«Warum ist da eine nackte Frau?»

Die Kindertour im Schaulager hat Livia gut gefallen – und vor allem elementare Fragen über Kunst aufgeworfen. Die drängendste: Warum macht denn einer sowas? Ein Gespräch.

Auch als Kind hat Livia eine klare Meinung zu Kunst: «Das finde ich ziemlich blöd: Wenn man extra schlecht malt, um dann das Bild in einem sehr wertvollen Rahmen in ein Museum zu hängen.»

(Bild: Peter Schnetz)

Die Kindertour im Schaulager hat Livia gut gefallen – und vor allem elementare Fragen über Kunst aufgeworfen. Die drängendste: Warum macht denn einer sowas? Ein Gespräch.

«Im Alter von zwölf Jahren konnte ich zeichnen wie Raffael, doch benötigte ich das ganze Leben, um zu lernen, wie ein Kind zu zeichnen.»

Picassos legendären Spruch glaube ich zu verstehen. Aber wie steht es umgekehrt mit Kunst in den Augen eines Kindes? Vor einem Jahr trat der renommierte englische Künstler Jake Chap­man eine Kontroverse los, weil er sagte, dass Kinder in Ausstellungen nichts verloren hätten. Nur weil kubistische Malerei kindhaft sei, könne ein Kind noch lange keine kubistische Malerei verstehen. Da wird es ja ein wenig komplizierter.

Vor ein paar Wochen fragte ich darum den jungen New Yorker Maler Austin Lee, ob Kinder, die seine lustigen, farbigen Bilder doch bestimmt mögen, denn verstünden, was sie bedeuten. Er meinte: «Kinder reagieren nicht anders auf meine Bilder als Erwachsene. Es gibt wirklich keine Antwort. Meine Hoffnung ist, dass alle meine Bilder so verstehen, wie sie einen Baum verstehen.»

Stimmt, dachte ich, und war dennoch verwirrt. Nun kam es, dass meine zehnjährige Patentochter Livia* neulich die Kinderführung im Schaulager besuchte – die Materialsafari durch die Gegenwartskunst. Gleich anschliessend entstand unser folgendes, ungeschnittenes Gespräch über Picasso, Fischli, Weiss und Co.

Und Livia, wie war die Führung?

Gut. Ich finde aber, dass die Frau uns zu wenig erklärt hat. Wenn ich sie etwas fragte, hat sie gesagt: «Das ist halt einfach so.» Sie hat mir keine richtige Antwort gegeben.

Kannst du ein Beispiel machen?

Ich fragte: «Warum ist da eine nackte Frau?» Sie antwortete: «Die ist jetzt halt einfach auf dem Bild.» Dann ist sie weitergegangen. Sie hätte ja erklären können, welche Geschichte dahintersteckt.

An was erinnerst du dich sonst?

In die Dohle zu schauen. An den Mann dort unten – seine Beine sahen so echt aus.



Mehrteilige Installation ohne Titel von Robert Gober (1995-1999).

Mehrteilige Installation ohne Titel von Robert Gober (1995-1999). (Bild: KEYSTONE/Markus Stuecklin)

Wieso macht man so etwas?

Kunst?

Ja.

(Überlegt lange) Dass man Geld kriegt? Dass die Leute es spannend finden? Wenn man beispielsweise gut malen kann, kann man Künstler werden. Trotzdem finde ich, dass manches bloss Gekritzel ist. Das könnte ich auch. Solche Bilder finde ich dann nicht so schön.

Müssen sie denn schön sein? Was ist mit den Ratten? (Katharina Fritsch, Rattenkönig)

Ja, die Ratten fand ich noch speziell. Sie waren so gross und so schwarz. Da fühlt man sich ganz klein und ängstlich. Aber ich weiss nicht, warum der Künstler sie gemacht hat.



«Rat-King» (1993) von Katharina Fritsch.

«Rattenkönig» (1993) von Katharina Fritsch. (Bild: KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Glaubst du, das Gekritzel ist mangelndes Können oder Absicht?

Ich glaube, es ist Absicht. Und das finde ich ziemlich blöd: Wenn man extra schlecht malt, um dann das Bild in einem sehr wertvollen Rahmen in ein Museum zu hängen. Ich finds seltsam.

Pablo Picasso war ein berühmter Künstler. Er sagte einmal: «Ich versuche so zu zeichnen wie ein Kind.»

(Überlegt lange) Warum?

«Table» (1992-1993) von Peter Fischli und David Weiss.

Wie meinst du das?

Ich hätte nicht so viel Geduld. Und wenn man so lange arbeitet, hat man gar kein Geld. Weil man ja nicht sofort verkauft.

Viele Künstler haben sehr wenig Geld, ja. Sie haben keinen Beruf wie ein Bankangestellter oder ein Pferdedresseur. Ihr Beruf hat nicht ein so offensichtliches Ziel. Darum müssen sie Leute finden, die spannend finden, was sie machen. Leute, die dafür Geld ausgeben möchten. Ein Polizist zum Beispiel hat immer Arbeit, hat immer seinen Lohn. Künstler aber müssen zuerst jemanden finden, der ihre Kunst kaufen will.

Also ich will nicht Kunst machen. Ich hätte nicht so viel Geduld, sondern fände es mega langweilig. Ich will lieber etwas Spannendes machen: Forscherin zum Beispiel, neue Sachen entdecken…

Aber das können Künstler doch auch. Sie können alles machen! Wissenschaftler forschen nach vorgegeben Regeln, Künstler forschen mit allen Freiheiten.

…oder meinen eigenen Reitstall machen, oder Schauspielerin werden.

Livia, ein anderer Künstler hat mal gesagt, dass Kinder nicht ins Museum gehören. Das sei Blödsinn. Kinder verstünden ohnehin nicht, was Kunst ist. Was meinst du dazu?

Ja, ich verstehe sie halt wirklich nicht. Ich muss alles nachfragen können und alles erklärt kriegen. Sonst denke ich mir einfach: Wieso macht denn einer sowas? Oder: Das ist doch nur Gekritzel.

Denkst du, Erwachsene verstehen Kunst, ohne, dass man sie ihnen erklärt?

Kann schon sein. Aber ich weiss es halt einfach nicht.

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Auf der Webseite des Schaulagers finden Sie verschiedene Angebote für Kinder und Familie.
Ein witziges Quiz zum Thema finden Sie im «Tages-Anzeiger»: Kunst oder Kind.

Konversation

  1. Die Frage nach den nackten Frauen in den Bildern oder nackten Frauenstatuen hat mich als Kind auch beschäftigt, insbesondere weil neben den nackten Frauen meistens angezogene Männer zu sehen waren. Oder es gab Frauen, die zwar eigentlich angezogen waren, denen aber offenbar die Bluse ständig verrutschte, so dass mindestens eine Brust herausschaute. Wie Livia konnte auch mir niemand eine sinnvolle Begründung für diese vielen nackten und halbnackten Frauen geben. Heute würde ich sagen, es war grösstenteils Sexismus. (Nichts gegen Aktbilder: aber dann bitte gerne gleich viele Männer wie Frauen! Und bitte bitte keine von diesen ooops! verrutschen Blusen…)

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    1. Miss St. Johann, sie haben völlig recht! Doch der Hauptgrund, dass mehr nackte Frauen als Männer gezeichnet oder gemalt werden, liegt darin, dass die Künstler mehrheitlich Männer sind bzw. waren. Das heisst, die Künstler sind von Frauen mehr fasziniert als von Männern. Das kann ich nachvollziehen.

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