«Viele alte Menschen wollen kein Leben im Pflegeheim»

Eigentlich wäre es normal, dass man im Alter gut schläft und zufrieden ist. In Wahrheit haben aber viele ältere Menschen eine Depression – die im schlimmsten Fall mit Suizid endet. Das muss sich ändern, sagt Psychiaterin Gabriela Stoppe im Interview.

FRANCE - CIRCA 1986: A patient's hands in a hospice in Versailles, France in 1986 - Hands of a patient at the Claire-Demeure hospital (Diaconesses of Reuilly). (Photo by Valerie WINCKLER/Gamma-Rapho via Getty Images)

(Bild: Getty Images/Valerie Winckler)

Eigentlich wäre es normal, dass man im Alter gut schläft und zufrieden ist. In Wahrheit haben aber viele ältere Menschen eine Depression – die im schlimmsten Fall mit Suizid endet. Das muss sich ändern, sagt Psychiaterin Gabriela Stoppe im Interview.

Gabriela Stoppe*, Sie begegnen in Ihrer Praxis häufig betagten Menschen, die an Suizid denken. Was sind die Gründe für alte Menschen, ihrem Leben eine Ende zu setzen? 

Depression und Einsamkeit sind die Hauptgründe. Eine Depression im Alter wird oft nicht erkannt und mit Traurigkeit verwechselt. Häufig tritt Depression auch im Zusammenhang mit einer schmerzhaften Krankheit wie zum Beispiel Arthrose ein. Ausserdem lässt die Sehkraft nach, Hörstörungen behindern den Austausch mit anderen. 

Im Jahr 2014 wurden in der Schweiz 742 Fälle von Sterbehilfe verzeichnet. Das sind zweieinhalbmal so viele wie im Jahr 2009. Die Betroffenen waren zu 94 Prozent über 55-jährig, die meisten litten an einer tödlichen Krankheit. Das zeigen die aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Anders bei den Suiziden ohne Sterbehilfe: Diese sind seit mehreren Jahren stabil und betreffen alle Altersgruppen: 2014 haben sich 1029 Personen das Leben genommen. Oft leiden die Betroffenen an Depressionen.

Das fördert Vereinsamung … 

Viele alte Menschen haben nach der Pensionierung keine Aufgabe mehr und haben Angst vor dem Pflegeheim, da sie fürchten, ihre Selbstständigkeit völlig zu verlieren. Das wollen sie nicht erleben, ebenso schreckt viele die Vorstellung, an Demenz zu erkranken und ein Pflegefall zu werden. 

Haben alle Menschen diese Ängste oder ist das eine Frage des Charakters? 

Forschungen haben gezeigt, dass zu diesen Ängsten eine gewisse Persönlichkeitsdisposition gehört, die nicht erst im Alter entsteht. Menschen, die Mühe haben, über ihre seelische Befindlichkeit zu sprechen, die Mühe haben, sich auszutauschen und die Mühe haben, Hilfe zu suchen und anzunehmen.

Bei vielen alten Menschen ist der Gang zum Psychiater wohl verpönt?

Das wandelt sich gerade. Die 68er-Generation, die jetzt alt wird, hat einen positiven Bezug zur Psyche und zur Psychotherapie. Sie lässt sich daher durchaus motivieren, die Hilfe eines Psychiaters in Anspruch zu nehmen. Viele Menschen denken aber, dass Traurigkeit, Schlafstörungen oder Depressivität zum Alter gehören. Doch eigentlich wäre es im Alter normal, dass man gut schlafen kann, dass man mehrheitlich zufrieden ist. Wenn das bei einem alten Menschen nicht so ist, gibt es dafür Gründe, die man untersuchen lassen kann. Wichtig ist somit zunächst mal zu erkennen, dass da ein Problem vorliegt.

«‹Überalterung›? Was für ein Unwort! Der Begriff ‹Unterkinderung› entspräche den Fakten der demografischen Entwicklung wesentlich besser.» 

Ist der Gedanke, anderen zur Last zu fallen, auch ein Grund für den Suizid von alten Menschen? 

In den letzten Jahren hat die Zahl der Suizide im höheren Lebensalter eher abgenommen. Daraus lässt sich schliessen, dass die Älteren sich von den Diskussionen um die sogenannte «Überalterung» nicht unter Druck setzen lassen, zum Glück. Dies gilt nicht für die sogenannte Sterbehilfe beziehungsweise Suizidhilfe, wenn die aktuelle Statistik für 2014 über 50 Prozent mehr assistierte Suizide als 2009 ausweist. Auch gibt es einen Geschlechtsunterschied: Männer suizidieren sich häufiger, Frauen suchen mehr die Sterbehilfe.

Sie mögen das Wort «Überalterung» nicht?

Nein, was für ein Unwort. Der Begriff «Unterkinderung» entspräche den Fakten der demografischen Entwicklung wesentlich besser. 

Was muss sich gesundheitspolitisch ändern, damit ältere Leute sich weniger häufig das Leben nehmen?

Ich denke, Menschen in der Altenpflege müssen besser ausgebildet werden. Viele Pflegekräfte leiden darunter, dass sie im psychischen und auch spirituellen Bereich im Blick auf die Gesundheit alter Menschen mit unzureichenden Kompetenzen ausgestattet sind. 

Wie sollte denn die Gesellschaft mit Menschen umgehen, die unter Alterskrankheiten wie Demenz leiden?

Entscheidend ist, wie viel und welcher Platz alten Menschen in der Gesellschaft zugestanden wird. Warum sollte ich mich umbringen, wenn ich als alter Mensch darauf zählen kann, dass ich von der Gesellschaft bis zu meinem Tod gepflegt werde und umsorgt bin? Wenn Gesundheitsökonomen und Politiker behaupten, dass dafür in einer der reichsten Gesellschaften der Welt das Geld fehlt, müssen die Prioritäten neu verhandelt werden. 

Felix Gmür, der Bischof von Basel, sagt, der organisierte Tod sei inakzeptabel. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Ich begrüsse, dass die Kirche eine eindeutige Position bezieht. Ob man damit allerdings der Akzeptanz von Sterbehilfeorganisationen wie Exit und Co. als Agenten für einen guten, weil selbstbestimmten Tod Gegensteuer geben kann, ist fraglich. Aus meiner Sicht brauchen wir kein weitgehend unkontrolliertes Angebot von Sterbehilfsorganisationen, sondern Anlaufstellen, die den Sterbewunsch eines betagten Menschen ernst nehmen.

«Wie wählt Exit seine Mitarbeiter aus? Darüber wissen wir nichts. Was wir aber brauchen, sind unabhängige Anlaufstellen.»

Exit nimmt den Sterbewunsch ja ernst.

Ich glaube, viele der Älteren, die sagen: «Ich will nicht mehr leben», wollen damit eigentlich signalisieren: «Ich halte meine Situation nicht mehr aus, ich will anders leben.» Vor diesem Hintergrund halte ich es für dringend geboten, über Würde und Menschenwürde zu diskutieren. Ist Hilfsbedürftigkeit im Alter würdelos? Zudem halte ich es für wichtig, zu diskutieren, dass Abhängigkeit durchaus auch schöne, positive Aspekte impliziert, da wir als soziale Wesen alle voneinander abhängig sind und weil helfen und Hilfe erhalten das menschliche Miteinander bereichern.

Müsste der Staat gesetzgeberisch aktiv werden?

Nein, der Staat muss sich nicht für oder gegen die Sterbehilfe aussprechen, aber er muss dafür sorgen, dass das Leben der Bürger maximal geschützt ist. Da dem Staat unter anderem eine ordnende Funktion zukommt, wird der Staat hellhörig werden müssen, wenn auf diesem Gebiet Monopolstellungen entstehen. Die Sterbehilfsorganisationen müssen aus meiner Sicht stärker kontrolliert werden. Es gibt keine unabhängige Kontrolle. Eine Meldepflicht gibt es erst nach ausgeführtem Suizid. Welche Kriterien muss ein Sterbehelfer erfüllen? Wie wählt Exit seine Mitarbeiter aus? Darüber wissen wir nichts. Was wir aber brauchen, sind unabhängige Anlaufstellen.

Was ist mit den Ärzten? Oder den Kirchen? Diese bieten auch Rat.

Ein Arzt muss jemanden, der einen Suizidwunsch äussert, in eine psychiatrische Klinik einweisen. Ein Seelsorger wird versuchen, sein Gegenüber vom Sterbewunsch abzubringen. Mit anderen Worten: Es gibt aus der Sicht vieler Menschen niemanden, der für den Wunsch sterben zu wollen Verständnis aufbringt. Aus meiner Sicht sollte man deshalb eine Alternative zu den Sterbehilfsorganisationen einrichten, die Gespräche zum Wert des Lebens und der Rolle des Sterbens anbietet. Denn es geht auch um die Kultur des Lebens, beispielsweise darum, wie wir Hilfsbedürftigkeit erleben. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Menschen nie einen Toten oder einen Sterbenden gesehen haben und damit die Vorstellungen und Ängste dazu grösser werden. Wir bräuchten eine Art Kompetenzzentrum in Sachen Sterben. 


(Bild: © Wolf Südbeck-Baur)

* Gabriela Stoppe ist Psychiatrieprofessorin in Basel. In Ihrer MentAge-Praxis kümmert sich die Ärztin um die psychische Gesundheit in der zweiten Lebenshälfte. Stoppe organisiert mit anderen seit fünf Jahren das «Forum Suizidprävention» und ist Vizepräsidentin von Ipsilon, dem Dachverband zur Suizidprävention in der Schweiz.
 

Konversation

  1. Da möcht ich auch noch was beitragen:
    Ist es nicht so: Wer sich wirklich umbringen will erzählt das nicht herum, sondern handelt.
    Wer erzählt, dass er/sie sich umbringen will, sendet vor allem einen Hilferuf. Ich brauche Hilfe und Unterstützung. Ich kann mir nicht mehr selber helfen, ich weiss nicht mehr wie weiterleben. Da steht der Hilferuf im Vordergrund.
    Natürlich gibt es auch Ueberschneidungen.
    Allerdings, wenn niemand den Hilferuf ernst nimmt, kann es dann schon mit einem Selbstmordversuch enden, der auch mal tödlich enden kann.

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  2. Da muss ich Martin Cesna Recht geben. Ich habe selten jemanden, der einen Suizidwunsch äussert in die Klinik eingewiesen. Wir machen dies selten, Frau Stoppe. Da reden Sie vielleicht zu viel aus der Perspektive der Spitalärztin, die Sie ja lange waren. Menschen würden sich ja gar nicht getrauen, darüber zu reden, wenn sie wüssten, ich weise sie ein. In der Klinik wird das Gespräch ja kaum angeboten, einmal in der Woche höre ich von vielen Ex-Patienten. Und das ist es aber, das sie brauchen, das Gespräch, ohne Angst haben zu müssen…

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  3. „Ein Arzt muss jemanden, der einen Suizidwunsch äussert, in eine psychiatrische Klinik einweisen.“

    Nein, muss er nicht. Erst kommt das Gespräch,wo der Patient steht. Manchmal ist es nur so ein Gedanke, analog man den Ehepartner gerne auf den Mond schiessen würde. Dann hat jeder Gedanke eine Geschiche, über die zu reden es sich lohnt.
    Oft war im Vorfeld kaum jemand da, mit dem der Patient reden konnte, sodass der Arzt der Erste ist, der dafür überhaupt Zeit hat. Dieser Gespräch-, Gedanken- und Gefühlsaustausch muss dann fortgesetzt werden. Eine Gesprächsfortsetzung am anderen Tag kann hier wichtig sein, braucht vom Arzt aber auch entsprechend Zeit.
    Günstig ist, dass noch andere nahewohnende Personen beigezogen werden können, sodass der Patient mehrfache Unterstützung erleben kann.
    Bei starkem Drang, fast wie ein Befehl, etwas sich anzutun, braucht der Patient natürlich Schutz, auch gegen seinen Willen, sodass es ohne Klinik nicht geht. Die heutigen psychiatrischen Kliniken sind gottseidank keine Fortsetzung der alten „Klappsmühlen“ noch aus der Zeit der Jugend des älteren Patienten. Da hat sich doch Wesentliches zum Guten geändert.

    Das ganz Andere ist halt, wie hier generell mit Menschen umgegangen wird, die nicht mehr ganz dem üblichen Klischee des Erfolgreichen entsprechen: Dem Arbeitslosen, dem Ausgesteuerten, dem, der die Wohnung kaum noch zahlen kann oder auch dem chronisch Kranken. Da fehlen tatsächlich Begegnungsmöglichkeiten, die auch geldunabhängig sind. Manchmal ist der Kaffee für 4.80 Franken einfach schlicht zu teuer!

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