Stemmbogenfahren auf kolumbianisch

Kulturaustausch im Schnee: Die Organisation ICYE bietet für Jugendliche aus aller Welt Sozialeinsätze an, auch in der Schweiz. In der Altjahreswoche gings ins Skilager ins Unterwallis. Mit dabei waren Jugendliche aus dreizehn verschiedenen Nationen. Unser Autor hat sie bei ihren ersten Stemmbogen begleitet.

Skifahren macht Spass, egal woher man kommt. (Bild: Julien Gubian)

Kulturaustausch im Schnee: Die Organisation ICYE bietet für Jugendliche aus aller Welt Sozialeinsätze an, auch in der Schweiz. In der Altjahreswoche gings ins Skilager ins Unterwallis. Mit dabei waren Jugendliche aus dreizehn verschiedenen Nationen. Unser Autor hat sie bei ihren ersten Stemmbogen begleitet.

La Fouly in den Unterwalliser Alpen. Es ist der 27. Dezember, neun Uhr morgens. Grosse, dicke Schneeflocken fallen vom Himmel. Die Gegend rund um das 100-Seelen-Dorf ist komplett eingeschneit. Es ist der erste richtige Schnee in diesem Winter. Die Betreiber der dorfeigenen Skistation mit ihrem Sessellift und den zwei Skiliften wirds freuen – gerade noch rechtzeitig für die Altjahreswoche können sie ihre Lifte endlich in Betrieb nehmen.

Schneegestöber im Winter: Was für die Bewohner des Val Ferret «courant normal», ist für den 18-jährigen Tito Martínez aus Kolumbien ein Novum, das es mit einem Sprung in den Tiefschnee – begleitet von einem unüberhörbaren Jubelschrei – zu feiern gilt: «Ich habe mein Leben lang noch keinen Schnee gesehen. Das Herumtoben in der weissen Masse ist ein unbeschreibliches Gefühl.» Und es ist offensichtlich vor allem Freude beim Studenten aus Bogotá.

Hoch die Piste: Blick hinunter auf die Talstation in La Fouly.

Hoch die Piste: Blick hinunter auf die Talstation in La Fouly. (Bild: Julien Gubian)

Martínez ist einer von achtzehn Freiwilligen, die seit August für ein Jahr in der Schweiz weilen, um Land und Leute kennenzulernen. Dafür arbeiten sie im sozialen oder kulturellen Bereich und wohnen in Schweizer Gastfamilien. Hinter dem Angebot steht die weltweit tätige Non-Profit-Organisation ICYE (International Cultural Youth Exchange). «Durch die Mitarbeit im Waisenheim, in Primarschulen oder Kulturprojekten bewegst du mehr als ein Tourist auf der Durchreise», wirbt ICYE auf der hauseigenen Website.

Älplermagronen und Pistenkaffee

Das Eintauchen in einen fremde Kultur, fernab vom herkömmlichen Durchreise-Tourismus: Das war auch Tito Martínez‘ Absicht, als er sich für den ICYE-Austausch entschieden hat: «Nach einem Semester Studium der deutschen Philologie in Bogotá wollte ich meinen Horizont erweitern und mein Deutsch verbessern. So bin ich auf ICYE gestossen.» Ziel von ICYE ist es denn auch, die Verständigung und Solidarität zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen zu fördern.

Kulturaustausch in der Schweiz? Da dürfen Skiplausch, Pistenkaffee und Älplermagronen-Schmaus natürlich nicht fehlen. Darum organisiert ICYE für die Freiwilligen jeden Winter ein einwöchiges Skilager in La Fouly. «Damit bieten wir den Austauschern die Möglichkeit, Ski zu fahren. Der Schnee ist ein faszinierender Erfahrungsraum, gerade für Jugendliche aus Südamerika, Afrika oder Asien», sagt Lagerleiterin Marianne Mischler.

Tito Martínez in Aktion bei einem Slalom-Wettkampf.

Tito Martínez in Aktion bei einem Slalom-Wettkampf. (Bild: Julien Gubian)

Spengler-Cup zum Nachtisch

Tatsächlich finden sich im Lager Jugendliche aus Kolumbien, Honduras, den USA, Japan oder Uganda. «Die Atmosphäre im Lager ist einmalig. Hier lerne ich Skifahren und mache gleichzeitig Bekanntschaften mit Leuten aus aller Welt», sagt Martínez schwärmend. Während seines Austauschjahrs wohnt er in Laufen und arbeitet im Kinderhort K5 im Gundeli. In Basel gefällt ihm das internationale Flair: «Die Stadt ist wirklich open-minded», sagt er in einem Gemisch aus Englisch und Deutsch.

Ebenfalls aus Kolumbien kam die 21-jährige Indira Pérez angeflogen. Sie wohnt zurzeit in Lupsingen und arbeitet im Jugendzentrum Worldshop an der Klybeckstrasse. Das Skifahren hat es ihr weniger angetan, dafür gefällt ihr das Abendprogramm: Werwolf-Spielen, Pokern, Spengler-Cup Schauen oder auch nur das Quatschen mit Leuten vom anderen Ende der Welt. «Erst dachte ich, in der Schweiz wäre alles viel strukturierter. Im Worldshop stelle ich das Gegenteil fest», sagt die angehende Kulturmanagerin schmunzelnd.

Mikrokosmos Basel-Stadt

Indira Pérez‘ Absicht ist es, ein Engagement im sozialen Bereich mit dem Kennenlernen einer fremden Kultur zu verbinden. «In der Schweiz kommen auf engstem Raum unzählige Sprachen und Kulturen zusammen. Das finde ich faszinierend.» Während sie in Kolumbien kaum Menschen asiatischer oder afrikanischer Abstammung antrifft, sei das in Basel gang und gäbe: «Hier ist die halbe Welt versammelt.»

Indira Pérez studiert Moderne Sprachen und Kulturmanagement an der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá.

Indira Pérez studiert Moderne Sprachen und Kulturmanagement an der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá. (Bild: Julien Gubian)

Feuchtfröhlich gings in der Silvesternacht zu und her: Unter Berücksichtigung der Zeitverschiebung wurde das neue Jahr im Skilager dreizehnmal neu eingeläutet. So kamen alle auf ihre Rechnung, von der Japanerin bis zum Honduraner. Einziger Nachteil: Mehr Silvester heisst auch mehr Champagner. Entsprechend hartnäckig machte sich beim einen oder andern der Neujahrs-Kater breit.

Faire Preise für alle

Das Skilager kostet die Freiwilligen 390 Franken. Die Frage drängt sich auf: Bleibt der Kulturaustausch allein Gutbetuchten vorbehalten? «Nein», antwortet Nora Burla von ICYE-Schweiz. «Bei uns gilt das Prinzip der Gegenseitigkeit. Für ihren Sozialeinsatz haben Tito und Indira ihre Programmgebühr in Kolumbien bezahlt. Diese deckt die Kosten von Freiwilligen aus der Schweiz, die ihrerseits einen Einsatz in Kolumbien absolvieren.»

Umgekehrt würden die Schweizer Freiwilligen mit ihren Gebühren die Aufenthaltskosten von Tito und Indira in der Schweiz finanzieren, erklärt Burla. «Diese Preispolitik ermöglicht es, die Preise der Kaufkraft des jeweiligen Landes anzupassen. Bei ICYE ist zudem das freiwillige Engagement zentral. Dadurch können wir die Kosten tief halten.»

So lebt das Skilager vom Einsatz ehemaliger Schweizer Austauscher: Sie amten als Skilehrer, Programmgestalter, Küchen- oder Transportchefs. Wenn dann ein Logistiker aus St. Gallen einer Studentin aus Uganda zeigt, wie man am Skilift richtig abbügelt, bleibt einzig die Erkenntnis: Eingehüllt in Frau Holles weissen Schneemantel spielt es überhaupt keine Rolle, welcher Nationalität man angehört.

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