Wildpinkler und Pfyfflibisser am Gryffemähli

Das diesjährige Gryffemähli war das letzte unter dem Vorsitz von Walter F. Studer, Meister der E.E. Gesellschaft zum Greifen. Zu spotten gaben ihm die altbekannten Probleme des Kleinbasels: unintegrierte Ausländer, Dealer und Drögeler, Wildpinkler und Abfallsünder. Der Vorsitzende Meister schloss aber mit der versöhnlichen Erkenntnis, dass es den Kleinbaslern verglichen mit dem Rest der Welt noch gut gehe.

Ganz links Andreas Thiel, ganz rechts der Vogel Gryff. (Bild: Dani Winter)

Das diesjährige Gryffemähli war das letzte unter dem Vorsitz von Walter F. Studer, Meister der E.E. Gesellschaft zum Greifen. Zu spotten gaben ihm die altbekannten Probleme des Kleinbasels: unintegrierte Ausländer, Dealer und Drögeler, Wildpinkler und Abfallsünder. Der Vorsitzende Meister schloss aber mit der versöhnlichen Erkenntnis, dass es den Kleinbaslern verglichen mit dem Rest der Welt noch gut gehe.

Schon nach der Zusage, den jüngsten Spross in Basels Blätterwald am Gryffemähli zu vertreten, beschlich mich das Lampenfieber. Schliesslich ist man als Zugewanderter immer auf dünnem Eis, wenn die Basler ihr Brauchtum pflegen. Andererseits hielt der damalige Vorsitzende Meister Niggi Schoellkopf anno 1996 eine bis heute unvergessene Brandrede gegen das Ausländertum. Die vage Aussicht auf einen ähnlichen Skandal, gepaart mit dem Privileg, überhaupt einmal an einem Gryffemähli teilhaben zu dürfen, was ja längst nicht jedem vergönnt ist, reichten aus, mich zu überzeugen. Zumal ich nicht zu jenen gehöre, die eine warme Mahlzeit ausschlagen.

Man solle sich doch «der Würde des Anlasses entsprechend festlich kleiden», hiess es in der Einladung. Als mich die Dame an der Garderobe fragt, ob ich zum Gryffemähli gehe oder zur gleichzeitig stattfindenden Münzenmesse, bin ich schon leicht verunsichert. «Ich schaue auf die Abzeichen», sagt sie entschuldigend. Im Saal merke ich, dass ich nicht der Einzige ohne Abzeichen einer Kleinbasler Ehrengesellschaft am Revers bin – das ist am Pressetisch sogar normal. Dafür bin ich, neben der Kollegin vom Regionaljournal neben mir, der Einzige ohne Krawatte.

Viel Grau und ein pinkfarbener Iro

Eröffnet wird der Anlass, der nach dem Abriss des alten Messegebäudes erstmals im etwas arg nüchternen Saal San Francisco im Kongresscenter der Messe stattfindet, mit dem Spiel der Pfeifer und Tambouren der 3E-Clique. Sie begleiten den Einmarsch der Ehrengäste, der Vorgesetzten und den Altvorgesetzten der Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels. Neben der Frau neben mir sind rund 450 Männer im Saal, viele mit grauen, weissen oder gar keinen Haaren. Und einer mit einem pinkfarbenen Iro.

Bevor die Suppe aufgetragen wird, gibt es das Grusswort des Vorsitzenden Meisters Walter F. Studer. Der Meister der E.E. Gesellschaft zum Greifen hat den Vorsitz zum letzten Mal inne. Studer begrüsst und würdigt die Ehrengäste: den Schweizer UNO-Botschafter in New York, Paul Seger, den umtriebigen Präsidenten von Swiss Olympic, alt Regierungsrat Jürg Schild, Novartis-Schweiz-Chef Pascal Brenneisen, den Paralympics-Silber-Medaillen-Gewinner Tobias Fankhauser, den neuen Grenzwache-Chef Roger Zaugg, SRF-Wetterfrosch Felix Blumer und den Mann mit der Irokesenfrisur: den Satiriker Andreas Thiel.

«Freie Gedanken über das Kleinbasel»

Nach der Suppe (Petersilienwurzel mit Gemüseperlen) bringt der Chor der Drei E ein paar Stücke dar, darunter der immer wieder gern gehörte «Kriminal-Tango». Nachdem die Vorspeise (Wolfsbarsch auf Hummerschaum mit schwarzem Reis) abgetragen wurde, hebt der Vorsitzende Meister endlich zu seiner mit Spannung erwarteten Ansprache an.

«Freie Gedanken über das Kleinbasel» sind es, die er vorträgt, angefangen vom Messeneubau, der einer unbenutzten «Röstiraffel von Betty Bossi» gleiche, durch die Clarastrasse, die der Stadtentwickler von Morins Gnaden kurz vor der Flaniermeile sehe, dabei gebe es am «Boulevard de la Claire» ja bald nichts anderes mehr zu kaufen als «unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellten Plastikramsch».

Es gehört zur schönen Tradition dieses Anlasses, die rot-grüne Obrigkeit aufs Korn zu nehmen. Namentlich Regierungspräsident Guy Morin und sein Stadtentwickler Thomas Kessler («Durch diese hohle Gasse muss er kommen, wenn er ins Hirscheneck geht!») wie auch Baudirektor Hans-Peter Wessels («Wenn ein Roter grün sieht») kriegen ihr Fett weg.

Die Parkraumbewirtschaftung, das Überhandnehmen von überteuertem Wohnraum, der nur für gutverdienende Expats und allen voran Deutsche interessant ist, die Dealer und Drögeler – kein Wunder, dass Schweizer, die es sich leisten können, lieber aufs Land ziehen, «wo die Vögel noch pfeifen und nicht husten wie bei uns».

Litterer und Wildpinkler

Die «längste Grillmeile Europas» am Kleinbasler Ufer, an der es mitunter dufte wie weiland in Woodstock, weiss Studer als «mehrheitlich friedlichen Ort» zu würdigen, auch wenn die Strassenputzer des Morgens jeweils «zentnerweise Abfall» entsorgen müssten. Und auch die mehrheitlich von Ausländern betriebenen Lädeli im Kleinbasel schätzt Studer, ausser dass die Ausländer ihre Frauen recht lange arbeiten liessen, aber das kenne man ja aus den Ländern, wo sie herkommen, so man sie denn schon einmal bereist habe.

Was die Kleinbasler Befindlichkeit besonders stört, ist das Wildpinkeln. Deshalb wünscht sich Studer die Strassenpissioirs herbei und am Tattoo würden den Männern Pissbeutel abgegeben. Falls das auch nicht helfe, werde er seinen Hund zum «Pfyfflibisser» abrichten.

Ausgewogen und bedacht

Nein, eine Brandrede ist es nicht, die Studer da hält. Im Gegenteil, bei jeder schärferen Äusserung ist er immer auf ein versöhnliches Ende bedacht. An die Röstiraffel könne man sich ja eventuell gewöhnen, ausserdem wisse er durchaus zu unterscheiden zwischen «Abenteuerflüchtlingen» und «Asylanten, die unseren Schutz verdient haben». Studer schliesst mit der Erkenntnis, dass es angesichts des Elends auf der Welt (Armut, Hunger, Krieg und Klimawandel) dem Kleinbasler immer noch vergleichsweise gut gehe.

Die Bedachtheit des Vorsitzenden Meisters ist einerseits schön, das Glätten der Spitzen nimmt seiner Rede aber natürlich auch ein bisschen von ihrem potenziellen Unterhaltungswert. Diesen weiss der Vorsitzende Meister aber durchaus mit wohlplatzierten Pointen zu erzeugen. Es soll jedenfalls schon langweiligere Ansprachen gegeben haben. Nachdem Studers Ansprache mit stehenden Ovationen quittiert worden ist, steht «Allgemeiner Gesang» auf dem Programm. Intoniert wird die «Landeshymne» (Hermann Suter/C.A. Bernoulli) und später wird natürlich auch «s Lied vom Vogel Gryff» gesungen.

Auftritt der Drei Ehrenzeichen

Dann endlich kommen, begleitet vom Spiel der Vogel-Gryff-Tambouren, die Drei Ehrenzeichen in den Saal. Auf der Bühne, wo ich mich platziert habe, damit ich das Schauspiel besser beobachten kann, haut mich prompt einer an, ob ich das erste Mal hier sei. Ich bejahe, und er erklärt mir, dass die Ueli jene seien, die Geld sammelten. Ich verklemme mir die Frage, ob der mit dem Schnabel der Vogel Gryff sei, denn der Mann kann ja nicht wissen, dass ich zehn Jahre im Kleinbasel gewohnt und den schrägen Vogel und seine Gesellen mehr als einmal tanzen gesehen habe.

Der Vogel Gryff kommt bei seiner Verbeugung vor den Meistern mit seinem Schnabel der Tischplatte recht nahe, und nachdem auch der Leu und der Wild Maa für jeden der drei Meister getanzt haben, wobei sich der sein Dännli schwingende Wild Maa bei seiner Premiere keinerlei Blösse gab, marschieren die Drei mit ihren Tambouren wieder ab. Auch sie wollen essen. Allerdings keinen Fisch und auch keine Läberli, wie sie der gestandene Kleinbasler an seinem Feiertag zum Frühstück verzehrt, sondern Spaghetti. Die Kerle brauchen Kohlehydrate, um ihren anstrengenden Parcours durchzuhalten.

Moralischer Schild, bissiger Thiel

Den Altvorsitzenden, Vorsitzenden, Gesellschaftsbrüdern und uns von der Presse hingegen werden Medaillons vom Schweinefilet und Knöpfli und Karotten gereicht, bevor die Ehrengäste ihre Reden halten. UNO-Botschafter Seger gibt Diplomatenwitze zum Besten, Jögge Schild kritisiert in seiner Rede, die dem Santiglaus gut angestanden hätte, die «Nörgeligesellschaft» und das «Gartenhagdenken». Nach einem abermaligen Zwischenspiel der 3E-Clique, werden die Veteranen geehrt und die neuen Brüder aufgenommen. Fast jedem von ihnen gelingt es, die silberne Karaffe seiner Gesellschaft bis zum letzten Tropfen in einem Zug zu leeren.

Satiriker Thiel tritt erst nach dem Dessert (Gewürzorangen mit dunkler Schokoladenmousse) auf. Sein bissiger und oft ebenfalls auf «links oben» zielender Witz trifft haargenau ins Schwarze. Lautes Gelächter und anhaltender Applaus begleiten ihn bei seinem Abgang.

Kurz darauf beenden die Tambouren und Pfeifer der 3E-Clique das Gryffemähli und entlassen die Versammelten in den Abend der heute besonders lange dauern wird. Wie immer, wenn der Vogel Gryff auf einen Samstag fällt.

Konversation

  1. Die beste satirische Einlage bot der ehrenwerte Meister der E.E. Gesellschaft gleich selber (da konnte nicht mal Thiel mithalten), wenn auch eher ungewollt: In seiner von Seitenhieben und Besserwisser-Allüren nur so strotzenden Rede tat er unter anderem auch seinen Unmut über den frauenverachtenden Umgang gewisser Kleinbasler „Zuzüger“ (Stichwort Dönerstand) kund. Und natürlich nickte die schwarz gekleidete Altherrenschaft zustimmend und mit ernster Miene im Akkord ob dieser Frauenverachtung, während die einzigen im Saal zugelassenen Frauen weiterhin emsig Weisswein ausschenkten und Köstlichkeiten servierten. Ich habe mich auf alle Fälle köstlichst ab dieser wunderbaren Satire gefreut – auch wenn sie ungewollt und wohl nur von mir bemerkt war…

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  2. Während Betty das Gemüse raffelt, bereiten die Bosse ihre Leber auf den nächsten Höhepunkt vor: Drei Tage Lachen über die, die drei Tage lang die Bosse auslachen. Der Würde des Anlasses entsprechend.

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