Alles Bauhaus oder was?

Das Vitra Design Museum widmet seine aktuelle Ausstellung ganz dem Bauhaus, hält dabei aber die Stilgrenzen nicht so genau ein – was gute und schlechte Seiten hat.

Alles ist Bauhaus, sogar der Balkon? Studentin auf einem der Atelierbalkone am Bauhaus in Dessau, um 1928/29.

(Bild: © VG Bild-Kunst Bonn)

Das Vitra Design Museum widmet seine aktuelle Ausstellung ganz dem Bauhaus, hält dabei aber die Stilgrenzen nicht so genau ein – was gute und schlechte Seiten hat.

Sechs Jahre ist es her, seit anlässlich des 90. Jubiläums zur Bauhausgründung eine wahre Flut von Publikationen und Ausstellungen präsentiert wurde. Noch vier Jahre wiederum dauert es, bis 2019 der 100-jährige Geburtstag gefeiert werden kann. Wer in der knappen Zwischenzeit einen weiteren Beitrag präsentiert, muss offenbar etwas Dringendes zu sagen haben.

Dies umso mehr als das Bauhaus als Brutstätte der Moderne ohnehin zu den am meist erforschten Institutionen der Designgeschichte gehört.
 Erstaunlich ist angesichts dieses Übermasses an Aufmerksamkeit, wie wenig davon ausserhalb eines Spezialistenkreises Verbreitung findet. Anders ist jedenfalls nicht zu erklären, dass manche in Paris Bauhausvillen von Le Corbusier gesehen haben wollen und Gerrit Rietvelds berühmten Rot-Blauen-Stuhl als gar nicht so unbequemen Bauhausklassiker schätzen – obwohl beide dem Bauhaus höchstens nahestanden, aber nie wirklich dazugehörten.

Kein bestimmter Zeitraum

Unter diesem Eindruck wäre es nachvollziehbar, wenn ein Museum seinem Publikum einige Orientierungshilfen mitgeben möchte. Tatsächlich ist das Bauhaus trotz seines kurzen Bestehens nicht auf eine bestimmte Idee reduzierbar. Zu unterschiedlich waren die Auffassungen seiner Protagonisten darüber, was Gestaltung bedeutet.

Ausserdem war das Bauhaus längst nicht der einzige Ort, an dem nach dem Ersten Weltkrieg nach neuen Formen gesucht und das Verhältnis von Kunst, Handwerk und der Disziplin, die wir heute Design nennen, umgekrempelt wurde. Auch deshalb ist es im Rückblick nicht immer ganz leicht, genuine Bauhauserzeugnisse – seien sie nun ideeller oder materieller Natur – von denjenigen anderer Institutionen zu unterscheiden.

Neuinterpretationen

Die Ausstellung «Das Bauhaus #allesistdesign» im Vitra Design Museum schafft in dieser Hinsicht keine Klarheit. Im Gegenteil: So handelt es sich etwa beim ersten Ausstellungsstück ausgerechnet um eine Anrichte von Gerrit Rietveld, beziehungsweise einer zugegebenermassen reizvollen Neuinterpretation aus Legosteinen von Studio Minale-Maeda. Als Mitglied der holländischen De Stijl-Gruppe hatte Rietveld aber nur losen Kontakt zum Bauhaus.

Auch bei zahlreichen weiteren Exponaten verhält es sich ähnlich: Ludwig Mies van der Rohes berühmter Freischwinger ist drei Jahre vor seiner Zeit als Bauhausdirektor entstanden, Wilhelm Wagenfelds Glaswaren dagegen Jahre nach seinem Studium in Weimar.

Natürlich ist es kein Zufall, dass ein beträchtlicher Teil der Ausstellungsstücke gar nicht aus dem Bauhaus stammt. Selbst erklärtes Ziel des Museums war es denn auch, sich nicht ausschliesslich dem Bauhaus als konkrete Ausbildungs- und Produktionsstätte zu widmen, sondern sich mit seiner ideengeschichtlichen Wirkung zu befassen.

Im Zentrum des Interesses lag also weniger das historische Objekt als vielmehr ein Gestaltungsbegriff, der sich über die Grenzen verschiedener Disziplinen hinwegsetzt und eine gesellschaftsverändernde Wirkung entfalten will. Kuratorin Jolanthe Kugler weist darauf hin, dass gerade im aktuellen Designdiskurs solche Anliegen wieder stärker im Vordergrund stünden. Es war ihr deshalb wichtig, Positionen der Gegenwart in die Ausstellung zu integrieren und als Beweis für die nachhaltige Wirkung des Bauhauses den historischen Gegenständen gegenüberzustellen. 


Bauhaus rekonstruiert

Zu diesen teilweise eigens für die Ausstellung erarbeiteten Projekte gehören etwa die grossformatigen Bilder von Adrian Sauer, der zusammen mit Wilfried Kuehn anhand historischer Fotografien Bauhausinterieurs digital rekonstruierte. Die Grossformate belegen nicht nur die bürgerlich bis avantgardistisch anmutenden Auffassungen über das Wohnen verschiedener Bauhäusler, sondern erlauben dank der Rekonstruktion der in den Innenräumen verwendeten Farben auch eine neue Sicht auf die ikonischen Interieurs.




Adrian Sauer, «Raum für Alle», 2015, © VG Bild-Kunst Bonn.

Sauers und Kuehns Arbeit illustriert damit auf besonders klare Weise, wie stark unser Blick auf das Bauhaus verstellt ist. Die einfache Tatsache, dass die überlieferten Fotografien schwarz-weiss sind, prägt unser Bild der nüchternen und schlichten Bauhausästhetik bis heute.

In Tat und Wahrheit war nicht bloss die Mehrheit der Innenräume erstaunlich bunt, sondern auch die Vorstellung einer gemeinsamen Ästhetik von allem Anfang an gar nicht vorhanden. Darüber hinaus erlauben die vorhandenen Quellen nur eine lückenhafte Rekonstruktion – auch darauf verweisen die Computerbilder, die aus der Nähe betrachtet wenig detailliert sind und so die Vorstellung einer objektiven Sicht auf ein historisches Phänomen als Illusion entlarven.

Zuordnung fällt schwer

Sicher kann man mittels aktueller Positionen eine Menge über das Bauhaus und über Design lernen. Die Ausstellung im Vitra Design Museum bietet dazu an einigen Stellen gute Gelegenheit. Andererseits macht es einem die szenografische Aufbereitung des Themas zuweilen recht schwer: Wer mit der Geschichte des Bauhauses nicht näher vertraut ist, wird Mühe haben, die verschiedenartigen Ausstellungsstücke richtig zuordnen zu können. Dass ganze Bereiche wie beispielsweise die Erzeugnisse der Weberei oder auch die Kunst im engeren Sinn praktisch unerwähnt bleiben, macht die Sache nicht einfacher. 

Damit ist die Ausstellung vielleicht weniger eine Ausstellung über das Bauhaus als über verschiedene Perspektiven auf das Bauhaus und über Gegenstände, die durch das Bauhaus inspiriert wurden. Idealerweise hätte man aber der Überzeugung, dass es so etwas wie einen historisch wahren Kern nicht gibt, zum Trotz auch noch ein paar Menschen davon überzeugt, dass #allesistdesign nicht gleichbedeutend ist mit #allesistbauhaus.

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«Das Bauhaus – #allesistdesign», Vitra Design Museum, bis 28. Februar 2016.

Konversation

  1. Mal Bauhaus kennenlernen?
    – In Berlin gibt es ein Museum dazu.
    – In Dessau-Ost gibt es ein günstiges Ibis-Hotel, etwa 30 Teuros pro Nacht das Doppelzimmer. Die Gegend an der Elbe ist reizend. In Dessau, etwas ausserhalb liegt das Bauhaus-Gebäude, mit Museum, ebenfalls Hotel und im Ort hat es weitere Bauhaus-Villen. In der Stadt stehen noch viele ältere Häuser auch aus der Bauhaus-Zeit.
    Drum herum gibt es herrliche Parkanlagen. Man suche bei Google nach Bildern von „Dessau-Wörlitz“.
    Unsere moderne Lokal-Architektur ist von Bauhaus leider weit entfernt.

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