Sgt. Pepper und der Sechstagekrieg

Bar Mizwa und die Beatles, Krieg im Nahen Osten und der Summer of Love – vor 50 Jahren kam für unseren Autor einiges zusammen. Eine biografische Zeitreise.

(Original Caption) The Mersey sound swept across Salisbury Plain today, the usual site of army exercises. Making the sound are The Beatles, who are currently on location with their latest movie. Left to right are: John Lennon, Ringo Starr, Paul McCartney and George Harrison. In the background are British service personnel who carried out routine exercises.

Bar Mizwa und die Beatles, Krieg im Nahen Osten und der Summer of Love – vor 50 Jahren kam für unseren Autor einiges zusammen. Eine biografische Zeitreise.

Es war ein erbarmungsloser Kleinkrieg um jeden Millimeter Haar, den ich meinen Eltern abzutrotzen versuchte. Ausgerechnet mein Banknachbar am Humanistischen Gymnasium trug als erster Schüler mit Duldung durch das Rektorat die Haare schon über den Kragenrand. Während ich mit meinem ausgeputzten Nacken aussah wie ein Bubi. Zum Kotzen! Aber nicht zu ändern.

Denn gerade jetzt, wenige Tage vor meiner Bar Mizwa, dem wichtigen jüdischen Fest der Mannwerdung am 13. Geburtstag, mussten die kurzgeschorenen Haare zum gnadenlos kleinbürgerlichen Auftritt mit massgeschneidertem Anzug und Krawatte in der Synagoge passen. Lange Haare standen für Gammler, Hippies, Halbstarke, Drögeler, Kommunisten, Nichtsnutze.

Ich versuchte also mühsam, den monotonen Singsang der hebräischen Gebete auswendig zu lernen, die ich als Bar-Mizwa-Junge am grossen Tag vor versammelter Gemeinde vortragen sollte. Doch dann schlugen ganz andere Melodien wie eine Bombe in meine Seele ein. Das epochale Beatles-Album «Sgt. Pepper’s Loneley Hearts Club Band» erschienen.

Während «Lucy in the Sky With Diamonds» durch meinen Kopf wirbelte, marschierten im Sinai die ägyptischen Truppen auf.

Ein Rausch. Eine Offenbarung. Wie von einem anderen Planeten. Mit der Verheissung einer friedlich bunten Weltgemeinschaft auf dem Cover. So ganz anders als die strenge Enge meines Elternhauses. Nur: Die adretten Operettenuniformen der Beatles standen in merkwürdigem Kontrast zum militärischen Säbelrasseln in der Weltpolitik.

Während «Lucy in the Sky With Diamonds» durch meinen Kopf wirbelte, marschierten im Sinai die ägyptischen Truppen auf. Im fernen San Francisco machte die Flower-Power-Bewegung mobil für einen Sommer der Liebe, während die drohende Gefahr für den Staat Israel sich wie ein gespenstischer Schatten über die hektischen Tage vor meiner Initiation als jüdischer Mann legte.

Der 3. Juni, der Tag meiner Bar Mizwa, kam. Das Radio spielte «When I’m Sixty Four». Vordergründig bewahrte man an diesem Sabbat den Schein in der jüdischen Gemeinde und feierte und beglückwünschte den Bar-Mizwa-Jungen und liess sich abends das von langer Hand geplante festliche Viergangmenü schmecken. Doch die Nervosität und Unruhe waren fast physisch greifbar. Der Albtraum eines neuerlichen Holocaust stand im Raum.

Mit dem Radio aufs Klo

Am nächsten Tag verdüsterten sich die Nachrichten abermals. Wie ein Menetekel ertönte der gewaltige Schlussakkord von «A Day in the Life» aus den Radios. Die vereinigten arabischen Armeen bereiteten den Sturm auf Haifa, Tel Aviv und Jerusalem vor.

Dann, am Montag, 5. Juni, brach der Krieg aus. Heimlich packte ich das Transistorradio, das ich zur Bar Mizwa geschenkt erhalten hatte, in meine schwarze Schulmappe, um in den kommenden Tagen in den Unterrichtspausen auf der Schultoilette die Nachrichten zu hören. Noch galt das Narrativ von David gegen Goliath, mit dem sich die Schweizer gut identifizieren konnten. Gleichzeitig mit der Aktion «Basel blyb suuber» ging damals eine unvorstellbare Welle der Solidarität mit Israel durch unsere Stadt. So begann meine Pubertät. Der Rest ist Geschichte.

Aber nicht Vergangenheit. Der Sechstagekrieg ist auch heute, 50 Jahre später, noch nicht wirklich vorbei. Doch auch die Utopie der versammelten Weltbürger von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band lebt nach einem halben Jahrhundert weiter und wird gerade wieder neu entdeckt. Wird diese Utopie eines Tages doch noch in Köpfen und Herzen der Menschen ankommen?

MAKE LOVE, NOT WAR!

––
Freitag, 9. Juni, 21 Uhr: 50 Years Summer of Love Party mit unserem Autor Claude Karfiol als DJ; Oslo Studios, Oslo-Strasse 2, Dreispitz, Münchenstein.

Konversation

Nächster Artikel