Wegen digitalem Wandel: Versicherungen stecken Millionen in Start-ups

Versicherer wollen ihre Kunden mit digitalen Technologien bei der Stange halten. Konzerne investieren deshalb Millionen in kleine Start-ups. Zum Beispiel in das 14-köpfige Basler Unternehmen Creadi AG.

Sie helfen Versicherungen auf die digitale Spur: Raphaela Kurer (links) und Désirée Mettraux von Creadi AG.

Achtung, wir starten direkt mit einem fiesen Buzzword: Insurtech. Sagt Ihnen nichts? Sollte es aber.

Insurtech ist eine Revolution, zumindest im Versicherungswesen. Das Kofferwort aus Insurance (Versicherung) und Technology bedeutet nichts anderes, als dass die Digitalisierung auch vor der Versicherungsbranche nicht haltmacht. Jetzt gilt es, aufzuspringen oder ewig hinterherzuhinken.

Versicherungen wollen mit digitalen Lösungen an ihren Kunden dranbleiben. Prozesse sollen vereinfacht und möglichst automatisiert werden.

«Insurance-to-go» statt 60-seitige Verträge

Dafür suchen sich die Versicherungen Start-ups. Die sind freier, innovativer und vor allem schneller in der Entwicklung neuer Produkte. «Man kann sich das so vorstellen», sagt Désirée Mettraux: «Du hast die grosse ‹Queen Mary›: die Versicherung mit festen Strukturen und klaren Prozessen. Und du hast das agile, wendige Schnellboot: das innovative Start-up.»

Mettraux ist CEO der Creadi AG, ein Basler Insurtech-Start-up und Tochtergesellschaft des Lebensversicherers Pax. Das mittlerweile 14-köpfige Unternehmen will digitale, auf den Kunden fokussierte Geschäftsmodelle auf den Markt bringen.

Ein Coup ist Creadi in ihrem einjährigen Bestehen bereits gelungen: Das Start-up hat die erste Versicherungs-App der Schweiz entwickelt, mit der man innerhalb von 60 Sekunden eine Versicherung abschliessen kann.

Simpego heisst diese App, mit der man via Kreditkarte spontan und gezielt sein Hab und Gut versichern kann. Das Smartphone, das Velo, eine ganze Reise. Mettraux sagt dem: «Insurance-to-go». Unter den Partnern finden sich bekannte Namen wie Vaudoise, ERV, Coop Rechtsschutz und Baloise.

CEO Désirée Mettraux: «Die digitale Entwicklung auf dem Markt ist unglaublich schnell geworden.»

Die gestandenen Versicherer wollen offensichtlich den digitalen Wandel nicht verschlafen. Dürfen sie auch nicht, wenn man Raphaela Kurer zuhört. «Bisher lief es so: Du verlangst eine Offerte und kriegst 60 Seiten nach Hause geschickt, die du durchlesen musst», erklärt die Marketing-Verantwortliche von Creadi. «Eventuell sitzt noch ein Berater zu dir in die Stube. Das wird heute einfach nicht mehr nachgefragt. Wenn man da als Unternehmen nicht reagiert und mitzieht, verliert man Kunden.»

Investitionen in Milliardenhöhe

Damit das nicht passiert, wird ordentlich Geld ausgegeben. Im zweiten Quartal 2017 investierten Versicherer weltweit fast eine Milliarde US-Dollar in Insurtech-Start-ups. Das ist mehr als in den drei vorherigen Quartalen zusammen.

Auch die Schweiz zieht kräftig mit. 2017 investierte zum Beispiel die Baloise-Gruppe in zwei amerikanische Insurtech-Start-ups. Im Jahr davor gab der Versicherer bekannt, zusammen mit der Investment- und Beratungsfirma Anthemis insgesamt 50 Millionen Franken in Insurtechs investieren zu wollen. Man rechne mit zehn Investment-Tranchen bis 2021.

Es herrscht Goldgräberstimmung, obwohl es kaum ausgereifte Produkte auf dem Markt gibt.

Einen ähnlichen Kurs fährt Helvetia. Anfang 2017 errichtete das Unternehmen einen 55 Millionen Franken schweren Venture Fund zugunsten von Insurtech-Start-ups aus ganz Europa. Gleichzeitig startete Helvetia mit der Swiss Startup Factory ein «Accelerator Program», um Start-ups «mit einer Affinität zum Helvetia-Kerngeschäft» zu pushen.

Keine Frage: Es herrscht Goldgräberstimmung. Und das, obwohl es kaum ausgereifte Produkte auf dem Markt gibt. Mettraux erklärt: «Heute ist es nicht mehr so, dass ein Produkt zu 100 Prozent fertiggestellt ist, bevor es auf den Markt kommt. Heute geht man eher auf 70 oder 80 Prozent, um erst einmal zu testen, ob es funktioniert und wie sich die User verhalten.» Die digitale Entwicklung auf dem Markt sei unglaublich schnell geworden. «Täglich poppt etwas Neues auf.» Um da mithalten zu können, müsse man zügig arbeiten.

Und was passiert eigentlich mit meinen Daten?

Ohnehin sind die Versicherungsgesellschaften in erster Linie auf etwas ganz anderes heiss: auf Know-how, das sich Start-ups wie Creadi zügig aneignen. «Wir wollen die Bedürfnisse unserer Kunden verstehen», sagt Mettraux. «Will jeder nur online abschliessen? Braucht er zusätzliche Informationen? Wenn ja, wie können wir ihm die am einfachsten geben? Und wohin entwickelt sich das Ganze in den nächsten drei Jahren?»

Inmitten von Einfamilienhäusern tüftelt Creadi im Bachlettenquartier an der digitalen Zukunft von Versicherungen.

Antworten auf solche Fragen geben die Nutzerdaten. Doch was passiert eigentlich damit? «Sicherheit ist ein grosses Thema und dem Schweizer User ein wichtiges Anliegen», sagt Marketing-Verantwortliche Kurer. Mettraux ergänzt: «Als Tochtergesellschaft von Pax halten wir uns an strenge Auflagen im Bereich Compliance.»

Dass Konzerne das Thema Datenschutz zuweilen durchaus ernst nehmen, zeigt das folgende Beispiel: Das Zürcher Insurtech-Start-up Knip sorgte im Oktober 2015 für Schlagzeilen. 15 Millionen Investment-Franken konnte es für seinen digitalen Versicherungsbroker einholen – die grösste Summe, die ein Fintech- beziehungsweise Insurtech-Unternehmen in der Schweiz je erhalten hat. Wenige Monate später beendete Partner Helsana, der grösste Krankenversicherer der Schweiz, die Zusammenarbeit bereits wieder. Grund: Helsana wollte Knip «gesundheitsrelevante und somit sehr persönliche Daten» ihrer Kunden nicht anvertrauen.

Informatiker statt Versicherungsberater

CMO Raphaela Kurer: «Es ist nicht so, dass es in Zukunft keine Versicherungsberater mehr geben wird.»

Beim Thema Digitalisierung steht noch ein weiteres grosses Thema im Raum: Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey steht jeder vierte Versicherungsjob auf dem Spiel. Mettraux wiegelt ab: «Natürlich kannst du mithilfe der Digitalisierung in gewissen Bereichen Personal einsparen», sagt sie. «Dafür tun sich auch neue Felder auf. Es braucht weiterhin Manpower, aber andere Skills.» Diese Bewegung sehe man in allen Branchen.

Kurer doppelt nach: «Es ist nicht so, dass es den Versicherungsberater in Zukunft nicht mehr brauchen wird. Die Erfahrung zeigt: Die Leute möchten online abschliessen, doch vor dem Abschluss häufig noch mit einem Berater sprechen.» Kunden wünschen sich laut Kurer heute eine Auswahl an Optionen und möchten selber bestimmen, auf welchem Weg sie Informationen beziehen und Dienstleistungen respektive Produkte kaufen.

Konversation

  1. Ein Berater der Dich einlullt vor dem Vertragsabschluss und Dir genau das erzählt was Du nicht hören willst ? Die Helvetia ist da nicht die Einzige, es gibt viele andere die genau gleich funktionieren und versuchen einem langfristige Verträge aufzuschwatzen. Dann mit irgendwelchen Schein Ausstiegsklauseln, welche dann bei Bedarf gar nicht funktionieren.
    Eine Versicherung ist nur dann gut wenn man sie nicht braucht. Hat man Bedarf fangen die Probleme erst so richtig an …

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  2. Eine Versicherung ist primär ein gewinnorientiertes Unternehmen, das von den Hoffnungen seiner Kunden lebt. Sie hat zwei Eingänge:
    – Der Haupteingang führt in die Werbeabteilung und soll neue zahlende Kunden anlocken. Dabei wird gerade noch deren Risiko gecheckt. Dafür werden auch hohe Summen investiert, auch teure TV-Werbung (, die dann der spätere Kunde mit seinen Beiträgen bezahlt!).
    – Der Hintereingang ist diskreter und führt zur Abteilung, wo man die Ansprüche versucht abzuwimmeln, mit allen Mitteln, auch halblegalen, mit faulen Kompromissen, Hauptsache, dass es weniger kostet.
    Es ist für eine Verischerung immer ein Risiko, wenn aus einem hoffnungsvollen Zahler plötzlich ein realer Kostenfaktor wird, der die Gewinnmarge und Jahresendprovision schmälert.
    Von der Seite erzählt einem jede Versicherung nur die halbe Wahrheit, wenn sie „Versicherung“ verspricht, aber nicht beschreibt, wie lau sie dann den Versicherungsfall abhandelt.

    Naja, „Ver-“ kennen die Schweizer (Verdonnere, verchachele, verscherbele, etc.): Es geht stets dabei was kaputt, funktioniert nicht mehr, also Obacht bei so einem Namensbeginn!

    Das Versicherungen sich auch dafür hergeben, oft unversteuerte und schwarze Vermögen zu bunkern, ergo sowas ähnliches, was die Banken auch bisher gerne machten, ist eine ganz andere dunkle Geschichte.

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  3. Helvetia- da muss ich laut Lachen.
    Die Versicherung macht immer noch 10 Jahresverträge.
    Bei der Autoversicherung: Macht ihr Sohn eine Hausratversicherung,
    erhält er 4 Stufen Rabatt= er Bezahlt noch 80 %.
    Nur für was braucht mein Sohn eine Hausratversicherung, wenn
    er bei mir Mitversichert ist?
    Bei der Mobiliar hat mein Sohn ohne Hausratversicherung
    55% Rabatt erhalten und Bezahlt 45 %- Seltsam.
    Es wäre einmal eine Journalistischeleistung, genau hinzusehen
    was auf dem Markt abgeht und solche Anbieter wie Helvetia zu
    Hinterfragen.
    Die „nationale“ hatte bessere Software als die Helvetia heute…

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