Was die Schweiz im Innersten zusammenhält

Tiefe Steuern, günstige Kredite, gute Infrastruktur – das alles macht unser Land zum Topstandort. Der alles entscheidende Faktor ist jedoch die gute Ausbildung – sie wird künftig noch rascher auf Veränderungen reagieren müssen.

(Bild: Michael Meister)

Tiefe Steuern, günstige Kredite, gute Infrastruktur – das alles macht unser Land zum Topstandort. Der alles entscheidende Faktor ist jedoch die gute Ausbildung – sie wird künftig noch rascher auf Veränderungen reagieren müssen.

Wir Schweizerinnen und Schweizer leben auf der Sonnenseite – und wir wissen es auch. 75,9 Prozent aller Einwohner über 16 Jahre erklären sich in Umfragen mit ihrem «Leben im Allgemeinen» für sehr zufrieden. Ähnlich zufrieden sind in Europa noch die Dänen, die Norweger, die Luxemburger und die Schweden.

Bei den ganz Jungen ist der Anteil der Zufriedenen etwas höher, bei den Rentnern ebenfalls. Was einerseits dafür spricht, dass die Jungen sich durchaus bewusst sind, dass sie in günstigen Verhältnissen aufwachsen, und anderseits dafür, dass auch die Rentner ganz genau wissen, dass es den Älteren hierzulande noch nie so gut ging wie heute.

Menschen mit höherem Einkommen erklären sich häufiger für zufrieden als Menschen in den unteren Einkommensschichten – von jenen an der Armutsgrenze ganz zu schweigen. Je besser die Leute aus­gebildet sind, umso zufriedener sind sie. Wohneigentümer sind zufriedener als Mieter, Schweizer zufriedener als Zuwanderer. Und ganz allgemein: Frauen sind ­zufriedener als Männer.

(Bild: Michael Meister)

Zu einem grossen Teil hängt die Zufriedenheit mit dem materiellen Wohlstand zusammen: Der Zugang zum Arbeitsmarkt, die Sicherheit der Arbeitsplätze, die offerierten Karriere- und Erfolgsaussichten – all dies trägt zu dem bei, was der Wirtschaftswissenschafter Bruno S. Frey als «Glück» bezeichnen ­würde, wenn er denn wirklich wüsste, was das objektiv ist.

Ohne Zuwanderer geht es nicht

Die Schweiz weist die zweithöchste Erwerbsquote­ in Europa aus. Fast 84 Prozent der Einwohner zwischen 15 und 64 Jahren sind berufstätig: mehr als in allen anderen europäischen Ländern, ausser in Island. Dabei weisen die Zugewanderten in der Schweiz eine deutlich höhere Erwerbsquote aus als die ein­geborenen Arbeitskräfte. Ohne die Zuwanderer wäre die Schweizer Wirtschaft gar nicht mehr funktions­fähig: Rund ein Viertel der erwerbstätigen Menschen in der Schweiz stammt aus dem Ausland – mehr als in jedem anderen europäischen Land, ausser dem Spezialfall Luxemburg.

Trotz dieses hohen Angebots an Arbeitskräften bleibt die Arbeitslosigkeit in der Schweiz mit gegen vier Prozent überschaubar. Nur in Norwegen ist sie noch tiefer. In allen anderen europäischen Ländern gälte unsere Arbeitslosenquote als Voll­beschäftigung. Länder wie Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien mit einer enormen Jugend­arbeitslosigkeit können von solchen Quoten nur träumen.

Natürlich ist auch in der Schweiz jeder Arbeitslose­ genau einer zu viel, und für den Einzelnen ist die Arbeitslosigkeit ein bitteres Los – zumal sie sich in manchen Altersklassen auch in der Schweiz als ziemlich hartnäckig erweisen kann und oft in die Frühpensionierung mündet. Als Gesellschaft aber jammern wir in Sachen Arbeitslosigkeit auf einem extrem komfortablen Niveau.

Die Lehrstellen-Krise ist überwunden

Um die Antwort auf diese Frage drücken sich Berufsbildungsfachleute gerne – durchaus zu Recht, denn die Frage ist falsch gestellt. Es geht für junge Menschen zunächst darum, herauszufinden, wozu sie Talent haben, was sie gerne machen – denn ­produktiv wird eine Arbeit nur dann, wenn sie mit Freude oder mindestens mit Interesse verrichtet wird.

Das ist auch für die Zufriedenheit im Arbeitsleben viel entscheidender als die Höhe des Lohns. Für die Suche nach den – möglicherweise noch verbor­genen – Talenten kann und darf man Be­ratung in Anspruch nehmen. Im Erziehungs­departement gibt es etwa die Fachstelle Berufsberatung, die neben all­gemeinen Berufsinformationen auch Einzelbera­tungen für Jugendliche und Erwachsene anbietet. ­Arbeitnehmer- und Arbeit­geberverbände bieten ähnliche branchenbezogene Dienstlei­stungen an.

Am wichtigsten aber ist es, sich vor Augen zu halten, dass ausnahmslos jeder Beruf, den man heute erlernt, sich schon in wenigen Jahren verändern wird. Manche Berufe wie etwa Sattler oder Hut­macherin verschwinden ganz einfach, andere verändern sich bis zur Unkenntlichkeit. Wer weiss heute noch, was im Zeitalter der Bleilettern ein Setzer oder Metteur machte – dabei galten die Typo­grafen einst als Aristokraten in der Arbeiterschaft.

(Bild: Michael Meister)

«Einst» heisst: vor 40 Jahren. Wer weiss heute schon, ob es in 40 Jahren noch so viele Informatiker braucht, wie jetzt ausgebildet werden? Vielleicht wird bis dann ein erheblicher Teil von deren Arbeit von den Maschinen übernommen werden, deren Vor­läufer sie selber programmiert haben. Die Ballade vom Zauberlehrling ist zwar uralt, aber immer noch höchst aktuell.

Mehr Lehrstellen als Lehrlinge

Derzeit werden etwa in der Immobilien- und Baubranche mehr Lehrstellen offeriert als nach­gefragt. Insbesondere in den Installationsberufen wie Maurer, Gipser, Maler sucht man dringend nach Lehr­lingen, bei Gebäudetechnikern und Elektrikern stimmt die Nachfrage eher. Wie nachhaltig diese Berufe sind, steht auf einem anderen Blatt.

Auch Chemie und Pharma suchen Lehrlinge für Produktionsberufe – allerdings eher in den um­liegenden Kantonen und Ländern als in Basel-Stadt, wo die beiden grossen Pharmakonzerne ihre Arbeits­kräfte auf dem globalen Arbeitsmarkt rekrutieren. Ebenfalls beim Handel ist derzeit ein Anstieg neuer Lehrverträge festzustellen. Und auch Informatiker werden wieder vermehrt ausgebildet – bis zur nächsten Entlassungs­welle bei den Banken.

Auf dem absteigenden Ast sind vor allem die tra­ditionellen Handwerksberufe. Das ist aber nicht mehr als eine Momentaufnahme. Womöglich ist in zehn Jahren wieder vermehrt traditionelles Handwerk angesagt. Vielleicht findet der Detailhandel dann per Hauslieferung statt, und es braucht mehr «Chauffeur-Verkäufer/innen». Oder aber das ganze Geschäft verlagert sich ins Internet, so dass es gar keine Verkäufer mehr braucht – die künftige Entwicklung lässt sich nicht voraussehen.

Einen Beruf fürs ganze Leben gibts nicht mehr

Die einzige Gewissheit, die es gibt, lautet: Im Gegensatz zu früher verändern sich Arbeitswelt und ­Berufsbilder immer schneller und radikaler. Den Beruf fürs ganze Leben gibt es nicht mehr. Die Arbeitnehmer werden sich noch mehr als heute stetig weiterbilden und allenfalls sogar mehrmals den Beruf wechseln müssen.

Aus der Erkenntnis der Vergänglichkeit auch von Berufsbildern gilt es einen Schluss zu ziehen: Mit dem Abschluss eines Lehrvertrags beginnt nach der Schule ein neuer Lernprozess, der ein ganzes Leben lang andauert. Die beste Voraussetzung für jeden Beruf ist deshalb Lernbereitschaft, Offenheit für Neues.

Und dazu braucht es eine möglichst breite Ausbildung in den Grunddisziplinen des menschlichen Wissens: die Muttersprache pflegen und neue Sprachen lernen – denn ohne Sprache gibts keine Kommunikation; mathema­tische Grundkenntnisse lernen – ohne Rechnen und ein bisschen abstraktes mathema­tisches Denken läuft schon heute vielerorts nichts mehr.

Naturwissenschaftliche Kenntnisse sind wichtig, und auch Kulturwissen kann nicht schaden – um zu erkennen, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält. Und wer sich dauernd neue EDV-Kenntnisse und die neuen Kommunikationsformen der sozialen Medien aneignet, wird davon mit ­Sicherheit auch noch in 20 Jahren profitieren.

Wichtig sei vor allem aber, «immer neugierig zu bleiben», sagt der Ökonom und Glücksforscher Bruno S. Frey: «Denn das grösste menschliche Glück besteht darin, stets etwas Neues zu lernen.»

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 08.02.13

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