Sekten spiessen Impf-Dämonen auf Handyantennen – Knackeboul im Mittelalter 2.0

Le Pen verliert die Stichwahl, doch Knackeboul träumt trotzdem schlecht: Er sieht die Menschheit unterwegs in finstere Zeiten.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Le Pen verliert die Stichwahl, doch Knackeboul träumt trotzdem schlecht: Er sieht die Menschheit unterwegs in finstere Zeiten.

Oui! Die neoliberale Pflaume hat gewonnen, nicht die Frontisten-Tante. Die Niederlage Le Pens gibt einem etwas Hoffnung für Europa – wenn man mal ignoriert, dass Millionen Franzosen für die Front-Frau der Rechtsextremen gestimmt haben.

Ein grosser Teil unserer Zeitgenossen scheint sich trotz aller Vorzüge der Gegenwart nach einem Mittelalter 2.0 zu sehnen. Sie nehmen soziale Ungerechtigkeit, Antisemitismus, Homophobie und Rassismus in Kauf, nur um die guten alten Zustände wiederherzustellen, die es nie gegeben hat. Sie sagen: «Ja klar, Le Pen ist radikal, aber die Linke hat halt keine Konzepte. Darum wandern alle Wähler zu den Populisten ab.»

Neulich bei der Hexenverbrennung

Manchmal frage ich mich, ob man in früherer Zeit bei einer Hexenverbrennung auch so geredet hat:

Kluge Frau: «Das ist ja furchtbar, was sie dieser Frau antun!»
Dummer Dude: «Klar ist das krass, aber den Fortschrittlichen haben halt die Gegenkonzepte gefehlt!»
Kluge Frau: «Wie wärs damit: Man sollte keine unschuldigen Frauen bei lebendigem Leibe verbrennen, weil man glaubt, sie hätten durch Sex mit dem Teufel die Pest ausgelöst!»
Dummer Dude schweigt, isst die Blüte einer Kartoffel und startet einen Veitstanz.

Diesen zwei Mittelalter-Menschen haben wir einiges voraus. Wir wissen inzwischen ein paar Dinge: dass die Erde rund ist, dass man vom Onanieren nicht blind wird und dass man Kopfweh nicht beheben kann, indem man ein kleines Löchlein in die Schädeldecke bohrt.

Wir müssen die «Ängste des Volkes» nicht ernst nehmen, wir müssen sie aber anscheinend hinnehmen.

Ich habe es satt, Leuten mit rassistischem, homophobem oder ganz einfach paranoidem Gedankengut die Deutungshoheit zu überlassen. Man muss mit solchen Menschen nicht auf Augenhöhe diskutieren. Man kann nicht – denn was ihre Augen und Ohren wahrnehmen, ist viel schwächer als das, was sie gern glauben wollen oder halluzinieren.

Wir müssen die «Ängste des Volkes» nicht ernst nehmen, wir müssen sie aber anscheinend hinnehmen. Die Linke ist nicht schuld, dass viele Menschen in eine Art Wahn verfallen und wieder an sprechende Schlangen, böse Zauberer, die Zeichen an den Himmel malen, und an die zionistische Weltverschwörung glauben.

Wer sagt, man müsse diese Menschen ernst nehmen, hat vergessen, wie der Laden läuft. Der läuft nämlich so:

Eine kleine Gruppe von Menschen treibt die menschliche Entwicklung mit wissenschaftlichen Errungenschaften, philosophischen Erkenntnissen, spektakulärem Handwerk und subversiven Kunstwerken voran in eine rosigere Zukunft.

Der andere, grössere Teil betet Götzen und Götter an, versucht die Gleichberechtigung zu torpedieren und scheisst paranoide Hasscomments unter Berichte über die Notwendigkeit des Impfens.

Wenn der Puffer kippt

Das ist kein Problem, das können wir handlen. Ein Richard Branson reicht, um Hunderttausende Klimawandel-Leugner zu kompensieren. Dumm ist nur, wenn die Leute kippen, die den Puffer bilden zwischen den zukunftsträchtigen Vorwärtsstrebern und den Intrigen-Witterern mit Mikro-Globuli im Bauch, bilden.

Wenn die gut gebildeten und sozialversicherten Puffer-People aufhören, in der Airbnb-Wohnung «Rick and Morty» auf Netflix anzugucken. Wenn sie auf einmal den Verschwörungstheoretiker Alex Jones verstehen, Ganser-Wasser trinken und Bernd Höcke gar nicht mal so daneben finden. Dann entsteht ein gefährliches Ungleichgewicht.

Wenn das geschieht, dann bröckelt die Zivilisation und torkelt Reich-wärts. Deshalb sollten wir aufhören, über die Berechtigung vertrollter Weltbilder nachzudenken.

Mad-Max-Szenario

Wir dürfen gerne ein bisschen überfordert sein mit der LGBTQ-Buchstaben-Abfolge. Wir dürfen gerne die Wirtschaftspolitik der EU hinterfragen und das Glockengebimmel im Lande dem Ruf des Muezzins vorziehen.

Aber deswegen dem süss-schizoiden Trollentrunk zu verfallen kann keine ernsthafte Option sein. Also reissen wir uns am Riemen. Ich hab inzwischen schon Albträume orwellschen Ausmasses.

Ich sehe ein Mad-Max-Szenario für die Zukunft der modernen Welt. Die Weltbilder von Stadt und Land haben sich darin so sehr voneinander entfernt, dass die Städte zu futuristischen Hochburgen der Bildung und des technischen Fortschrittes werden und das Land zu einer von Trolls bevölkerten No-Go-Zone.

Ein Städter, der aufs Land fährt, riskiert, als Chemtrail sprühender Impf-Dämon auf eine Handyantenne gespiesst zu werden.

Die Städte entwickeln sich zu mehrschichtigen Riesengebilden, um die Dienstleistungsdrohnen schwirren, während die Stadtbewohner in solarbetriebenen Flugautos (dannzumal: Flauto) aus dem 3D-Drucker zu ihrem 30-Prozent-Job fliegen. Auf dem Land hingegen herrschen Stammeskultur, Lynchjustiz und Sektierertum.

Wenn ein Städter sein Grosi auf dem Land besuchen will, dann muss er dies in einem eskortierten Konvoi tun. Nur so kann verhindert werden, dass er von einer der rivalisierenden Sekten für einen Chemtrail sprühenden Impf-Dämon gehalten, auf einer verrosteten Handyantenne aufgespiesst und auf einem Haufen brutzelnder Modems öffentlich verbrannt wird.

Albtraum von einer Freakshow

Uff. Wahrscheinlich bin ich schon etwas zu lange in den Staaten unterwegs. Dieses Land ist wie Europa auf Crack. Moment… Dieses Land ist Europa auf Crack! Man fahre nur einmal durch den Bible-Belt. Eigentlich entspricht dieser Landstrich ziemlich genau meinem Albtraum. Ein Cola-getränkter, klimatisierter Mustang-Albtraum von einer Freakshow.

Ich melde mich wieder, wenn ich sicher in New York angekommen bin. Schaut ihr mir währenddessen in Europa drüben, dass nicht zu viele Hurensöhne Mannheims auf dem Ganser-Naidoo Trip hängen bleiben. Miss you. XX

Konversation

  1. Es ist ja nett, dass die Tageswoche auch einem Grünschnabel, welcher sich mit seinem Halb- und halbverdautem Wissen wichtig macht, einmal eine Plattform bietet. Aber dass dem Leser dieses oberfächliche, oft dümmliche und dreiste Geschreibsel wiederholt zugemutet wird, ist mir unverständlich. Vor allem auch, dass Knackeboul immer wieder die gleichen unwahren Behauptungen aufstellen und einen Wissenschaftler wie Ganser ohne die mindeste Kenntnis dessen Forschungen und Publikationen als Verschwörungstheoretiker verunglimpfen darf, ohne dass die Tageswoche sich einmal um redaktionelle Berichtigung bemüht, spricht nicht gerade für die Sorgfalt eines Qualitätsmediums.

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  2. Knackeboul sieht zu viele schlechte Filme, und träumt nun davon. Verschwörungstheoretiker gab es schon immer, und die Welt war schon immer verrückt. In der Nazizeit war ein ganzes Land davon besessen. In der wohlbehüteten Schweiz, die natürlich auch nicht mehr durch Zöllner ganz sauber und pasteurisiert gehalten werden kann, wächst man in einer rosa Welt auf. Die Welt da draussen ist aber nicht so, war nie so. Früher durften die Knackebouls in den USA nicht mal mit den schwarzen zusammen Bus fahren, oder im Dinner sitzen. Das war eine verrückte Welt. Oder in der ex DDR wurde man schon beim übertreten der Grenze beim Checkpoint Charlie komplett aus den Socken gehauen.

    Früher war es also viel schlimmer, aber es gibt einen grossen Unterschied zu frühr: Es ist die Paranoia vor er Zukunft, die nicht mehr endlos ist. Der Klimawandel verunmöglicht ein Sorgen freies Leben. Die Endlichkeit der Rohstoffe setzt die Nieren ausser Gefecht. Und dies ist viel schlimmer, als Mussolini und Hitler zusammen. Und ein weiterer Unterschied zu früher sind natürlich die schlechten Filme, die wurden noch schlechter, und wenn man vor lauter Zukunftsparanoia davon zu träumen beginnt, ist man bald hinüber.

    Als besser Bücher lesen, und die Ferien in einem Beduinen Zelt in der Wüste verbringen. Danach ist man wieder geheilt, wenn man solche Angstträume hat.

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  3. @Voltar: Das mit dem Soziologen war eine schnippische Bemerkung, um auf die mangelhaften Konstrukte von Knackeboul aufmerksam zu machen – mit zugegeben belustigendem Charakter. Ist wohl eine Frage des Stils.. passt dir denn lediglich die Art und Weise nicht, wie ich das ausgedrückt habe oder bist du auch inhaltlich nicht einverstanden – sprich hällst du die gesellschaftlche Einteilung von Knackeboul für valide? Psychologen, Soziologen lassen sich im Übrigen voneinander abgrenzen, auch wenn es natürlich Überschneidungen und Grauzonen gibt. Ich verlange von Knackeboul auch nicht, dass seine Artikel wissenschaftlichen Massstäben entsprechen. Die vorgenommene Einteilung halte ich allerdings für nicht aufrechterhaltbar bei nur schon dezent genauerer Untersuchung und habe sie daher kritisiert.

    Zu den sachlichen Argumenten: Es ist noch schwierig hier sachlich gross etwas beizutragen, da der Artikel diesbezüglich halt nichts bietet. Ich kann ja mal nach Studien suchen, die sich mit den Auswirkungen der Wahrnehmung der „gut gebildeten und sozialversicherten Puffer-People“ auf die gesellschaftlichen Verhältnisse beschäftigen, glaube aber kaum, dass ich dort etwas finden werde…

    Hälst du den Artikel von Knacke denn für befriedigend in Bezug auf die Sachlichkeit?

    Ich finde nicht, dass ich Knackeboul persölich angegriffen habe, kann aber sehen, dass der Stil des Kommentars in diese Richtung interpretiert werden könnte. Grundsätzlich nehme ich diesen Punkt deshalb an, dem Kommentar hätte mehr Besonnenheit sicher nicht geschadet.

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  4. @Voltar: Keep cool! Und halten Sie sich bitte an Ihre eigene Vorgabe betreffend Textanalyse usw. Ich erwarte keineswegs DIE Lösung von Knackeboul sondern, wie ich es geschrieben habe, einen Lösungsansatz. Das ist nicht dasselbe, wie man bestimmt auch am Physik Institut weiss. Aber lassen wir das. Zudem bitte ich Sie, mir nicht Sachen zu unterstellen, von denen Sie nichts wissen, z.B. ob ich an Lösungen von Problemen arbeite oder nicht.

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  5. Naja, ehrlich gesagt von anfang bis Ende.

    Zum Beispiel würde mich Wunder nehmen warum an Knackeboul ein klasse Soziologe verloren gegangen ist. Welche Analyse hast du vorgenommen, wie hast du ausgewertet? Kannst du diese Gruppen (Soziologen, Philosophen, Medienwissenschaftler etc) genauer definieren und voneinander abgrenzen? Oder war‘s doch eher die „ich-schreib-einfach-mal-was-mir-so-einfällt-Variante“?

    Im gesamten Kommentar finden sich mal wieder absolutely zero sachliche Argumente und Darstellungen, dafür Diffamierungsversuche und persönliche Angriffe. Der Kommentar ist ausserdem unpräzise, scheinbar wenig überlegt, kaum recherchiert und unausgeglichen.

    Zum Glück kommen Leute wie Ganser als intellektuelle Forscher zu unserer Rettung. 😀

    Und wer mir jetzt Abschreiben vorwirft, dem sei gesagt, dass ich an diese Fake Fakten nicht glauben werde, da sie nicht in mein Weltbild passen. Achtung: Humor an gegebener Stelle nicht übersehen.

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  6. Sie erwarten von Knackeboul eine Lösung für das Problem und werfen ihm vor, dass er sich zu Schade ist sich die Arbeit zu machen (Bücher lesen, nachdenken, Zeit investieren).

    Vielleicht ist aber genau die Aufgabe der Medien, die Leute zum Denken anzuregen? Sie beschwören ja die Aufklärung, also hopp, nicht erwarten, dass andere die Probleme lösen, sondern selbst dazu beitragen. 😉 Knackeboul ist nicht Superman.

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  7. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: „Naja, man muss ja den Blick ein bisschen schwenken Richtung arabische Staaten und schon sind wir wieder im tiefsten Mittelalter. Grausame Folter (von in diese Länder verschleppen Menschen), menschlichen Schutzschildern (Zivilisten, die durch von abendländisch christlicher Leidkultur ferngesteuerten Drohnen pulverisiert werden), Scheinhinrichtungen (in Etablissements wie Guantanamo und Abu Ghraib) – und das (unser) Mittelalter hat unterdessen den Weg in die arabische Welt gefunden.“
    Wir sind keinen Deut besser, als die Kopfabschneider, denen wir bereitwillig Waffen verkaufen. Achja, um zum Thema zurückzukommen (dem Verschwörungstheoretiker Ganser): wie heisst sein neustes Buch nochmal? Richtig. Illegale Kriege. Vielleicht liegt ja darin der Grund für die hysterische Reaktion der USA und anderer kriegführender oder daran guterdienender Nationen auf Gansers Untersuchungen und seine dem offiziellen Duktus widersprechenden Aussagen.
    Ich lese das Buch gerade (habe es mir nach der letzten Knackeboulschen Diarrhö gekauft) und versuche mir so ein eigenes Bild über diesen Mann und seine (Verschwörungs)theorien zu machen. Würde vielleicht manch anderem hier auch gut tun, auch bei #käluscht.

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  8. @Voltar: Wenn mein Kommentar polarisiert, so war das nicht meine Absicht. Es war auch nicht meine Absicht, die Probleme, die Knackeboul anspricht, durch meinen Kommentar zu lösen. Meine Absicht bestand darin, darauf hinzuweisen, dass Knackeboul, wie viele andere auch, kritisiert, aber keinen Lösungsansatz dazu liefert. Aber meine Erwartung ist, dass jemand, der eine Kolumne schreibt, soweit geht und auch über die Lösung nachdenkt. Sonst enden wir wie so häufig beim Sozialarbeiterwitz: «…aber schön, haben wir darüber geredet».
    Die Erwartung betreffend Lösungsansatz stellte ich übrigens auch an mich selber, zählte ich zu den Kolumnisten der TaWo.

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  9. @Voltar: Ich freue mich über inhatliche Kritik, mit welchen Punkten in meinem Kommentar bist du denn aus welchen Gründen nicht einverstanden? Wo habe ich den Text deiner Meinung nach nicht verstanden?

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