Vom Namen zur Beschimpfung

Wer «Bünzli» hört, denkt an Gartenzwerge, Rasenmähen und «So e huere Krach!»-Tiraden. Die Assoziation haben wir wohl der Kunst zu verdanken.

Der erste Bünzli hatte keinen Rasenmäher – und dennoch assozieren die meisten den «Bünzli» damit. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Wer «Bünzli» hört, denkt an Gartenzwerge, Rasenmähen und «So e huere Krach!»-Tiraden. Die Assoziation haben wir wohl der Kunst zu verdanken.

Der erste Bünzli hatte weder einen Rasenmäher noch einen Gartenzwerg, und doch verbinden wir den Begriff heute mehr mit dem Protoypen des engstir­nigen, kleinkarierten Nachbarn als mit dem, was er ursprünglich tatsächlich war: ein Familienname. Das erste Mal tauchte das Geschlecht 1350 im zürcherischen Zollikon auf.

Die damalige Schreibweise «Bintz» lag näher an der Bedeutung des mittelhochdeutschen Wortes für die Binsen, eine gras­artige Sumpfpflanze. Wie das so in der Schweiz läuft, kam irgendwann das -li dazu – und fertig war die Verkleinerungsform der Binsen.

Ob der erste Bünzli ein hagerer, langer Mensch war oder einfach in einem Gebiet mit besonders vielen Binsen lebte, ­werden wir wohl nie erfahren. So ganz genau weiss auch keiner, wie die Bünzlis von ­damals zum Synonym für die Spiessbürger von heute wurden. Sicher ist: Ursprünglich war selbst «Spiessbürger» ­positiv besetzt.

Gottfried Keller soll schuld sein

Die Spiessbürger waren früher schlicht die Stadtbürger, die ihren Ort mit langen Spiessen verteidigten. Mit dem Aufkommen der Schusswaffen verloren die ­Spiesse an Bedeutung in der Verteidigung, und auch der Begriff erlebte einen Wandel – der Spiessbürger wurde zum Synonym für «überholt» und «veraltet». Bereits die Studenten im 17. Jahrhundert sollen damit engstirnige, kleinbürger­liche Menschen beschimpft haben.

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Zum Synonym für den Spiessbürger hat sich Bünzli wohl im 20. Jahrhundert entwickelt. Der widerwillige Abstieg des Geschlechts begann wahrscheinlich mit einer literarischen Krönung: der Verwendung des Namens durch Gottfried Keller. In seiner Novelle «Die drei gerechten Kammmacher» von 1856 kommt die Figur «Züs Bünzli» vor, eine sparsame, ordentliche und immer am besten Bescheid wissende Person.

Immerhin kein «Rambo»

Den Durchbruch zum Synonym schaffte das Wort damals allerdings noch nicht. Im «Idiotikon» (Schweizerdeutsches Wörterbuch) von 1901 kommt das Wort nicht vor. «Dass Bünzli mit der Bedeutung Spiessbürger dort fehlt, zeigt, dass diese Bedeutung damals noch nicht üblich war», sagt Christoph Landolt vom «Schweizerischen Idiotikon». Die Bedeutung des Bünzli als Spiessbürger hat sich wahrscheinlich erst mit Fredy Scheim und seiner Dialektposse «Käsefabrikant Heiri Bünzli» sowie den Filmen «Bünzlis Grossstadt-Erlebnisse» und «Ohä Lätz! De Bünzli wird energisch!» in den 1930er-Jahren im Sprachgebrauch verankert.

Ganz unbünzlig hat sich jedenfalls der Begriff im Laufe des 20. Jahrhunderts verselbstständigt: weg vom Personennamen, hin zu einem sogenannten Appellativ, einem frei verwendbaren Wort. Den Frust haben heute die mindestens 225 wahren Bünzlis, genauso viele Telefonbuch-Einträge gibt es unter diesem Namen. Ein Trost bleibt ihnen: Sie heissen immerhin nicht Rambo.

 
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Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 05.04.13

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