Unerwünschte Quartieroase

Das besetzte Haus an der Türkheimerstrasse 75 hat sich innert Tagen zum Quartiertreffpunkt entwickelt. Damit könnte bald Schluss sein: Der Eigentümer der jahrelang leerstehenden Liegenschaft hat ein Ultimatum gestellt.

Bunter ists schon: Die Hausbesetzer haben die Türkheimerstrasse 75 neu eingekleidet.

(Bild: Renato Beck)

Das besetzte Haus an der Türkheimerstrasse 75 hat sich innert Tagen zum Quartiertreffpunkt entwickelt. Damit könnte bald Schluss sein: Der Eigentümer der jahrelang leerstehenden Liegenschaft hat ein Ultimatum gestellt.

Eben gehen die letzten Portionen des Mittagessens über den Tisch, eine Gruppe junger Menschen sitzt auf der Kreuzung in der Sonne, trinkt Kaffee, raucht selbstgedrehte Zigaretten. Eine Mutter mit drei Kindern verlässt das Haus und verspricht wiederzukommen. Zurückgelehntes Treiben im besetzten Haus an der Türkheimerstrasse 75, gleich beim Brausebad ums Eck.

Irgendwann fährt ein Polizeiauto im Schritttempo vorbei, nicht das erste an diesem Tag und wahrscheinlich auch nicht das letzte. Seit bald einer Woche ist das seit mehreren Jahren leerstehende Haus besetzt. Jetzt könnte sich das rasch ändern. Der mutmassliche Eigentümer, Inhaber der mysteriösen Yatu Immobilien AG, hat den Besetzern am Donnerstag ein Ultimatum gestellt. Im knappen Zweizeiler heisst es: 

«Wir dulden die Besetzung nicht mehr. Verlassen Sie das Haus bis morgen Abend 17 Uhr.»

Was danach geschieht, ist unklar. Wahrscheinlichste Variante ist eine Strafanzeige mit anschliessender polizeilicher Räumung, wie es in den vergangenen Jahren in Basel fast immer passiert ist. Ob bereits eine Anzeige eingegangen ist, will die Polizei nicht sagen. Man teilt bloss mit, man stehe mit dem Hausbesitzer in Kontakt.

 



Anstelle des Häuschen aus dem Jahr 1893 soll ein vierstöckiger Block zu stehen kommen.

Anstelle des Häuschen aus dem Jahr 1893 soll ein vierstöckiger Block zu stehen kommen. (Bild: Renato Beck)

In den vergangenen Tagen habe die Polizeipräsenz zugenommen, erzählen zwei junge Männer, Vertreter der losen Besetzergruppe. Beamte in Zivil filmten das Haus ausgiebig, Streifenwagen fuhren vermehrt vorbei. Die anliegenden, nicht besetzten, aber ebenso leerstehenden Häuser wurden in den letzten Tagen unter Aufsicht von privatem Sicherheitspersonal zugemauert.

Bald könnte wieder eine Basler Hausbesetzung zu Ende gehen – vielleicht, so hoffen die Besetzer, findet sich aber doch noch eine Lösung. Karl* sagt: «Alles, was wir wollen, ist ein Gebrauchsleihvertrag bis zum Abriss. Wir bezahlen Strom und Wasser sowie die Versicherung, dafür bieten wir für das ganze Quartier einen Treffpunkt an.»

Keine Gespräche

Der Eigentümer ist bislang nicht darauf eingegangen. Die mit Yatu Immobilien verwobene Firma Aurenum AG erklärt auf Anfrage: 

«Die Eigentümerschaft lehnt die illegale Besetzung der Liegenschaft als Eingriff in ihre Eigentumsrechte klar ab. Sie lehnt auch die seit Anfang an erfolgten, wiederholten anonymen Ultimaten und Drohungen strikte ab. Ein solches Vorgehen seitens der Besetzer ist keine sinnvolle Basis für ein Gespräch.»

Die Besetzer wiederum können diesen Vorwurf nicht nachvollziehen, man habe nie irgendwelche Drohungen ausgesprochen: «Vielmehr verweigern die Eigentümer jedes Gespräch mit uns.» Reagiert hat dafür der Energie- und Wasserversorger IWB. Der hat den Strom abgedreht und die Wasserzufuhr gekappt. Die Besetzer, zwischen zehn und fünfzehn Personen, versorgen sich bei Nachbarn.

Mittagstisch und Diskussionsabende

Plan der Besetzer wäre es, bis zum Abriss ohne kommerzielle Absichten Aktivitäten fürs Quartier anzubieten. Den Mittagstisch weiterführen, Diskussionsrunden, Kindernachmittage. Karl sagt: «Es kann nicht sein, dass aus reinen Spekulationsgründen so ein tolles Haus einfach leer steht.»

Den Support der Nachbarschaft haben die Besetzer. Diese hilft mit Wasser und Lebensmitteln, schaut immer wieder vorbei. Kinder aus dem Quartier haben die kahlen Wände im weitgehend unmöblierten Innern bemalt. Die Nachbarn stehen, sagen die Besetzer, hinter ihnen. An einem gemeinsamen Treffen habe man gemeinsam Aktivitäten definiert, die das Quartier beleben.

Die ebenfalls leerstehenden anliegende Liegenschaft, hat der Eigentümer in den letzten Tagen zumauern lassen.

Die ebenfalls leerstehende anliegende Liegenschaft hat der Eigentümer in den letzten Tagen zumauern lassen. (Bild: Renato Beck)

Die Nachbarschaft der Türkheimerstrasse 75 kämpft schon lange gegen den geplanten Neubau. 100 Einsprachen sind dagegen eingegangen, dass die Häuser mit Baujahr 1893 und 1896 einem vierstöckigen Wohnblock weichen. Sie fürchten, der Neubau passe nicht ins Quartier, sei viel zu wuchtig.

Geplant sind laut Aurenum AG im Block 19 Mietwohnungen und zwei Quartierläden unterzubringen sowie 15 unterirdische Parkplätze zu schaffen: «Es soll bezahlbarer, qualitativer Wohnraum an guter Lage geschaffen werden.»

Einsprachen abgelehnt

Die Chancen, dass bald gebaut werden kann, stehen gut. Das Bauinspektorat hat Ende Jahr Grünes Licht gegeben und sämtliche Einsprachen abgelehnt. Noch laufen Rekursverfahren, enden auch diese zu Gunsten der Eigentümer, könnten schon im Sommer die Bagger auffahren.

«Damit könnten wir leben», sagt Karl. Die paar Monate würden reichen, um bleibende Wirkung im Quartier zu hinterlassen. Das Ultimatum will man verstreichen lassen. Heute Freitag findet ein Konzert statt, alle Quartierbewohner sind zu Kaffee und Kuchen eingeladen. «Es kann kommen, wer will, jeder ist herzlich willkommen», sagt Karl.

Die Besetzung ist als Akt fürs Quartier zu verstehen, sagt Karl: «Aber wir haben auch eine politische Botschaft.» Es könne nicht sein, dass im rot-grünen Basel wertvoller Wohnraum einfach der Spekulation geopfert werde und wunderschöne Häuser über Jahre leer stehen.

*Name geändert

Konversation

  1. @Georg: diese Kreativität äussert sich meines Wissens in keiner Weise finanziell. Die Besetzer*innen gehen äusserst sparsam mit diesen Ressourcen um und fanden Lösungen für die Probleme (den Kanton und die IWB kostet das nichts…), sie wären sogar bereit ihre Nutzung ganz rechtmässig zu zahlen. Eine andere Dimension als das von ihnen beschriebene Beispiel, nicht?

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  2. Da muss ich Sie leider enttäuschen, denn die Tageswoche beschreibt die Situation absolut wahrheitsgemäss, wie ich es von einer Zeitung erwarte. Sie würden staunen: Aus fast allen umliegenden Wohnungen hängen Solidaritätsflaggen und Nachbarn bringen Sachspenden vorbei. Es ist wirklich ein Treffpunkt von Jung und Alt – ich kann es manchmal selbst kaum glauben, wie friedlich dies alles funktioniert. Ich und viele andere Anwohner sind sehr glücklich über diese „Friede-Freude-Eierkuchen“-Oase, denn aus unserer Sicht braucht die Stadt mehr solchen Freiraum, wie es die Türkheimerstrasse nun hat.

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  3. Wenn man verstehen will warum dieses Haus Jahre lang leer stand muss man wahrscheinlich das Bauprojekt ansehen – wäre etwas für die TaWo oder. Ich gehe davon aus, dass nicht nur das betreffende Haus sondern auch die angrenzenden, nun zugemauerten Häuser, zu diesem Projekt gehören. Bis alle Objekte für den Neubau zur Verfügung stehen kann es wegen des heutigen Mieterschutzes locker 4 Jahre dauern bis das Baugesuch eingereicht werden kann. Folglich stehen dann einzelne Liegenschaften auch Jahre lang leer.
    Und warum man in solchen Fällen zusehens von Zwischennutzungen absieht kann man nachvollziehen wenn man sieht, wie gewisse Leute trotz klar abgemachtet Zwischennutzung anschliessend die Projekte weiter verzögern. Das geht dann jeweils nochmals Jahre. Wenn sich dies so weiterentwickelt ist es wahrscheinlich notwendig solche Liegenschaften Jahre vor dem geplanten Neubau abzureissen und für die Wartezeit halt eine Brache zu haben.

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    1. @Renz: ob die Besetzer im konkreten Fall dies tun würden kann ich nicht beurteilen und würde sich dann wohl auch erst vor dem Abriss zeigen. Aber in der jüngsten Vergangenheit gibt es halt auch in dieser Stadt einige Beispiele, dass sich Zwischennutzer dann am Schluss, trotz Abmachung, gegen den Abriss zur Wehr setzten.

      An sich wären solche Zwischennutzungen ja durchaus zu begrüssen, wenn man als Unternehmer nicht gewärtigen müsste dennoch anschliessende langwierige Rechtsstreitigkeiten in Kauf nehmen zu müssen. Ein Gang durch die Instanzen kann durchaus Monate bis Jahre dauern und ist mit entsprechenden Kosten verbunden.
      Dass hier evtl. redliche Absichten Opfer von Misstrauen werden möchte ich nicht mal ausschliessen, aber eben…

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    2. Wieso vermuten Sie denn, dass die Besetzer*innen dieser Liegenschaft die Projekte weiter verzögern werden? Sollte eine abgemachte Zwischennutzung zustande kommen, so wird kurz vor Baubeginn das Feld natürlich geräumt, so sagte man mir.

      Wieso sollte es dann nicht möglich sein, diese Leerstände auch mit Zwischennutzungen zu benutzen?

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  4. Ich hoffe, solche Kreativität und so wird auch bei normalen Leuten in finanziellen Schwierigkeiten gefunden, die Mühe haben, selbst für Strom, Gas und Wasser aufzukommen resp. denen gedroht wird, selbiges abzudrehen.

    Oder ist es so, wenn man politisch aus der richtigen Ecke kommt und seine illegalen Aktionen unter das richtige politische Banner setzt, dass dann der Wille zu Lösungen einfach grösser ist, als bei den kleinen Leuten mit finanziellen Schwierigkeiten?

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  5. Weil hier Fragen aufgetaucht sind, die einen Zusammenhang herstellen zwischen Leerstand und Einsprachen: Das Baugesuch wurde am 9. August 2016 eingereicht. Dagegen sind rund 100 Einsprachen eingegangen. Der Bauentscheid wurde am 29. Dezember 2016 gefällt. Dagegen sind nun wiederum Rekursverfahren hängig. Diese Infos stammen vom Bauinspektorat.

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    1. Also kurzum: Die Besitzerin der Liegenschaft will etwas tun, kann es wegen rechtlich einwandfreien Verfahren (Einsprachen gehören dazu) im Moment nichts machen und muss nun dulden, dass andere nun ihren Besitz besetzen, obwohl sie gerne bauen würden?

      Das macht für mich diese Besetzung nicht besser oder weniger illegal.

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    2. @Georg. Mehr so: Laut Aussagen von Anwohnern steht das Haus seit vier Jahren leer. Der Besitzer die Liegenschaft hatte dieses mit Geldern, die er bei Euromillions gekauft hat, damals gekauft und beginnt erst 2016 damit, Baugesuche einzureichen. Das Haus stand also ungenutzt für eine längere Zeit leer.
      Der Eigentümer könnte also das Haus bis zum Abriss selber nutzen, oder Zwischennutzern bis zum Abriss (der sich wegen dem Verfahren noch verzögert) freigeben. Zu verlieren hat er dabei nichts, und die Nachbarschaft hat einen Gewinn.

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