Vaterlandskitsch und Ländler-Romantik – die SMA sind ein Fest der Folklore

Man muss zuschauen, wie etwas, das man selbst als Lebensinhalt sieht, als lächerliches Gefäss ohne wirklichen Inhalt dargestellt wird. Knackebouls Abrechnung mit den Swiss Music Awards.

(Bild: Nils Fisch)

Man muss zuschauen, wie etwas, das man selbst als Lebensinhalt sieht, als lächerliches Gefäss ohne wirklichen Inhalt dargestellt wird. Knackebouls Abrechnung mit den Swiss Music Awards.

Hiermit verwirke ich vielleicht meine Chance auf einen Swiss Music Award. Oder ich erscheine womöglich als Neider, weil ich es noch nie über eine Nomination oder Laudatio hinaus gebracht habe. Aber ich muss es einfach loswerden: Bitte hört auf, diesen Event Swiss Music Awards (SMA) zu nennen. Nennt ihn Swiss Folklore Award oder meinetwegen Swiss Pop Award.

Meine Aktivitäten im Schweizer Musik- und Showkuchen sind ein zweischneidiges Schwert. Ich hab bei «Joiz» moderiert, beim SRF gerappt und kooperiere des Öftern zu Quersubventions-Zwecken mit Firmen. 

Aber ich bin auch seit fast 20 Jahren hyperaktiver Teil einer kaum wahrgenommenen Schweizer Musikszene. Ich beteilige mich an Jams und harzigen Touren durch Clubs, bin Existenzkämpfer und Freund von vielen jungen (Überlebens-)Künstlern.

Unter den Award-Gewinnern gab es mehr Trachtenträger als an der Ski-WM in St. Moritz.

Gerade als Seiltänzer zwischen der Welt des Showbizz, des Kommerzes und der überall lauernden Swissness und der Welt der schummrigen Übungsräume, der verkannten Genies und dem exzessiv zermürbenden Dasein echter Künstler erlaube ich mir einen kleinen Verriss dieser SMA und somit des Bildes, das sie vom Schweizer Musikschaffen zeichnen.

Unter den Gewinnern dieser Awards gab es mehr Trachtenträger als an der Ski-WM in St. Moritz. Die Songs der meisten Gewinner, vor allem deren Texte, strotzen vor Vaterlandskitsch und plumper Ländler-Romantik. Selbst die Texte und Lieder der interessanteren Nominierten könnten locker in einer Landfrauenküche in Mettmenstetten laufen, ohne dass sich jemand aufregen würde.

Der Event wurde von Schweizer Fleisch gesponsert und von Fremdenfeinden wie einem Erich Hess oder einem Andreas Glarner (als VIPs natürlich) besucht. Das Ganze wurde als mega cooler Mix aus witzigen Showeinlagen und herzigen Ansprachen in die guten Schweizer Stuben getragen, und manch ein Päpu hat sich wohl gedacht: «Ich bin stolz auf unsere Schweiz und unsere aufgestellten Musig-Giele.» (Meitschi waren heillos untervertreten.)

Ich will Musiker sein, nicht Marketing-Planer.

Die Show wird von einem Grossteil der Musik- und Kunstschaffenden als Parodie wahrgenommen. Man wird zum Zaungast, der zuschauen muss, wie etwas, das man selbst als Lebensinhalt sieht, als lächerliches Gefäss ohne wirklichen Inhalt dargestellt wird.

Ich finde nicht, dass Musik zwingend politisch sein muss oder hochstehend, schon gar nicht «so wie früher». Aber für mich soll sie herausfordernd sein, unbequem, schreiend, wütend, verzweifelt, vielleicht sogar verstörend.

Man kann natürlich finden, dass Musik verbinden und ein Lächeln ins Gesicht zaubern soll; dass es auch darum geht, ein Produkt zu verkaufen, und dass es doch schön ist, wenn deine biedere Tante zu deinem neuesten Song mitschunkeln kann. Dann bin ich mir aber nicht sicher, ob wir noch von Musik oder eher von Marketing sprechen. Ich will Musiker sein, nicht Marketing-Planer.

Kantige Künstler im Schatten

Nun kann man mir vorhalten: «Ja, die SMA sind eine langweilige Kommerzkiste. Aber noch langweiliger ist es, sich darüber zu beschweren.» Da bin ich anderer Meinung. Klar sind Award-Shows immer durchzogen von plakativen Show-Elementen und kommerziellen Interessen, aber selbst in den USA schafft man es, in diesem Rahmen Statements abzugeben, rebellisch zu sein oder einen Fick zu geben. Man schaue die Show von A Tribe Called Quest mit Busta Rhymes bei den Grammys an. 

In der Schweiz fehlt von diesem Verhalten jede Spur. Die kantigen Künstler, die Aufmüpfigen, die wirklichen Freaks fristen ein Schattendasein. Sie finden im Radio, im Fernsehen oder eben an öffentlichen Events nicht statt. Oder nur am Rande.

Texte, die deine Mutter versteht

Manche Künstler mit Potenzial, das über das Besingen von Schoggi und Bergen hinausgeht, sind irgendwann zermürbt vom ständigen Scheitern, von literweise Herzblut und mühsam zusammengekratztem Geld, das in Alben fliesst, die dann versanden. Von Tausenden Kilometern, um vor einigen Dutzend Leuten eine Show zu spielen, die auch vor Tausenden funktionieren könnte.

Sie entscheiden sich für den Kompromiss. Sie gehen zum Pop-Produzenten, der die Schemata kennt, die funktionieren. Sie brechen ihre Texte runter, damit sie auch deine Mutter versteht, passen die Band-Formation an, schmeissen Songs von Alben, die zu sperrig sind, lassen sich ein Image verpassen, gestalten das Cover ihrer Platten nach Marketing-Kriterien.

Oder sie machen es wie ich und lassen ihre Musik grösstenteils authentisch, begeben sich aber als Künstler in die bünzlige Welt des Schweizer Showbusiness und geraten dann in so viele Situationen, die man allgemein als «Drischiss» (für unsere älteren Leserinnen und Leser: eine beschissene Situation, in die man reingerät) bezeichnen könnte, dass es immer schwerer wird, sich glaubwürdig kritisch zu äussern. 

In einer Zeit des global wütenden Populismus sollten deine Werke als Künstler nicht noch mehr Klischees verbreiten.

Lange hatte ich den Plan, als kantiger Musiker in der kommerziellen Welt zu bestehen, indem ich besagten Seiltanz in Kauf nehme. Inzwischen bin ich aber überzeugt, dass der Weg des Künstlers ziemlich radikal sein muss. Ich nehme es keinem Künstler übel, der sporadisch die eher bünzligen Plattformen nutzt, die ihm die kleine Schweizer Show-Welt zur Verfügung stellt, um sein Schaffen zu präsentieren.

Die strategische Simplifizierung der eigenen Kunst zugunsten der biedern Tante und der stumpfen Seelen, die deren Musikgeschmack teilen, halte ich aber für fatal. In einer Zeit  global wütenden Populismus sollten deine Werke als Künstler nicht noch mehr Klischees verbreiten. Sie sollen messerscharf wirken und wachrütteln – nicht angepasst und populär sein.

Konversation

    1. @Georg:
      Da an Ihrer erwähnten Stelle endet für mich die Musik definitiv.
      Das Trauerspiel, was die Polizei da in Unterwasser abgeliefert hat, lässt verflucht tief in das Denkverständnis dieser Gegend blicken.
      So verdammt ahnungslos DARF die Polizei NICHT sein.

      Sowas gehört sofort und ohne Umschweife aufgelöst. Das ist nicht freie Meinungsäusserung, sondern ganz klar Volksverhetzung und Anstiftung zu Straftaten.

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    2. Ich heisse das absolut nicht gut. Für mich geht es mit diesem Artikel eher darum zu untermauern, dass die SMA den Zeitgeist eigentlich recht gut abbilden. Auch wenn er mir persönlich absolut nicht gefällt.

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  1. Ach Knäck! Natürlich hast du Recht, aber das ist ja jetzt wirklich keine News oder ein Kommentar wert. Schon gar nicht so einen handzahmen, zahnlosen Kommentar – vielleicht weils dann eben doch irgendwann noch einen Klotz geben soll? Da waren die Ostblock Kuehbuebe von Gimma und Co. viel kreativer! Ländler auf die Packung – Rap auf die Scheibe – Mittelfinger an alle Bünzlis und voll id Charts damit! Mach weiter, aber lass deine Versuche mit der Realness zu keepen – du machst viel bessere Musik als Kritik!

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  2. Ich halte auch nichts von den Award Shows und Casting Formaten aber egal wie die Musik am Schluss klingt und wen sie anspricht. Am SMA waren Künstler nominiert welche teils bereits weit über 10 Jahre dran sind, an sich glauben und ihr Ding durchgezogen haben. Da waren die frühen Auftritte vor 15 Zuschauern und heute sind es dank Beharrlichkeit und Geduld locker he 1000 Leute. Vor solchen Musikern habe ich Respekt auch wenn dazu schlussendlich Kommerz und Marketing gehört .

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    1. @ Hr. Meier:
      Das handwerkliche Können auf den alten Musikinstrumenten ist oft hoch, verlangt viel Übung und im Ensemble darf man auch nicht daneben klopfen oder tuten.
      Was man da aus so einer Krienser oder Appenzeller Halszither heraus holen kann, ist beachtlich.
      …. und dann noch ohne Verstärker!

      Dahinter ist aber keine politische Botschaft vorhanden, nur dass es Spass macht, selber gut klingende Töne und Harmonien zu produzieren.

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  3. Ach, de „Schachersäbbli“ und das „Guggerzytli“ waren auch Klammern, die in einer zunehmend fortschrittlichen Zeit den Älteren Halt und Geborgenheit boten und heute noch bieten.
    „Heimatbedarf“ ist ein stets gut laufender Artikel, ermangels akzeptierter Moderne oft halt eine Art „Dauerwurst“: Ewig haltbar, aber naja, man isst sie nur, wenn man nichts anderes mehr im Haus hat.
    Wenn man diese „Dauerwurst“ zur Dauerernährung macht, ist das nicht mehr gut.

    Leider, und das ist gefährlicher: Das Festhalten an alten Sachen behindert die Entwicklung und „musealisiert“ dann die Kultur, mit entsprechendem Verwahrlosungsrisiko.
    In den USA haben sie gerade so ein personifiziertes Museum zum Staatspräsidenten gemacht. Man ahnt schon die verheerenden Folgen.
    Auch Erdogan und der halbe Osten mit ähnlichen musealen Vorstellungen wird ähnliche Folgen auf Dauer zeigen: Alles, was da nicht mitmachen will, oder sich „verschacherseppeln“ lassen will, ist bald auf der Flucht.

    In der Schweiz hat man den Vorteil, dass man dann von der „Steinerchilbi“ nach Basel oder Zürich fliehen kann.

    P.S.: „Buurezmorge“-lis gehören wohl auch dazu.

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