Und ewig rauscht die Autobahn

700 Meter Schallschutzwände sollen die Überbauung in der Erlenmatt vor Verkehrslärm schützen. Schlafen bei offenem Fenster dürfte trotzdem schwierig werden.

Die Autobahn ist zu laut für die Neubauten an der Erlenmatt Nord. (Bild: Patrik Tschudin)

Am Nordende der Erlenmatt ist es zu laut zum Wohnen. Die Rampen der Nordtangente bekommen deshalb demnächst Lärmschutzwände verpasst. Exponierte Wohnungen lassen sich dennoch nur indirekt belüften.

In heissen Sommernächten bei offenem Fenster schlafen: Am Nordende der Erlenmatt könnte das schwierig werden. Zumindest in den exponierteren der insgesamt 174 Wohnungen des Blocks, den die Investmentgesellschaft Patrimonium auf das nördlichste Baufeld (G) stellt.

Der Block ist auf drei Seiten von der Autobahn umgeben, denn er befindet sich ziemlich genau im Zentrum des Halbkreises, den die Rampen der Nordtangente dort auf ihren Stelzen ziehen. Laut der Messestelle «Anschluss Wiese» des Bundesamtes für Strassen verkehren hier 60’000 bis 70’000 Fahrzeuge pro Tag. Tendenz: steigend.

Planungswerte werden nicht eingehalten

Das Ingenieurbüro Gartenmann Engineering hat bereits 2012 Berechnungen gemacht, im Auftrag des baselstädtischen Amts für Umwelt und Energie (AUE). Diese zeigen, dass die «Planungswerte» an den allermeisten Fassaden der geplanten Gebäude nicht eingehalten werden können, selbst nicht mit 3,5 Meter hohen Lärmschutzwänden entlang der Autobahnrampen.

Das Erlenmatt-Areal hat der Kanton Basel-Stadt gemäss Lärmempfindlichkeitsplan der sogenannten Empfindlichkeitsstufe III zugewiesen. Das heisst, bei offenem Fenster sollte es tagsüber in der Fenstermitte maximal 60 Dezibel (dB) laut sein, in der Nacht 50 dB. Diese Werte gelten für jene Fenster, die zur Belüftung der Räume dienen. Gartenmanns Berechnungen kommen an den Nordenden aber auf andere Werte: Diese liegen bei den teils erst geplanten, teils bereits in Bau befindlichen Häusern trotz Lärmschutzwänden tagsüber zwischen 67,9 dB und 57,3 dB und nachts zwischen 61,9 dB und 50,4 dB. Insbesondere in der Nacht werden die Autobahngeräusche also zu laut sein.

Eine Loggia gegen den Autobahnlärm

Darauf musste die Bauherrin Patrimonium reagieren. Laut AUE ist vorgesehen, «dass die Räume über verglaste Loggien belüftet werden können». Eine Loggia vor der Wohnung ist eine tolle Sache. Aber nicht so toll, wenn sie in einer heissen Sommernacht geschlossen bleiben muss, weil es sonst im Schlafzimmer zu laut ist. Matthias Nabholz, seit dem 1. Mai Leiter des Amtes für Umwelt und Energie, widerspricht: Die Loggiafenster dürften auch offen sein, so dass «eine natürliche Belüftung» möglich sei. «Der Schalleinfall» werde aber «bis zum eigentlichen Lüftungsfenster reduziert».

Will heissen: Den Autobahnlärm dürfte man trotz Loggia in manchem Schlafzimmer des Patrimonium-Blocks hören – allerdings in einer Lautstärke unterhalb des «Planungswertes». Andere Fenster, ausser jenen der Loggia und jenen zur Lüftung dahinter, lässt man in dem Block wohl besser geschlossen. Der anbrandende Autobahnlärm wird dort an vielen Stellen über dem «Planungswert» liegen.

Die Patrimonium-Überbauung auf dem Baufeld G wird aus zwei länglichen Flügeln bestehen, getrennt durch einen Innenhof. Der Westflügel auf der Seite des Riehenrings erhält acht Geschosse. Damit ist er höher als alle anderen, bisher auf dem Areal geplanten Gebäude. Gemäss den Berechnungen von Gartenmann wird der Geräuschpegel an den nach Norden und nach Osten ausgerichteten Fassaden auf allen Etagen über dem «Planungswert» liegen – ausser im Parterre.

Vivico-Nachfolgerin bezahlt die Lärmschutzwände

Die Kosten für die zwischen 2,5 und 5,5 Meter hohen und insgesamt rund 700 Meter langen Lärmschutzwände entlang der rechten Spur der Autobahnrampen gehen zulasten der Bautrag Infrastructure AG in Muri bei Bern. Sie ist, nach verschiedenen Handänderungen auf der Erlenmatt in den letzten Jahren, die Rechtsnachfolgerin der ursprünglichen Bodenbesitzerin Vivico.

So sieht das auch der städtebauliche Rahmenvertrag vor, den die ehemalige Basler Baudirektorin Barbara Schneider im Jahr 2002 mit der Deutschen Bahn und deren Immobilienverwalterin Vivico Real Estate unterzeichnet hat. Auf Seite vier ist dort festgehalten, dass die Finanzierung des Schallschutzes – «sei es durch Sanierung an der Quelle oder mittels Schallschutzmassnahmen auf dem Grundstück» – von den Grundeigentümern respektive deren Nachfolgern getragen werden muss.

Die Baubewilligung für die Lärmschutzwände an den Rampen der Nordtangente liegt vor. Baubeginn ist laut Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements, «noch im 2014» geplant.

Autobahnlärm und Zugsgerumpel

Als ob der Autobahnlärm von oben nicht schon reichen würde, könnte dereinst genau unter dem Baufeld G auch noch ein Zugtunnel hindurchführen. Dies entspräche jedenfalls der im «technischen Schlussbericht» favorisierten Linienführung der «Herzstück» genannten Zugverbindung zwischen dem Badischen Bahnhof und dem Bahnhof SBB. Sollte das milliardenteure «Herzstück»-Projekt realisiert werden, dann könnte den Bewohnern des Patrimonium-Blocks nebst dem Autobahnlärm auch noch das dumpfe Rumpeln der Züge drohen.

Konversation

  1. Schon während meinem Geographeistudium hier in Basel war diese damalige Brache / Gleisfeld immer wieder ein spannendes Diskusionsfeld im Fachbereich Stadtgeographie und schon damals war die Frage Nummer 1: „Wie verzweifelt müsste man sein, um in der künftigen Überbauung eine Wohnung zu mieten.“ Was das Ingenieurbüro Gartenmann gemessen hat, war auch schon vorher klar. Jetzt wird es durch Zahlen belegt. Freuen dürften sich die Anwohner des Riehenrings. Für sie nimmt die Lärmbelastung durch die neuen Gebäude ab.

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