Was «Dr. Google» mit steigenden Krankenkassen-Prämien zu tun hat

Ob Schwindel oder Kopfweh: Im Internet findet sich zu jedem Symptom eine passende Krankheit. Doch der Rat von Dr. Google ist nicht immer hilfreich – und kann sogar krank machen. Morbus Google könnte das Gesundheitssystem teuer zu stehen kommen.

Warum gleich zum Arzt gehen? Die Mehrheit der Patienten sucht vorher im Internet nach einer Diagnose.

(Bild: Nils Fisch)

Ob Schwindel oder Kopfweh: Im Internet findet sich zu jedem Symptom eine passende Krankheit. Doch der Rat von Dr. Google ist nicht immer hilfreich – und kann sogar krank machen. Morbus Google könnte das Gesundheitssystem teuer zu stehen kommen.

Wer von Kopfschmerzen oder Schwindel geplagt ist, sucht zuerst einmal im Internet. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) recherchieren fast drei Viertel (73 Prozent) der Deutschen bei Fragen rund um Verlauf, Symptome oder Behandlung von Krankheiten im Netz. In der Schweiz geben gemäss einer GFS-Umfrage 40 Prozent der Befragten an, bei gesundheitlichen Problemen und vor dem Gang zum Arzt im Internet zu recherchieren.

Viele Patienten konsultieren zunächst «Dr. Google». Rund ein Prozent aller täglich drei Milliarden Suchanfragen enthalten Anfragen nach Symptomen. 

Im Juni erst hat der Technologiekonzern sein neues Tool «Symptom Search» lanciert, das die Beantwortung von Gesundheitsfragen optimieren soll. Google kooperierte dazu mit Ärzten der Harvard Medical School, um Suchanfragen noch besser mit Krankheitsbildern zu verknüpfen. Wer auf der US-Version von Google nach Erkrankungen sucht, zum Beispiel Typ-2-Diabetes, bekommt rechts neben den Suchergebnissen sogenannte «Knowledge Graphs» angezeigt – Infotafeln, die laut der englischen Tageszeitung «The Guardian» von durchschnittlich elf Ärzten verifiziert werden.

Genau hinschauen

Google drängt mit aller Macht in den Gesundheitssektor, seine Biotechnologiesparte Calico will mit Big-Data-Analysen das Genom entschlüsseln und Krankheiten heilen. Der Schlüssel dazu sind Suchanfragen.

Laut einer Studie der Central Krankenversicherung AG, die 41 Millionen Google-Suchanfragen zu insgesamt 50 Krankheiten und Diagnosen über zwölf Kalendermonate ausgewertet hat, googeln Deutsche am häufigsten nach Schilddrüsenvergrösserung (296’690 Suchanfragen pro Monat), gefolgt von Diabetes (140’220) und Hämorrhoiden (127’400). Die Frage ist: Wie verlässlich sind Suchmaschinen bei der Recherche von Krankheitssymptomen?

«Suchmaschinen liefern durchaus Wissenswertes über Krankheitssymptome.»

Yvonne Gilly, Ärzteverband FMH 

Christiane Brockes, Leiterin der Klinischen Telemedizin am Universitätsspital Zürich, sagt auf Anfrage: «Die Qualität hängt von der Kompetenz der involvierten Ärzte ab, daher sollte man genau hinschauen, wer dahintersteckt.» Für die Medizinerin überwiegt der Nutzen: «Der mündige Bürger und Patient ist heutzutage ziemlich gut medizinisch informiert. Er möchte mitreden und mitentscheiden anstatt kopfnickend einfach nur Ratschläge zu befolgen. Die im Internet gefundenen Informationen unterstützen die persönliche Eigenverantwortung und Selbstbestimmung und fördern das im Trend liegende Patient empowerment.»

Das sieht auch Yvonne Gilli, Zentralvorstand und Departementsverantwortliche Digitalisierung beim Ärzteverband FMH, so. Auf Anfrage teilt sie mit: «Suchmaschinen liefern durchaus Wissenswertes über Krankheitssymptome. Die GFS-Umfrage bestätigt einen Trend, dass immer mehr Patienten und Patientinnen erste Informationen über mögliche Krankheiten aus dem Internet holen.»

Es hänge vom Kunden respektive Patienten ab, ob er fähig sei, die Online-Recherche nach Qualität zu selektionieren. «Ein Kunde, der davon ausgeht, dass er gesund ist, wird medizinische Informationen anders suchen und anders lesen als jemand, der tief verunsichert ist, weil sein bester Freund gerade an Krebs erkrankt ist», so Gilli. Deswegen ersetze die Internetrecherche die ärztliche Konsultation nicht. Sie könne aber dazu beitragen, «dass der Patient mit dem erworbenen Vorwissen neue Kompetenzen zu Diagnosen und Behandlungsmöglichkeiten in das ärztliche Gespräch mit einbringt».

Was kostet «Cyberchondrie»?

Andererseits kann Google aus den Milliarden Suchanfragen relativ genau den Verlauf von Krankheiten und Epidemien voraussagen. Die Technik dürfte inzwischen ausgereifter sein als beim Projekt Google Flu Trends, bei beim Algorithmen bis zu 50 Prozent mehr Grippefälle vorhersagten, als tatsächlich auftraten. Das Problem war damals, dass die Daten gewissermassen selbst infiziert waren. Nicht jeder, der nach Grippesymptomen googelt, hat auch tatsächlich eine Grippe. Und nicht jeder, der an einer Grippe erkrankt ist, googelt auch.

Die Diagnosen von «Dr. Google» sind erfahrungsgemäss schlecht. Aus den Kopfschmerzen wird schnell ein Tumor, und aus dem Sodbrennen ein Symptom für Magenkrebs. Die Algorithmen der Suchmaschinen spucken die erschreckendsten Krankheitsbilder aus. Oftmals entpuppt sich der Husten als harmlose Erkältung. Die Frage ist, ob die Fehldiagnosen Patienten nicht verunsichern und Ängste schüren und zusätzliche Kosten für das Gesundheitssystem aufgrund unnötiger Arztbesuche verursachen. Etwas zugespitzt: Macht uns Google krank?

Der US-Psychiater Brian Fallon prägte den Begriff der «Cyberchondrie», ein Kofferwort aus Cyber und Hypochondrie. Durch die Internetrecherche steigern die Betroffenen im Zusammenhang mit eigenen Symptomen ihre Angst, tatsächlich erkrankt zu sein.

«Mein Eindruck ist, dass die Resultate bei einer Internetsuche eher katastrophisierende, oft ängstigende Resultate ergeben.»
Prof. Dr. med. Edouard Battegay, Unispital Zürich 

Der Katalysator ist der sogenannte «Bestätigungsbias». Das heisst: Man sucht nur nach Informationen, die auf erwartete Ursachen von Symptomen hindeuten, während Gegenbelege ausgeblendet werden. Die Funktionsweise der Algorithmen verstärkt diese selektive Aufmerksamkeit. Fallon behauptet, dass Cyberchondrie Milliarden Dollar unnötiger Behandlungskosten verursacht.

«Mein Eindruck ist, dass die Resultate bei einer Internetsuche eher katastrophisierende, oft ängstigende Resultate ergeben bei der Interpretation von Symptomen», konstatiert Prof. Dr. med. Edouard Battegay, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin am Universitätsspital Zürich, im Gespräch mit der TagesWoche. Zum Beispiel führe der Begriff Brustschmerz zu ausgesprochen vielen Treffern mit Herzinfarkt, obwohl nur die wenigsten Brustschmerzen Ausdruck eines Herzinfarktes sind. Zudem fehlen «klare Denkstrukturen» und oft auch ein «Überblick zur systematischen Beurteilung und Einordnung des Symptoms».

Medizinisch zweifelhafter Rat

Die Psychotherapeutin Christiane Eichenberg schreibt in einer Studie:

«Obwohl die Recherche in vielen Fällen hilfreich sein kann, birgt die Suche im Internet die Gefahr einer Intensivierung gesundheitlicher Sorgen. (…) In der Folge können solche Suchsitzungen zu unnötiger Angst, Zeitinvestition und kostenintensiver Konsultation von Ärzten führen.»

Fakt ist, dass der US-Ableger von Google Aspirin zur Selbstmedikation von Diabetes und Antihistaminika bei Grippe vorschlägt, was medizinisch höchst zweifelhaft ist. Der Diabetologe Prof. Dr. med. Werner Scherbaum, langjähriger Vorsitzender der Leitlinienkommission der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, schrieb daraufhin einen offenen Brief an Eric Schmidt, Verwaltungsratschef von Alphabet, der auch die Gesundheitssparte von Google leitet.

In dem Brief («Ist Dr. Google krank?»), der auf der Webseite frag-den-professor.de veröffentlicht wurde, fordert Scherbaum den Tech-Konzern auf, die in Rede stehenden Texte «sofort zur Überprüfung» aus dem Netz zu nehmen:

«Google ist sicherlich eines der renommiertesten Unternehmen weltweit, und seine Dienstleistungen werden häufig für die Suche nach Informationen verwendet. Es ist jedoch sehr besorgniserregend, dass Googles medizinische Informationen die Leser nicht nur verwirren, sondern mit falschen und irreführenden Angaben sogar zu Gesundheitsschädigungen bei Menschen führen können, die auf der Suche nach seriöser Beratung und medizinischer Hilfe sind. (…) Wir sind der festen Überzeugung, dass die Leser von Googles medizinischen Texten gewarnt und angeraten werden sollten, den dort angegebenen Empfehlungen nicht blindlings zu folgen.»

«Dr. Google» desinfiziert sich die Hände

Zwar räumt Google auf seinem Blog ein, Gesundheits-Content im Netz sei schwer zu navigieren und neige dazu, «Menschen mit milden Symptomen zu besorgniserregenden und unwahrscheinlichen Konditionen zu führen, was unnötige Angst und Stress hervorruft». Eine Verantwortung für irreführende Behandlungsweisen lehnt der Konzern aber kategorisch ab.

Die interessante Frage ist, ob Google für falsche Indikationen haftbar gemacht werden könnte – und ob Behandlungsempfehlungen nicht allein nach medizinischen, sondern nach ökonomischen Maximen erfolgen.

Der Softdrinkhersteller Coca Cola, ein wichtiger Anzeigekunde von Google, geriet letztes Jahr in die Kritik, nachdem bekannt wurde, dass der Konzern Studienergebnisse «sponserte», die einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Softdrinks und Gewichtszunahme negierten. Womöglich braucht der Verbraucher künftig auch einen Beipackzettel für die Risiken und Nebenwirkungen von Algorithmen.

Fest steht: Eine Google-Suche ersetzt die Sprechstunde beim Arzt nicht.

Quellen

https://blog.google/products/search/im-feeling-yucky-searching-for-symptoms/
http://www.gesundheitsstadt-berlin.de/aerzte-schreiben-offenen-brief-an-dr-google-7207/
https://www.central.de/presse/praxis-dr-internet/top-10-rangliste-der-google-suche/
http://www.farner.ch/blog/dr-google-kommt-aerzte-und-spitaeler-sind-gefordert/
http://www.frag-den-professor.de/ist-dr-google-krank-ein-offener-brief-an-eric-schmidt/

Konversation

  1. Natürlich ersetzt Google den Arzt nicht, aber für die meisten von uns (und auch für die Ärzte) ist es eine riesige Bibliothek. Wer vernünftig sucht, der findet vernünftige Information und emanzipiert sich somit ein wenig von der Allmacht der „Götter in Weiss“. Google als Kostentreiber hinzustellen ist eine gelinde gesagt gewagte These!

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  2. 1. Wer ängstlich ist, war schon vor der Google-Suche ängstlich und wird dann halt auch deren Resultate ängstlich verwerten. Was heute Google tut, erledigten früher die Selbst-Diagnose-Bücher, Apotheken-Heftchen und die Gesundheitsspalten in den Illustrierten.

    2. Diabetes & McDonalds ergibt mehrere Möglichkeiten:
    a) Häufiger McDonalds-Besuch schützt vor Diabetes
    b) Häufiger McDonalds-Besuch fördert Diabetes.
    c) Seltener McDonalds-Besuch fördert Diabetes
    d) Seltener McDonalds-Besuch schützt vor Diabetes.
    e) Diabetes führt zu häufigerem McDonalds-Besuch
    f) Diabetes führt zu seltenerem McDonalds-Besuch
    g) Diabetes und McDonalds-Besuch haben überhaupt nichts miteinander zu tun.
    h) Die Behandlung von Diabetes ist häufiger McDonalds-Besuch.

    Das Zusammentreffen von nur schon zwei Variablen ergibt skurrile Möglichkeiten sehr verschiedenster Art!
    Ohne genaueres Wissen kann man statistische Gemeinsamkeiten nicht einfach als ursächlich auffassen, sonst kommt man zu unsinnigen Gesundheitsratschlägen.

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  3. @Fisch. Richtig ! Aber können wirklich alle vernünftig suchen und dann das gefundene auch richtig interpretieren ? Im Internet findet sich vermutlich mehr Halbwissen und Falschinformation als fundiertes Wissen.

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    1. Ach, wissen Sie, was Wissen ist? So einfach ist es nicht. Wer sehr obrigkeitsgläubig ist, wie Sie aufgrund Ihrer EInstellung zu unserem Geheimdienst mutmasslich sind, der lässt sich von „Fundiertheit“ beeindrucken. Die „Wahrheiten“ in der Wissenschaft sind bewegliche Ziele, unumstössliche Thesen Jahrzehnte später je nach dem ins glatte Gegenteil verkehrt.

      Sie wissen ohnehin, wer Kostentreiber im Gesundheitswesen ist: das haben Sie schon zur Genüge erbrochen – die Migranten

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  4. Man nehme ein Problem der zweiten und dritten Ordnung und blase es gehörig auf, damit über vordringlichere Probleme im Geschäft mit den Krankheiten nicht geredet wird.

    Das hätte ich nicht erwartet von einem, der viele Artikel zum Gebrauch von Daten schreibt. Ich kenne den Autor dieses Artikels nicht und seine publizierten Artikel in der Tageswoche lassen nicht erkennen, dass er ein Schreiber in Diensten der Pharma oder Versicherungen wäre. Trotzdem finde ich den Artikel unsorgfältig und tendenziös.

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