Thomas Kessler, der Abenteuerbeamte

Mit Thomas Kessler geht einer der profiliertesten Chefbeamten der Basler Verwaltung. Er war gleichzeitig auch der unbequemste.

Geschasster Chefbeamter: Thomas Kessler war ein unbequemer Mitarbeiter.

(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)

Mit Thomas Kessler geht einer der profiliertesten Chefbeamten der Basler Verwaltung. Er war gleichzeitig auch der unbequemste.

Nachdenklich, distanziert, ungewohnt ungesellig war Thomas Kessler am Neujahrsempfang der Basler Regierung vergangene Woche im Volkshaus. Er, der an solchen Anlässen aufzublühen pflegte. Der mit dem Prosecco-Glas in der Hand und träfen Sprüchen auf den Lippen für gewöhnlich zum harten Kern jeder Feiergemeinde zählte. Gut möglich, dass er zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass dies einer seiner letzten öffentlichen Auftritte als Kantons- und Stadtentwickler sein würde.

Knall auf Fall muss der 57-Jährige am 7. Februar sein Büro im Präsidialdepartement räumen. Zeitgleich mit Morins Amtszeit als Regierungspräsident endet auch Kesslers Tätigkeit als oberster Basler Stadtentwickler. Die offizielle Verlautbarung dieses Abgangs liest sich einigermassen bizarr. Darin ist von einem «gemeinsamen Entschluss» die Rede, wonach nun «der richtige Zeitpunkte gekommen sei, das Präsidialdepartement gemeinsam zu verlassen».

Über die Gründe wurde Stillschweigen vereinbart – Morins Nachfolgerin Elisabeth Ackermann war offenbar nicht involviert. Gemäss Recherchen der TagesWoche geht Kessler jedoch nicht freiwillig, sondern musste seinen Sessel räumen. Dies offenbar, weil Morin nach acht Jahren zum Schluss gekommen ist, dass Kessler eine Fehlbesetzung für diese Stelle sei. Angenommen werden darf auch, dass er seiner Parteikollegin Ackermann damit zum Amtsantritt einen Gestaltungsspielraum eröffnen wollte. Morin macht reinen Tisch und entledigt sich des meinungsstärksten Querdenkers, Ackermann darf danach eine Schlüsselposition in ihrem Departement neu besetzen.

National Beachtung gefunden

Mit Thomas Kessler verlässt einer der profiliertesten Chefbeamten die Basler Verwaltung – einer, der auch national viel Beachtung fand. Kaum ein Medium, dessen Mikrofone noch nicht auf Kessler gerichtet wurden. In den Datenbanken wimmelt es von ausführlichen Interviews und Gesprächssendungen. Bevor der ehemalige Landwirt Anfang 2009 Stadtentwickler wurde, prägte er massgeblich die Drogen- und Integrationspolitik mit. Zuletzt leitete er auch eine Taskforce zu islamistischer Radikalisierung.

Auch wenn der Abgang nicht freiwillig erfolgt: Für Kessler ist er ein Befreiungsschlag. Der frühere Kantonsrat der Zürcher Grünen war in den Strukturen des ungewichtigen Präsidialdepartements gefangen. Kessler fühlte sich unterfordert, nur noch selten war er in letzter Zeit in seinem Büro am Marktplatz anzutreffen. Unablässig sprach er von irgendwelchen Projekten, denen er seine Aufmerksamkeit lieber gewidmet hätte, die seinen Interessen und Fähigkeiten gerechter geworden wären.

Auch wenn der Abgang nicht freiwillig erfolgt: Für Kessler ist er ein Befreiungsschlag.

Als Kantons- und Stadtentwickler hatte er zu wenig Gestaltungsspielraum. Das liegt nicht nur daran, wie das Präsidialdepartement organisiert ist, sondern auch daran, dass sich andere Departemente schnell mal brüskiert gaben, wenn er über den streng gezogenen Zaun seines Amtsgärtchens hinweg dachte. Doch genau das machte Kessler gerne – und damit zog er in regelmässigen Abständen den Ärger des Gesamtregierungsrats auf sich.

In diesem Gremium sah man es ungern, wenn in den unteren Chargen laut und frei von ideologischen Berührungsängsten nachgedacht wurde. Etwa, als Kessler ein Aufweichen des sonntäglichen Verkaufsverbots in Erwägung zog, SP-Regierungsrat Christoph Brutschin damit in Rage versetzte und in der Folge von Morin einen öffentlichen Verweis kassierte.

An der kurzen Leine

Die höchsten Wellen schlug jedoch Kesslers Aussage, wonach 90 Prozent der Asylsuchenden in der Schweiz sogenannte Abenteuermigranten und keine echten Flüchtlinge seien. Damit brachte er mit einem Satz nicht nur die Linke gegen sich auf, sondern auch seinen Chef Morin in die Bredouille. Die Episode blieb ewig an ihm hängen, sein Ruf war fortan derjenige des Polemikers. Darüber ging vergessen, dass Kessler sich durchaus auch fundiert und konstruktiv in die Asyl-Diskussion einbrachte. Etwa indem er schon früh darauf pochte, dass Asylsuchende so früh wie möglich integriert werden sollten. Heute ist Basel-Stadt einer der wenigen Kantone, der auch Flüchtlingen ohne Aufenthaltsstatus einen Deutschkurs finanziert.

Seine Provokationen quittierte der Regierungsrat mit einem Maulkorb. Kessler wurde von Morin an die kurze Leine genommen. Seine öffentlichen Aussagen musste Kessler von der Pressestelle des Präsidialdepartements absegnen lassen, lokale Medienauftritte wurden seltener. Eine Schikane für einen Mann, der so gerne und gekonnt im Rampenlicht agiert wie Kessler. Über diese Zurechtweisungen scherzte Kessler in der Öffentlichkeit, es war seine Art, mit dieser Demütigung umzugehen.

Überhaupt gerieten insbesondere Vertreter linken Gedankenguts ob Kesslers Ideen regelmässig in Wallung. In gentrifizierungskritischen Kreisen galt er zusammen mit Polizeidirektor Baschi Dürr als Feindbild erster Güte. Das ging so weit, dass der kampfsporterprobte und alles andere als konfliktscheue Kessler nicht nur verbale Prügel einstecken musste. Lange schien er in dieser Rolle als Agent Provocateur aufzugehen und im vehementen Widerstand Bestätigung zu finden. Er war ein unerschrockener Querdenker und gefiel sich in dieser Rolle.

Offener Konflikt mit Morin

Doch der Gegenwind ging ihm zunehmend an die Substanz. Eine Reihe persönlicher Schicksalsschläge zehrte an seiner Kraft. Wo er sich seinen Kritikern zuvor furchtlos und mit scharfen, meist treffenden Worten stellte, floh er sich danach in professorales Dozieren. Kessler erkannte Probleme im System vor allen anderen, gab sich abgeklärt und besserwisserisch, fühlte sich stets unverstanden. Kessler war isoliert.

Immer offener schwelte auch der Konflikt mit Morin. Was Kessler von Morin hält, liess er immer wieder durchblicken. Die beiden unterschieden sich wie Tag und Nacht. Kessler agierte furchtlos, Morin ängstlich. Kessler war seinem Chef in vieler Hinsicht  überlegen. Das wusste Morin und er liess Kessler lange einfach machen. Doch kurz vor seinem Abtritt packt auch Morin noch die Courage. Als letzte Amtshandlung zeigt er seinem unbequemsten Mitarbeiter die Tür.

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Konversation

  1. Man möchte in solchen Situationen einfach darauf hinweisen, dass nicht nur der offizielle Wortlaut dieser Entlassung nicht die Wahrheit an sich sein kann, sondern dass wir alle, die beiden SchreiberInnen dieses Artikels wie auch alle Kommentierenden, keine Ahnung haben, was in diesem Departement vorgegangen ist. Wir sind weniger als Zuschauer. Wir sahen über all die Jahre nur das, was eben an die Öffentlichkeit geraten sollte. Jegliche Mutmassungen über die persönlichen Beziehungen dieser Staatsangestellten (bitte: es gibt keine Beamte in der Schweiz) sind müssig.

    Mich macht höchstens die übermässige Medienaffinität eines solchen Mannes wie Kessler misstrauisch. Denn er sprach immer für alle oder hat je jemand mit einem seiner Mitarbeiter gesprochen?

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  2. Irgendwie kommt es mir vor, als hätte ich das alles jetzt schon drei Mal gelesen. Lasst die beiden nun zu sich selber finden. Die Welt ist nicht unter gegangen. Es gibt Wichtigeres!

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  3. Spätestens nachdem ich von Herrn Kesslers hand- bzw. fussgreiflichen «Interventionen» gegen sogenannte «Randständige» gelesen hatte, war bei mir der Ofen aus.

    Ein Mensch mit einem offensichtlichen Gewaltproblem gehört nicht auf so einen Posten, sondern in eine Therapie. Ich hoffe sehr, dass die Betroffenen Strafanzeige gegen Herrn Kessler eingereicht haben.

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  4. Mag sein, dass es für Thomas Kessler persönlich ein Befreiungsschlag sein wird, es ist ihm jedenfalls zu wünschen. Für die Stadt Basel ist es dennoch ein herber Verlust. Dieses Denken „out of the box“ hat der Stadt einiges an Gewinn eingebracht. Und es hätte noch viel mehr sein können, hätte Thomas Kessler die gleichen Freiheiten wie z.B. ein Fritz Schumacher gehabt. Doch während Barbara Schneider mit ihrem Freigeist im Departement umgehen konnte, verstand es Guy Morin enttäuschenderweise nie, das Potenzial im eigenen Haus zu nutzen. Nicht auszudenken, welchen Schub verschiedenste Visionen bekommen hätten, hätte Morin seinem Mann die nötige Rückendeckung gegeben. Und schade auch, dass Elisabeth Ackermann nicht mehr wird beweisen können, es besser zu machen. Ob sie es überhaupt je vor hatte?

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  5. „Angenommen werden darf auch, dass er seiner Parteikollegin Ackermann damit zum Amtsantritt einen Gestaltungsspielraum eröffnen wollte“. Ob G. Morin damit seiner Nachfolgerin tatsächlich einen Gefallen tut? Mit der Entlassung seines Chefbeamten desavouiert er E. Ackermann, denn offenbar traut er ihr schlicht nicht zu, mit einer starken Persönlichkeit wie Th. Kessler zusammenzuarbeiten.
    Der Start für die neue Präsidentin wird schwieriger ohne das Netzwerk, das Th. Kessler aufgebaut hat. G. Morin hat seiner Nachfolgerin einen Bärendienst erwiesen.

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    1. …und noch desavouierender, offenbar traut er ihr auch nicht zu gegebenenfalls eine starke Persönlichkeit wie Th. Kessler eigenhändig zu entlassen.

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  6. chröttli: genau! In Bälde soll die Stelle des CEO’s für das zukunftsträchtige, länderübergreifende Projekt „Trump-Tower im Dreiländereck“ ausgeschrieben werden. Das wär doch was für ihn.

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  7. Einen Tronald-Dump-Tower in unsrem Dreiland ? Oh was für eine wunderschöne idee !
    Wenn er nicht wieder partout als Medizinmann praktizieren wollte,tja dann müsste man eigentlich Ideaelerweise Guy Morin als Pförtner für selbigen vorschlagen- und Th. Kesseler als Bussiness Manager desselben- nicht umgekehrt ! Jedenfalls wäre es in der freien, der NGO-Wirtschaft so- wetten dass ??

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  8. Na, ich war ja selber nie Staatsangestellter, habe aber ziemlich viele gekannt und hätte es Thomas Kessler daher gegönnt, wenn er den Chuzpe gehabt hätte, die Stelle, die ihn offenbar unterforderte und einengte, auf eigenen Antrieb zu kündigen – denn der Abgang ist immer auch eine Stilfrage.

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