«Wir haben nicht mehr gewusst»

Jürg Hofer, Leiter des Amts für Umwelt und Energie (AUE), begrüsst den Entscheid von Novartis, die Deponiesanierung in Huningue zu stoppen. Die Belastung von Luft und Boden durch giftigen Staub wäre zu gross geworden, sagt Hofer im Interview.

Findet sich in der Basler Luft: Spuren des krebserregenden Stoffes Hexachlorcyclohexan, besser bekannt als Lindan. (Bild: Hansjörg Walter)

Jürg Hofer, Leiter des Amts für Umwelt und Energie (AUE), begrüsst den Entscheid von Novartis, die Deponiesanierung in Huningue zu stoppen. Die Belastung von Luft und Boden durch giftigen Staub wäre zu gross geworden, sagt Hofer im Interview.

Wie kommentieren Sie den Entscheid von Novartis, den Aushub auf der stillgelegten Lindandeponie in Huningue (F) bis auf weiteres Ruhen zu lassen?

Wir sind erleichtert, denn wenn es noch ein halbes Jahr so weitergegangen wäre, hätten wir in Basel wohl an gewissen Stellen zu hohe HCH-Belastungen [chemische Bezeichnung für das Insektizid Lindan, die Red.] in den Böden gehabt; abgesehen von der andauernden Luftbelastung.

Die Luftbelastung wurde doch bis anhin als unbedenklich eingestuft?

Das, was bis jetzt in der Luft gemessen werden konnte, ist nicht gut, aber nach Ansicht unserer Fachleute auch nicht Anlass zu Besorgnis.

Wissen Sie überhaupt, ab wann die Luftbelastung gefährlich wird?

Nein, das weiss hier in Basel niemand wirklich – und es gibt keine Grenzwerte. Es gibt nur einen alten MAK-Wert für die maximale Konzentration an Arbeitsplätzen – aber auf den will sich niemand stützen (die gemessenen Werte liegen um Dimensionen unter diesem Wert). Man muss sich bewusst sein, dass Lindan in der Schweiz seit über 30 Jahren verboten ist. Es ist deshalb nicht so einfach, klare Informationen oder Experten über die Gefährdung zu finden.

War das AUE in den Entscheid involviert?

Wir haben am Montag Morgen Novartis und der französischen Behörde (DREAL) die provisorischen Ergebnisse der Luft-Niederschlagsmessungen mitgeteilt – mit der Bemerkung, dass die bisher getroffenen Massnahmen offensichtlich nicht ausreichen. Novartis hatte auch eigene Messungen durchgeführt – mit ähnlichen Ergebnissen. Das hat dann am Dienstag dazu geführt, dass Novartis von sich aus entschieden hat, die Arbeiten per sofort einzustellen.

Woher kommt nach den neusten Erkenntnissen der Staub?

Klar von der Sanierungs-Baustelle. Von wo genau wissen wir nicht; unsere Vermutungen haben wir bereits geäussert: Schiffsverlad und Haufen des gewaschenen Materials. Es ist anzunehmen, dass es mehrere Quellen gibt. Das soll jetzt näher untersucht werden – und auch die Massnahmen zur Eindämmung der Emissionen.

«Martin Forters Messungen waren nicht nötig.»

Weshalb haben Sie noch keine Resultate kommuniziert?

Wir haben die Resultate der Bodenanalysen bereits am 16. September kommuniziert. Die Resultate der Luftproben können nur als vorläufig und nicht gesichert betrachtet werden. Nicht validierte Ergebnisse sollte eine Behörde nicht veröffentlichen.

Seit wann haben Sie Zugang zu den Messdaten von Novartis? Decken sich diese mit Ihren Daten?

Wir sind am 10. September mit Novartis zusammen gesessen und haben uns dabei die Situation vor Ort angeschaut. Am 11. September waren wir in Mulhouse bei der DREAL. Seither gehen alle Informationen an alle Beteiligten und Novartis stimmt ihre Messprogramme auch auf uns ab. Die Daten sagen alle das Gleiche: Es gibt sowohl im Gross- als auch im Kleinbasel Staub- und Geruchsemissionen, die vom Sanierungsstandort stammen.

Warum haben Sie die Sanierung nicht von Anfang an mit Messungen begleitet?

Es gibt keine gesetzlichen Grundlagen, welche derartige Messungen vorschreiben. Das AUE und das Lufthygieneamt wussten von den Sanierungsarbeiten. Es gab aber keinen Anlass, irgendetwas zu messen. Vorsorgliche Messungen könnten prinzipiell überall und bei jeder Gelegenheit durchgeführt werden; sie würden allerdings in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zu nichts führen – und die Behörden müssten sich dann den Vorwurf gefallen lassen, unnötigen Aufwand zu treiben.

Haben Sie das Problem unterschätzt?

Nein, von einer Unterschätzung kann man nicht sprechen. Aber wir haben nicht mehr gewusst. Die Baustelle befindet sich im Ausland und wird von einer französischen Behörde überprüft – nicht von den baselstädtischen Behörden. Und zu dieser Behörde haben wir genau so Vertrauen, wie wir es auch umgekehrt erwarten. Wir sind aber sofort tätig geworden, als wir von möglichen Staubemissionen gehört haben (vorher gab es – in grösseren Abständen – nur zwei Geruchsmeldungen an das Lufthygieneamt).

Weshalb brauchte es erst die Arbeit von Martin Forter, damit das AUE tätig wurde?

Bei einer Baustelle im Ausland dürfen wir in erster Linie davon ausgehen, dass die zuständige Behörde sich darum kümmert – und die hat Novartis viele Auflagen gemacht. Dass trotzdem etwas passiert ist, ist nicht gut. Und wir sind sofort aktiv geworden, als wir davon erfahren haben. Obwohl wir formell keine Kompetenzen haben, haben wir uns bei der Firma und der Behörde für eine Verbesserung eingesetzt.

Was die Staubmessungen in der Luft betrifft, wusste Herr Forter seit dem 16. September, dass wir eigene Messungen durchführen – und wir haben ihm und auch öffentlich gesagt, dass wir die (definitiven, validierten) Resultate publizieren werden. Seine Luftmessungen waren aus unserer Sicht deshalb nicht nötig – und sie haben auch kein prinzipiell anderes Resultat erbracht als unsere Messungen. Und als Herr Forter seine Resultate publizierte, war der Entscheid auf Einstellung der Sanierungsarbeiten bereits gefallen.

Konversation

  1. Zufälligerweise nur wenige Stunden, nachdem Martin Forter seine Messresultate veröffentlicht hat, stellt Novartis den Aushub des HCH-belasteten Bodens im Steih-Areal ein. Der Leiter des Amts für Umwelt und Energie lässt sich mit den Worten „Wir haben nicht mehr gewusst“ zitieren, um im gleichen Interview zu sagen, dass Martin Forters Messungen nicht nötig gewesen seien.

    Die weiteren Sätze sollen glauben machen, dass es sich hier um ein komplexes Problem handle, das von den Behörden in zielgerichteter und verantwortungsvoller Weise angegangen worden sei. Was man anders sehen kann: Ein einzelner Mann, Martin Forter, verteilt 6 Metallkübelchen über die Stadt und kommt zu Messresultaten, die offensichtlich korrekt sind. Und alarmierend genug, dass Novartis im zweiten Anlauf vielleicht doch eine Sanierungsmethode wählt, welche die Bevölkerung nicht gefährdet.

    Stephan Wottreng
    Birsfelden

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  2. Seit 30 Jahren ist in der Schweiz die Verwendung von Lindan verboten – weil es zu giftig ist, als dass es in die Umwelt gelangen dürfte. Herr Hofer aber meint, es gebe halt keine Grenzwerte, drum wisse man nicht, ob das Gift denn überhaupt giftig sei.
    Das AUE steht fast in Sichtweite der Zelte, unter denen die Novartis die Lindan-Abfälle ausgraben lässt. Die Mitarbeitenden des Amtes sind monatelang durch den Gestank zur Arbeit gefahren.
    Trotzdem versucht Hofer, sich damit herauszureden, dass es „keine gesetzlichen Grundlagen (gebe), welche derartige Messungen vorschreiben.“ Das mag stimmen, ist aber nicht relevant, stünde es doch dem AUE gut an, nicht nur Dinge zu unternehmen, die von Gesetz vorgeschrieben werden, sondern auch solche, die einem der gesunde Menschenverstand einflüstert.

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