«Balsam» für die Augen: Ein Onlinemagazin erzählt Basel neu

Wie erzählt man eine Stadt? Das Redaktionsteam hinter dem neu lancierten Onlinemagazin «Balsam» hat sich diese Aufgabe auf die Fahne gezeichnet.

Basels Stadtzeichner: Lena Scheiwiller, Conradin Wahl, Simon Kiener, Lea Gross, Rahel Messerli, Deborah Lätsch, Cora Meyer, Anna Weber und Annina Burkhard in ihrem vorübergehenden Projektraum im «Kosmos».

(Bild: Daniel Wernli)

Wie erzählt man eine Stadt? Das Redaktionsteam hinter dem neu lancierten Onlinemagazin «Balsam» hat sich diese Aufgabe auf die Fahne gezeichnet.

Im «Kosmos» an der Klybeckstrasse ging dieser Abende Sonderbares vor sich: Statt der üblichen Bibliophilen tummelten sich zeichnende Leute im Laden, sie kritzelten, schwangen, tippten und diskutierten.

Hinter dem reghaften Betrieb stecken vier Menschen, die Stadtgeschichte schreiben werden. Beziehungsweise zeichnen: Annina Burkhard, Cora Meyer, Anna Weber und Daniel Wernli haben ein Projekt gestartet, das Illustratoren in die Stadt und Stadtgeschichten an die Illustratoren bringt.

Was das bedeutet? Burkhard, Weber, Meyer und Wernli haben sechs Illustratoren an sechs verschiedene Orte in Basel geschickt, wo sie zwei Tage lang zeichnend die Atmosphäre festgehalten haben. Den Berner Illustrator Simon Kiener beispielsweise verschlug es in die Bäckerei Kult an der Riehentorstrasse:



Morgens um halb vier in der Backstube: Illustrator Simon Kiener zu Besuch in der Kult-Bäckerei.

Morgens um halb vier in der Backstube: Illustrator Simon Kiener zu Besuch in der Kult-Bäckerei. (Bild: Daniel Wernli)

Andere besuchten den Landhofgarten, Schreibmaschinen-Connaisseur Georg Sommeregger oder Boxtrainer Angelo Gallina

Daraus entstanden sechs Reportagen, die in einem zweiten Schritt gelayoutet und am Freitag schliesslich in der Flatterschafft mit einem Risograph gedruckt, gefaltet und geheftet wurden. 

Mehr Anerkennung den Illustratoren!

Ziel von «Balsam» ist einerseits, dass Illustratoren mehr Präsenz in Basel bekommen und gemeinsam etwas schaffen können. «Für viele Menschen bedeutet Illustration ein paar schöne Zeichnungen», meint Meyer. «Dass grosses erzählerisches Handwerk dahintersteckt, ist vielen überhaupt nicht bewusst. Dabei hat das Narrative einen extrem hohen Stellenwert in der Illustration.»

Wernli sieht das genauso. «Als ich zum ersten Mal Arbeiten der HSLU-Abgänger (die Hochschule Luzern ist momentan die einzige staatliche Hochschule der Schweiz, die in Illustration ausbildet), war ich total begeistert von den Geschichten, die zeichnerisch erzählt werden. Es ist mir ein völliges Rätsel wieso nicht mehr Leute darauf abfahren.»

Stadtrepos im Online-Format

Also beschloss Wernli gemeinsam mit Meyer, diesem Handwerk mehr Anerkennung zu verschaffen: Brainstorms wurden gehalten, Konzepte geschrieben, bald stiessen Anna Weber und Annina Burkhard dazu und das Projekt nahm langsam Form an: «Balsam» soll eine Plattform von und für Illustratoren sein, aber auch für potenzielle Kunden und Menschen, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so viel mit Illustration anfangen können.

Die Initianten wollen so viele Menschen wie möglich damit erreichen. Deshalb soll das Magazin nach dieser ersten kleinen Printversion auch vorwiegend Online stattfinden: Auf der «Balsam»-Website werden ab Montag regelmässig die entstandenen Stadtreportagen veröffentlicht. 

Präsenz ist das Eine, zum Anderen will «Balsam» aber auch, dass Basel anfängt, sich über Illustrationen wahrzunehmen. Bei Literatur und Kunst ist das längst der Fall – Illustration jedoch hat in der Geschichtsschreibung der Stadt bis jetzt ein stiefmütterliches Dasein gefristet. Dabei können gezeichnete Reportagen, sogenannte «Visual Essays», das Wesen einer Stadt genauso gut erfassen, davon sind die Initianten überzeugt.

Professionalität ist höchstes Credo

Vorausgesetzt, sie sind gut gemacht: «Wir wollen Inhalte mit Substanz bieten, nicht nur schöne Bildli», meint Meyer. Dazu holen sie sich die entsprechenden Zeichner an Bord – Abgänger der HSLU, professionelle, junge Illustratoren, die Lust am Erzählen haben.

Die Rahmenbedingungen sind simpel: «Balsam» wählt Orte, Ereignisse oder Personen aus und schickt die Illustratoren hin, die sich dann ein paar Tage lang ein Bild davon machen. Jeden Abend trifft man sich zum Austausch. Jetzt noch im «Kosmos», in Zukunft dann in einem kleinen Atelier an der Vogesenstrasse.

Den Prozess, den sie damit in Gang setzten, nennen die Vier «Illustrationalisierung». Der Name ist Programm: Basel soll zur Vernunft kommen in Sachen Illustration – und sehen, dass es auch noch andere Arten gibt, jene Geschichten zu erzählen, die in der Stadt herumschwirren. «Geschichten gibts in Basel überall, man muss sie nur festhalten», sagt Meyer.



Raus in die Stadt, rein in die Geschichten: Rahel Messerli und Anna Weber im Gespräch mit den Landhofinitiantinnen.

Raus in die Stadt, rein in die Geschichten: Rahel Messerli und Anna Weber im Gespräch mit den Landhofinitiantinnen. (Bild: Daniel Wernli)

Unterstützt wird das Projekt von der Kulturpauschale und vom Kulturkick. Nach Geldern ist man aber nach wie vor auf der Suche, irgendwann will man die Illustratoren schliesslich bezahlen können. Für «Balsam» ein wichtiger Aspekt: «Oftmals meinen Menschen, sie würden uns mit Gratis-Aufträgen einen Gefallen tun, ‹weil wirs ja gerne machen›», meint Weber. «Klar illustrieren wir gerne, aber das bedeutet nicht, dass wir kein Geld dafür verlangen sollten.»

Das Handwerk der Illustratoren kommt mit «Balsam» nun also endlich auch in Basel auf einen grünen Zweig – mit einem wohltuenden Namen und einem entsprechenden Logo: Ein Zeigefinger mit Stift als Fingerspitze. Passt perfekt.

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«Balsam»Vernissage der «1. Illustrationalisierung»: Freitag, 20 Uhr, Kosmos, Klybeckstrasse 69, 4057 Basel.

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