«Wenn du nicht gehorchst, kommst du ins Kinderheim»

Als Beatrice* zwölf Jahre alt war, starb ihr Vater vor ihren Augen. 25 Jahre später bekam sie ihre erste Panikattacke. Seither erleidet die heute 44-Jährige regelmässig Angstzustände, und zwar immer bevor sie in die Ferien fährt. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Mit dem Packen kommt die Angst: Beatrice kriegt vor den Ferien Panik.

(Bild: Nils Fisch)

Als Beatrice* zwölf Jahre alt war, starb ihr Vater vor ihren Augen. 25 Jahre später bekam sie ihre erste Panikattacke. Seither erleidet die heute 44-Jährige regelmässig Angstzustände, und zwar immer bevor sie in die Ferien fährt. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Meine letzte Panikattacke ist zwei Wochen her, es war eine Attacke ungewöhnlicher Art. Ich stand zwei Tage vor der Prüfung zur Direktionsassistentin und kam in einen richtigen Wahn: Ich lernte und lernte und lernte. Dabei kam mir ein Lehrbuch in die Finger, das ich erst einmal durchgeackert hatte, nicht zweimal, wie alle anderen Bücher. Da passierte es: Meine Finger und Arme begannen zu kribbeln, ich fing an zu weinen und wurde nervös, aus Angst, dass ich jetzt eine Attacke kriege. Die berühmte Angst vor der Angst.

Angststörungen 
Patienten mit Angststörungen kriegen aus heiterem Himmel grosse Ängste und Panikattacken mit Brustschmerzen, Zittern und Atemnot. Je länger man mit der Behandlung wartet, desto stärker werden die Ängste.
Die psychische Krankheit ist verbreitet: Eine von zehn Personen entwickelt im Leben eine Angststörung, wie eine Übersichtsstudie der Universität Wien zeigt.

Ich nahm Temesta und legte mich ins Bett. Normalerweise wirkt das Beruhigungsmittel nach einer Dreiviertelstunde, doch dieses Mal nicht.

Also ging ich rüber zu meiner Nachbarin. Ich darf immer zu ihr rübergehen, wenn ich Panikattacken habe und allein zu Hause bin. Sie wollte meinen Mann anrufen, doch ich konnte mich an nichts erinnern, weder seine Bürotelefonnummer noch wo er arbeitet. Ich war völlig verwirrt, gab nur noch kaufmännische Sachwörter aus meinen Büchern von mir. 

Irgendwann fand meine Nachbarin die Telefonnummer, und als sie mich nach Hause brachte, war mein Mann schon da. Er sagte: «Schau, Daniela, ich habe dir das Bett frisch bezogen, jetzt kannst du schlafengehen und wenn du aufwachst, gehts dir besser.» Mein Mann ist die Ruhe selbst.

Ferien als Auslöser Nummer eins

Drei Tage lang war ich ziemlich schwach, dann habe ich die Prüfung gemacht – ich kriegte eine fünf!

Das war eine Ausnahmesituation. Normalerweise kriege ich meine Panikattacken nur bevor ich in die Ferien reise und am Tag vor der Heimfahrt.

Das erste Mal passierte es vor neun Jahren. Es fing damit an, dass ich einen Tag vor der Abreise eine Lebensmittelvergiftung bekam. Als ich über dem Klo hing, bekam ich plötzlich Angst, so richtig Angst. Ich dachte: «Ich werde nie mehr in die Ferien fahren können» und merkte: Jetzt verliere ich die Kontrolle.

Danach bekam ich weitere Panikattacken und fiel in eine Depression. Ich war nur noch niedergeschlagen, weinte die ganze Zeit und kam fast nicht aus dem Bett.

«Mama, hast du heute schon geweint?»

Wenn meine zwei Kinder am Mittag aus der Primarschule nach Hause kamen, fragten sie: «Mama, hast du schon geweint heute? Und hast du überhaupt gekocht?»

Irgendwann meldete mich eine gute Freundin in der Therapie an, ich bekam Antidepressiva. Mein Psychiater sagte, es sei ein Wunder, dass ich als Jugendliche nicht in die Drogen abgestürzt sei, bei meiner Kindheit. Da wurde mir bewusst, dass ich all die Jahre einiges verdrängt hatte. Es ist kein Zufall, dass meine Panikattacken immer vor den Ferien kommen. Und auch das Datum meiner ersten Panikattacke ist bezeichnend: Es war der 25. Todestag meines Vaters.

Beerdigung am Geburtstag

Als ich zwölf Jahre alt war, wollte meine Familie zum allerersten Mal in die Ferien fahren. Ich freute mich so! Doch einen Tag vor der Abreise fiel mein Vater vor meinen Augen tot um – Herzversagen. 

Das war schlimm genug, aber obendrauf begann meine Mutter fortan, mich psychisch zu quälen. Es fing einen Tag nach dem Unglück an, meine Mutter sass mit dem Pfarrer in der Stube und plante die Beerdigung. Als ich hereinkam, hörte ich den Pfarrer gerade sagen: «Gut, die Beerdigung findet also am 3. August statt.» Ich brüllte: «Nein, das geht nicht, dann habe ich Geburtstag.» Aber meine Mutter sagte: «Doch, das geht.» 

Und von da an sagte meine Mutter jedes Jahr an meinem Geburtstag: «Vor so und so vielen Jahren mussten wir deinen Papi beerdigen.»

Wie konnte sie nur?

«Wenn er mich verlässt, bist du schuld»

Dazu kam meine Angst vor der Mutter. Eigentlich war ich ein sehr folgsames Kind, aber sie zwang mich immer, bei ihr im Bett zu schlafen. Ich wollte das nicht, doch wenn ich mich einmal wagte, Nein zu sagen, drohte sie: «Wenn du nicht gehorchst, dann holt dich die Fürsorge ab und bringt dich ins Kinderheim.»

Dabei zeigte sie ins Nachbardorf, wo das Kinderheim stand. Also versuchte ich noch mehr, es meiner Mutter recht zu machen, ich wollte ihr doch gefallen. 

Mein Stiefvater war genauso schlimm. Bereits drei Monate nach dem Tod meines Vaters kam meine Mutter mit ihm nach Hause. Er war ein Kontrollfreak. So befahl er mir, ich müsse mein Velo in der Garage immer mit dem Lenker zum Garagentor parkieren. Einmal weigerte ich mich, da sagte meine Mutter zu mir: «Wenn er mich verlässt, bist du schuld.»

Gekommen, um zu bleiben

An meinem 41. Geburtstag habe ich den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen. Heute weiss ich, dass sie selber an einer Störung leidet, auch wenn sie sich das nie eingestehen würde.

Manchmal habe ich Angst, dass meine Töchter auch Panikattacken kriegen. Doch ich war immer offen zu ihnen und sie durften allen erzählen, dass ich Depressionen habe. Ich hoffe, dass sie meine Krankheit dadurch gut verarbeitet haben.

Seit einigen Monaten hat sich meine Depression ausgeschlichen. Aber mit den Panikattacken muss ich mich wahrscheinlich ein Leben lang arrangieren. Entweder lebe ich mit ihnen, oder sie leben mit mir.


* Name geändert

Die TagesWoche widmet sich dem Schwerpunktthema Angststörungen und Panikattacken. Wir sprachen auch mit Laura. Als ihre ersten Panikattacken kamen, dachte sie, sie sterbe an einem Herzinfarkt. Zu Lauras Bericht.

Woher kommt die Angst und was kann man gegen sie tun? Pamela Loosli weiss es. Sie leitet eine Gruppe zur Angstbewältigung am Universitätsspital Basel. Zum Interview

Konversation

  1. Liebe Leserinnen und Leser,
    herzlichen Dank für diese spannende Diskussion. Bei der Recherche habe ich mich mit beiden Ansätzen – dem behavioristischen und dem psychoanalytischen – auseinandergesetzt. Dabei habe ich mir sagen lassen, dass bei Angst der behavioristische den Betroffenen besser hilft, während bei anderen Krankheiten der psychoanalytische besser geeignet ist. Wenn es Sie interessiert, kann ich die Psychologin nach den entsprechenden Studien fragen.

    Die Frage, wann starke Gefühle „Krankheit“ bedeuten und wann nicht, finde ich sehr spannend. Könnte es aber nicht sein, dass wir krank werden, gerade weil wir Gefühle und Schwäche verdrängen müssen? Viele Stelleninserate verlangen ja „belastbare“ Mitarbeitende. Und da soll man sich dann trauen, zuzugeben, dass man überlastet ist, gestresst, überfordert, Angst hat. Ergo überlastet man sich weiter und weiter, bis man dann halt wirklich krank ist.

    Jemandem, der solche Angst hat, dass sie sich nicht mehr aus dem Haus traut, zu sagen, sie sei gar nicht krank, finde ich dann aber auch nicht unbedingt einfühlsam.

    Freundliche Grüsse
    Andrea Fopp

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  2. Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist und Psyche.
    Alles das hängt voneinander ab.
    Das hat die anthroposophische Medizin gemerkt. Dort wird weder Leib noch Psyche, noch Seele, noch der Geist des Menschen isoliert betrachtet.
    Das Wort „erweitert“ bei der anthroposophisch erweiterten Medizin bedeutet, dass man nicht nur den Leib behandelt und alles auf den Leib reduziert (wie z.B. bei der Psychiatrie), sondern, dass zu einer wirklichen Heilung alles wieder in Einklang gebracht werden muss – Leib, Seele, Geist, Psyche.
    Leider ist die anthroposophische Medizin z.T. eingeknickt und man hört, dass die Erweiterung folgendes bedeutet: Dass man die anthroposophische Medizin als Erweiterung und Ergänzung zur normalen Medizin sieht.
    Schade, wenn sie sich selber demontiert.

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  3. @Maya E: Excüsi Frau E, auch die Anthroposophen würden sagen, dass Psyche und Seele synonym sind.. Es ging also um ein Dreierteam: Körper, Seele und Geist.

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  4. @s chröttli: Danke für die Ehre, dass Sie als fast ältester Geselle der Community mir anschreiben. Die Antwort ist aber nicht einfach. Auch psychoanalytische oder gar systemische KollegInnen sind mit dem ärztlichen Krankheitskonzept „verheiratet“. Und dann kommen Sie noch mit der Komorbidität, auch ein Begriff der Medizin. Ich plädiere dafür für eine Entmedizinierung psychischer Probleme, d.h. dass das ganze medizinische Vokabular verschwindet, es ist ja ab dem zweiten Weltkrieg bis heute nicht gelungen, medizinische Erklärungen für Verstimmungen, Zwänge, Ängste, Stimmen zu finden, schlicht weil die menschliche Seele nicht ein noch nicht gefundenes Organ ist, das erkranken könnte, sondern mit unserem Selbst verknüpft ist, das auf eine andere höhere Stufe zu finden ist, zu vergleichen mit der Software, die auch nicht mit Hardware-Gerät geflickt werden kann. Ja, ich sage damit, dass der Beruf des Psychiaters untergehen wird. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.

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  5. Warum werden normale Gefühle wie Angst oder Traurigkeit zu Krankheiten verdonnert? Ehrlicher wäre, es ein Problem zu nennen. „Krankheiten“ muss man heilen, meistens mit Medikamenten, womit Unmengen an Geld verdient wird. Es werden ganze Konstrukte entwickelt, die den „Patienten“ in vielen Sitzungen erklärt werden müssen, um diese für „Behandlungen“ zu motivieren, welche aber nur Pseudobehandlungen sind, denn es liegt ja gar keine Krankheit vor. Und die sogenannten „Medikamente“ sind lediglich Drogen, die oft abhängig machen oder die Leute in Selbstmord stürzen. Denn diese Mittel beeinträchtigen viele zentrale Funktionen, die der Selbstheilung dienen könnten.

    Es ist verrückt, wieviele Leute zu mir kommen, um aus den Klauen des Systems, das Psychiatrie heißt, wegzukommen.

    Und das soll Forschung an der Universität heißen. Psychiatrie = Seelenheilkunde: Was ist denn Seele, wo ist diese Psyche? Man weiß es nicht. Dafür gibt man als Medikamente gegen seelische Störungen Mittel, die das Gehirn beeinflussen, wovon die „Psychiater“ aber keine Ahnung haben. Sie sind nicht einmal Neurologen, die eigentlich fürs Gehirn zuständig wären..

    Logischerweise kann ich diese Gedanken im Rahmen eines Leserbriefs nicht so verständlich machen, wie ich es möchte. Ich musste es aber loswerden, nachdem ich diesen Unsinn über psychische Krankheiten gelesen habe.

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    1. @westdijk

      da flog einer mal über ein kuckucksnest 😉
      bei aller unterstützung der tawo, die thematik «angst&panik» anzugehen, kann ich sehr wohl nachvollziehen, dass Sie dieser behavioristische ansatz (konfrontieren, verhalten eintrainieren/konditionieren & medikamentieren) nicht wirklich befriedigen kann. wie wär’s, wenn Sie den tiefenpsychologisch-analytisch-systemischen ansatz effektiv erläutern würden? unmittelbar gefragt als psychiater?
      mich würde zumindest erleichtern, wenn der komplex der «komorbidität» – grauenhafter begriff – auch zur sprache käme: ämmel sicher weniger symptom und mehr syndrom (herz-angst-syndrom etc&pipapo)

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  6. Warum kommt man bei diesem Thema bei den Verlinkungen immer zu newscoop. Das führt ins Leere. Bitte berichtigen. Danke

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