wesentlich modischeren Skatern. Die sind in der Regel ebenfalls Rentner, aber jä nu. Wir sind ja in erster Linie zur Erholung hier und nicht, um uns lahme Rennen mit rüstigen Rentnern zu liefern.

So oft passiert es uns ohnehin nicht, dass wir überholt werden. Denn erstens Januarloch und zweitens ein Hauch von «Friederike» und der bereits erwähnte Schneeüberfall auf das Wallis. Bei solchen Bedingungen kommt nicht jeder so flott aus den Federn und auf die Piste geschossen wie jemand, der der Witterung zum Trotz einen Dreitageskurs Langlauf gebucht hat. Und darum bleibt es im ganzen Tal die meiste Zeit noch stiller als an unserem urchigen Holztisch im Stall.

Man könnte ruhig behaupten, in Geschinen sei nicht gerade viel los. Doch wer so etwas behauptet, hat vermutlich einfach die falschen Bücher dabei. Oder null Ahnung von Langlauf.

Geschinen, ganz verschneit und ziemlich verschlafen.

Ausschlafen: Zu unserem Stall sind wir über Freunde von Freunden gekommen. Es gibt aber noch mehr umgebaute Ställe in der Gegend. Das Internet weiss bestimmt Rat.

Ausfliegen: In Geschinen stolpert man aus dem Haus und steht auf der Loipe. Der Tagespass für 16 Franken gilt auch für Teilstrecken der Matterhorn-Gotthard-Bahn. Da kommt man schon rum.

Aufgabeln: Im Dorf selbst gibts nur ein Restaurant und ein Café. Das Café ist am gleichen Ort, an dem man die Skier bekommt, das Restaurant liegt am anderen Dorfende. Spezialität: Älplerfladen. Mehr Beizen gibt es im benachbarten Münster. Selber kochen ist für einmal aber gemütlicher.

Konversation

  1. Da war ich vor vielen, vielen Jahren ein Dorf weiter oben, in Oberwald mit der Schule in einem Skilager.
    Da war einmal ein starker Wind, so stark, dass der Skilift nicht fuhr. So sagte die Lagerleitung, dass wir eine Skiwanderung machen würden ein Stück das Tal hinunter.
    Damals waren diese grünen Mäntel mit Kapuze Mode. Viele Schüler hatten die mitgenommen. Der Wind brauste von hinten. Wir machten unsere Mäntel auf und hielten sie wie Segel mit den Händen. Der Wind blies von hinten in unsere Mantelsegel. So schnell bin ich noch nie ski gefahren. Es war nämlich eher ein Sturm, der da tobte.
    Unvergessliche Erinnerung! Das war vor gut 50 Jahren.

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  2. Ist ja ganz romantisch, wenn man Zeit hat. Das Problem kommt dann, wenn der Schnee kurz vor dem Wochenende hereinbricht und man dann noch deutlich länger bleiben kann oder darf oder muss….
    Es ist ja nicht so, dass man „nur Ferien“ hat, sondern in der nächsten oder übernächsten Woche wartet dann schon wieder die Arbeit.
    Wenn man angestellt ist, bekommt man seinen Lohn wohl weiter, – aber als Selbständiger gibts dann Kosten statt Einkommen.

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