Wieso braucht es auch im Baselbiet eine lokale Kunstförderung?

Wohin fliesst lokale Kunstförderung? Wieso ist sie so wichtig? Und was passiert, wenn es sie nicht mehr gibt? Drei Künstler nehmen Stellung zur geplanten Kürzung des Kunstkredits BL.

Fertig Kunstförderung: Baselland will ernst machen.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Wohin fliesst lokale Kunstförderung? Wieso ist sie so wichtig? Und was passiert, wenn es sie nicht mehr gibt? Drei Basler Künstler nehmen Stellung zur geplanten Kürzung des Kunstkredits BL.

Der Kulturvertrag BS/BL scheint vorerst dank Finanzspritze von Basel-Stadt gerettet (vorausgesetzt das kürzlich angekündigte Referendum der SVP Baselland bringt nicht wieder alles zu Fall) – gelöst sind die finanziellen Probleme des Kantons Baselland aber noch lange nicht. 390’000 Franken will die Baselbieter Regierung im Budget 2016 bei der Kultur einsparen. Bis 2017 will der Kanton die jährlichen Kulturausgaben um insgesamt 785’000 Franken kürzen. 

Besonders hart trifft es den Kunstkredit BL, der für die Förderung und den Ankauf regionaler Kunst zuständig ist: Er soll von 190’000 auf 50’000 Franken zusammengekürzt werden. Im Jahr darauf steigt er wieder auf 100’000 Franken.

Gegen die Kürzungen will SP-Landrat Jürg Degen diesen Mittwoch ein Postulat einreichen, das verlangt, dass die eingesparten 390’000 Franken zurückgezahlt werden. Hinter diesem Postulat stehen auch die Kunstschaffenden, die sich im November mit einer Resolution aus der Feder von Künstlerin Irene Maag (hier gehts zu ihrer Stellungnahme in der TagesWoche) zu Wort meldeten.

Die Fachkommission Kunst Basel-Landschaft beschloss daraufhin, einen Änderungsvorschlag zum Postulat einzureichen, in dem sie Regierung und Landrat auffordern, den Kunstkredit nächstes Jahr um 100’000 Franken auf 150’000 Franken zu erhöhen. Im Vergleich zu den bisherigen 190’000 Franken ein angemessener, realistischer Beitrag, wie es in der Medienmitteilung heisst (siehe Rückseite dieses Artikels). Am Mittwoch findet dazu eine Demo «für den Erhalt der Kunst- und Kulturförderung» vor dem Regierungsgebäude in Liestal statt

Soweit die Zahlen.

Was aber sagen die direkt Betroffenen dazu? Was meinen Künstler zur Kürzung von Staatsgeldern? Wohin fliesst die Kulturförderung konkret? Und was passiert, wenn die Unterstützungsgelder wegfallen?

Wir haben uns bei zwei Basler Künstlern und einem Kollektiv umgehört – ihre Statements:

 

Florian Graf: «Selbst die grossen Stars sind angewiesen auf einen regionalen Nährboden»


Ich kenne keinen einzigen Menschen, der Lust hat auf ein Leben ohne Musik, Film, Literatur, Kunst oder Theater. Eine Streichung der Kulturförderung bedeutet auf längere Sicht das Ende all dessen, nicht nur auf lokaler Ebene. Denn die Kunst oder die Kultur generell waren in allen Epochen stets gefördert oder von einer breiten Öffentlichkeit getragen. Selbst für jene, die sich nur an grossen Stars orientieren – auch die sind angewiesen auf eine breite Öffentlichkeit, die Kultur fördert und sich mit Kunst auseinandersetzt und waren am Anfang auf Unterstützung angewiesen, um ihre Visionen zu realisieren. Eine aktive Kunstlandschaft hat eine ganz wichtige Funktion in der Gesellschaft, sie fördert differenziertes Denken, ist ein Impfstoff gegen Radikalisierungen, ein Ort der Innovation und eine Bastion der Lust und Schönheit. 

Wenn Unterstützung wegfällt, gibt es keinen aktiven Nährboden mehr, man streicht damit das aktive Leben und Schaffen, die Anerkennung von lebendiger Kunst in der Gesellschaft. Und bleibt mit Museumskästen zurück, die gestrige Kunst bunkern. Es gäbe keine junge Kunstszene mehr, zumindest nicht ausserhalb einer Gesellschaftsschicht, die sich das leisten kann. Ich kenne keinen jungen Künstler, der von seiner Kunst alleine leben kann. Dabei ist Geld nur das eine: Förderungsgelder sind ebenso ein Motivator, sie zeigen, dass sich eine Öffentlichkeit für deine Kunst interessiert, sich zu dir und deinem Beruf bekennt. Zu diskutieren wäre in erster Linie, wie man fördert, und ob da Giesskannen die richtigen Werkzeuge sind, ist natürlich fraglich. 

 

Les Reines Prochaines (Sus Zwick, Muda Mathis, Fränzi Madörin): «Eine Streichung gefährdet den Erhalt einer starken, im Geist und im Herzen wachen Gesellschaft»

Ohne Förderung gäbe es keine Jungen mehr, keine Experimente, keine Sachen, die neu und schräg sind, und die nicht einfach so slim-locker durchgehen. Der ganze Innovationsteil dieses Kulturspiels, zu dem noch die Schule, Museen und der Galerienbetrieb gehören, würde also zu einem schlimmen Teil wegfallen. Eine Streichung von Förderungsgeldern gefährdet den Erhalt einer starken, im Geist und im Herzen wachen Gesellschaft. Förderung bringt Kontinuität, sie bringt Neueinstiege von Jungen, aber auch Möglichkeiten zur Profession für ältere Künstler, die damit ihr Leben lang tätig sein können, auch wenn sie gerade eben nicht mehr jung und angesagt sind. Mit Fördergeldern produzieren wir unsere Arbeit, wir engagieren Schauspieler, zahlen Handwerker, Leute, die etwas Spezifisches können und uns behilflich sind. Dabei deckt das längst nicht alle unsere Lebenskosten. 99 Prozent der Menschen im bildenden Kunstsektor üben einen Beruf neben der Kunst aus, mit dem sie ihr Geld verdienen. Und machen zu einem Teil daneben Kunst. 


Martin Chramosta: «Ohne Förderung gäbe es keine Professionalität»

Förderung von lokalen Künstlern ist immer auch Standortmarketing. Es macht einen Teil von Basels Attraktivität aus, dass beide Kantone Kunst fördern und damit im kantonalen Wettbewerb mit kulturellen Angeboten trumpfen können. Eine Streichung hat also nicht nur für Künstler Nachteile, sondern auch für den betroffenen Kanton. Es braucht Förderung, um in einem vernünftigen Mass Kunst machen zu können. Ohne Unterstützungsbeiträge wäre Professionalität kaum möglich. Man kann auch sagen, der Markt solle das regeln, um nur die wirtschaftlich Erfolgreichsten als Künstler überleben zu lassen. Aber das macht keinen Sinn. Ohne lokale Kunstförderung gäbe es weniger Künstler und weniger Ausbildungsplätze. Basel würde für Kulturschaffende an Attraktivität verlieren. Die würden dann einfach woanders hin. Oder eine andere Ausbildung machen. Was Gscheits. 

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Am Mittwoch, 16. Dezember, um 15.15 Uhr, findet eine Demonstration «für den Erhalt der Kunst- und Kulturförderung» vor dem Regierungsgebäude in Liestal statt. 

Konversation

  1. liebe fdp-ler und sonstigen bürgerlichen kulturvernichter,
    der bl mensch lebt auch vom brot allein?

    kein grosses kunststück: der halbkanton hat nur eindeutig seinen kredit verspielt!

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  2. Der Kanton Basel Stadt hat ein derart hochstehendes Kulturangebot, dass der Kanton Basel-Landschaft aus Gründen der Diversifizierung nicht auch noch Kunst fördern soll. Besser fördert BL ergänzend zum starken Kultur- und Wirtschaftszentrum auf seinem Gebiet, Parkplätze, Kuhweiden und vielleicht einen Veranstaltungsort für grosse Volksanlässe (Turnfest, Schlagerparade oder ähnliches). Sonst gibt es plötzlich überall zu viel Kultur und das ländliche Leben wird ins Abseits (Alpen, Innerschweiz oder Ostschweiz) abgedrängt.

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  3. Eine Baselbieter Politik, welche den schlanken Staat proklamiert und seit geraumer Zeit stark regressive Tendenzen aufweist, braucht keine zeitgenössische Kultur & Kunst. Schon gar keine Kunstförderung. Man begnügt sich hierzulande mit Volksmusikstars wie Beatrice Egli («Sag mir, wo wohnen die Engel», «Wenn der Himmel es so will», «Pure Lebensfreude», usw.). Da sind Plattformen wie «Deutschland sucht den Superstar» oder «Grand Prix der Volksmusik» absolute kulturelle Highlights. Was braucht man mehr? «Bauer sucht Frau», die allseits beliebt Doku-Soap auf RTL, genießt Kultstatus und ersetzt den Theater- & Konzertbesuch locker. Die Schweizer Illustrierte ist das Leitmedium schlechthin und zeigt, was der Schweizerin und dem Schweizer gefällt. «Glanz & Gloria», das einschlägige TV- Boulevardmagazin, ist Fix- und Orientierungspunkt zugleich.

    Daher ist wenig einsichtig, wieso es zeitgenössische Kultur braucht. Das sieht mittlerweile auch die FDP im Kanton Baselland so. Kürzlich wollten ein paar FDP-Jungspunde dem Kanton ein weiteres Sparpaket auf’s Auge drücken. Das wäre natürlich ein willkommener Anlass gewesen bei der Kultur nochmals tüchtig abzuspecken. Das fleischlose Skelett stellen wir dann in eine Museumsvitrine, um der Nachwelt quasi einen kulturellen Restposten vorzuführen.

    Wir haben uns getäuscht!

    Die FDP ist keine fortschrittliche und kulturaffine Partei und die liberalen Kräfte sind im Kanton Baselland gänzlich ausgestorben. Der Bildungsbürger ist Vergangenheit und hat sich verdünnisiert. Dieser Kanton kommt auch ohne Kultur klar. Das bezeugt auch die Bildungsdirektorin, welche sich fürwahr nicht als Fürsprecherin der Kultur hervorgetan hat. Die Kürzung des Kunstkredits und sukzessive Ausdünnung der Kulturlandschaft ist eine klare Strategie der bürgerlichen Parteien. «Nice to have», wie die PolitikerInnen immer wieder betonen.

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    1. Natürlich gibt es im Baselbiet „Kunst“: Steht in mancher Stube und lässt sich mit Holz beheizen. Man sagt dem auch Kachelofen.
      Genügt das nicht?

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    2. Bereits die UreinwohnerInnen haben mit Felszeichnungen ihren kulturellen Intentionen Ausdruck verliehen. Bei den Felszeichnungen geht man zudem davon aus, dass sie in Zusammenhang mit rituellen Trance-Reisen, mythischer Performances und Tänzen entstanden sind. Damit haben diese wilden Gesellen und Gesellinnen mehr Kultur auf dem Kasten als dies offensichtlich derzeit im BL angesagt ist.

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    3. @Cesna – ihr Beitrag hier ist immer noch der letzte hervorgehobene.
      Warum ziehne sie die Baselbieter ins Lächerliche indem sie die Chouscht verunglimpfen.
      Die Kachelöfen sind Kunsthandwerk. Früher hatte es in praktisch jedem Gegenstand Künstlerisches hineingearbeitet.
      Heute wird,s mit Maschinen hergestellt, da muss es möglichst grade Flächen haben.
      Kunsthandwerk gibt es nicht mehr. Kunst ist heute losgelöst von praktischen Gegenständen und dient einzig der Erbauung. Das was wir im Alltag brauchen wird designt und macht die Gegenstände oft unpraktisch und kuzlebig.

      Haben Sie jemals in einer Wohnung oder in einem Haus gelebt mit ausschliesslich Kachelofen und anderen Holzheizungen und das Essen vom Holzherd? Der Unterschied in der Qualität ist frappant.

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  4. Vielen Dank für die (knackingen) Schützenhilfe(n)!

    Man könnte auch noch anführen, dass in Untersuchungen festgestellt wurde, was eine Stadt attraktiv macht. Da gehört ein breites kulturelles Angebot dazu. Teilnehmer der Untersuchung: Mitarbeiter der ‚Live Science‘-Unternehmen, welche eben attraktive sein möchten um die besten Mitarbeiter zu haben. Aber auch das lokale Gewerbe hat etwas von der Kulturförderung: Jeder Franken der Förderung generiert drei weitere, die meist in der gleichen Region ausgegeben werden. Wo ist das auch so?

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