Bartholomew Kettle bekommt eine zweite Chance

Mit seinem Erstling «Die Seltsamen» gelang Stefan Bachmann vor zwei Jahren ein Überraschungserfolg. Damals war er gerade 18 Jahre alt. Jetzt legt er die Fortsetzung des Buches vor: «Die Wedernoch».

Ein Jugendbuch, nicht nur für Jugendliche. Sondern für alle Fantasyfreaks. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Mit seinem Erstling «Die Seltsamen» gelang Stefan Bachmann vor zwei Jahren ein Überraschungserfolg. Damals war er gerade 18 Jahre alt. Jetzt legt er die Fortsetzung des Buches vor: «Die Wedernoch».

Mit knapp 18 Jahren die US-Bestsellerlisten hochklettern – das gelingt nicht jedem Autor. Stefan Bachmann hat es auf Anhieb geschafft: Sein Erstling «Die Seltsamen» fand im Jahr 2012 sehr schnell ein Publikum.

Die Kritiker überschlugen sich fast in ihren Lobeshymnen. Und aus der Distanz regte sich das Gefühl, dass hier doch sicher wieder der Jugendbonus den Ausschlag gab.

Gut möglich, dass dieser auch mitspielte. Von einem «Wunderkind» war die Rede, was sich auch auf den Fakt bezog, dass Bachmann, der in den USA geboren wurde, seit seinem elften Lebensjahr das Konservatorium in Zürich besucht. Filmkomponist möchte er werden. Sein erstes Drehbuch hat er mit «Die Seltsamen» gleich selber abgeliefert – und zumindest zum Buchtrailer schon mal die Musik komponiert.

Schon 2012 meldete Hollywood Interesse an den «Seltsamen» an. Was nicht überrascht, denn der junge Autor erschuf darin eine Welt, die förmlich nach einer filmischen Umsetzung schreit.

Der Roman spielt im England des frühen 19. Jahrhunderts, aber nicht in dem England, wie wir es aus den Büchern von Jane Austen kennen. Denn Bachmanns England wurde einst von Feen überfallen, die zwar von den Menschen besiegt wurden, nun aber als Geknechtete weiter im Land leben. 

In beiden Welten – und doch in keiner

Ihrer magischen Fähigkeiten beraubt, können sie nicht in ihr Reich zurückkehren, das in einer Parallelwelt liegt. Sie sind Aussenseiter, zumeist verarmt, wenig mehr als Sklaven, obwohl ihre Vertreter inzwischen auch im Parlament einsitzen. Und doch haben sich über die Jahrhunderte hinweg Menschen in Feen verliebt und umgekehrt, beispielsweise Mutter und Vater Kettle, die zwei Kinder haben: Bartholomew und Hettie.

Solche Mischlingskinder nennen die Feen «Seltsame» und die Engländer ebenso. Sie gehören beiden Welten an und doch keiner. Und sie können wertvoll sein: Denn sind Mensch- und Feenanteil in einem «Seltsamen» gleich hoch, so kann ein solches Geschöpf als «Portal» zwischen den Welten dienen – zum Preis seines Lebens allerdings.

Hettie ist so ein Kind und wird deshalb gejagt und gefangen. Und Bartholomew Kettle macht es sich zur Aufgabe, seine Schwester zu retten.

Eine lange Suche und ein Krieg

Es gelingt ihm nicht. Zumindest nicht in «Die Seltsamen». Deshalb kriegt der Junge nun eine zweite Chance: Soeben ist im Diogenes Verlag die Fortsetzung auf Deutsch erschienen, mit dem Titel «Die Wedernoch».

Weder Fee noch Mensch und somit nicht wirklich zugehörig, das ist Hettie auch im Feenreich, wohin es sie am Ende des ersten Bandes verschlagen hatte. Sie hat nur ein Ziel: Sie will zurück nach Bath, wo sie herkommt.

Auf der anderen Seite, in England, sucht Batholomew immer noch verzweifelt nach seiner Schwester. Dort sind Jahre vergangen, während es bei Hettie nur Tage sind.

Beide machen sich auf eine Reise an die unterschiedlichsten Orte, Hettie mit dem Feenbutler aus dem ersten Band an der Seite, Bartholomew mit einem neuen Gefährten, dem Jungen Pikey, dem eine Fee ein Auge gestohlen hat. Währenddessen bereitet im Feenland der «schlaue König» einen neuen Krieg gegen England vor.

Düsterheit überall

Bachmann führt in «Die Wedernoch» seinen Stil und seinen Plot aus «Die Seltsamen» konsequent weiter. Es sind Jugendbücher, einfach in der Sprache, aber nicht zu einfach.

Doch es ist vor allem der Reichtum an Phantasie, der den Reiz der Bücher ausmacht. Wer Fantasy nicht mag, wird damit nichts anfangen können. Doch wer sich gerne in fremde Welten begibt, der wird sich hier wohlfühlen. Auch wenn die Welten, die Bachmann zeichnet, düster wirken.

Man denkt an das industrielle Grossbritannien, an dreckige Strassen, qualmende Kamine, graue Steinhäuser. Keine Farbe, keine Freude.

Unheimliche Wesen

Auch die Feen sind keine ätherischen Wesen mit zarten Flügeln, sondern haben die unterschiedlichsten Formen. Grosse, schwarze Augen. Zweige statt Haare auf dem Kopf. Viele kleine spitze Zähne.

Es gibt Egelfeen, die sich wie Parasiten an den Kopf von Tier oder Mensch heften und diese aussaugen. Und manche können sich in die unterschiedlichsten Dinge verwandeln. Kein Wunder, haben die Menschen Angst vor ihnen. Sie sind unheimlich.

Grenzenlose Fantasie

Bachmann gelingt es mit seinen Formulierungen, diese Figuren und Dinge lebendig werden zu lassen. Seiner Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt. Im Jahr 1997, als Joanne K. Rowling ihren ersten «Harry Potter»-Band veröffentlichte, lobte jeder ihren Einfallsreichtum. Bachmann steht diesem in nichts nach.

Statt sieben Bände hat er um Batholomew und Hettie aber nur zwei geschrieben – und den Plot damit zum Abschluss gebracht. Zum Glück. Das lässt ihm die Freiheit, nun anderes zu tun. Ganz andere Bücher schreiben, für Erwachsene zum Beispiel. Und sich damit auch einem anderen Publikum beweisen. Oder aber Worte mit Noten zu tauschen und das tun, zu was er sich eigentlich berufen fühlt: Filmmusik komponieren.

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Stefan Bachmann: «Die Wedernoch», Diogenes Verlag 2014. 416 Seiten. ISBN 978-3-257-06906-8.

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