20 Jahre Fondation Beyeler: Katzen wurden fast zum Stolperstein

Am 18. Oktober feiert mit der Fondation Beyeler das erfolgreichste Kunstmuseum der Schweiz seinen 20. Geburtstag. Es war aber nicht Liebe auf den ersten Blick, welche die Standortgemeinde Riehen mit dem kulturellen Leuchtturm verbindet.

Enten, Schwäne, Hunde, Löwen, aber keine Katzen sind in der Fondation Beyeler zu finden. (Bild: Dominique Spirgi)

Wer in der Fondation Beyeler auf Katzensuche geht, wird nicht fündig. Warum dies vielleicht so ist und warum man überhaupt auf die Idee kommen kann, Katzen zu suchen, davon später.

Erst einmal zur Aktualität: «Sammlung Beyeler / Cooperations» heisst der dritte Streich der Sammlungspräsentationen, mit denen die Fondation Beyeler ihr 20-jähriges Bestehen begeht. Die Ausstellung öffnet am 18. Oktober ihre Tore, also just am eigentlichen Geburtstag.

Die von Direktor Sam Keller in Zusammenarbeit mit Ulf Küster persönlich kuratierte Ausstellung präsentiert sich anders, als man es sich in den gediegenen Museumsräumen sonst gewohnt ist. Die Hängung ist auf eine fast schon krasse Art uneinheitlich.

Sie beginnt mit einem Kunst- und Kuriositätenkabinett (Szenografie: Martina Nievergelt), das nach urtümlichem Muster grosse Kunst mit Artefakten verbindet, die man heute auch als Nippes bezeichnen könnte. Oder «Ramsch», wie die für die meisten Leihgaben in diesem Raum verantwortliche, namentlich aber nicht genannte Kunstsammlerin selbstironisch sagt. Es geht weiter mit einem üppig mit Cézannes, van Goghs und Picassos behängten Salon und einer von den Surrealisten abgekupferten Blackbox, bis man mit den Amerikanern bei der konventionellen Hängung anlangt.

Die Ausstellung «Cooperations» blickt mit wohl nicht wenigen Hintergedanken voraus. Nach Kellers Worten weist sie mit vielen bedeutenden Leihgaben von privaten Kooperationspartnern auf Lücken in der eigenen Sammlung hin. Lücken, welche die Fondation unter anderem mit Dauerleihgaben (oder noch lieber natürlich mit Schenkungen) schliessen möchte.

Ein Blick zurück auf eine durchzogene Vorgeschichte

Wir aber wollen zum Geburtstag des Museums nicht nur vorwärts, sondern auch zurück schauen. Deshalb haben wir uns auf die Suche nach Katzen gemacht – und keine gefunden:

  • Paul Klee, der einige Katzen gezeichnet und gemalt hat, wird in einer grossen zweiten Sonderausstellung gezeigt. Doch der Fokus auf die Abstraktion ist nicht gerade katzenfreundlich.
  • In der erweiterten Sammlungspräsentation treffen wir auf viele Tiere: unter anderen auf eine Ballon-Ente von Jeff Koons, auf 40 ausgestopfte Tauben von Maurizio Cattelan, auf ein Porzellan-Hündchen, aber auf keine Katze.

Aber warum ausgerechnet Katzen? Das hat mit der Vorgeschichte der Fondation Beyeler zu tun. Dort, wo sich heute der vorbildliche Museumsbau von Renzo Piano in den Park schmiegt, stand einst eine Villa. Und in dieser war ein Katzenmuseum mit über tausend Exponaten untergebracht.

Kampf des Kätzchens gegen Löwen

Aber was heisst ein Katzenmuseum, es war das Katzenmuseum. Das erste weltweit, hiess es damals. Über 10’000 Besucher lockte es pro Jahr an, und sogar die ehrwürdige «Zeit» schrieb darüber. Das Katzenmuseum hatte seine Tore 1982 geöffnet, just in dem Jahr, als der Kunsthändler Ernst Beyeler und seine Frau Hildy ihre Sammlung in eine Stiftung eingebracht hatten.

Das ehemalige Katzenmuseum im Berowergut.

Dieses Katzenmuseum im Park des Berowerguts stand dem Projekt des neuen Tempels für die Moderne im Weg. Die Gemeinde Riehen und Beyeler hatten sich auf diesen Platz als Museumsstandort geeinigt. Dies allerdings nach etlichen Umwegen: Zuvor war eine mögliche Einbindung der Beyeler-Sammlung ins Kunstmuseum Basel gescheitert. Der Sammler wollte einen Ergänzungsbau, der damals nicht im Bereich des Möglichen lag. Und der Museumsdirektor Christian Geelhaar konnte sich angeblich nicht damit anfreunden, dass in seinem Museum auch Beyelers Afrikakunst gezeigt werden sollte.

«Ich bin nur ein Kätzchen, das gegen Löwen kämpft.» Rosmarie Kürsteiner-Müller, Betreiberin des Katzenmuseums

Aber obwohl Riehen der Katzenliebhaberin Rosmarie Kürsteiner-Müller einen Ersatzstandort für ihre Sammlung anbot, wollte sie nicht weichen. Musste sie aber. 1994 wurde die Villa amtlich geräumt. Die Nachrichtenagentur SDA zitierte die Katzenmuseumsbetreiberin damals mit den Worten: «Ich bin nur ein Kätzchen, das gegen Löwen kämpft.» Es war, wie die «Basler Zeitung» in einem Nachruf schrieb, ein Kampf, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte. Sie starb Anfang 2002 im Alter von nur 56 Jahren.

Aber das «Kätzchen» hatte den «Löwen» zu schaffen gemacht. Denn das Katzenmuseum hatte in Riehen engagierte Freunde. Darunter aber wohl auch einige nicht ganz so redliche, die das kleine Katzenmuseum als Vorwand für ihre Opposition gegen das grosse Kunstmuseum nutzten, das – so die Befürchtung – Unruhe in das behäbige Riehen bringen würde.

Tatsächlich wurde gegen den Beschluss des Einwohnerrats, dem Museum das Bauland und dazu noch etwas Geld zu geben, das Referendum ergriffen. In gerade mal zwei Wochen kamen rund 1100 Unterschriften zusammen – nötig gewesen wäre die Hälfte. Verantwortlich war ein parteiunabhängiges Komitee, dem unter anderen ein ehemaliger Linksaussen-Grossrat und der Abwart der Sportanlage Grendelmatte angehörten. Sie brachten zwar nicht das Katzenmuseum, dafür aber «finanzielle Argumente und ungelöste Verkehrsprobleme im Dorfkern» ins Spiel.

Bestätigung an den Abstimmungsurnen

Das Referendum hatte bildungsbürgerliche Kreise in Riehen und Basel in helle Aufregung versetzt. Nur Ernst Beyeler blieb mehr oder weniger ruhig. Im Riehener Jahrbuch hatte er bereits zwei Jahre vor dem Referendum zu Protokoll gegeben, dass er den demokratischen Prozess nicht scheue: «Falls sich das Projekt nicht in Riehen realisieren lässt, müsste ich mir für unsere Sammlung einen anderen Ort – möglicherweise im Ausland – aussuchen.»

Beyelers Sammlung ist bekanntlich in der Schweiz geblieben. Am 6. Juni 1993 sprachen sich die Stimmberechtigten der Gemeinde Riehen bei einer Stimmbeteilung von stattlichen 67,4 Prozent mit 6042 Ja (gegen 3889 Nein) deutlich für  Beitragsleistungen an das geplante Museum aus. Und der  Museumsstifter freute sich, nun auch die Bevölkerungsmehrheit klar hinter sich zu wissen.

Was mit der grossen Katzensammlung geschehen ist, lässt sich aus den Zeitungsarchiven nicht eruieren. In die Fondation Beyeler konnte sich keine von ihnen einschleichen. Und auch Kunst-Katzen fanden bis heute keinen Eingang. Vielleicht, um keine unguten Geister wachzurütteln.

20 Jahre Fondation Beyeler: «Sammlung Beyeler / Cooperations», bis 1. Januar 2018.

Konversation

    1. Lieber Dominique

      Im Sinne der Sharing Economy ist der Austausch von Informationen eine kleine Dienstleistung gegenüber der KundIn. Ich kopiere, oder verlinke Texte, wenn ich denke, dass die Informationen auch für weitere LeserInnen interessant sind.

      Wenn die ehemaligen ArbeitskollegInnen der Tawo zeitgleich in der bz ein Interview mit Sam Keller führen, ist dies für mich persönlich, in der Kombination mit dem Tawo-Beitrag, auch erkenntnisreich.

      Danke für den Link zum vollständigen bz-Beitrag.
      Christoph

      Danke Empfehlen (1 )
  1. Hier noch ein paar interessante »Nebenbemerkungen« von Sam Keller im Interview mit Naomi Gregoris & Marc Krebs in der bz von heute:

    Museumsdirektor Sam Keller: «Wir stellen nicht Künstler, sondern Kunst aus»
    von Naomi Gregoris & Marc Krebs — Nordwestschweiz

    » (…) Im Gegensatz zu den meisten anderen Museen müssen wir den Grossteil unseres Budgets selbst erwirtschaften. Den überwiegenden Teil zahlen Besucher, Sponsoren, Stiftungen, Private, der Shop und das Restaurant. Wir haben das Geld eigentlich viel nötiger als die meisten Kulturinstitutionen, die dem Staat gehören oder von ihm bevorzugt gefördert werden.

    bz: Blicken wir in die Zukunft: Sie planen eine Erweiterung, einen Neubau von Peter Zumthor. In Basel denkt man beim Stichwort Neubau sofort an das von Geldnot geplagte Kunstmuseum. Wie wollen Sie eine solche Situation vermeiden?
    »Indem wir die Betriebskosten für die ersten zehn Jahre bereits im gesamten Projekt budgetiert haben.«

    bz: Das hatten Sie schon länger vor?
    »Natürlich, das war von Anfang an die Grundbedingung. Jeder Museumsbetreiber weiss: Das Teuerste an einem Museum ist nicht das Bauen, sondern das Betreiben.«

    bz: Ist das als Seitenhieb ans Kunstmuseum Basel zu verstehen?
    »Nein, überhaupt nicht, das ist einfach so. Man kann ja auch nicht ein Auto kaufen ohne das Geld für Benzin zu haben. Wenn man vernünftig haushalten will, braucht man entsprechende Betriebsmittel. Leider geben Mäzene lieber Geld für ein Gebäude als für Heizkosten und Aufsichtspersonal. Deshalb haben wir von Anfang an gesagt, wir würden erst bauen, wenn wir auch die Betriebsmittel dazu haben. Und wir machen mit allen Spenden halbe-halbe: Eine Hälfte fliesst in den Bau, die andere in den Betrieb.«

    Das Kunstmuseum Basel und sein 2.5 Millionen-Defizit lassen grüssen. Bei der Fondation Beyeler in Riehen wird offensichtlich nicht einfach drauflosgewurstelt. Hier plant man sorgfältig und mit längeren Zeithorizonten. Sam Keller kann und will sich kein finanzielles Defizit aufbürden. Er hat auch kaum die Möglichkeit dies der öffentlichen Hand in die Schuhe zu schieben.
    Das ist gut so und ehrt die Fondation Beyeler.

    Ich will es bei dieser Gelegenheit nicht versäumen der Fondation Beyeler zu gratulieren. Es ist eine reife Leistung ein Museum in so kurzer Zeit in die Champions League zu hieven. Bravo! und Chapeau!

    Danke Empfehlen (0 )

Nächster Artikel