Allein im Spielzeugladen


Herbie Hancock zelebrierte an der AVO Session zunächst die Essenz seiner akustischen Pianokunst – und wurde dann ein Opfer der Technik.



AVO Session Basel 2012. HERBIE HANCOCK. © Photo Dominik Pluess / 27. October 2012 (Bild: Dominik Pluess)

Herbie Hancock zelebrierte an der AVO Session zunächst die Essenz seiner akustischen Pianokunst – und wurde dann ein Opfer der Technik.




Wo soll man bei ihm anfangen? Beim Wunderkind, das schon im Alter von elf ein Mozartkonzert mit den Chicagoer Symphonikern spielte? Bei seinem frühen Engagement im Miles Davis Quarttet, bei den Klassikern der Jazzliteratur wie «Watermelon Man» oder «Cantaloupe Island»? Bei seinen Fusion- und Funk-Revolutionen, erst mit den Headhunters, dann mit dem Chartserfolg «Rockit»? Oder doch bei seinen eher aktuellen Produktionen, für die er – nicht immer zwingend und homogen – Pop- und Worldmusic-Stars zusammentrommelte, und etwas anachronistisch Globalisierung predigte?


Am besten fängt man bei Herbie Hancock da an, wo er es an diesem Abend an der AVO Session auch tut und wo seine Laufbahn begann. An den Tasten.



Inspiriertes Schöpfen aus dem Moment



Für Hancock ist ein Piano nicht nur ein Piano. Die Tasten sind für ihn der Key, der Schlüssel zu einem Universum voller Klänge, in dem er zwischen akustisch und elektrisch – er war und ist ein ausgesprochener Technik-Freak – nie eine Grenzlinie zog. So auch nicht auf seiner Solo-Tournee, seine allererste in Europa.

Mit afrikanisch gemustertem Schwarz-Weiss-Hemd kommt der 72-Jährige auf die Bühne, man sieht ihm sein Alter beileibe nicht an. Er scheint sehr gut gelaunt, schenkt dem begeistert applaudierenden Publikum im Musicaltheater ein breites Lächeln. Doch dann äusserste Konzentration am Flügel: Hancock entwirft eine gewaltige, rhapsodische Suite, die fast klassisch beginnt, bluesige Muster aufscheinen lässt, aber auch romantische Grandezza, sich polyphon steigert und schliesslich in hämmernden Figuren endet.



Symphonisch aufgebauscht



Er greift das emblematische Thema aus «Footprints» seines Kollegen Wayne Shorter auf, dehnt es impressionistisch, streut geheimnisvoll leuchtende Ganztonakkorde über dem Ostinato ein. In diesem inspirierten Schöpfen aus dem Moment kommt Hancocks ganze Grösse zur Geltung. Da verzeiht man es ihm selbst, dass er anschliessend, zunächst mit Xylophon und Harfen-Loops, dann mit einem ganzen Orchester aus der Konserve namens iPad, sein «Sonrisa» symphonisch aufbauscht. Doch ein Gewinn für seine ursprüngliche Komposition sind die manchmal apokalyptisch dräuenden Arrangements des virtuellen Klangapparats nicht.





An dieser Stelle ein Sprung zum Ende des Abends: Achselzuckend und ein wenig hilflos steht Herbie Hancock zwischen Festivalpräsident Matthias Müller und CEO Beatrice Stirnimann auf der Bühne, um den AVO Session Award entgegen zu nehmen. Er entschuldigt sich beim Publikum – die Computer hätten ihm einen Streich gespielt. Fünf Stunden hätten seine Ingenieure versucht, das Equipment zu fixen, doch bis zum Moment des Auftritts habe er nicht gewusst, ob irgendetwas funktioniere. Es ist eine bittere Ironie, dass der technikbegeisterte Hancock an diesem Abend Opfer ebenjener Technik wird. Doch war die verunglückte zweite Konzerthälfte tatsächlich nur Computerbugs zuzuschreiben?

Verzettelter Testlauf



Nach einem lyrischen Einstieg, der in Tönen das tanzende Sonnenlicht auf Wasser nachzuzeichnen scheint, flicht er am Korg-Synthesizer süssliche Klänge ein und singt mit Vocoder darüber – fast wie ein New Age-Klischee muten diese Schichtungen an. Ein Klangbrei, der dann alle zwanzig Sekunden seine Konsistenz wechselt: Wie ein Kind im Spielzeugladen drückt Hancock die Knöpfchen auf seinen iPads, holt mal ein ploppendes Pattern hervor, dann einen eingespeisten Fretless-Bass, ein funky Clavinet. Doch immer wenn so etwas wie Groove aufkommen könnte, probiert er schon das nächste Soundprogramm. Es ist kaum noch Performance zu nennen, sondern ein verzettelter Testlauf.

Fast leidet man mit ihm und ist erlöst, als er sich endgültig zum Flügel zurückwendet – und eine faszinierende, chromatisch aufgefüllte Version von «Cantaloupe Island» zaubert. 

«At least the acoustic piano works», meint Hancock leicht sarkastisch, geht zum Finale aber doch wieder ins Reich der Elektronik. Aus dem AX Synth, dem berüchtigten Schulterkeyboard, holt er asthmatisch schaufelnde Sounds, und schliesslich die unverkennbaren Scratches: Es ist Zeit für seinen grössten Chartserfolg «Rockit».

Doch auch hier: Da kommt einfach zu viel Vorgefertigtes, die dünnen Impros, die er live liefert, bleiben weit hinter dem Original zurück. Ganz unfreiwillig wurde Herbie Hancocks Soloprogramm, das ja mit dem Titel «Plugged In» wirbt, zu einer grandiosen Werbung für handgemachte Musik.      










Konversation

  1. Auch wenn vielleicht der Name Hancock mehr Interesse an sich zieht sollte man Melody Gardot nicht einfach „vergessen“. Für mich neu, hat diese Sängerin eine interesante Mischung (ja was war das nun?) mit einer sehr schönen Stimme interpretiert. Und wenn Herbie Hancock unwidersprochen genial spielt, so war für mich das Highlight dieses Abends eindeutig Melody Gardot!

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  2. So begnüge ich mich halt mit Youtube, wo es atemberaubende Auftritte von Mr.Hancock zu sehen und hören gibt. Youtube, Du bist ein technisches Wunder.

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