Abgesang auf eine Totgeburt

Lana del Reys Debüt «Born to Die»: Ein Lehrstück über den Realitätsverlust der Plattenmultis. Oder in den Worten der Youtube-Gemeinde, welche das Starlet gross machte: «Epic Fail!»

Lana del Reys Debüt «Born to Die»: Ein Lehrstück über den Realitätsverlust der Plattenmultis. Oder in den Worten der Youtube-Gemeinde, welche das Starlet gross machte: «Epic Fail!»

Sie werden es wohl nie lernen, die «Majors»: Jene Plattenmultis, die angesichts einbrechender Umsätze immer verzweifelter den neusten Hype suchen, nur um ihm dann erbarmungslos den Garaus zu machen. Das war schon früher so: Man nahm aufstrebende Talente unter Vertrag, polierte sie auf Hochglanz, bis sie immer langweiliger und austauschbarer klangen, und daraufhin irgendwann wieder in der Versenkung verschwanden.

Neu an diesem Phänomen ist bloss, dass sich die Unterhaltungsindustrie nach dem Scheitern ihrer eigenen Castingstars nun mehr fast ausschliesslich bei ihrem Lieblingsfeind, dem Internet, bedient. Auf Plattformen wie «Youtube» suchen sie nach dem frischen Sound der Youngsters, die sie dann wie eine Tube auspressen können, bis nur noch Aluhülle und Plastikverschluss übrig bleiben: Wegwerfstars, deren Haltbarkeit nicht mal mehr für Andy Warhols «15 Minutes of Fame» ausreicht.

Dies ist nämlich die immer absurder anmutende Folge dieser Jagd auf Frischfleisch: Dauerte es vor einigen Jahrzehnten (oder noch vor einigen Jahren) zumindest noch mehrere Alben, bis aus hoffnungsvollen Nachwuchskünstler öde Mainstreamveteranen geworden waren, sind die Tage dieser Internet-Hypes – genauso wie ihrer Leidensgenossen, der Castingstars – schon vor dem Erscheinen ihres Debüt gezählt.

Es sind im wörtlichen Sinne Totgeburten, «Born to Die», wie ironischerweise auch der Albumstitel des neusten Hype-Opfers namens Lana del Rey lautet. Zuerst ungläubig, dann immer gieriger, verfolgten die A&R-Abteilungen, die Talentsucher, den kometenhaften Aufstieg des Web 2.0-Phänomens im vergangenen Jahr. Sahen und hörten, wie die erfolglose Sängerin und Millionärstochter Lizzie Grant sich 25-jährig in der auf Retro gepimpten Kunstfigur neu erfand, und mit schläfrig-sinnlichem Gesang und selbstgebastelten Videoclips in Vintage-Optik in die Herzen der Youtube-User sang.

Veredelt bis zur perfekten Austauschbarkeit

Als die Zuschauerzahl von «Video Games» die Millionengrenze überschritt, krallte man sich das Mädchen mit den verdächtig vollen Lippen und schickte sie ins Studio, um ihre Songs zu veredeln. Und: so bald wie möglich auf den Markt zu werfen, bevor der nächste Hype die sensationell somnambule Göre wieder in Vergessenheit geraten lassen könnte.

«Veredeln», das heisst hier: von einem Heer aus Produzenten auf «Hit» zu trimmen. Oder konkret: Mit zeitgemässen «Urban Beats» zu versehen und ihre sinnliche Stimme durch Filter zu jagen, bis sie wie ein durchschnittlicher Castingstar, perfekt austauschbar, klingt. Zum Dessert übergoss man alle Songs mit einer klebrigen Synthie- und Streichersauce, die jegliches Leben ertränkte, jeden Funken Eigenständigkeit erstickte. «Pling», voilà, fertig ist die Barbiepuppe aus der Mikrowelle, samt sorgsam zerlaufenem Lidstrich.

Für wen aber soll ein solch zähflüssiges Fertigprodukt, eine derartige Betty Bossi appetitlich sein? «Für die Mehrheit», werden uns die Majors enthusiastisch zurufen: «Für Anna, 28, die Cola und Red Bull trinkt, und zum Frühstück geilen Sound auf dem Radio hören will.» Doch damit verwechseln sie ihre eigene Marketingmasche mit der Realität, versuchen sie ihre auf dem Reissbrett entstandenen Frankenstein-Konstrukte als «lebendige Subkulturvertreter» zu verkaufen.

Schönheitsoperierter Klon mit schlechten Songkopien

«Die Majorität, das ist niemand», wusste der poststrukturalistische Philosoph Gilles Deleuze bereits vor dreissig Jahren. Heute erst recht nicht: Denn niemand, vor allem nicht die postmodernen Medienkonsumenten, ist zu blöd, um zu merken, was hier für ein falsches Spiel gespielt wird. Dass nämlich aus dem propperen Mädel, das mit dem Glamour alter Diven und dem urchig Nostalgie-schwangeren Sixtiessound kokettierte, das einen an «Twin Peaks» und eine Nancy Sinatra-Inkarnation erinnerte, ein schönheitsoperierter Klon geworden ist. Und noch fataler: Dass die Musik dieser vor kurzem noch begeisternden Dame nun wie eine schlechte Kopie vom Trip-Hop-Sound der 90er klingt.

Man vergleiche mal Lana del Reys auf Youtube gepostete Skizzen mit dem, was aus Songmaterial wie «Radio», «Million Dollar Man» und «Summertime Sadness» geworden ist. Dann suche man im staubigen Gestell, in Estrich oder Keller, alte Cardigans- oder Hooverphonic-CDs, meinetwegen auch Garbage oder die Schweizer Swandive, oder gar das letzte Massive Attack-Album mit «Paradise Circus» samt Hope Sandovals («Mazzy Star») unvergleichlich somnambulem Sexappeal (Alles zu hören auf besagter Web-Plattform, etwa hier, hier, hier, hier und hier).

«Born to Die»: Ein prophetisches Cover

«Born to Die»: Ein prophetisches Cover

Zur Sache, Schätzchen – es gibt nur ein Fazit für Lizzie Grants Album, das ohne jegliche persönliche Note so fake und pseudoerotisch geworden ist wie der pompöse Künstlername Lana del Rey, so langweilig ist, dass einem die Tränen kommen: «Setzen: Sex!»

Die Lektion, dass ein mündiges, zeitgenössisch-zeitgemässes Publikum von Musikliebhabern (dessen Prototyp: der «Hipster», der alles zuerst gekannt haben will, und sich davon abwendet, sobald etwas zu sehr nach «Mainstream» klingt) die von ihnen entdeckten und erst zum «Medienhype» gemachten Starlets gerade aufgrund ihrer charmanten Unvollkommenheit, aufgrund ihrer Ecken und Kanten, ihrer unverbrauchten Brüchigkeit liebt: Sie wird wohl nie bei den Plattenmultis ankommen.

Warum nicht? Weil, so die triste Erkenntnis, welche die «Majors» fürchten wie der Teufel das Weihwasser, weil sie dann – angesichts des Verlust ihrer Rolle als Makellosigkeit verkaufende Multiplikatoren – völlig überflüssig würden. Und damit bald so tot wären wie das Phänomen Lana del Rey.

Lana del Rey: «Born to Die», Universal Music, ab heute im Handel – keine Kaufempfehlung.

Quellen

www.youtube.com

Konversation

  1. http://www.kulturnews.de/knde/news.php?id=3345

    Für mich ist die Kritik von Tara Hill nicht nachvollziehbar. Und strotzt nur so von Plattitüden.

    Dieses Album ist ein grossartiges Meisterwerk. Und die Paradiese Edition ist noch besser. Ihre obertonreiche Stimme ist sensationell. Ihre Art zu singen erinnert mich an Elvis. Live geht sie mit ihrer Stimme volles Risiko. Dazu haben nur Wenige den Mut. Deshalb wohl auch der seltsame Auftritt bei „SNL“, der ihr viel Spott einbrachte. Aber wenn ihr der Auftritt gelingt, dann ist Lana del Rey brillant.

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  2. Was ist überhaupt ein Majorlabel, in der heutigen Medienwelt? In einer Umgebung, die keine Indielabels, im herkömmlichen Sinne mehr unterhält, ist es fragwürdig, den Begriff des Majors unreflektiert zu verwenden. Bei der Frage, welche Partei heute den Markt bestimmt, landen wir schnell irgendwo zwischen (m)Apple und user-generated content.
    Ob und Lizzy’s statement bei Kathrin Bauerfeind „..i write my own songs, and make my own videos so far..“ echt oder für die Kamera war, darf jeder selber entscheiden – genauso was Anna, Redbull und Cola mit Subkultur zu tun haben.
    Wäre ‚Video Games‘ ein anderes Stück Musik, hätten ein Remix der bostoner DJ’s ‚Soul Clap‘ Lana del Rey bekannt gemacht?
    Ich find diese Diskussionen etwas müssig. Musik muss mich berühren, dass sie mir gefällt – das können dann schon auch mal grässlichste Stücke und Streicherpassagen in Herr der Ringe sein. Aber ob mir ein Lied einfach gefällt, weil ich emotional etwas damit zu verbinden mag, ich ein Lied in einem Kontext verwende, da relevant für eine Aussage – oder mich einfach damit auseinandersetzen möchte, sind verschiedene Ansätze.

    Ich habe das Gefühl, dass Universal vielleicht einen geschickten Wurf gemacht hat, um aus einem One-Hit-Wonder wiedermal eine ganze Platte zu Pressen. Wiso auch nicht? Wie die Kommentare zeigen, schein ja auch ein Bedürfnis für leichtes zu bestehen. Was ich kritisch hinterfrage! Vor allem jedoch der vermeintlich avantgardistische Anstrich, der Interscope (Sublabel von Universal, welches Lana vertritt) durch die Autorin hier kriegt.
    Für mich ist auf den ersten Blick klar: Hier gehts um Geld und nicht um Kunst. Die Schlaufon Hipster knippsen nicht mit Polaroid-App, um Tiefe zu entwickeln, pure Ästhetisierung – oder wie Blocher sagte: „Pfui was Sie da säget!“. Viel mehr hab ich den Eindruck, zwischen den Zeilen schwingen erneut Eurythmic’s ‚Sweet Dreams‘, wenn auch ungewollt, vielleicht als Ausdruck von der Angst Universal’s. Und wenns doch um Wetvolles geht bei Lana, werden wir ein drittes Album von Madame Grant hören und durch die Klatschspalten ziehen. «Setzen: A grant won’t come for free.» 😉

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1508702/Lizzy-Grant-alias-Lana-del-Rey
    http://www.nme.com/news/lana-del-rey/61792

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  3. Danke für diesen hellsichtigen Kommentar: gut möglich, dass Du Recht behältst. Nur rasch zur Präzisierung: Ob die Viral-Kampagne von langer Hand geplant war oder nicht, ist für mich gar nicht matchentscheidend. Bei einer spannenden „Kampagne“ mit überzeugendem musikalischen „Produkt“ würde mich grundsätzlich auch nicht stören, wenn sie von einem multinationalen Unternehmen (nicht von der Künstlerin selbst) stammt. Der kometenhafte Aufstieg beweist ja gerade, dass auch nicht stromlinienförmige Acts mit der nötigen Unterstützung durchaus grossen Erfolg haben können. Dass jegliches kreative Potential dieser Künstlerin nun aber schon im Debüt wieder erstickt wird, um möglichst rasch möglichst viel Umsatz zu machen, ist für mich schlicht Zeugnis einer überaus zynischen Haltung Künstlern wie Konsumenten gegenüber. Klar ist diese Erkenntnis alles andere als neu – umso desillusionierender, dass eine derartige Strategie (zumindest kurzfristig) noch immer den erwünschten Erfolg zeigt.

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  4. Verstehe den Artikel nicht ganz. Sollte wohl eher heissen: „Die «Majors» haben es nicht verlernt“. Nummer 1 in 11 Ländern – Ziel erreicht. Wen kümmert schon Langlebigkeit, Hauptsache schnelle Kohle wird gemacht; Etwas, dass – wenn man die ausverkauften Hallen und die erwähnten Chartsplatzierungen betrachtet – offensichtlich erneut geklappt hat.

    Neu ist einzig und allein, dass man den die Promotion den «Hipstern» und «Tastemakern» überlassen hat. Mittels raffinierten Lo-Fi-Videos (Das Märchen, dass die Majors erst NACH Video Games eingegriffen haben, glaubt ja wohl keiner ernsthaft, oder?) durften diese dem breiten Publikum einen anscheinend authentischen Star verkaufen, obwohl dieser alles andere als authentisch war. Well done, Majors. Azealia Banks, Die nächste Lana del Rey steht übrigens bereits in den Startlöchern.

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  5. LANGWEILIG! Anstatt einen ernsthaften Text über die Platte zu schreiben müssen wir uns wieder einmal sagen lassen wie unendlich doof wird doch alle sind. Natürlich ist Lana del Rey ein Kunstprodukt – wir reden hier ja über Popmusik. Setzen: Eins!

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  6. Mist, jetzt hab ich den Mainstream-Stempel (nachdem mir auch noch dieses ‚Somebody That I Used To Know‘ von Gotye gefällt) wohl vollends abbekommen. Und wisst ihr was? Es stört mich nicht im Geringsten.

    Ich mag die beiden bereits veröffentlichten Lieder von Lana Del Rey und höre sie gerne. Mir ist auch nicht immer der Sinn danach, Musik zu bewerten. Ja, es stört mich bei einem Live-Konzert, wenn die Band Quatsch spielt oder der Sänger/die Sängerin schräg singt. Basta. Und ich kann mich dann auch sehr entsetzen. Nichts ist schlimmer, als ein schlecht gestimmtes klassisches Orchester o. ä.

    Aber: Warum muss man denn auf diesem ‚Mainstream‘ rumhacken? Irgendwas muss ja im Radio laufen im Auto/auf der Arbeit/im Pferdestall/wo auch immer. Und dann wollen wir nicht Aretha Franklin oder Mozart. Dann wollen wir was, das wir ohne schlechtes Gewissen im Hintergrund laufen lassen können.

    Und persönlich finde ich es auch nicht schlimm, wenn Menschen sich zum Mainstream formen lassen – muss jeder selber wissen, was er/sie mit ihrem/seinem Leben anfangen will, oder? Und wenn ‚Lana Del Rey‘ das will, dann soll sie es machen. Lieber sich anpassen und davon profitieren, als immer nur dagegen anzukämpfen…

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  7. Solche pseudo Musiker zu schaffen ist leider alles was die grossen Musik labels können und auch alles vofür es sie heute noch braucht. Das ist auch ihr grosses Problem. In Zeiten, in denen Trends im Internet gemacht werden und auch Musik grössenteils im Internet über Amazon, iTunes und co verkauft wird, braucht die Welte keine riesen Plattenfirmen mehr um die Musik unter das Volk zu bringen.
    Also machen sie weiter, was sie glauben zu können. Musik die dem durchschnitskonsumenten gefallen soll. Das dabei ständig der selbe lahme Einheitsbrei raus kommt scheinen sie nicht einsehen zu wollen oder zu können.

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