Wenn selbst Fremde willkommen sind

Die Mieter am Burgweg kämpfen mit allen Mitteln gegen die Kündigungen ihrer Wohnungen. Ihr Widerstand geht so weit, dass sie selbst Fremden intime Einblicke gewähren. Alles im Kampf gegen die Behauptung, die Häuser seien «unzumutbar» und «verwohnt». Ein Rundgang – in Bild und Ton.

(Bild: Patrik Tschudin)

Die Mieter am Burgweg kämpfen mit allen Mitteln gegen die Kündigungen ihrer Wohnungen. Ihr Widerstand geht so weit, dass sie selbst Fremden intime Einblicke gewähren. Alles im Kampf gegen die Behauptung, die Häuser seien «unzumutbar» und «verwohnt». Ein Rundgang – in Bild und Ton.

Wer Fremde durch seine Wohnung führt, der hat meistens einen guten Grund. Wer den Mitgliedern eines ganzen Verbandes seine Türen öffnet, ist vermutlich der Verzweiflung nahe. Viel anderes bleibt den Mietern am Burgweg 4 bis 14 aber auch nicht übrig: Die Basellandschaftliche Pensionskasse hat den über 70 Mieterinnen und Mietern gekündigt. Ihre letzte Hoffnung ist der Mieterverband Basel – und dem öffneten sie nun die Türen.

Vor seiner Generalversammlung organisierte der Mieterverband für die Mitglieder einen Rundgang durch die Häuser. Rund fünfzig Männer und Frauen nutzten das Angebot, sich selber ein Bild davon zu machen, wie es tatsächlich um die Häuser steht, von denen die Hauseigentümerin behauptet, sie seien «unzumutbar» und «verwohnt». Eine gute Stunde lang öffneten deren Bewohnerinnen und Bewohner den Gästen sieben Wohnungen. Beat Leuthardt, Co-Geschäftsführer des MV, wies den willkommenen «Eindringlingen» den Weg durch die Häuser am Burgweg.

«So kann man mit den Leuten nicht umspringen»

«Das ist ein Bijou», flüsterte ihm eine ältere Dame spontan und gerührt zu, als sie mit ihrer Besuchergruppe eine der Wohnungen betrat. Es sind alles eher kleine Appartements, einfach und unspektakulär, aber praktisch in der Ausstattung, und mit viel Liebe und Phantasie gestaltet und möbliert. Wie die meisten anderen Wohnungen hat auch diese der Bewohner selber sanft renoviert. «Das gefällt mir, wie sie eingerichtet ist», wiederholte sich die Besucherin. Leuthardt nahm es wohl erfreut zur Kenntnis. Er hatte kurz zuvor seinen Mitgliedern die schwierige Lage der Menschen am Burgweg in eindringlichen Worten geschildert. Und sie gebeten, ihre Beobachtungen mit Freunden und Bekannten zu teilen, um so mitzuhelfen, dass allen in der Stadt klar wird, «dass man so mit den Leuten nicht umspringen kann», wie er es ausdrückte.

Das akustische Protokoll des Rundgangs durch einige der Wohnungen und Ateliers:

«Jedes hat einen ganz eigenen, speziellen Charme!», resümierte eine andere Besucherin ihre Eindrücke, nachdem sie sich mehrere Ateliers und Appartements angesehen hatte. «Hier gibt es doch gar keinen Grund, alles rauszureissen!». «Ich verstehe nicht, warum man das kaputt machen will!», empörte sich eine Bewohnerin im Gespräch mit ihren Gästen, «warum sanieren sie nicht einfach nur das, was vielleicht gemacht sein muss, wie die sanitären Anlagen und die Fassade?» Dann wär die Frau auch mit einer – mässigen – Mietzinserhöhung einverstanden für ihre 42 Quadratmeter grosse 2-Zimmer-Wohnung, erklärte sie. «Aber sie wollen uns gar nicht hier drin behalten», sagte sie verzweifelt. «Gleich nebenan, auf dem Areal des Kinderspitals, entstehen viele neue, teure Wohnungen. Das reicht doch», unterstützte sie eine Besucherin. Die Umstehenden nickten zustimmend.

«Im Haus Nummer 14 lebt ein 90-jähriges Ehepaar im dritten Stock. Sie wohnen beide seit 1950 hier am Burgweg.»

«Ich hoffe immer noch, dass die Pensionskasse einlenkt», meinte eine Burgweg-Bewohnerin. Die Häuser zu verkaufen könne ja auch eine Option sein für die Eigentümerin, argumentierte sie. Und wusste auch, «es gibt ein paar potente, ernsthafte Kaufinteressenten!» «Will die Kasse nicht?», fragte MV-Präsidentin Katrin Bichsel zurück. «Nein, bis jetzt leider nicht», antwortete die Bewohnerin.

«Im Haus Nummer 14 lebt ein 90-jähriges Ehepaar im dritten Stock. Sie wohnen beide seit 1950 hier am Burgweg. Sie brauchen keinen Lift, sagen die zwei selber», berichtete sie. «Und die beiden sind bestens in unsere Gemeinschaft integriert. Überhaupt gilt: Man kennt sich hier, man interessiert sich für einander. Diese Strasse ist ein Beispiel für gelungene Integration mit Fremdsprachigen, Ausländern, Alt und Jung, arbeiten und wohnen», erklärte sie, fast trotzig. «Gibt es keine Probleme, wie man aus anderen Quartieren so hört?», fragte eine Besucherin ungläubig. «Nein, eigentlich nicht. Ab und zu müssen wir diskutieren mit den Leuten von Sudhaus wegen des Lärms, das schon. Aber da haben beide Seiten, sie und wir, inzwischen gelernt uns zu arrangieren.»

«Wer will im Sommer mit geschlossenen Fenstern schlafen?»

Der Bewohner einer 54 Qudaratmeter grossen 3-Zimmer-Wohnung ergänzte, «alle schlafen hier auf der Rückseite, gegen den Hof, mindestens während grösseren und lauteren Veranstaltungen im Werkraum Warteck.» Die Umbaupläne der Pensionskasse sähen aber vor, die Schlafzimmer aller Wohnungen nach vorne zu verlegen, gegen die Strasse. «Die Dreifach-Verglasung, die sie vorschlagen, bringt überhaupt nichts, denn wer will im Sommer mit geschlossenen Fenstern schlafen?», fragte er rhetorisch. Und der Bass dringe trotzdem durch die Fassade, berichtete er aus langjähriger Erfahrung. Er wohnt seit rund zehn Jahren am Burgweg. «Das war eine rein technokratische Planung, ohne Rücksicht auf die lokalen Verhältnisse und ohne einzugehen auf die Bausubstanz!»

«Niemand will in die neuen Wohnungen.»

«Den einzigen Vorschlag, den die Hausverwaltung uns macht, ist, dass wir nach der Renovation wieder reinkönnten. In die neuen, umgebauten, viel teureren Wohnungen, die aber überhaupt niemand so will!», ärgerte sich eine der Bewohnerinnen über die Haltung der Eigentümerin und deren Vertretung. Gegenüber den aktuellen, im Quervergleich günstigen Mieten, steigen die Preise der Wohnungen nach dem radikalen Umbau, der auch den Grundriss massiv verändern will, um voraussichtlich über 100 Prozent. Die Jahresgesamtmiete der Häuser betrug bisher 260’000 Franken und soll gemäss Baueingabe neu 690’000 Franken betragen.

Stilles Kopfschütteln

«Die Vertreter der Pensionskasse waren wechselweise mal nett, dann wieder wütend, wenn sie merkten, dass sie mit dem, was sie für ‹Schmus› hielten, nicht durchkamen», erklärte Beat Leuthardt der Besuchergruppe im Atelier einer Schneidern. Diese hatte gerade erzählt, dass ihr Geschäft wegen der Kündigung kurz vor dem Aus stehe und sie sich ernsthaft überlege, umzusatteln. Leuthart führt für die 34 Parteien, die von der Eigentümerin auf die Strasse gestellt wurden, die Verhandlungen. Derzeit seien die Diskussionen in einer Sackgasse, erklärte er. «Sie haben für Härtefälle angeboten, mit der neuen Miete ein kleines bisschen runterzugehen». Aber ein bisschen weniger als viel zu viel sei immer noch zu viel.

«Das geht doch nicht!», «eine Schweinerei!», «gut, dass ihr euch wehrt!», «sehr schade!» und ein stilles Kopfschütteln waren die häufigsten Kommentare der Gäste vom Mieterverband am Burgweg. Nach ihrem Augenschein vor Ort nahmen sie an ihrer anschliessenden Generalversammlung, vis-à-vis im Sudhaus, mit grossem Mehr die vom Vorstand vorbereitete Resolution an (auf der Rückseite des Artikels). Diese ruft dazu auf, «den Miet-, Wohn- und Abbruchschutz zu respektieren und zu stärken». Im Hinblick auf die Abstimmungen im kommenden Herbst über die beiden Initiativen des MV fordert sie, «dem regierungsrätlichen Versuch, die Mieterrechte per ‹Gegenvorschlag› auszuhebeln, eine Abfuhr zu erteilen». Von der Basellandschaftlichen Pensionskasse verlangt sie, «die unsozialen Massenkündigungen am Burgweg zurückzunehmen».

Konversation

  1. Habe mit einigem Erstaunen gelesen, dass die Häuser am Burgweg dem Baggerzahn vorgeworfen werden sollen. Warum? Sollen nur Begüterte das Privileg haben dürfen, auf den Rhein zu schauen? Ist der Denkmalschutz involviert? Die Häuser/Wohnungen haben einen ausserordentlichen Grundriss. Ich verstehe, dass keine Freilichtmuseen finanziert werden können, dennoch bin ich der Meinung, dass bezahlbarer und ästhetischer Wohnraum auch an privilegierter Lage möglich sein muss. Einige würden ihr Leben dafür geben. Das ist keine Frage der vollen Taschen, sondern eine ureigene Entscheidung.

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  2. Ich selbst hatte zwei mal das Glück die Heizkostenverteiler sämtlicher Wohnungen und Mansarden dieser Liegenschaft abzulesen.
    Die Leute kennen sich dort, man hat sich gegenseitig die Schlüssel hinterlegt, wurde stehts freundlich begrüsst und geholfen.
    Die Wohnungen wunderschön, lieblich wenn doch eher schlicht. Altbau halt.
    Hätte ich die Möglichkeit gehabt, ich wäre sofort eingezogen!
    Ich habe diesen Teil der Strasse als speziell freundlich und familiär wahrgenommen und immer noch sehr gut in Erinnerung.
    Fast schon ein bisschen magisch, dieser Ort.

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  3. Wenn die Hypozinsen wieder steigen werden, sehe ich ein grosses Problem auf viele Menschen zukommen.
    Auch ich muss raus, wenn es soweit ist. Es hat kaum mehr günstige Wohnungen. Schon bald sind alle billigen alten Wohnungen wegsaniert oder abgerissen.
    Auch wenn heute Wohngenossenschaften Wohnungen bauen, werden die trotz günstigen Mietzinsen für immer mehr Menschen trotzdem zu teuer sein.

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