Vom 15-Stunden-Tag zur 45-Stunden-Woche

Die Schweizer sind Chrampfer und lehnen Initiativen für mehr Ferien gerne ab. Im Laufe der letzten 200 Jahre sank die Arbeitszeit trotzdem Stunde um Stunde. Eine Chronologie.

Auf dem Weg zu besseren Arbeitsbedingungen: der 1. Mai in Bern 1943. (Bild: Keystone)

Der Kampf für kürzere Arbeitstage begann vor 200 Jahren. Anfang des 19. Jahrhunderts waren 15-Stunden-Tage in der Fabrik normal, auch für Kinder. Dann begannen sich bürgerliche Kreise für kürzere Arbeitstage einzusetzen – sie fürchteten um die Gesundheit der Arbeiter. Glarus galt als Pionierkanton, als er die Arbeitszeit für Erwachsene in Spinnereien 1848 auf 15 Stunden beschränkte.

Später kämpften die Arbeiter selber für mehr Freizeit und Ferien – gegen den Widerstand der Arbeitgeber. Gewerkschaften und Arbeitgeber streiten bis heute darüber, wie viele Arbeitsstunden gesund und produktiv sind. Viele Schweizer gehen mit den Arbeitgebern einig: Mehr arbeiten ist besser. Dafür verzichten sie freiwillig auf mehr Ferien und einen früheren Feierabend.
Das sind die wichtigsten Stationen und Abstimmungen über die Arbeitszeit in der Schweiz:

  • 1815: Die Kantone Zürich und Thurgau beschränken die Arbeitszeit für Kinder in Fabriken auf 14 bis 15 Stunden mittels Verordnungen, aber mit wenig Erfolg.
  • 1848: Das Glarner Gesetz beschränkt die Arbeitszeit für Erwachsene in Spinnereien auf maximal 15 Stunden (inkl. Mittagsstunde).
  • 1870: Typografen, Uhrenarbeiter und (oft nur vorübergehend) Bauhandwerker erreichen einen 10-Stunden-Tag.
  • 1877: Die Schweizer nehmen (gegen den Widerstand vieler Industrieller) das Gesetz zur Beschränkung der Arbeitszeit in Fabriken auf 11 Stunden an. (51,5 Prozent Ja). Am Samstag gelten 10 Stunden, am Sonntag herrscht in Fabriken neu ein Arbeitsverbot.
  • 1914: Das Fabrikgesetz wird revidiert und eine 59-Stunden-Woche festgelegt, diese tritt wegen des Ersten Weltkriegs aber erst 1917 in Kraft.
  • 1918: Landesstreik. 250’000 Arbeiter legen die Arbeit nieder, eine der Forderungen: die 48-Stunden-Woche.
  • 1919/20: Die Schweiz führt die 48-Stunden-Woche ein, eine direkte Folge des Landesstreiks. Allerdings wird sie vielerorts umgangen und erst nach der Weltwirtschaftskrise richtig durchgesetzt.
  • 1939–1945: Während des Zweiten Weltkriegs breitet sich die Fünftagewoche mit einem freien Samstag als Energiesparmassnahme aus. Danach wurde der freie Samstag mehrheitlich wieder aufgehoben und erst in den 1960er-Jahren definitiv eingeführt.
  • 1956–1959: Teilweise Arbeitszeitreduktionen in der Textilindustrie und der Chemischen.
  • 1958: Die Volksinitiative zur Einführung der 44-Stunden-Woche des Landesringes der Unabhängigen wird an der Urne mit 65 Prozent Nein abgelehnt. Nur in Basel gibt es eine zustimmende Mehrheit.
  • 1964: Das Arbeitsgesetz reduziert die Arbeitszeit in zentralen Bereichen auf 46 Stunden, ansonsten auf 50 Stunden. In den folgenden Jahren wird in immer mehr Gesamtarbeitsverträgen (GAV) die 44-Stunden-Woche festgeschrieben.
  • 1975: Der Bundesrat verkürzt die reguläre Arbeitszeit um eine Stunde auf 45 Stunden.
  • 1976: Die Schweizerinnen und Schweizer lehnen eine Initiative für eine 40-Stunden-Woche der Poch ab (78 Prozent Nein).
  • 1979: Die Typografen führen die 40-Stunden-Woche ein, es folgen mit Verzögerung die Maschinenindustrie, das Baugewerbe und weitere.
  • 1985: Die Schweizerinnen und Schweizer lehnen die Volksinitiative für eine Verlängerung der bezahlten Ferien (vier Wochen für bis 39-Jährige, fünf Wochen für Über-40-Jährige) von SP und Gewerkschaften ab (65,2 Prozent Nein). Nur im Tessin und im Jura gibt es zustimmende Mehrheiten (Bundesrat und Parlament hatten zuvor im Obligationenrecht den gesetzlichen Ferienanspruch erhöht).
  • 1988: Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger lehnen die Volksinitiative «zur Herabsetzung der Arbeitszeit» des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, die eine 40-Stunden-Woche verlangt, ab (65,7 Prozent Nein). Wieder sagen nur das Tessin und der Jura Ja.
  • 1993: Die Schweiz sagt Ja zu einem arbeitsfreien Nationalfeiertag am 1. August (83,3 Prozent ja), 1994 tritt er in Kraft.
  • 1996: Die Stimmbevölkerung lehnt eine Lockerung der Vorschriften bei Nacht- und Sonntagsarbeit ab (67 Prozent Nein).
  • 2002: Die Schweizerinnen und Schweizer lehnen die Initiative für eine 36-Stunden-Woche des Gewerkschaftsbundes ab (74,6 Prozent Nein).
  • 2012: Die Schweizerinnen und Schweizer lehnen die Initiative für sechs Wochen Ferien ab (66,5 Prozent Nein).

Konversation

  1. Besten Dank für den Überblick über die bisherigen Entwicklungsschritte in der Schweiz. Als Ergänzung zum Hauptartikel über das vorgestellte Modell aus Schweden zeigt es auf, wie sich die Arbeitszeitmodelle ändern können. Mann kann sich darüber selbst einige Gedanken machen. Und Frau auch. Weiter so, Frau Fopp!!

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  2. Sehr interessantes Thema! Aber ein sehr uninteressanter Artikel! Keine weiterführenden Informationen, Diskussion der Thematik, Ausblick….? Sehr schade und kein guter Journalismus. PS: Und – das betrifft auch viele weitere Artikel anderer Schreiber*innen der TaWo – gewöhnen Sie sich doch an, entweder geschlechtsneutrale Begriffe zu verwenden oder beide Geschlechter miteinzubeziehen. Und zwar konsequent.

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