Aufschrei der nonkonformistischen Jugend: «Noise»

«Noise» ist ein kraftvoller Aufschrei der Jugend gegen die gesellschaftliche Konformität. Die Produktion des Jungen Theater Basel ist von beeindruckender Intensität, inhaltlich verwickelt sich der Abend aber in einer etwas schablonenhaften Endlosschleife.

Sie schreien, stampfen und rennen für Freiraum: die Jugend in der Produktion «Noise» des Jungen Theater Basel

(Bild: Nurith Wagner-Strauss)

«Noise» ist ein kraftvoller Aufschrei der Jugend gegen die gesellschaftliche Konformität. Die Produktion des Jungen Theater Basel ist von beeindruckender Intensität, inhaltlich verwickelt sich der Abend aber in einer etwas schablonenhaften Endlosschleife.

Der Titel «Noise» ist Programm: Sie ist laut, die Jugend, die das Junge Theater Basel vorführt. Sehr laut. Und sie powert sich ihren Weg frei, was das Publikum zuweilen ganz direkt zu spüren bekommt. Keine Sitze, keine Bühnenrampe ermöglichen ein entspannt-distanziertes Zuschauen. Man muss in Bewegung bleiben, denn frei verteilt in der weitläufigen Reithalle steht man der wilden Gruppe der acht hyperaktiven Jugendlichen immer und immer wieder im Weg.

«Ich bin nicht brav, weil ich nicht einverstanden bin, deswegen bin ich aber nicht das Problem», wiederholt eine junge Frau in Jeans, Kampfstiefeln und Kapuzenpulli (Kostüme: Ursula Leuenberger) gebetsmühlenartig. «Wir beteiligen uns nicht am kapitalistischen Kreislauf, weil uns das Kapital nicht interessiert», sagt ein Junge, der so spricht, als wäre er eine jugendliche Kopie von Jacques Derrida. Diese Jugend will vor allem eines: nicht konformistisch sein. Und sie will sich Freiräume schaffen für diesen Nonkonformismus, wo auch «Das-im-Club-in-der-eigenen-Pisse-Aufwachen» normal sein darf.

Umwerfende Kraft

Die acht jungen Frauen und Männer im Saal (Sascha Bitterli, León Cremonini, Rabea Lüthi, Ann Mayer, Khadija Merzougue, Robin Nidecker, Lukas Stäuble und Denis Wagner) fegen mit einer – fast wörtlich zu nehmenden – umwerfenden Power über den Boden der Reithalle und über einen Catwalk, den sie aus Holzpaletten zusammenstellen (Bühne: Dominic Huber). Verfolgen lassen sie sich von einer Kamera, welche die Einzelfiguren aus der Gruppe herausfiltert und ihr Bild auf grosse Vorhänge in der Hallenmitte projiziert.

Regisseur Sebastian Nübling zeigt einmal mehr, wie gut er es versteht, eine Gruppe von jungen Laienschauspielern zu einer professionell wirkenden Höchstleistung anzutreiben, die aber dennoch Raum für ein hohes Mass an Authentizität lässt. Da sitzt jede Bewegung, und die Sprache ist frei von jeglichem Dilettantismus. Und wer im zuweilen gar kakophonen Lärmteppich etwas Mühe hat, die Sätze akustisch zu verstehen, dem helfen die Übertitel, die eigentlich für die Uraufführung des Abends an den Wiener Festwochen im Sommer geschaffen wurden.

Acht Einzelgeschichten im Kollektiv

Im Laufe des Abends schälen sich aus dem eng verschweissten Kollektiv acht Einzelgeschichten heraus. Da ist die burschikose junge Frau, die nicht Junge oder Mädchen sein will, der junge Mann, dem als Interessen-Hopper Psychosen angedichtet werden, die junge dunkelhäutige Frau, die nicht als Multikulti-Vorzeigefigur bewundert werden will. Und da ist eben der Junge, aus dessen Mund philosophisch-politische Pamphlete rattern.

Die Texte stammen von den Schauspielern selber, den Schlusstext hat der Basler Autor Guy Krneta beigetragen. Es sind provokante Aussagen, die Krneta den Jugendlichen (und nicht mehr ganz so Jugendlichen) in den Mund legt, Worte, die in ihrem hyperintellektuellen Duktus zuweilen arg an die Grenzen der Glaubwürdigkeit und auf der anderen Seite an diejenigen der Jugendheftli-Psychologie gehen.

Gefangen in der Endlos-Schlaufe

Das stört erst einmal gar nicht, zu sehr ist man gefangen vom beeindruckenden Spiel des jungen Ensembles. Und auf wohltuende Art leistet sich der Abend auch Widersprüchlichkeiten – etwa wenn sich die jungen Menschen, die eben noch gegen die Omnipräsenz der elektronischen Medien gewettert haben, in regelmässigen Abständen unter der im Zentrum hängenden Lautsprecher-Traube versammeln und ihre Smartphones checken.

Obwohl Regisseur Nübling immer wieder neue Situationen kreiert, beginnt sich das Geschehen inhaltlich mit der Zeit in einer Endlosschlaufe zu verwickeln. Denn über die Aussage, dass sie nicht konform sein wollen und deshalb ihre Freiräume brauchen, bewegt sich der Subtext des Abends nicht wirklich hinaus. Und am Schluss, wenn sich die Gruppe zu einem Chor vereinigt, der sich doch etwas sehr hinzieht, ist man froh, den Abend mit dem Applaus beschliessen zu können …

… einem begeisterten Applaus übrigens, den das zu grossen Teilen jugendliche Publikum an der Basler Premiere mit viel Jubel verband.


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«Noise», eine Theaterperformance von Sebastian Nübling und dem Jungen Theater Basel. Weitere Vorstellungen am 19. bis 21. November in der Reithalle der Kaserne Basel. Vorverkauf: Junges Theater Basel (für Schulklassen) und Kaserne Basel.

Konversation

  1. Die Kritik scheint mir ein wenig unbedarft.
    1. Wie schon richtiggestellt, stammen die Texte, bis auf den Schlussakt von den jungen SpielerInnen.
    2. Derrida? Wenn der Kritiker schon die grossen Names in den Mund nimmt, dann sollte er auch wissen, was sie bedeuten. Der ‚philosophische Text‘ ist vielmehr ein arg abgeändertes politisches Manifest. Von Derrida und Dekonstruktion ist da aber gar nichts drin. Das einzige dekonstruktive Element ist, dass vielleicht nicht zufällig der jüngste Spieler das Pamphlet vorträgt und auch, dass er das auf sehr wackeligen Beinen tut, tun muss. Und das beeindruckend tut.
    Nächstes Mal bitte genau hinschauen.

    Im übrigen sehr empfehlenswert – grosses Theater was die jungen Manschen da unter der Regie von Nübling spielen.

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  2. Nonkonformistisch?

    Eher doch alles ganz modisch angepasst.

    Ich suche und suche und suche und finde nichts unerwartetes.

    Ist ja eine Jugend-Club-Sozialarbeiter-Spiesserfrage, ob das Aufwachen im Club in der eigenen Pisse normal sein soll.

    Darüber hätten die Dadaisten nur gelacht.

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    1. Ach ja, die Dadaisten waren schon viel weiter als die Jugend heute…. Früher war ohnehin alles viel besser. Und unsere Generation, die nicht mehr ganz jugendliche, zu denen ich Sie wohl auch zählen darf, wir haben ja rasend viel bewegt, doch doch.

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  3. Die beeindruckende Aufführung ist sehr zu empfehlen. Die Texte stammen jedoch nicht von mir. Sie wurden von den SpielerInnen geschrieben oder sind aus Interviews mit ihnen transkribiert worden. Von mir stammt lediglich der Schlusstext „Bewegig“, der in die Aufführung eingebaut wurde.

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