Vier urbane Landwirte

Die «Stadtwirte» wollen die Natur in die Stadt holen, anonyme Nachbarn zusammenbringen – oder die Möglichkeiten ausnutzen, die auf unseren Dächern brachliegen.

(Bild: Hansjoerg Walter)

Vier «Stadtwirte» erklären ihre Landwirtschaftsprojekte in Basel. Sie wollen die Natur wieder ins Leben der Städter holen, die anynonymen Nachbarn zusammenbringen – oder die Möglichkeiten ausnutzen, die auf unseren Dächern brachliegen.

Die «Uni-Gärtner» versuchen sich als Selbstversorger

Im Hinterhof der Mission 21 öffnet sich ein grünes Paradies. Blühende Spalierbäume, Kräuter, Blumen und junges Gemüse in von Buchsbaum umrandeten Gärten. Einer sticht optisch heraus: Auf den ersten Blick wirkt er recht wild. Beim zweiten wird klar, hier gärtnert jemand sorg­fältig nach biologischen Prinzipien: Hügelbeete, Mischkultur, mit Holzschnitzeln belegte Tretwege. Kräuter, Gemüse, Beeren. Das ist einer der ingesamt vier Gärten des ­Vereins «Uni-Gärten», zwei befinden sich im Familiengartenareal Milchsuppe, ein weiterer im Langen Loh.

Leonore Wenzel, 26, sie studiert an der Uni Basel nachhaltige Entwicklung, beackert zusammen mit sieben weiteren Vereinsmitgliedern diesen Garten. Sie ist «Uni­Gärtnerin», seit der Verein im Frühling 2011 mit der Arbeit begonnen hat. Die Idee des Projekts, in der Stadt als studentische Gemeinschaft zu gärtnern und so einen Teil des Essens selber zu produzieren, hat sie ­sofort begeistert. «Ich bin eigentlich ein ­untypisches Stadtkind, obwohl in Berlin aufgewachsen, verbrachte ich viel Zeit in der Natur.» Beim Wandern mit den Eltern, und vor allem im Garten, den die Familie aus­serhalb Berlins hat.

Dieser Frühling ist die dritte Saison für die gärtnernden Studenten – und, sagt Wenzel, man könne sie inzwischen mit einer ­gewissen Erfahrung angehen. So hätten sie hier im vergangenen Jahr recht viel Mangold ernten können, dafür gabs Probleme mit dem Kartoffelkäfer. Deshalb pflanze man dieses Jahr weniger Kartoffeln.

Gärtnern sei halt ein stetes Ausprobieren, sagt Wenzel. «Aufwand und Ertrag lässt sich nicht in Franken berechnen.» ­Profit sei ja auch nicht das Motiv des Vereins, vielmehr «Achtung und Respekt vor der Natur». Und ganz wichtig: «die soziale Komponente». Gemeinsam im Garten zu sein, miteinander etwas zu gestalten, von­einander zu lernen, «das kannst du nicht monetarisieren».

«StadtHonig»: Ein gutes Leben für die Bienen

Andreas Seiler, der Imker vom Gundeldinger Feld in Basel, will seine Bienen ­möglichst artgerecht halten. Dafür bietet sich die Stadt gut an. Hier ­werden ­weniger Pestizide verwendet als auf dem Land. Ausserdem ist die Pflanzenvielfalt grösser, da in landwirtschaftlichen Gebieten meist Monokultur vorherrscht. ­Irgendeine ­Pflanze stehe immer in Blüte, sagt ­Seiler, und so muss er seinem Volk nicht mit Zuckersaft aushelfen.

Seilers Magazin, in dem 20 000 Bienen leben, steht auf dem Flachdach des «Bio ­Bistro», umgeben von einer Blumenwiese. Unten im Hof baut das Bistro Kräuter und Zierblumen an. Hier ist das engere Revier der Bienen, umgekehrt verwertet das Bistro, in dem auch Seiler arbeitet, den Honig vom Dach. Dem Stadtwirt, wie sich Seiler selber nennt, geht es um diese Nähe von Produk­tion und Gebrauch. Und darum, dass die Städter wieder einen Bezug zur Entstehung ihrer Nahrungsmittel aufbauen.

Sehr unterhaltsam sei es gewesen, als die Bienen zuletzt schwärmten. Punkt zwölf tobte eine Bienenwolke unweit der vollbesetzten Bistroterrasse. Es gab ein grosses Hallo, einige Gäste waren skeptisch, die anderen interessiert – die meisten sahen zum ersten Mal ein Bienenvolk schwärmen, und der Imker gab die Auskünfte dazu.

«Ich bin kein Missionar für ein Leben mit der Natur», sagt Seiler, er will nicht in den abgedroschenen Gutmenschen-Diskurs einstimmen. Er tut, was er tut, und freut sich beim Fotografieren über seinen Imker­schleier, hinter dem er ein wenig anonym bleiben kann. Zugleich würde er gern das Konzept Bio von seiner modischen ­Bedeutung befreien. «Bio ist nicht Birkenstock, sondern konservativ. Es steht für die Landwirtschaft, wie sie früher betrieben wurde.»

«Urban Farmers»: Fisch und Salat – direkt vom Dach

(Bild: Christian Sperka)

Roman Gaus von den Urban ­Farmers ist kein Botschafter für die Wiedervereinigung von Mensch und Natur. Auch bio ist nicht sein Thema: Mit ursprüng­licher Landwirtschaft haben die Urban ­Famers herzlich wenig zu tun. Dafür lautet die Idee, dass sich die Städter umfassend mit Gemüse vom eigenen Flachdach ver­sorgen – und mit Fisch.

Auf dem Lokdepot im Dreispitzareal betreiben die Urban Farmers seit Januar ein erstes Gewächshaus. Es funktioniert mit ­einem Kreislauf aus Fischzucht und Gemüse­anbau: Das kothaltige Wasser aus dem Fischbecken fliesst zu den Pflanzen, die hierin genug Nahrung finden und daher keine Erde brauchen.

Zugleich reinigen die Wurzeln das Wasser, das direkt zu den Fischen zurückfliesst. Das ist nicht bio (ohne Erde kein Zertifikat), aber effi­zient. «Das geschlossene System braucht 90 Prozent weniger Wasser», sagt Gaus. Eine herkömmliche Fischzucht müsse das Abwasser entsorgen, hier bleibe es im Kreislauf.

Die Farm auf dem Lokdepot beliefert bereits einige Basler Restaurants. Doch das ist erst der Anfang. Das einzige deutsche Wort auf der Firmenhomepage lautet «Zeitgeist», der Rest ist englisch – Gaus, der gelernte Betriebswirt, will mit seinem Produkt um die Welt. Was der Kunde braucht, ist ein grosses Flachdach und etwas Per­sonal. Die Urban Farmers stellen das Gewächs- und Zuchthaus «schlüsselfertig» aufs Dach. Sie bilden das Personal aus und versorgen die Anlage langfristig mit Setzlingen und Jungfischen, die aus Holland ­importiert werden.

Naturfeeling in der Grossstadt? Überhaupt nicht. «Anbauen ist nicht gärtnern», sagt Gaus, der sein ­Konzept auch mit ­Nespresso vergleicht. ­Romantik ist bei den Urban Farmers nicht ­angesagt, sondern schlichte Ressourcen­ausnutzung.

Gemeinschaftsgarten Landhof: Biologische Nachbarschaftspflege

(Bild: hansjoergwalter.com)

Auf dem ehemaligen Teerplatz am Rand des Landhof-Areals, umgeben von hohen Bäumen und Wohnblocks, ist ein grünes Biotop entstanden. Seit zwei Jahren wird hier gepflanzt und geerntet. Salat und Gemüse, die im Gemeinschafts­garten wachsen, entsprechen den Richtlinien von Bio Suisse. Saatgut erhalten die Stadtfarmer auch von Pro Specie Rara. Produktivität steht im Gemeinschaftsgarten allerdings nicht im Mittelpunkt. «Wir wollen den Nahrungsmittelanbau für die Quartierbewohner wieder begreifbar machen», sagt Ba­stiaan Frich. Er ist Vorstandsmitglied im Verein «Urban Agriculture Basel» und hat den Garten mitbegründet. Die Projekt­hoheit liegt bei der Stadtgärtnerei.

Die anfängliche Skepsis einiger Anwohner sei in der Zwischenzeit einer breiten Begeisterung gewichen, sagt Frich. Wöchentlich versammeln sich Dutzende Quartierbewohner zur gemeinsamen Gartenarbeit auf dem 1100 Quadratmeter grossen Areal. Die Ernte wird unter den Beteiligten aufgeteilt.

Geht es nach den Vorstellungen von «Urban Agriculture», dann soll dieses Projekt in ganz Basel Schule machen. Weitere Flächen sollen bepflanzt und beackert werden. «Der Garten hat auch eine stark integrative Komponente. Hier kommen Leute zusammen, die sonst nie miteinander in Kontakt treten würden», sagt Frich. Es seien sich schon Nachbarn begegnet, die seit zehn Jahren im selben Haus wohnen, aber noch nie miteinander gesprochen haben.

Eine erste Bewährungsprobe für den Garten wird die Neugestaltung des Landhof­areals. Frich ist zuversichtlich, dass der Gemeinschaftsgarten erhalten bleibt. «Er ist für viele Leute nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Ich gehe stark davon aus, dass er erhalten bleibt.»

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 03.05.13

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