Architektur für zweckfreies Schauen

Das Schweizerische Architekturmuseum zeigt in der Ausstellung «Luginsland» Beispiele aktueller Aussichtsarchitektur.

A 21762 (Bild: Architektur: Gion A. Caminada )

Das Schweizerische Architekturmuseum zeigt in der Ausstellung «Luginsland» Beispiele aktueller Aussichtsarchitektur.

Von der Faszination, die vom erhöhten Blick über Stadt und Landschaft ausgeht, zeugen nicht allein die Schlangen vor dem Billetthäuschen der Riesenräder am Jahrmarkt, sondern in jüngerer Zeit auch eine ganze Reihe von Aussichtsarchitekturen in den unterschiedlichsten Kontexten. Den Überblick zu behalten, ist ein menschliches Grundanliegen. Seit Jahrtausenden bieten Türme die architektonische Basis dazu, Gefahren vorzeitig zu erkennen und zu signalisieren. Vergleichsweise kurz ist dagegen die Geschichte der Landschaftsbetrachtung um des reinen Genusses willen. Sie ist ein Produkt der Neuzeit, die in der Natur nicht mehr nur eine Bedrohung sieht, sondern eine Möglichkeit zur ästhetischen Erfahrung.

Infos
«Luginsland», Schweizerisches Architekturmuseum S AM, Basel, Steinenberg 7. Bis 9. Februar 2014.

Dieser Wandel vom zweckgebundenen zum zweckfreien Schauen hat sich nicht unmittelbar in der Architektur niedergeschlagen. Die Aussichtsarchitektur des 18. und vor allem des 19. Jahrhunderts verharrt weitgehend in historischen Formen und übersät das Land mit zinnenbewehrten Türmen. Später, nach dem Krieg, bekundet dann die Moderne ganz offensichtlich Mühe mit einer Architektur, die unter dem Verdacht steht, monumental zu sein und gleichzeitig keinen ernsten Sinn zu haben. Zudem lässt ein neuerlicher Wandel der Beziehung zwischen Mensch und Natur das Bedürfnis nach einem rein kontemplativen und künstlichen Blick vom Aussichtsturm auf die Landschaft zugunsten der abenteuerlichen Naturerkundung ohne schützendes Geländer in den Hintergrund treten.

Beobachtungstürme und begehbare Dächer

Erst in den letzten 20 Jahren sehen wir uns mit einer Art Revival der Aussichtsarchitektur konfrontiert, seien dies nun Beobachtungstürme in Naturschutzgebieten, Aussichtsplattformen an exponierten Stellen oder begehbare Dächer im städtischen Kontext. Solchen Bauten ist die Ausstellung des Schweizerischen Architekturmuseums gewidmet – abgesehen von einer kurzen Einleitung zur Geschichte. Neben einigen ausgewählten Modellen illustrieren zahlreiche Fotografien die Vielfalt der in den letzten Jahren entstandenen Beispiele.

Grob geordnet werden diese anhand acht einigermassen disparater Themenfelder, die etwa der touristischen Funktion, dem Eingriff in den urbanen Raum oder dem Verhältnis von Kunst und Architektur nachgehen. Dass dieser Einteilungsversuch nicht überall schlüssig ist, fällt angesichts der fast durchwegs spannenden Projekte nicht so sehr ins Gewicht.

Unter ihnen findet der Besucher etwa den letztes Jahr von Gion Caminada realisierten «Reussdeltaturm» in Seedorf, für dessen Bau Material aus der Region traditionell verarbeitet wurde. Die kegelförmig angeordneten Holzstämme tragen die Aussichtsplattform mit Dach und nehmen dabei die Form und die Farbe der Schilfrohre in der unmittelbaren Umgebung wieder auf. Im Innern setzt sich die transparente Konstruktion des Turms in den als Weidegeflecht ausgeführten Treppengeländern fort. Dadurch gelingt Caminada eine scheinbar zeitlose Architektur, die sich wie selbstverständlich in die Landschaft einfügt.

Im harten Kontrast dazu steht die von Christ und Gantenbein an einer Pilgerroute in Mexiko errichtete «pilgrims column», eine fast weisse Betonsäule mit amöbenförmiger Grundfläche, die aus der rotbraunen mit Sträuchern überwucherten Landschaft 26 Meter in die Höhe ragt. Obschon an einem Aussichtspunkt errichtet, bietet sie keine erhöhte Plattform. Wer ins Innere der Säule tritt, sieht lediglich einen kleinen Ausschnitt des Himmels, gerahmt von den in die Höhe schiessenden Wänden. Ein Aussichtsturm ist die Säule aber trotzdem – sie zwingt dem Betrachter lediglich eine extreme Aussicht auf, indem sie ihn in die unendliche Weite des Himmels schauen lässt und damit ohne Umweg zum Blick nach Innen motiviert.

Von wegen funktionslose Architektur

So nebensächlich die Aussichtsarchitektur im Vergleich zu den Bauten, in denen wir wohnen und arbeiten, auch erscheinen mag, sie erweist sich gerade für die Architektur selber als überaus interessante Aufgabe. So gesehen führen die in der Ausstellung verschiedenenorts auftauchenden Andeutungen, dass es sich bei Aussichtsarchitektur um funktionslose Architektur handle, auf eine falsche Fährte. Dass hier die funktionalen Aspekte auf ihren Kern reduziert werden können, bedeutet nicht, dass sie verschwinden. Ganz im Gegenteil stellt sich Aussichtsarchitektur in ihrer Beschränkung als besonders reine Form von Architektur dar, an der sich Lösungen für spezifisch architektonische Probleme klarer formulieren lassen als bei den gängigen Bauaufgaben – beispielsweise den Bezug zur Umgebung, die ästhetischen Qualitäten des Raums aber auch die Materialwahl und die Konstruktion.

Stellt sich zum Schluss noch die Frage nach der Ausstellungsarchitektur: Ist sie nicht auch eine Form der Aussichtsarchitektur, indem sie den Rahmen schafft, Architektur ähnlich der schönen Landschaft zu betrachten? Glaubt man den Ausstellungsmachern, so wird die Frage bejaht. Wie sonst liesse sich erklären, dass man auf Holzstegen durch ein imaginäres Freibad spaziert, dessen Bassins anstelle von Wasser mit Architekturfotografien gefüllt sind. Immerhin: Wer den Überblick zu verlieren droht, setzt sich auf einen der roten Hochsitze und träumt im Winter als Bademeister zukünftigen Sommerwanderungen und Aussichtstürmen nach.

  • Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog im Christoph Merian Verlag erschienen:
 Hubertus Adam, Schweizerisches Architekturmuseum (Hg.): Luginsland. Architektur mit Aussicht / Lookout. Architecture with a View. Mit Beiträgen von Hubertus Adam, Gion A. Caminada und Joachim Kleinmanns.

Nächster Artikel