Wir werden alle in der rosa Hölle des kontrollierten Konsums schmoren

Bald wird jeder jeden per App für seine Leistung und sein Benehmen bewerten. Multinationale Konzerne regulieren das Chaos durch totale Überwachung. Und wir alle leben dann in einer Diktatur des Anstands.

Konstant überwacht und bewertet, gehen wir gern konform mit den Erwartungen von aussen.

(Bild: Nils Fisch)

Bald wird jeder jeden per App für seine Leistung und sein Benehmen bewerten. Multinationale Konzerne regulieren das Chaos durch totale Überwachung. Und wir alle leben dann in einer Diktatur des Anstands.

Als Gutmensch habe ich Angst vor der drohenden Nazi-Apokalypse. Gerade nach dem Brexit und den darauffolgenden Übergriffen gegen Migranten im baldigen Kleinbritannien sehe ich mich einmal mehr in meiner Sorge um Demokratie und Menschenrechte bestätigt. Dass die Welt auf den Abgrund zusteuert, ist mir klar. Die Frage ist nur, auf welchen.

Und dann überkam mich eines Nachts im Uber-Taxi die Horrorvision einer anderen Dystopie: der Diktatur des Anstands. Der Gedanke besprang mich beim Bewerten des überfreundlichen Fahrers. Fünf Sterne sind das neue Trinkgeld. Ich liebe Uber: freundlich, schnell und dem Kunden direkt verpflichtet. Beim Drücken des Bewertungs-Sternchens überkam es mich: Bald wird jeder jeden per App für seine Leistung und sein Benehmen bewerten!

Doch kommen wir kurz auf die Nationalisten vom Anfang zurück. Sie und ihre Wutbürger sind eklig und angsteinflössend, aber – und das macht sowohl sie als auch mich noch wütender – sie sind lediglich das Symptom eines Missstands. Der Missstand des entarteten Kapitalismus, der es den einen erlaubt, Milliarden zu scheffeln, während die Kinder der anderen den Hungertod sterben.

Der Kapitalismus hat nichts gegen Ungerechtigkeit, aber er hat so seine Allergien: Chaos und unkontrollierte Massen.

Diese jahrzehntelange Misswirtschaft, die the worst of Feudalherrschaft und Kolonialismus miteinander vereint, stürzt ganze Länder in den Ruin. Ruinierte Länder sind Nährboden für Fanatiker und Diktatoren. Schreckliche Kriege brechen aus. Die Menschen flüchten. Zu Tausenden, Millionen. Die westliche Welt sieht die Flüchtenden kommen, fürchtet um ihren Friede-Freude-Eierkuchen und wählt als Trotzreaktion ihrerseits selbst Demagogen mit Diktatoren-Ambitionen in die Parlamente. Die Hälfte der Bevölkerung jubelt, die andere ist empört. Es kommt zu landes- und europainternen Spannungen.

Jetzt kommt der Clou: Der Kapitalismus hat nichts gegen Ungerechtigkeit – wenn es sein muss geht er über Leichen –, aber er hat so seine Allergien: Chaos und unkontrollierte Massen. Die Masse soll sich möglichst frei fühlen, aber sie muss vor allem eines: konsumieren. Wütende Mobs von links oder rechts fördern kein konsumfreundliches Klima. Der Markt wird das nicht zulassen!

Deshalb, good news: Die Nazis werden nicht mehr so viel Macht erlangen wie im Dritten Reich. Bad news: Wir werden alle in der rosa Hölle des kontrollierten Konsums schmoren! Heisst: Die Gewinner des Turbokapitalismus werden dafür sorgen, dass sich ihre Klientel, also wir alle, nicht gegenseitig wegen der von ihnen verursachten Missstände auslöscht. Wie? Mit Kameras, Drohnen, Profilen, Fingerabdrücken, Strichcodes – mit totaler Kontrolle.

Bei Airbnb und Uber bemühen sich Anbieter wie Kunde um anständiges Benehmen, weil sie das Produkt optimal nutzen wollen.

Natürlich schwingt bei dieser These eine Menge Huxley und Orwell mit. Auch in dieser Nacht im Uber-Taxi sassen sie im Geiste neben mir, während ihre Dystopien vor meinem geistigen Auge Realität wurden. Dabei wird die Masse nicht wie bei Orwell durch permanenten Mangel, sondern im Gegenteil durch permanenten Überfluss gefügig gemacht. Und auch die Frage, wie sich eine gebildete Gesellschaft in die Krallen eines Kontroll-Molochs begibt und wie man die permanente Überwachung von Milliarden Menschen logistisch bewältigen will, kann ich beantworten: Indem man sie es selbst tun lässt.

Als um die Jahrtausendwende alle den «Big Brother Song» sangen und Zlatko den Triumphzug des Reality-TVs einläutete, fiel mir auf, dass es Menschen gib, die sich nichts sehnlicher zu wünschen scheinen, als permanent gefilmt zu werden. Seither wird dieser Wunsch kräftig gefördert. Heutige Stars sind die Perversion davon. Sie führen zwar ein Leben in Luxus und Schönheit, bloss findet das in der Gummizelle der permanenten medialen Überwachung und der Verpflichtung gegenüber dem Boulevard statt.

Mit Social Media und vor allem durch den Triumphzug der Sharing Economy wurde dieses Sich-freiwillig-der-totalen-Überwachung-Ausliefern auf ein neues Level gehievt. Denn nun kamen die Likes, die Herzen und die Sternchen ins Spiel.

Klammern wir mal die allgemeine Vermarktung und Bewertung des Individuums auf Social Media aus und konzentrieren wir uns auf Plattformen wie Airbnb oder Uber. Auf diesen Plattformen hat man ein Profil und wird permanent bewertet, während man selbst andere bewertet, wie wir uns das von Facebook und Co. schon gewohnt sind. Sowohl Anbieter wie auch Kunde bemühen sich um anständiges Benehmen, weil sie das Produkt weiterhin möglichst optimal nutzen wollen.

Wir werden im Luxus leben – zum Preis der permanenten Beobachtung und unter dem Zwang vorgegebener Vorstellungen von Anstand und Moral.

Wenn man das nun etwas pessimistisch weiterdenkt, wird eine Welt denkbar, die zwar technisch hochentwickelt ist, in der die Freiheit des Individuums aber drastisch sinkt. Denn diese Profile könnten in allen Bereichen nützlich sein, und so wie wir blind alle gelockerten Datenschutzbestimmungen annehmen, würde es mich nicht wundern, wenn wir bald ein universales Profil, einen Avatar haben, der permanent bewertet wird.

Das wiederum kann dazu führen, dass man seinen Job nur behalten kann, wenn man sich körperlich genug fit hält. Dass man den ÖV nur nutzen darf, wenn man noch nie schwarzgefahren ist. Und ich höre schon, wie mich eine App daran erinnert, dass ich mich nicht mehr in dem für Fussgänger vorgesehenen Bereich befinde und wieder auf den Gehsteig zurückgehen soll, wenn ich nicht Gefahr laufen will, Sternchen zu verlieren.

Die Horrorvision ist also folgende: Die Welt gerät aus den Fugen. Es droht Chaos; multinationale Konzerne regulieren das Chaos durch totale Überwachung und durch die Bewertung jeder einzelnen Privatperson mit allen neuen zur Verfügung stehenden Mitteln. Wir werden alle sein wie die Stars: Leben im Luxus, aber zum Preis der permanenten Beobachtung und unter dem Zwang vorgegebener (im schlimmsten Fall amerikanischer) Vorstellungen von Anstand und Moral.

Wir werden uns freiwillig in diese schöne neue Welt begeben. Zum einen, weil wir selbst Angst vor dem Chaos haben, zum anderen, weil all diese Produkte und Apps einfach so praktisch sind.

Ich werde nun diesen Text auf Facebook posten und hoffe möglichst viele Likes und Shares zu generieren, denn das bezeugt meine Skills als Schreiberling und sichert so meine Existenz in dieser Dystopie, die bereits Realität ist.

Konversation

  1. „Occupy“ hats mir bereits vorwegggenommen, Knackeboul !
    Man kan mit 99% Ihres Textes als aufgeklärter , linker klarsichtiger Mensch völlig d accord gehen, aber dann sollten sie sich von so einem denn auch gemahnen lassen NIIIEEE wieder eine derartige Selbstausbeuterscheisse wie Uber in Anspruch zu nehmen- sei es auf dem Felde der Räumlichen beförderung oder wo auch immer ! Dass Uber, wenn wir es erlauben, nachahmer nach sich zieht in allen denkbaren und noch undenkbaren Bereichen dessen was heute so alles „Dienstleistung“ heisst ist völlig klar- wenn Sie deratrig Negativ diesem Hybrid-Kapitalismus gegenüber eingestellt sind wie etwa ich, oder wie es in Ihrem eignen Text zu lesen ist, dann bleibt an einem fremden Ort nur der ÖV , und wenns gar nicht anders geht für kurze Strecken das reguläre Taxi, dessen Fahrer Sozialversicherungspflichtig durch den Taxiunternehmer angemeldet udn beschäftigt ist und dessen Droschke JÄHRLICH Technisch untersucht wird und und- alles kosten die sich die Uber-Macher bekanntlich sparen und damit der Gesellschaft aufbürden, denn der Nichtsozialversicherte Selbstausbeuter von heute, ist der der Allgemeinheit zur Last fallende Ausgesteuerte von Morgen – das müssten doch gerade SIE sofort einsehen – oder ??
    Ansonsten haben Sie mit Ihrer Dystopischen Zukunftsschau ziemlich genau ins Schwarze getroffen, wobei männiglich durch einfachen abgleich des „bereits erreichten“ mit den Visionen von Orwell und Huxley einsehen wird und muss dass letzterer, Huxley nämlich, mit Brave New World weit präziser an der Wirklichkeit landete als Orwell mit 1984- bei allem Respekt vor letzterem !
    Wobei der Huxley damals wirklich nicht ahnen konnte dass das „Soma“ unserer Tage nicht rein Chemisch-Pharmazeutisch sondern durchaus auch Elektronisch verabreicht wird (Smartphone mit Kontroll-app, abnehm und Kalorienzähler App, Schrittzähler-App…) einerlei- leteres ist nich weniger Toxisch als das erstere !
    Was nun die Vielzahl der Abgründe betrifft, von welchen Sie nicht wissen auf welchen wir Zusteuern (ich auch nicht !), so lassen Sie sich zum Schluss mit Goethes Faust „trösten“ :
    „In jeder Art seid Ihr verloren, die Elemente sind mit euch verschworen -und auf
    Vernichtung läufts hinaus !“
    Ich wünsch Ihne trotzdem noch ä schöne Sunndig !

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  2. Herr Knackeboul, Sie schildern vielleicht etwas überzeichnet keine schöne Zukunft für unsere Welt, tun aber alsob es nur diesen Weg gibt, ohne Lösung aus der Misère. Da sehe ich andere Zeichen, Zeichen von Hoffnung erst jetzt destotrotz!! Ich sehe sie in einem Einzelgespräch mit einem Klienten, ich sehe sie auch in der Politik, z.B. im Besuch dieses Bürgermeisters von Rotterdam.. Herr K., darf ich Ihnen eine Konsultation anbieten?

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  3. Sagt einer, der „in der rosa Hölle des kontrollierten Konsums“ aufgewachsen ist und jetzt davon lebt. „Ich kann Mercedes nicht ausstehen“, sagt der Bentley-Fahrer an der Tankstelle und hält seine Supercard hin.

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  4. Das Problem des Autors fängt schon viel früher an als mit dem Posting des Textes auf Facebook:

    Dass er zwar gerne was gegen den Kapitalismus tun würde, aber voller Stolz in einem Uber-Taxi sitzt, und das einzige was ihn daran stört, ist die Bewertung, welche ihn davor bewahrt in einem schwarzen Loch zu enden. Der in absehbarer Zukunft arbeitslose Taxifahrer sowie der selbstausbeuterische Uber-Fahrer werdens ihm danken, wenn er sich dann in Bequemlichkeit und Luxus sonnt.

    Die anderen Taxibetriebe, welche Gesetze einhalten und Sozialabgaben leisten, hätten bestimmt auch praktische Apps. Aber es ist zweifelslos trendiger, wenn man seine Couch nicht mehr „nur“ für den kulturellen Austausch gratis an Reisende anbietet, sondern damit noch kräftig Geld verdient (und damit einhergehend eine ganze Reihe von Problemen verursacht).

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