Warum die Klima-Erwärmung eigentlich eine Klima-Erhitzung ist

Das UNO-Klimaabkommen tritt in Kraft. Trotzdem bleibt der Kampf gegen die Erderwärmung ein zäher. Warum? Es könnte schon alleine am Begriff liegen: «Klimaerwärmung» verharmlose das Problem, schreibt eine deutsche Sprachforscherin.

Noch können wir die Erde nicht als Caquelon verwenden – sie erhitzt sich trotzdem, auch wenn es «nur» Klima-Erwärmung heisst.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Das UNO-Klimaabkommen tritt in Kraft. Trotzdem bleibt der Kampf gegen die Erderwärmung ein zäher. Warum? Es könnte schon alleine am Begriff liegen: «Klimaerwärmung» verharmlose das Problem, schreibt eine deutsche Sprachforscherin.

Manchmal ist auch die Klimapolitik für eine Überraschung gut. Am Freitag, 4. November, tritt das vor einem Jahr an der UNO-Konferenz in Paris beschlossene Abkommen in Kraft, das die Erderwärmung auf unter zwei Grad begrenzen soll. Dies ist früher als erwartet. Nach China und den USA hat auch die EU den Vertrag ratifiziert und damit den Weg frei gemacht. 

An der UNO-Klimakonferenz vom 7. bis 18. November in Marrakesch geht es darum, wie das Abkommen umgesetzt wird und ob es allenfalls bereits vor 2020 wirksam werden kann.

Alles paletti also mit dem Klima – können wir in der Schweiz im Winter bald wieder mit mehr Schnee in den Bergen rechnen? Nein, leider nicht.

Erstens ist Klima eine Maschine, die nur mit riesiger Zeitverzögerung reagiert. Die globalen Temperaturen werden also weiter steigen. Zweitens ist das in Paris beschlossene Abkommen rechtlich nur zum Teil verbindlich. Die 195 Vertragsstaaten legen ihre Beiträge zum Klimaschutz selber fest, und es gibt keine Bussen, wenn sie ihre Ziele verfehlen. Zudem brauchen Massnahmen für den Klimaschutz die Akzeptanz der Bevölkerung, gerade in der Schweiz mit der direkten Demokratie.

Schweizerinnen und Schweizer sorgen sich kaum um den «Klimawandel».

Herr und Frau Schweizer raubt der Klimawandel aber bisher kaum den Schlaf. Obschon er auch die Schweiz mit Wucht treffen wird: längere Hitzeperioden, abgeschmolzene Gletscher und im globalen Rahmen betrachtet viel mehr Flüchtlinge. Im Sorgenbarometer 2015 der Credit Suisse taucht Klimawandel zurzeit nicht auf, am meisten sorgt sich die Bevölkerung um Arbeitslosigkeit, Ausländer und die Zukunft der AHV. «Umweltschutz», unter dem man den weltweiten Temperaturanstieg einreihen kann, rangiert am Ende der Skala.

Woran liegt das?

Vielleicht sollten die Klimaforscher, die sich meist kompliziert und schwer verständlich ausdrücken, das Buch «Politisches Framing» der deutschen Sprachforscherin Elisabeth Wehling lesen, die an der Uni Berkeley lehrt. Darin erklärt sie, wie die Wahl von Worten unser Denken fundamental beeinflusst. In der Kommunikationsforschung redet man von Framing, von Einrahmungen, die einem Wort erst Sinn geben.

Begriffe wie «Klimawandel» und «Klimaerwärmung», die das Problem benennen, sind ungeschickt gewählt, ja sie verharmlosen es sogar. Dies ist Wehlings vernichtendes Fazit. So sei der Begriff «Wandel» neutral, die Dinge könnten sich zum Guten oder zum Schlechten verändern. Auch hat der Wandel nach gängigem Manager-Latein ja immer auch seine positiven Seiten, wie man anfügen könnte.

Nicht Fakten entscheiden über Entscheide, sondern Einbettungen. Begriffe sind dabei zentral.

Noch schlimmer sei der Ausdruck «Klimaerwärmung» oder «Erderwärmung». Wärme sei ein durchgehend positiv besetztes Konzept, schreibt Wehling. Wenn uns warm sei, dann gehe es uns gut. Hitze und Kälte dagegen seien unangenehm. Zudem schwingt die emotionale Erwärmung mit, die Zuneigung. Sie bezeichnet den Begriff, der analog im Englischen als «Global Warming» verwendet wird, als «Glückspille» für alle, welche die Gefahren des Klimawandels verharmlosen. Sie schlägt vor, stattdessen von «Klimaerhitzung» oder «Erderhitzung» zu reden.

Solche Überlegungen dürfen wir nicht einfach als Wortklaubereien abtun. Wehling stützt sich bei ihren Überlegungen auf neue Erkenntnisse der Erforschung menschlichen Denkens und Entscheidens – die Kognitionsforschung. Diese nahm ihren Anfang in Kalifornien, Wehling ist selbst in diesem Bereich tätig.

Demnach werden politische Entscheidungen nicht rational aufgrund von Fakten gefällt, wie man lange dachte. Sondern durch Einrahmungen (Frames), die wir den Fakten verleihen. Wir ordnen Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem Wissen über die Welt ein. Dabei seien solche Deutungsrahmen immer selektiv, so Wehling: «Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen.»

Mit anderen Worten: Sprache ist hochpolitisch. Wehling knüpft damit an das an, was der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf schon 1973 als das «Besetzen von Begriffen» bezeichnete und was seitdem zum Einmaleins von Politik-Strategen gehört, wie der Medienwissenschafter Stephan Russ-Mohl kürzlich im «Schweizer Journalist» schrieb.

Kern-Energie wie kern-gesund.

Die Forscherin untersucht in ihrem schmalen Buch solche sprachlichen Einrahmungen in der politischen Debatte zu Steuern, Arbeit bis zu Flüchtlingen. Sie kritisiert zum Beispiel, dass in Begriffen wie «Flüchtlingswelle» und «Flüchtlingsflut» Geflohene oft mit Wassermassen in Verbindung gebracht werden. Dabei würden sie metaphorisch als Naturgewalt dargestellt, die Bedrohung und Not der Betroffenen dagegen ausgeblendet. Auch wenn Wehling in vielen Fällen keine geeigneteren Begriffe vorschlägt, macht sie klar, dass neue Ansätze in der Politik auch einer neuen Sprache bedürfen.

Die AKW-Gegner haben dies schon lange erkannt, wie man in der Schweiz vor der Volksabstimmung Ende November sehen kann: Die Befürworter des Ausstiegs sprechen konsequent von Atomenergie, die Gegner von Kernenergie – was viel positiver klingt, weil auch kerngesund mitschwingt. Wer die Folgen der gesteigerten Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre ernst nimmt, kann davon lernen. Er sollte künftig von Klimaerhitzung reden.

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Elisabeth Wehling: «Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht». Herbert von Halem Verlag, Köln 2016.

Konversation

  1. Lieber Herr Meier,
    Klimawandel bez. Klimaerhitzung hat (leider?) nichts mit Glaube zu tun. Stattdessen werden auf Grund von wissenschaftlichen Daten Rückschlüsse gezogen. Sollten Sie sich einmal mit diesen Fakten/Daten befassen, werden Sie erkennen, welche Rolle dem Menschen zukommt. Er schafft eine Erhitzung des Klimas in wenigen Jahren oder Jahrzehnten, welche die Natur in diesem Ausmass nur in Jahrtausenden zustande bringt.

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  2. die gezielte besetzung/vergiftung der begriffe …

    hiezu wörtere ich doch die ganze zeit, besetze um und persifliere sehr bewusst (falls es noch nicht bemerkt wurde, seufz … mein tsunamiartiges anblöken gegen die volxschafe und gegen den hitzetod der uniformen pinguine).

    kognitionsforschung wurde nun nicht vorgestern in californien quasi taufrisch erfunden … dass sowas hier als journalistischer input durchgehen sollte, lässt allerdings tief blicken.

    diese forschung (indirekt auch zur gezielten beeinflussung) hat mehrere schweisstreibende jahrzehnte auf dem buggel – und sowas hat zumindest die pr-fraktion der schreibenden zunft auch längst internalisiert/integriert.
    insgesamt wird nur eines deutlich: offensichtlich ein journalistisches entwicklungs- und notstandsgebiet mit dem dünnen büchlein.
    wenn der schnee von gestern endlich schmilzt, erwärmen sich bestimmt auch die gemüter.

    (es wird heiss)

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  3. Die Meinung von Frau Wehling teile ich nur ansatzweise. Ich behaupte, dass es völlig wurscht ist, ob von Klimawandel, -erwärmung, -erhitzung oder sonst was gesprochen oder geschrieben wird, denn Otto Normalverbraucher interessiert sich mehr für das Wetter und kaum für das Klima. Kommt er ausnahmsweise in die Verlegenheit, über den Unterschied zwischen den beiden Begriffen nachzudenken (Nachdenken ist eh eine Seltenheit heutzutage – man hat schliesslich keine Zeit dazu), kommt er womöglich auf den Gedanken, dass Klima etwas Komplexes sei, das zu verstehen er nicht so einfach in der Lage ist. Und damit hat sich das Thema dann wohl erledigt, denn die Alternative ist aufwändig und kostet viel Zeit und Hirnkapazität.

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  4. Das gute, alte „Atom“: Bei diesem „geframten“ Schreckensbegriff stellen sich mir direkt die Nackenhaare auf.

    Da ist mir dann die herzerwärmende „Kernschmelze“ doch gleich viel sympathischer. Aber vielleicht bin ja einfach ein wenig begriffsstutzig.

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  5. @ Nicolas B. – ich stimme ihnen zu. Nur reichen die wissenschaftlichen Aufzeichnungen bzw. Zuverlässige Messwerte nicht sehr lange zurück. Geologen können aufgrund von Ablagerungen in Gesteinsschichten viel weiter zurück und Anzeichen von zurückliegenden Hitze- und Frostperioden finden. Sicher trägt der Mensch seinen Teil dazu bei. Aber eben ich glaube nicht soviel wie er zu meinen mag.

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  6. Die Erklärung zur Wortwahl ist frappant! Die Schlagkraft von Waldbränden, der Dursttot in Wüsten, das Austrocknen des Rheins, das Ertrinken von Eisbären, und die Flüchtlingsflut machen Angst!
    Eptingen wasserlos, Rivella ohne Milchserum, Biofamilia ohne Müsli und Reben ohne Trauben drohen der schweizerischen Mittelstandsordnung. Wo gehen wir im Sommer baden, wenn der Bielersee leer ist, kein Wasser mehr aus der Duschbrause kommt? Ist das Leben am Nordpol in einer Zeltstadt auch ohne TV erträglich, ohne I-Phone passabel, inmitten einer Steinwüste?

    Ist ein Ranking sinnvoll, welches denjenigen, die einen Footprint von 0 aufweisen, dank Bonus ein Leben an der Goldküste garantieren, mit Sicht auf Alpen ohne Eis?

    Ja, eindeutig. Das Wort Klimaerhitzung hat bei mir bereits Wirkung gezeigt. Werde ich mit diesem Wortschaden den Tag überleben? Falls nicht kann ich ja immer noch die TaWo auf Schadenersatz verklagen.

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  7. Treu nach dem Inhalt dieses Artikels darf man Eric Weber Nazi nennen, ohne dafür aufgrund des Antirassismus Gesetzes bestraft zu werden! 🙂

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  8. Der Mensch versaut sehr vieles auf der Erde, die Luft, die Meere, Böden und hat so sicher seinen Anteil am Klimawandel. Ich glaube aber dass sich die Klimaveränderung vom Menschen nicht direkt beeinflussen lässt. Es hat schon immer extreme Werte gegeben, es war schon bedeutend wärmer als heute, aber auch bedeutend kälter. Zu meiner Schulzeit hiess es die nächste Eiszeit sei im Anmarsch, nun ist es eher eine Wärmeperiode. Ich glaube auch, dass sich der Mensch da Ballzuviel anmasst, wenn er mein das Klima zu beeinflussen. Trotzdem finde ich die Bemühungen CO2 Ausstoss zu senken etc. begrüssenswert.

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    1. Guten Tag Herr Meier, das Klima wird durch den Menschen schon beeinflusst, der Temperaturanstieg ist in vollem Gang. Die Frage ist, wie gross dieser ausfallen wird. In der Schweiz ist es immerhin gelungen, dass der Ausstoss der Treibhausgase seit 1990 trotz Wirtschaftswachstum etwas zurückgegangen ist. Dies zeigt meines Erachtens, dass beim Klimaschutz durchaus etwas erreicht werden kann. Es ist aber klar, dass die Massnahmen bei weitem noch nicht ausreichen.

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