Skypen mit dem Arzt: Das neue Angebot kommt nicht nur gut an

In einer Basler Apotheke können sich Kundinnen und Kunden in der ersten «Medgate Mini Clinic» der Schweiz behandeln lassen – via Videoschaltung mit einem Arzt. Diese Behandlung entspricht zwar dem Zeitgeist, wird aber nicht von allen begrüsst.

Der Arzt fragt, berät und leitet die Praxis-Assistentin per Skype an. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Seit zwei Tagen habe sie Ohrenschmerzen, sagt die Kundin in der Apotheke am Barfüsserplatz. Sie seien immer schlimmer geworden, präzisiert sie. Inzwischen spüre sie ein heftiges Stechen. Also fragt die Apothekerin nach Fieber und weiteren Symptomen, zieht Medikamente aus der Schublade, macht Vorschläge und übergibt die Kundin schliesslich Fiona Furrer, einer Frau im grünen T-Shirt im oberen Stockwerk des Geschäfts.

Fiona Furrer notiert zuerst die Beschwerden der Frau, führt dann ein Otoskop in ihr rechtes Ohr ein, macht Bilder vom Innenohr, lädt diese auf den Bildschirm vor ihr und ruft aus einer langen Liste einen von 70 Ärzten an – meist Allgemeinmediziner, die entweder daheim arbeiten oder im Telemedizinischen Zentrum in Basel.

Dieser ist per Video zugeschaltet und befragt die Patientin aus der Distanz, berät, weist die Praxis-Assistentin an und könnte gar an einen anderen Hals- und Ohrenarzt, ebenfalls ein Telemediziner, übergeben.

Die Szene ist in der Apotheke «Topharm» nachgestellt und könnte künftig genau so ablaufen. Fiona Furrer ist Praxis-Assistentin und arbeitet bei der in der Apotheke integrierten «Medgate Mini Clinic», der ersten Filiale der Schweiz. Sie wird am 8. September 2017 in Basel eröffnen. Bis zu 150 solcher Filialen sollen es in der Schweiz in den nächsten fünf bis sechs Jahren werden. «30 weitere Apotheken haben bereits Interesse angemeldet», sagt Marketingchef Cédric Berset.

Effektive Nachfrage ist ungewiss

Apotheken beraten Kunden bereits heute laut Pharmasuisse in rund 90 Prozent der Fälle, jedoch ohne sie zu behandeln. Die «Medgate Mini Clinic» will genau diese Lücke füllen. Eine Praxis-Assistentin übernimmt leichte Behandlungen wie zum Beispiel Wundverbände, Harnblasenentzündungen oder Laboruntersuchungen.

Die Praxis-Assistentin und die Patientin warten darauf, dass der Arzt sich aus der Ferne zuschaltet.

Hingegen kann sie nicht röntgen, keine Knochenbrüche oder Fussverstauchungen behandeln. Bei Bedarf, etwa bei Halsschmerzen, Bauchschmerzen oder Hauterkrankungen, kann sie via Videoschaltung einen Arzt hinzuziehen – einen Telemediziner. Das werde in 90 Prozent der Behandlungen der Fall sein, schätzt Berset. Er ist ausserdem überzeugt, dass der Markt für telemedizinische Angebote gesamthaft noch weiter wachsen werde.

Zwei Drittel aller Schweizer Versicherten sind über alternative Versicherungsmodelle wie zum Beispiel HMO versichert, mehr als 10 Prozent über ein Telemedizinisches Modell. Bei der Helsana Krankenkasse nutzen 20 Prozent der Versicherten dieses Modell, bei der CSS Krankenkasse sind es 17 Prozent. «Das Modell ist besonders interessant zum Beispiel für Personen, die viel unterwegs sind oder die wegen gesundheitlicher Beschwerden rund um die Uhr einen Arzt konsultieren möchten», sagt CSS-Mediensprecherin Nina Mayer.

Wird ein Patient von der «Medgate Mini Clinic» an Ärzte in Spitäler weitergeschickt, könnte es unter Umständen sogar teurer werden.

Auch Familien mit Kindern, die nachts oder am Wochenende einen Arzt konsultieren wollen, zählen dazu. Diese Versicherten geniessen zwar eine günstigere Prämie, müssen aber zuerst immer über einen Telemediziner gehen. Konsultiert jemand zuerst einen Hausarzt, wird diese Leistung nicht übernommen.

«Die effektive Nachfrage nach dieser Dienstleistung ist nur schwer abzuschätzen», sagt Thomas von Allmen, Leiter Abteilung Spitalversorgung des Gesundheitsdepartements Basel-Stadt. «Aber das Angebot trifft sicher den Zeitgeist.» Das Patientenverhalten hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Wer sich krank fühlt, will wissen, was ihm fehlt – sofort und unkompliziert. Vielleicht geht jemand als erstes ins Internet und wartet die nächsten Tage ab. Viele aber haben gar keinen Hausarzt mehr und fahren daher gleich zum teureren Notfall oder in eine Walk-in Clinic – dort warten bereits andere und viele.

In den Räumlichkeiten der «Medgate Mini Clinic» und der Apotheke Toppharm.

«Unser Angebot soll auch die Notfallorganisationen entlasten», sagt Berset. Die Ambulatorien behandelten heute bereits zu viele Bagatellen anstelle der lebensbedrohlichen Notfälle. Einen anderen Vorteil der telemedizinischen Behandlung sieht er in den Kosten. «Eine Behandlung ist mindestens ein Drittel günstiger als bei einem Hausarzt.» Eine Konsultation ohne Video kostet 58 Franken, diesen Betrag übernimmt die Krankenkasse nicht. Schaltet sich der Arzt per Video zu oder werden Laboruntersuchungen gemacht, werden diese nach Tarmed-Tarif verrechnet und von der Krankenkasse übernommen.

Der Doktor auf dem Handy

Dass die Behandlung wirklich günstiger ist, bezweifelt Thomas von Allmen vom Gesundheitsdepartement Basel-Stadt. «Theoretisch mag das ja stimmen», sagt er. «Aber die Zeit wird zeigen, ob das in der Praxis wirklich so ist.» Wird ein Patient von der «Medgate Mini Clinic» an Ärzte in Spitälern weitergeschickt, könnte es unter Umständen sogar teurer werden.

Marketingchef Cédric Berset ist überzeugt, dass die telemedizinischen Angebote gesamthaft noch zunehmen werden.

«Santé Suisse», der Verband einiger Krankenversicherer, steht dem Angebot deshalb skeptisch gegenüber. «Es stellt sich die Frage, ob es für die Ärzte tatsächlich eine Entlastung bringt oder allenfalls sogar Mehrarbeit», schreibt Mediensprecher Christophe Kaempf auf Anfrage. Bis jetzt sei eher zu beobachten, dass die Belastung im Gesundheitssystem durch neue Angebote zunehme.

«Santé Suisse» fragt sich ausserdem, wer das telemedizinische Angebot nutzen soll. «Versicherte mit hohen Franchisen übernehmen in der Regel sowieso viel Eigenverantwortung und gehen nicht wegen Bagatellen zum Arzt, die sie selbst bezahlen müssen», schreibt Kaempf weiter. Aber er ist auch überzeugt, dass Versicherte mit tiefen Franchisen das Angebot kaum nutzen dürften. Denn ihre Grenze ist rasch erreicht und der Besuch beim Hausarzt oder im Notfall wird von der Grundversicherung bezahlt.

Ein Arzt für alle Fälle

Und wie sicher sind die Diagnosen, die aus der Ferne gestellt werden? «Einem Telemedizinier sind Grenzen gesetzt, die er auch kennt», sagt Cédric Berset von Medgate. Die Ärzte werden geschult und müssten Prüfungen ablegen. Es würden ausserdem regelmässig Stichproben erhoben.

Doch bei Medgate steht schon das nächste Projekt an. Das Unternehmen will in naher Zukunft einen verschlüsselten telemedizinischen Video-Kanal für Patienten anbieten. Ein Handy reicht, um das Angebot zu nutzen.

Und der Doktor ist überall und immer dabei.

Konversation

  1. Goldgräberstimmung und Futterneid im Gesundheitswesen. Wenn man vom Staat gezwungen wird, bei privaten Firmen Kunden zu sein. Dann reiben sich die Profiteure die Hände und die anderen bezahlen jedes Jahr 5-8% mehr. Wie dieser Zustand über die Eidgenossenschaft gekommen ist, ist ein Lehrbeispiel für die Macht und Verführungskraft des Geldes. Dieses KK-Obligatorium ist so etwas von antieidgenössisch, es dreht sich mir den Magen um.

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    1. Ohne Krankenkassenobligatorium würde sich jeder Arzt überlegen, ob er nicht doch lieber eine Bäckerei aufmacht: Erst Geld, dann Brötchen, und essen erst danach – nicht umgekehrt.
      Das Resultat wäre wohl der Kreditkartenschlitz statt eine Klingel beim Arzt – wie beim Online-Handel.

      Das andere wäre die Abhängigkeit von der Ethik des Staates, wenn er der Haupthandelnde selber wäre. Bei Xenophobie könnte es dann auch heissen, dass der Ausländer eher zu Tode behandelt wird, um so die Bevölkerungszahl zu regulieren.
      Die Qualität und der Erfolg der medizinischen Behandlung würde dann mit dem Einkommen korrelieren.

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