Steinengraben: Mieter wehren sich gegen Abbruch ihrer Häuser

Die rund 140-jährige Häuserzeile am Steinengraben soll einem Bürokomplex der Helvetia Versicherungen weichen. Die Mieter weisen auf ihrer Website auf Unstimmigkeiten hin. Und laut Mieterverband wird der verlorene Wohnraum nicht kompensiert.

Hinter den Häusern verbirgt sich ein grüner Innenhof.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Die alte Häuserzeile am Steinengraben soll einem Bürobau der Helvetia Versicherungen weichen. Dagegen wehren sich die Mieter. Mit einer Website und einer Petition wollen sie eine Diskussion in Gang setzen. Laut Mieterverband wird zudem das Wohnraumfördergesetz verletzt.

Noch lachen sie, die Fratzen an der Fassade: Am stark befahrenen Cityring ist die alte Häuserzeile mit den bizarren Masken ein Hingucker. Von der lärmigen Strasse aus ist kaum zu glauben, dass sich dahinter ein idyllischer Innenhofgarten befindet. Damit ist aber wohl bald Schluss: Die rund 140-jährige Häuserzeile am Steinengraben 30 bis 36 soll einem Bürokomplex weichen – so will es die Eigentümerin, die Helvetia Versicherungen. 

Über 25 Leute müssten somit ausziehen. Sie wollen sich jedoch nicht ohne Weiteres geschlagen geben und setzen sich nun auch mit einer Website für den Erhalt der kleinen Oase am Steinengraben ein. Seit Montag ist diese online. «Wir möchten damit Transparenz schaffen und es der Bevölkerung ermöglichen, sich selbst eine Meinung zu bilden», sagt Joël, der seit etwa zwei Jahren mit neun Mitbewohnern in einem der vom Abriss bedrohten Häuser lebt.

Kommentare auf der Website sind erwünscht: «Es soll auch eine Plattform für eine Diskussion sein und den Diskurs über die prekäre Lage des günstigen Wohnraumes in Basel anregen», meint der Mieter Janosch. Nebst Informationen zur Geschichte der Häuserzeile und einem Argumentarium ist auf der Website auch eine Petition zur «Erhaltung des Wohnraumes am Steinengraben» zu finden, die bereits vor mehreren Wochen lanciert wurde.

«Es gibt keinen Anspruch auf Büroraum auf Vorrat»

Die Verfasser derselben kritisieren, dass Helvetia die geplanten Räume lediglich als Übergangslösung von 2018 bis 2020 wirklich benötige. Sie werfen die Frage auf, ob als Überbrückung bis zur Fertigstellung des Firmenhauptsitzes bei der St. Alban-Anlage keine andere Lösung gefunden werden könne. Dabei weisen sie auf die Büroleerstände in Basel hin, die in ihren Augen das Neubauprojekt in ein absurdes Licht rücken.

«Die Büroräumlichkeiten sollen auch längerfristig genutzt werden.» Hansjörg Ryser, Mediensprecher Helvetia

Helvetia-Sprecher Hansjörg Ryser möchte hingegen nicht von einer Übergangslösung sprechen: «Dafür werden die Büroräumlichkeiten in einer ersten Phase gebraucht, anschliessend sollen sie aber auch längerfristig genutzt werden.» So sei etwa denkbar, die Bürotätigkeiten des Unternehmens sowohl vom St. Alban wie auch vom Steinengraben aus zentral zu organisieren. Zudem hält er fest, dass Helvetia auf die zusätzlichen Flächen angewiesen sei. «Es besteht kein Zusammenhang mit der Büroleerstandsquote in Basel – diese ist übrigens so tief wie seit Jahren nicht mehr», sagt Ryser.

Beat Leuthardt, Co-Geschäftsleiter beim Mieterinnen- und Mieterverband Basel, hält dem entgegen, dass trotzdem weiterhin viele Büroflächen in Basel brachliegen. «Dem leer stehenden Geschäftsraum entsprechen rund achteinhalb Fussballfelder», rechnet Leuthardt vor. In seinen Augen ist zudem die Argumentation von Helvetia nicht haltbar: «Es gibt keinen Anspruch auf Büroraum auf Vorrat.»

Widerstand gegen die Vernichtung alter Bausubstanz

Die Häuserzeile, die bald dem Neubau Platz machen soll, hat eine wechselvolle Geschichte: Die Liegenschaften Steinengraben 32 und 34 standen vor Jahren während vieler Monate leer. Nach einer kurzen Besetzung im Jahr 2011 wurden sie von der damaligen Eigentümerin Nationale Suisse (die vor rund einem Jahr vom Versicherungskonzern Helvetia übernommen wurde) zur Zwischennutzung freigegeben.

«Es geht darum, 140 Jahre alte Bausubstanz mit Umsicht zu renovieren statt abzureissen.» Silvio, Mieter  

So ist zu den Nachbarn aus den Häusern 30 und 36 eine junge Mietergruppe mit Handwerkern, Studierenden und Freischaffenden gestossen. Die Bewohner betonen, dass es bei ihrem Engagement nicht einfach um die Verteidigung ihrer kostengünstigen Wohnsituation gehe: «Uns ist auch bewusst, dass dieser Wohnraum renoviert werden sollte, und dass der Mietzins dadurch steigen wird», sagt der Mieter Silvio. Für ihn steht aber viel Grundsätzlicheres auf dem Spiel. «Es geht hier nicht um uns, sondern darum, bezahlbaren Wohnraum in Basel zu erhalten und die 140 Jahre alte Bausubstanz mit Umsicht zu renovieren statt abzureissen.»

Hansjörg Ryser sieht hingegen im Helvetia-Projekt keine Vernichtung von Wohnraum: «Es werden dort neue Wohnungen entstehen, die ebenso attraktiv sind wie die jetzigen», sagt er. Zudem sei den Mietern immer klar kommuniziert worden, dass es sich bei der aktuellen Situation bloss um eine Übergangslösung handle. Die Häuserzeile sei schliesslich sanierungsbedürftig und schneide in Sachen Energieeffizienz schlecht ab. Zudem werde die Grünfläche hinter den Häusern erhalten und der Innenhof aufgewertet.

Mieterverband sieht Wohnraumfördergesetz verletzt

Diese ökologisch klingenden Argumente der Helvetia sehen die Mieter lediglich als Vorwand. «Während Jahren wurde nichts am Unterhalt gemacht – kein Wunder also, dass die Häuser nicht mehr den Standards entsprechen», sagt der Bewohner Janosch. Zudem wirke die Argumentation auch unglaubwürdig, wenn man die Energiebilanz von Abbruch und Aufbau betrachte. Obschon in den Neubauplänen eine Grünfläche vorgesehen ist, überzeugt ihn das Vorhaben nicht ganz: «Wenn Helvetia die grüne Oase für eine Tiefgarage und Kellerräume mit Beton ausgiesst, kann nicht von einer Erhaltung und einer positiven Ökobilanz gesprochen werden», sagt er. Der Neubepflanzung werde somit der Grundwasserzugang total verwehrt: «Ein kleiner Mischwald von etwa 13 Bäumen, die in den letzten 140 Jahren gewachsen sind, wird dem Erdboden gleichgemacht.»

Dass der Neubau ein adäquater Ersatz für die alte Häuserzeile sein kann, glaubt auch Beat Leuthardt vom Mieterinnen- und Mieterverband nicht: «Die energetisch sinnvoll gebauten Häuser wurden damals in der Evaluation der Nationale Suisse schlechtgeredet.» Daher schlägt er vor, eine neue Expertise machen zu lassen.

«Ein Bürovorratsprojekt ohne wohnrechtliche Grundlage.» 

Beat Leuthardt, Co-Geschäftsleiter Mieterinnen- und Mieterverband

Zudem sieht er mit dem Abbruch der Steinengrabenhäuser das Wohnraumfördergesetz verletzt: «Der verlorene Wohnflächenanteil wird mit dem Neubau nicht kompensiert.» Er wirft Helvetia vor, bei diesem Punkt getrickst zu haben: «Büro- und Liftzugänge wurden ebenfalls zur Wohnfläche gerechnet», sagt Leuthardt. Ferner handle es sich beim Projekt um ein Bürohaus mit «hineingezwängten» Attikawohnungen. «Es ist somit ein Bürovorratsprojekt ohne wohnrechtliche Grundlagen», sagt Leuthardt.

Nicht nur die Frage des Wohnraums und ökologische Bedenken werden angeführt. Die aktuellen Mieter verweisen auch auf das Stadtbild: Obschon das Gebäude schlechte Karten hat, unter Denkmalschutz gestellt zu werden, werfen sie der Helvetia mangelnde Sensibilität gegenüber der Geschichte des Standorts vor. Dass es ausgerechnet den letzten Lichtblick beim ansonsten wenig attraktiven Cityring treffen soll, ist für sie nicht verständlich. Mit dem Einbezug der Bevölkerung hoffen die Bewohner auf ein Einlenken der Eigentümerin. Neben der Website sind weitere Schritte geplant. «Wir sind grundsätzlich an einem Dialog mit Helvetia interessiert», sagt der Mieter Joël.

Weitere Infos unter www.steinengraben.ch

Konversation

  1. @cesna
    war triefende ironie im fall
    die historische erschliessung der bergwelt ist mir bis ins detail vertraut.

    ulkig auch, dass eine ganze weile die damen noch drunten bleiben mussten – nicht durften. vielleicht steh’n die darum tendenziell vermehrt drüber.
    anyway: meiden Sie höhenfeuer 😉

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  2. Salü Piet,
    ich bin mir meines „Cevapcici-Daseins“ im Vergleich mit den quasiheiligen Versicherungen durchaus bewusst, besonders wenn sie dann wieder vergessen, mir die paar Taler für meine Arbeit zu überweisen.
    … und was das Bundesgericht von gewissen psychischen Krankheiten hält, das steht in keinem Lehrbuch. Das findet man nur in den Kreisschreiben des BSV.

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  3. Für jemanden, dessen Einkommen hauptsächlich auf Versicherungsleistungen basiert, ist diese Aussage ziemlich schräg. Zudem ist die Helvetia keine Krankenversicherung.

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  4. @ Chröttli:
    Es waren damals die Engländer, die den Bergtourismus in die Schweiz brachten und so den Eidgenossen beibrachten, dass die Berge schön (zum Geldverdienen) sind.
    Die Engländer und dann auch andere Nationalitäten stiegen zuerst auf die Schweizer Berge (nicht die Einheimischen).
    Viele unserer Bergbahnen gehen auf diese Zeit zurück.
    Es bestand ja ml die Hoffnung, dass eine „freie Sicht bis Genua“ sich als günstig für das Land auswirken könnte.
    Ich bin damit nicht einmal alleine.

    Die Pyrophobie ist eine Eigenschaft vieler Leute, die „Pyro“ auch in einem völlig anderen Zusammenhang erleben durften/mussten oder in der geschichte anders assoziieren.

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  5. @Cesna: Salüt Martin, deine sozialpolitische Erklärung leuchtet ein. Es geht mir aber mehr um den Missbrauch des Berufs. Schimpfst Du nicht auch, wenn Du dauernd Berichte an die Versicherungen schreiben musst, die nicht einmal geglaubt werden?

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  6. @Georg: Sie meinen mich? Bin aber kein Psychologe sondern Arzt und Psychiater. Ihre Frage trifft aber schon ins Rote. Sie haben alle Berufsgruppen aufgezählt, die ich schon mal in einem Kommentar angegriffen habe. Psychiater könnte man auch dazu zählen.. Ich möchte dies gerne klären. Es geht mir nicht um den Beruf an sich, sondern eher um den Missbrauch des Berufs. Ich bin auch bei einer Bank, hole auch Medikamente, bin versichert, etc. Ich mache mir aber Sorgen um den Machtmissbrauch, der zunehmend praktiziert wird, um beim eigenen Beruf zu bleiben, auch vom Psychiater und von den Psychiatrischen Kliniken. Der Rahmen des Kommentars ist zu klein um mehr aufzuholen…

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  7. @cesna

    werter herr kollega
    das deucht mich etwas platt – vermutlich leiden Sie an der klassischen sog.
    «montano-phobie» …

    vermutlich in einer speziell unglücklichen kombination mit der «pyro-phobie» 😉

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  8. Salü Piet,
    Versicherungen und Banken sind das Letzte, was dem Land noch übrig bleiben wird, wenn das mit der Pharmaindustrie hier in Basel auch irgendwie schief gehen sollte.

    …und die Schweizer haben und hatten schon immer Angst: Vor ihren eigenen Bergen, vor der Dampfeisenbahn, vor den Italienern, allgemein vor Ausländern, vor Flüchtlingen…., vor der EU…
    Es gibt glaube ich kein Land das soviel für Versicherungen ausgibt.

    Zu hohe Berge scheinen diesbezüglich den Menschen irgendwie nicht so gut zu tun?!
    Die Holländer haben eine neugierigere Geschichte hinter sich.

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  9. Das mit der Landwirtschaft kriegt Basel locker auch noch hin. Wenn man den geammten Steinengraben in einen Acker umwandelt, könnte man sogar effizent mit dem Mähdrescher ernten.
    Das wäre dann „Mega-Urban-Gardening“.

    Ansonsten, die Quadratmeter sind da in der Autolärmzone viel zu teuer. Da bekommt jede WG nebenan im Schwarzwald fürs gleiche Geld viermal soviel Wohnraum, und dann auch noch in ruhiger Lage.

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  10. Hat jemand den link angeklickt zur Webseite. Im Hof auf der Rückseite der Gebäude ist ein wunderschöner Garten.

    Ja, ich glaube, dass diese Häuser energietechnisch nicht mehr auf dem neuesten Stand sind. Nur, Häuser, die allen heutigen Vorschriften gerecht werden, sind für immer mehr Menschen nicht mehr bezahlbar.

    Die Häuserfronten alter Häuser haben ein Gesicht, haben Charakter. Die Häuserfronten neuer Häuser sind oft imposant und grossartig, aber ein Gesicht fehlt ihnen.

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