Überall diese Väter – jetzt auch noch in Basel

Väter, Väter, Väter, alle reden von der Vaterschaft. Jetzt organisiert das Männerbüro am Sonntag den ersten Basler Vätertag im Gundeldingerfeld.

Eine Stelle mit viel Verantwortung wird er kaum kriegen, doch das ist Papa Pascal Pfister egal.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Im Februar schrieb Pascal Pfister auf Facebook: «Nach 8 1/2 Jahren endet meine Anstellung bei der Gewerkschaft. Ich widme mich vorderhand meiner jungen Familie.» Seinen Berufsstatus wechselte er zu «Hausmann und Vater». Bei seinen Freunden stiess das offenbar auf Anklang, 131 Personen drückten «gefällt mir».

Eine Journalistin, die auf Facebook vorübergehend «Hausfrau und Mutter» als Beruf angibt, kriegt dafür nur einen Bruchteil seiner Likes. Gut, sie hat auch weniger Freunde als Pfister. Aber vielleicht sind Hausmänner auch einfach viel cooler als Hausfrauen, zumindest in linken Kreisen – Pfister ist nicht nur Gewerkschaftler, sondern auch SP-Grossrat.

Väter hier, Väter dort

Ums Vatersein herrscht momentan ein ziemlicher Hype. SRF sendete kürzlich eine Input-Radiosendung über Väter im Stress und eine «Einstein»-Fernsehsendung zum Thema Vatersein, in der NZZ schrieb ein Journalist, Vatersein sei kein Zuckerschlecken, und im «Spiegel» bilden Väter schon seit Jahren immer wieder ein Schwerpunktthema.

Auch dieser bescheidene Artikel widmet sich den Vätern. Über Aufmerksamkeit können sie sich also nicht beklagen.

Trotzdem herrscht bei den Männern keine Halleluja-Stimmung. Soziologe Walter Hollenstein wird nicht müde zu sagen, Männer seien die Verlierer der Emanzipation. Mann wisse nicht mehr so recht, wann ein Mann noch ein Mann sei, seit Frauen Geld heimbringen und von ihren Männern verlangen, dass sie Windeln wechseln und im Sitzen pinkeln.

Psychologe Allan Guggenbühl wiederholt gerne, die weiblichen Pädagoginnen liessen die armen Knaben nicht mehr richtige Knaben sein und würden nur noch Mädchen fördern.

«Väter haben oft das Gefühl, sie seien der einzige Mann auf der Welt, der wäscht, kocht und Arzttermine abmacht.»

Walter Grisenti, Männerbüro Basel

Das Männerbüro der Region Basel veranstaltet nun diesen Sonntag den ersten Vätertag in der Region, zusammen mit dem Verband männer.ch. Dort können Väter mit ihren Kindern T-Shirts bedrucken, töggelen, malen, Chlöpfer und Schlangenbrot backen und andere Väter kennenlernen.

Wozu das Brimborium? «Väter können so Zeit mit ihren Kindern verbringen und sich mit anderen Väter vernetzen», sagt Walter Grisenti, Chef des Männerbüros.

Das haben sie offenbar bitter nötig. Grisenti: «Wenn es um die Karriere geht, sind Männer super darin, Seilschaften zu knüpfen. Aber als Vater haben sie oft das Gefühl, sie seien der einzige Mann auf der Welt, der wäscht, kocht und Arzttermine abmacht.» Wahrzunehmen, dass sich heute viele Väter um ihre Kinder kümmern, sei auch für die Kinder «identitätsstiftend», gebe Sicherheit und neue Vorbilder.

Vier Hände sind besser als zwei

Offenbar kann das Vatersein ziemlich am Ego kratzen. Wir fragen bei Hausmann Pascal Pfister nach. Er sagt: «Ich hatte schon Kollegen, die nicht verstehen, dass ich jetzt einfach einmal eine Weile daheim bleibe.»

Wir treffen den 40-Jährigen morgens um 10 Uhr im Kannenfeldpark. Er kommt beeindruckend pünktlich, obwohl er nicht nur ein Baby, sondern gleich zwei Sechsmonatige rechtzeitig wickeln, füttern, anziehen und in den Kinderwagen packen musste. Pfister hat Zwillinge.

Wir setzen uns an einen Tisch im Parkcafé, der Knabe weint, Pfister nimmt ihn raus. Nach einer Weile weint das Mädchen, Pfister legt den Knaben in den Wagen, nimmt das Mädchen raus. Als der Knabe wieder weint, gibt er ihn kurzerhand der Journalistin auf die Knie. «Zwei Hände reichen nicht, du brauchst vier», sagt er.

«Die Kinder haben jetzt Priorität»

Als die Zwillinge auf die Welt kamen, kündigte Pfister seine Stelle und blieb daheim. «Anders wäre es für meine Partnerin schon anstrengender geworden.» Für ihn sei von Anfang klar gewesen, dass er sich um die Kinder kümmern möchte. «Sie wachsen so schnell und du verpasst so viel, wenn du morgens bis abends im Büro bist.» Auf den Sommer hin sucht er eine neue Stelle, 50 Prozent. Bis er eine hat, ist er Vollzeitpapa.

Hat er keine Angst, dass er so seine Karriere gefährdet? Die meisten Arbeitgeber fördern lieber Vollzeitler, wie eine neue Studie der Management-Professorin Gudrun Sander bestätigt. «Das ist mir egal», sagt Pfister. Er rechne nicht damit, eine Stelle mit viel Verantwortung zu kriegen. «Doch die Kinder haben jetzt Priorität.»

Ausserdem schätzt er sich glücklich. Er habe genug Geld gespart, um sich eine Pause ohne Einkommen leisten zu können. «Ein Bauarbeiter überlegt sich dagegen zwei Mal, ob das Geld reicht.» Und ein Mann auf dem Bau müsse sich auch noch trauen, seinen Chef zu fragen, ob er Teilzeit arbeiten dürfen.

Väter sind super

Pfister ist überzeugt, dass er seinen Kindern gut tut. «Sie sind sicher so entspannt, weil ihre Mutter und ihr Vater viel zu Hause sind.» Die Wissenschaft gibt ihm recht. Gleich mehrere Forscher widmen sich dem Studienobjekt Vater, der «Spiegel» bietet einen Überblick. Die Ergebnisse:

  • Väter spielen wilder, das fördert die Neugier der Kinder und macht sie mutig und selbstbewusst.

  • Söhne, die viel Zeit mit ihrem Vater verbringen, sind schlauer.

  • Väter, die den Säugling von Geburt an wiegen, waschen und in der Nacht beruhigen, stossen mehr Kuschelhormone und weniger Testosteron aus und bauen eine engere Beziehung zum Kind auf.

Aber Väter sind auch abwesend

Väter sind also ziemlich super. Aber: So sehr scheinen sie sich denn auch nicht darum zu reissen, Haushalt und Kinder zu schmeissen. Das zeigt die Statistik:

  • Nur elf von hundert Männern arbeiteten letztes Jahr Teilzeit, aber 63 von hundert Müttern, rechnet das Bundesamt für Statistik vor.

  • Nur in 19 Prozent der Schweizer Familien putzen, waschen und kochen Männer gleich viel wie Frauen, in drei Viertel der Familien übernehmen die Frauen den Haushalt alleine, das zeigen die Zahlen von 2014.

Die Väter kommen schon noch – der Vaterschaftsurlaub vorerst nicht

Doch für Männerbüro-Chef Grisenti ist klar, dass sich das ändern wird: «Die Männer engagieren sich sehr wohl und immer mehr.» Obwohl es ihnen nicht immer einfach gemacht werde. Seine Kritikpunkte sind bekannt: «Viele Frauen trauen ihnen nicht zu, Kinder und Haushalt richtig zu machen. Da muss noch viel Vertrauen geschaffen werden. Männer erziehen anders, und die Kinder profitieren davon.»

Eine neue Studie von Margrit Stamm bestätigt: Männer werden zu sehr am Bild der immer präsenten Mutter gemessen und schlechtgeredet. Doch Männer zeigen sich auch nicht solidarischer: Kürzlich schmetterten die Rechten im Nationalrat einen Vaterschaftsurlaub ab. Jetzt sammelt die Gewerkschaft Travaille Suisse Unterschriften für eine Initiative.

Das Männerbüro formuliert zudem weitere Forderungen:

  • Männer sollen nicht nur das Sorgerecht haben, sondern auch die Obhut kriegen, sodass sie die Kinder auch nach Scheidungen noch im Alltag betreuen können.

  • Frauen sollen «den Männern Raum geben», ihre Vaterrolle auszufüllen.

  • Arbeitgeber sollen auch Männer erlauben, ihr Pensum zu reduzieren.

Die Pfister-Zwillinge werden langsam unruhig im Park, der Junge will auf Papas Knie. Pfister sagt: «Ich muss jetzt heim, die Kinder füttern.»

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Vätertag: 5. Juni, 14 bis 17 Uhr im Gundeldingerfeld. Infos: www.vätertag-regionbasel.ch

Konversation

  1. Schliesse mich Miss St Johann an… Warum sollte nicht einfach jeder und jede in der Familie und im Beruf die Rolle übernehmen können, in der er oder sie sich wohl fühlt, ohne dass das immer gleich als Statement verstanden wird und eine riesige Diskussion losgeht? Sind wir denn immer noch nicht so weit?

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  2. Und sowieso und überhaupt:
    Es ist ja gut, dass sich die Rollenspiele beginnen aufzuweichen.
    Es kommt ja nun wirklich nicht darauf an, welche Rolle man spielt, sondern dass man zu sich selbst findet und von innen heraus handelt.
    Es kommt weniger darauf an was man tut, sondern viel mehr wie man das macht, was man tut.

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  3. „Mann wisse nicht mehr so recht, wann ein Mann noch ein Mann sei, seit Frauen Geld heimbringen und von ihren Männern verlangen, dass sie Windeln wechseln und im Sitzen pinkeln.“

    Können Männer nicht einfach Menschen sein, wie Frauen auch? Müssen die Identität und das Selbstbewusstsein daran hängen, wer Geld verdient oder Windeln wechselt?! Ich kann solche Probleme irgendwie nicht nachvollziehen. Mein Partner jedenfalls hat kein Problem damit, wenn ich einen Lichtschalter ersetze oder – wie jetzt gerade – mehr verdiene als er… ist das nicht normal?

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    1. „O Männer sind einsame Streiter – müssen durch jede Wand müssen immer weiter… Wann ist ein Mann ein Mann ?.. Wann ist ein Mann ein Maaann ?? “ …
      (Das wusste doch schon Grölemeyer !)

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    2. Ich (Mann) lebe mit einer Frau zusammen. Wir führen keine Geschäftsbeziehungen und deshalb ist sie auch nicht meine „Partnerin“. Sie ist Familie: Das ist ein kleiner Unterschied.

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